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Zabelissima! Erik Zabel wiederholt seinen Milan-San Remo-Triumph

21.03.98 - Mit unglaublicher Überlegenheit wiederholte Erik Zabel am Samstag seinen Vorjahrestriumph bei Milan-San Remo, dem wichtigsten Frühjahrsklassiker. Ein überragendes Telekom-Team fuhr Zabel bis zur Cipressa, dann übernahm der Meister selbst und fuhr am Ende die Sprintkonkurrenz in Grund und Boden.

Die 89. "Primavera" verlief genauso wie von Zabel und seiner Mannschaft geplant. Eine taktische Leistung wie aus dem Lehrbuch. Das Telekomteam (mit Hundertmarck, Lombardi, Baldinger, Frattini, Heppner, Schaffrath), das von vielen wegen des Fehlens von Riis und Ullrich schon abgeschrieben worden war, beherrschte das Feld der 200 Rennfahrer bis zur Cipressa, 25km vor dem Ziel.

"Wir haben Tempo gemacht ab dem Col du Turchino. Das war wie beim Sprint", meinte Kai Hundertmarck im Ziel. "Wir sind mit 60 Sachen unten an der Cipressa angekommen. Da hatte ich unten schon einen 200er Puls, da war klar, daß ich rausgehen musste. Ab der Cipressa war Erik allein."

Auf dem Anstieg zur Cipressa fing das Rennen quasi wieder von vorn an. Pech hatte unter anderem der als einer der Favoriten gehandelte Paris-Nizza-Sieger Frank Vandenbroucke, der bei einem Sturz auf der Abfahrt von der Cipressa alle Siegchancen einbüßte.

Erik Zabel: "Ich war der Favorit, aber das Rennen war schwerer als letztes Jahr. An der Cipressa hatte ich keine Probleme, ich hatte gute Beine. Ich muß meinem Team ein Riesenkompliment machen. Ich glaube, die waren auch ein bißchen an der Berufsehre gepackt. Es hieß: was ist Telekom wert ohne Riis und Ullrich. die Mannschaft hat heute gezeigt, daß sie genauso gute Rennfahrer sind und würdig sind, bei Telekom zu fahren."

Jan Schaffrath: "Wahnsinn, super! Der Erfolg aus dem Vorjahr wiederholt- einfach super! Bis zur Cipressa haben wir alle mit voller Kraft für Erik gearbeitet, ab da muss es Erik dann allein machen."

Emmanuel Magnien (Zweiter): "Zabel zu schlagen, das ist fast unmöglich. Er ist der beste Sprinter in der Welt."

Frederic Moncassin (Dritter): "Ich bin nicht wirklich enttäuscht, denn Zabel ist sehr stark. Aber als Sprinter hofft man natürlich immer."

Zahlreiche Attacken folgten. Richard Virenque attackierte bei KM 278, als die Spitzengruppe von der Nebenstraße der Cipressa wieder das Meer erreichte. Rossano Brasi (Polti) der zunächst mitging, bekam per Funk von seinem sportlichen Leiter die Weisung, nicht mitzuarbeiten, da Polti mit Rebellin, Merckx, Guidi und Celstino noch andere Trümpfe in der Hand zu haben glaubte. Virenque, der für Brasis "Hinterradlutschen" wenig Verständnis hatte, gestikulierte wild vor den Fernsehkameras, was die Regisseure der RAI zu schätzen wußten und die Szene gleich mehrmals in Zeitlupe wiederholten. Richard Virenque über die Situation: "Ich habe nicht lange an den Erfolg unserer Attacke geglaubt, Brasi hat schnell aufgehört zu arbeiten. Wenn er mitgearbeitet hätte, hätte der "Coup" bis zum Ende gehen können. Unverständlich ist für mich, was Brasi gemacht hat. Brasi selbst hat die Attacke ja lanciert, ich bin hinterhergefahren und habe dann gleich mitgearbeitet. Sowas macht mich wütend, insbesondere bei einem so wichtigen Rennen."

Dann kam die Stunde der Wahrheit: der Poggio, der kleine Hügel von San Remo, wo schon so oft Renngeschichte geschrieben wurde. Dieses Jahr war es Alberto Elli (Casino), der am Poggio sein Glück versuchte. Oben am Poggio lag Elli etwa 30 Meter vor dem Feld, das hinterherjagte mit unglaublicher Gechwindigkeit. "Ich hatte Mühe am Poggio dranzubleiben", meinte Zabel später. "Es war kaum möglich, noch schneller zu fahren. Aber momentan gibt es eben keinen, der wie Furlan oder Fondriest früher attackieren kann."

Am Ende der Abfahrt vom Poggio, in den Straßen von San Remo wurde Elli vom Feld wieder gestellt. Zwei Kilometer vor dem Ziel war ein geschlossenes Feld an der Spitze: Milan-San Remo 1998 musste im Sprint entschieden werden.

Zabel, in der Schlußphase ganz ohne Helfer, zog seinen Sprint unglaublich früh an, 200, 300 Meter vor dem Ziel ging er nach vorn und zog den Sprint von der Spitze an durch. Die zweit- und drittplazierten Emanuel Magnien (FDJ) und Fred Moncassin (Gan) hatten nicht den Hauch einer Chance. Beide erkannten später Zabels Überlegenheit voll an.

Top:

Mannschaftsgeist: Kai Hundertmarck umarmte Erik Zabel auf dem Podium so heftig, daß der beinahe umfiel.

Interviews in der ARD: So nahe waren die deutschen Radsportfans noch nie an den Akteuren. ARD-Reporter Jürgen Emig interviewte Zabel, Hundertmarck, Schaffrath und Rudy Pevenage Minuten nach der Entscheidung.

Flop:

Schon wieder EPO-Verdacht: Angel Edo (Kelme) durfte nicht starten, Hämatokritwert über 50.

Schwerer Unfall: Eine 66 Jahre alte Zuschauerin wurde im Zentrum von Imperia von einem Auto angefahren und dabei schwer verletzt.

Erik Zabel
geb. 7. Juli 1970 in Berlin
Wohnort: Unna (Westf.)
1,76 m, 69 kg
Verheiratet, 1 Kind

Profi seit 1993
Teams: Telekom (seit 1993)

Weltrangliste: 17.

Größte Erfolge:
Milan-San Remo 1997
Milan-San Remo 1998
Paris-Tours 1994
Berner Rundfahrt 1993
Rund um Köln 1996
Trofeo Luis-Puig 1997
GP de l'Escaut 1997
Rund um Berlin 1997
Etappensiege bei Tirreno-Adriatico (6) Tour de Suisse (3), Quatre Jours de Dunkerque (3), Semana Catalana (3), Tour de l'Avenir (4)
Tour de France: Sieben Etappensiege: 1995 (Charleroi, Bordeaux), 1996 (Nogent/Oise, Gap), 1997 (Plumelec, Bordeaux, Pau)
Sprintwertung 1996 und 1997.
"Dies ist das ideale Rennen für mich", freute sich Zabel im Ziel. In den letzten Jahren entwickelte sich der Berliner immer mehr vom reinen Sprinter zu einem kompletten Fahrer. Und sogar an den Gesamtweltcup denkt Zabel inzwischen, wenn auch vorsichtig: "Es wäre schon eine Aufgabe für die Zukunft, aber jedes Rennen muss erst mal gefahren werden."

Milan -San Remo scheint wieder die alte Tradition aufzunehmen und wieder der Klassiker der Sprinter zu werden. Dennoch: reine Sprinter haben keine Chance, wie das Abschneiden von Tom Steels und Mario Cipollini zeigt. "Super-Mario" wurde am Poggio abgehängt, kam am Ende mit 5:30 Minuten Rückstand auf Rang 81.

Groß feiern kann Erik Zabel seinen Triumph von San Remo nicht. Zabel: "Im Hotel gibts heute abend wohl noch ein Glas Sekt für die Mannschaft, morgen gehts dann schon weiter nach Barcelona." Am Montag beginnt dann die Semana Catalana in Lloret de Mar, wo Zabel an der Seite von Jan Ullrich startet.

Ergebnisse: Milan San Remo 1998

19.03.98 Mailand-San Remo - "Das Rennen ist eine Lotterie"





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