27.06.98 - Der Belgier Wilfried Nelissen (Palmans) hat
seine Sportkarriere beendet. Dies teilte sein belgisches Team am Samstag
mit.
Nelissen erlitt vor gut zwei Jahren bei Gent-Wevelgem im April 1996
einen fürchterlichen Unfall. Der Belgier prallte nach 7km
gegen einen Betonpfeiler und zog sich einen offenen, doppelten
Beinbruch und komplizierte Knieverletzungen zu. Unter den Folgen dieser
schweren Verletzungen leidet Nelissen noch heute und kam zu der
Überzeugung, auf Profi-Niveau nicht mehr konkurrenzfähig werden
zu können.
Die Karriere von Nelissen ist eine der tragischsten in der Radsportgeschichte.
1991 begann "Willie" seine Profikarriere beim Weinmann-Team. Schon bald
entwickelte sich der bullige Sprinter zu einem der erfolgreichsten belgischen
Rennfahrer. 1993 und 1994 gewann er den flandrischen Halbklassiker
Het Volk, 1994 und 1995 wurde er belgischer Meister. 1993
gewann er eine Tour de France-Etappe und trug drei Tage lang das Gelbe Trikot.
Am Tag nach seinem Sieg bei Het Volk im Februar 1994 stürzte Nelissen
schwer bei Kuurne-Brüssel-Kuurne, brach sich das Schlüsselbein.
Gerade wiedergenesen wurde er wenige Monate später belgischer Meister.
Auch für die Tour de France 1994 hatte sich der Belgier wieder viel
vorgenommen. Aber der schlimme Unfall von Armentiere, als ein fotografierender
Polizist das halbe Feld der heranjagenden Sprinter abräumte, durchkreuzte
die Pläne von Nelissen. Zwar ging der Unfall für Nelissen
weitaus glimpflicher aus als für Laurent Jalabert, der damals ganz
übel zugerichtet wurde, aber er mußte die Tour vorzeitig beenden
und fiel für mehrere Monate aus.
Gut ein Jahr später passierte dann der schlimme Unfall
bei Gent - Wevelgem und diesmal erwischte es Nelissen ganz schlimm.
Zwei Liter Blut verlor er, erlitt komplizierte Brüche des Oberschenkels
und des Schienbeins. Für seine Ehefrau Anja war damals schon
das Maß voll. Tränenüberströmt kam sie aus
dem Krankenhaus in Gent, wo Wilfried Nelissen noch lange zubringen mußte.
"Was mich angeht", so Anja Nelissen damals, "sollte er nie wieder
auf ein Rennrad steigen. Ich gebe ja zu, daß Stürze
in diesem Sport in gewissem Umfang normal sind, aber warum
ist er so oft unter den Opfern? Und warum ist es jedes Mal schlimmer?"
Nelissen aber wollte nicht aufgeben. Letztes Jahr wechselte
er in die kleine Mannschaft Palmans, um mit Ruhe, an seinem Comeback zu
arbeiten. Aber immer wieder waren Operationen nötig,
die Rückkehr in den Profizirkus mußte er
immer wieder verschieben. Jetzt zog der heute 28jährige einen
endgültigen Schlußstrich. Den Fans bleiben nur die
Erinnerungen an die begeisternden, kraftvollen Sprints des
bulligen "Willie".