Pro-Tour-Pläne sorgen für Zündstoff unter Organisatoren
"Dann gibt es unsere Rundfahrt nicht mehr"
01.12.03 (rsn) -
Die Pläne des internationalen Radsportverbands UCI,
ab 2005 den Profi-Radsport wieder radikal umzukrempeln und mit
der Einführung einer "Pro Tour" letztendlich zur Unterscheidung zwischen
Profis und Amateuren zurückzukehren, sorgen
derzeit für
Zündstoff. Der Rennkalender wird schon in der übernächsten Saison
vollkommen anders aussehen als bisher und in Deutschland droht
vielen Profi-Rennen das Aus.
2005 wird der internationale
Profi-Radsport wieder einmal
ein völlig neues Gesicht bekommen.
Viele Details sind noch offen
und über sie wird hinter verschlossenen
Türen zwischen den Betroffenen in diversen
Gremien gefeilscht. Im großen Ganzen
steht das Reformprojekt, das den vorläufigen Namen
"UCI Pro Tour" trägt, fest.
Die Eckpunkte:
- Es gibt 20 Top-Mannschaften (bisher GS-I) mit jeweils 25 Fahrern
- Diese Top-Teams fahren eine jährliche
Top-Rennserie (vorläufiger Name "UCI Pro Tour") mit 30 Rennen (Rundfahrten und
Eintagesrennen) mit zusammen etwa 180 Renntagen
Zu den 30 Rennen werden die großen Rundfahrten (Tour de France,
Giro, Vuelta) und die Klassiker (Weltcup, Ehrenkategorie)
zählen. Die Rennveranstalter sollen 10 Jahre lang gültige Lizenzen
kaufen.
- Die Top-Teams bekommen Lizenzen für vier Jahre,
dh. der Sponsor hat die Sicherheit, in diesem Zeitraum
an den wichtigsten Rennen einschließlich Tour de France teilzunehmen.
- Die Pro-Tour bekommt eine Gesamtwertung für Fahrer
und Teams. Am Jahresbeginn fangen alle
bei Null an, (Der bisherige Weltcup, der 1989 eingeführt wurde, fällt
wieder weg.)
- Unterhalb der Topserie gibt es einen europäischen Rennkalender,
wobei die einzelnen Rennen ähnlich wie bisher
kategorisiert werden. Top-Teams dürfen
an diesen Rennen teilnehmen.
- Die Weltrangliste entfällt ganz.
Mit der faktischen Rückkehr zur Unterscheidung
zwischen Profis und Amateuren
reagiert man bei der UCI auf die zunehmende Verwässerung des Top-Radsports.
Zuletzt verteilte sich
eine gleichbleibende Zahl an Klasse-Rennfahrern
auf immer mehr Rennen, nur
noch Tour de France und die fünf
Klassiker -Monumente garantierten
wirklich erstklassigen Sport.
Künftig soll es wieder eine begrenzte Zahl
von Rennen geben, die dann aber erstklassig besetzt
sind. Spitzenstars will man
- wie, das weiß man noch nicht so genau -
dazu bringen, nach Möglichkeit viele
der 30 Toprennen zu fahren.
"Wir kehren wieder zurück zu den Wurzeln des Profi-Radsports",
sagt der Luxemburger Ed Buchette,
der die Szene seit Jahrzehnten genau kennt.
Buchette ist u.a. Organisator der Luxemburg-Rundfahrt. Für diese seit 1937
ausgetragene Traditions-Rundfahrt
(bisher Kategorie 2.1) wird es mit
hoher Wahrscheinlichkeit keinen Platz
geben in der Top-Serie. Eine geplante Benelux-Rundfahrt,
von UCI-Präsident
Verbruggen ins Spiel gebracht,
könnte Luxemburg künftig
wenigstens einen Tag in der "Pro Tour"
erhalten. "Mit vier Renntagen hat die Luxemburg-Rundfahrt
aber sicherlich keine Chance, zu den
30 Rennen zu gehören, zumal wir
auch ein kleines Land sind", sagt Buchette.
Dennoch ist der Luxemburger,
der schon andere Serien
wie "Superprestige" und "Pernod Prestige" in den Achtzigern
kommen und gehen sah, gelassen.
"Die Tour de Luxembourg wird es auch in Zukunft
geben, dann eben als Ehrenkategorie-Rennen
im europäischen Rennkalender."
"Die Reform kommt, das ist beschlossene Sache.
Jetzt geht es für alle darum, auf
dem Schiff einen Platz zu finden und
möglichst noch einen guten",
sagt Buchette.
Auf dem Oberdeck des Schiffs wird es jedoch eng.
Deutschland wird von den
180 Renntagen der Pro-Serie
wohl nicht mehr als 10 Tage
bekommen und kann sich dabei nicht
beklagen, denn die Radsport-Nation
Belgien wird nur mit
den vier großen Klassikern
vertreten sein.
Um die zehn deutschen Renntage
wird es einen heftigen
Kampf geben. Deutschland-Rundfahrt
wird dabei sein,
fraglich wird nur sein,
mit wievielen Etappen. Der Henninger Turm
als der deutsche Klassiker
hat auch keine Sorgen.
Hamburg hat als bisheriges Weltcup-Rennen
gute Chancen, Rund
um Köln rechnet sich ebenso welche
aus. Das war's.
Die anderen deutschen Rennen
müssen sich im zweitklassigen europäischen
Rennkalender einrichten - sofern
sie die Reform überleben.
"Reform ist eine Gefahr für
kleinere Rennen"
In Rheinland-Pfalz
sieht man das Reformprojekt
weitaus weniger gelassen
als im benachbarten Groß-Herzogtum.
"Ich habe Riesenbedenken. Die
Reform ist eine Gefahr für
alle kleineren Rennen, die nicht
in die Pro Tour kommen",
sagt Jörg Billmeier,
Chef der internationalen Rheinland-Pfalz-Rundfahrt,
die erst Mitte der Neunziger
nach der Abschaffung der Unterscheidung
von Profis und Amateuren ums
Überleben kämpfen und
sich als einstige Top-Amateur-Rundfahrt
einen neuen Platz suchen musste.
"Wenn bei uns keine Weltranglistenpunkte
vergeben werden, kommen
die Stars auch nicht mehr. Und
wenn wir den Sponsoren sagen müssen,
ein Ullrich oder ein Zabel wird
definitiv nicht bei uns fahren, dann verlieren
wir auch die Sponsoren. Dann können
wir den Laden zumachen."
Billmeier war am vergangenen
Freitag bei der Sitzung
des Rennveranstalterverbands AIOCC
in Aigle (Schweiz) dabei, als
die UCI den Stand ihrer Pläne den Organisatoren
vorstellte. Überzeugt
hat ihn diese nicht. "Die Antworten von (UCI-Präsident
Hein) Verbruggen auf unsere Bedenken waren
waren ausweichend in Politikersprache.
Es gibt (in der AIOCC) heiftige Diskussionen.
Alle sind sehr skeptisch - außer den großen Rennen, die sind
natürlich dafür."
Billmeier will mit
anderen Kollegen Widerstand gegen
die UCI-Pläne organisieren (s.Story).
"Ich halte das gesamte Projekt
für hochgefährlich. Denn wenn es nicht klappt, kann
man nicht in ein paar Jahren einfach wieder zurück. Es wird
dann viele Rennen nicht mehr geben."
Kersten Volk
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