Tour de France
Tour-Tagebuch von Jörg Ludewig
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Jörg Ludewig fährt seit vier Jahren beim italienischen
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Saeco-Rennstall, bei dem sich der Westfale inzwischen voll integriert
hat. Nach einer starken ersten Saisonhälfte 2003
war die Nominierung für die Tour de France-Mannschaft
um Kapitän Gilberto Simoni die verdiente Belohnung.
"Damit erfüllt sich für mich ein Lebenstraum",
sagt der 27-Jährige.
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Letzte Etappe
"Geschafft!"
Paris, 26.07.03. Geschafft! Ich habe meine erste Tour de France absolviert und bin gesund angekommen. Die Finaletappe in Paris
war "Gänsehaut-Feeling" pur.
Die Champs Élysées gesäumt von jubelnden Menschen, und du rast mit über 60 km/h dem Ziel entgegen. Die Tempoverschärfung in Paris war der absolute Wahnsinn, noch mal richtig hartes Radrennen. Nach über 3000 Kilometern tut das weh. Aber du weißt auch: Gleich hat du es geschafft. Die Ehrenrunde war das emotionalste Erlebnis, das ich bisher hatte. Und am Ziel warteten meine Eltern, meine Freundin und etliche Freunde, die extra für mich nach Paris gekommen waren. Wahnsinn!
Die Tour ist die Tour: Ich weiß jetzt, dass jeder, der dieses Rennen bewältigt hat, solche Begeisterung und Ehrung verdient.
Die Bummelfahrt zum Auftakt der Schlussetappe erlebst du ganz angenehm. Da kannst du locker im Feld mit vielen Kollegen plaudern. Eine Bilanz dieser Tour de France zu ziehen, ist unheimlich schwer. So extrem dicht und vielfältig waren die Erlebnisse dieser drei Wochen. Mit meinem Abschneiden bin ich sehr zufrieden: Heute wieder im Hauptfeld angekommen, 38. im Gesamtklassement, vierbester Deutscher im Feld und bester Saeco-Fahrer.
Meine Nominierung konnte ich voll rechtfertigen. Ich habe meine Aufgabe mehr als gut erfüllt, die Chance dieser Jahrhundert-Tour genutzt und richtig auf mich aufmerksam gemacht. Als klassischer Edelhelfer kann ich einen Teamchef sicher optimal unterstützen, ich bin stark im Mannschaftszeitfahren und kann in den Bergen auf langen Anstiegen auch an den Weltspitze dranbleiben. Ich bin sicher, dass ich mir sportliche Anerkennung verschafft und viele Sympathien erworben habe. Das sollte sich hoffentlich in Zukunft auszahlen. Interessante Teams sind auf mich aufmerksam geworden. Ich habe jetzt drei, vier Alternativen und werde diese jetzt erst einmal ausloten.
Das hat mich am meisten überrascht: Die Leistungsfähigkeit und auch die Leidenfähigkeit meines Körpers. Man muss bedenken, dass ich schon sechs Rundfahrten in den Beinen hatte, mit denen ich mich erst zur Tour gefahren habe. Die Umstellungen in meinem Training, ein optimales Gewicht und auch die gute medizinische Versorgung im Team und zu Hause haben sich bewährt. Etwas ausgeruhter und mit einer auf die Tour abgestimmten Vorbereitung geht es vielleicht sogar noch besser... Dann kann ich möglicherweise auch mal mit der richtigen Ausreißergruppe mitgehen, ein Ziel, das mir in diesem Jahr leider noch nicht erreicht habe.
Die schönsten Momente bei dieser Tour haben mir die Begeisterung und der Zuspruch der Menschen gegeben. Da stehen Millionen an der Strecke, schreien dich den Berg hoch, egal ob du vorne bist oder hinten. Die Zuschauer haben so viel Passion in den Gesichtern, solche Begeisterung habe ich noch nie erlebt. Und auch die positiven Reaktionen der Medien und Fans auf meine Person mit meiner offenen Art haben mir viel gebracht.
Bevor ich mein Tour-Tagebuch 2003 schließe, muss ich noch Danke sagen:
Ohne meine Eltern, die mich immer unterstützt haben, und ohne die vielen sportlichen Förderer, die die Stationen meiner Entwicklung begleitet haben, hätte ich diese Tour niemals fahren können. Auch mein sportliches Umfeld sowie meine Sponsoren und die Medien haben einen großen Anteil, dass der Traum "Tour de France" wahr wurde. Ich danke auch meiner Freundin und meinen Freunden, die meine Radsportleidenschaft teilen. Ebenso danke ich den Freunden der Medienfabrik Gütersloh, ohne die dieses Tour-Tagebuch nie geschrieben worden wäre. Und natürlich danke ich last but not least - Euch: Den Radsportbegeisterten und meinen Fans. Es hat Spaß gemacht, Euch am Erlebnis Tour de France 2003 teilhaben zu lassen.
Es war toll und es war hart, und eines ist klar: Zur Tour de France 2004 will ich wieder an den Start. Denn die Tour ist das stärkste, was du als Radsportler erleben kannst.
Euer
Jörg Ludewig
19.Etappe
"Ein Feuerwerk in Paris"
Nantes, 26.07.03. Ohne Sturz im Ziel angekommen! Das war bei dem heutigen Zeitfahren fast schon das wichtigste. Es war wirklich extrem nass und damit auf der Strecke brutal glatt. Wie schnell man stürzt und sich eine ernsthafte Verletzung einhandelt, sieht man bei Uwe Peschel. Zwei Rippen gebrochen beim Sturz, ich wünsche ihm gute Besserung.
Ich habe es heute bewusst moderat laufen lassen und bin glücklich, gut durchgekommen zu sein. 3:48 Minuten Rückstand sind in Ordnung. Bei den Bedingungen heute hat das Rennen wirklich keinen Spaß gemacht. Doch das gehört zu einer solchen Radrundfahrt dazu: Du sitzt bei 43 Grad Gluthitze im Sattel und wünscht dir eine nasse Abkühlung und dann muss du bei Dauerregen an den Start und sehnst dir Sonne herbei.
Zum Finale dieser Jahrhundert-Tour morgen wäre tolles Wetter natürlich wünschenswert. Das würde die Stimmung sicher noch mal pushen. Zweieinhalb Millionen Zuschauer werden in Paris erwartet. Und ich habe es tatsächlich geschafft! Ich hoffe, dass das Feld morgen bis Paris ein bisschen easy rollt, um dann auf der Champs Élysée ein Feuerwerk abzubrennen. Das wird für mich wie eine WM. Ich hoffe, wir Saecos können uns noch einmal gut präsentieren.
Mir tut es Leid für Jan Ullrich. Er ist heute volles Risiko gefahren und hätte sicher diese Etappe gewonnen, aber dann rutscht das Vorderrad weg. Zum Glück ist ihm nichts passiert. Den Tour-Sieg hätte er heute ohnehin nicht rausfahren können. Lance Armstrong ist einfach der stärkste Fahrer im Feld. Aber "Ulle" hat nach dem Jahr Pause eine Leistung gezeigt, die höchste Anerkennung verdient und ihm richtig viel Sympathie eingebracht hat. Ich glaube, wir können uns 2004 auf einen noch engeren Kampf zwischen diesen beiden freuen. Natürlich will auch ich dann wieder als Fahrer im Feld der Tour de France 2004 so hautnah dabei sein.
Euer
Jörg Ludewig
18.Etappe
"Zu früh mitgesprungen"
Saint-Maixent-l'Ecole, 25.07.03. So wie Ihr Radsportfans zu Hause und die Zuschauer an der Strecke bin auch ich auf den
Showdown beim Zeitfahren am Samstag gespannt. Lance Armstrong und Jan Ullrich nur 1:05 Minuten auseinander - das wird ein echter Krimi.
Es ist schon ein tolles Gefühl, als Sportler ganz nah und live bei einem weltweit so einmaligen Sportereignis wie dieser Jubiläums-Tour dabei zu sein.
Ich empfinde es als echtes Privileg - auch wenn ich das mit mehr als 3000 Kilometern Radrennen erkaufen musste. Ich werde mir das
Finale von Jan und Lance aber nicht an der Strecke ansehen, sondern die Bilder im Fernsehen anschauen. Da erlebt man die Dramatik sicher wesentlich
intensiver, als wenn man an der Strecke steht.
Ich selbst werde beim Zeitfahren schon ordentlich durchziehen. Aber ich will noch ein paar Körner aufsparen für Sonntag. Gerade weil die Entscheidung
um das grüne Trikot noch offen ist, wird die Schlussetappe mit dem Rundkurs auf der Champs-Elysées die Stunde der Sprinter. Das ist für meinen
Freund Gerrit Glomser aus unserem Team eine gute Chance. Er selbst fühlt sich gut, und ich möchte Sonntag möglichst alles tun, ihn in eine
aussichtsreiche Position zu ziehen.
Wie die Donnerstag-Etappe war auch der heutige Tag mit dem flachen Streckenprofil und bei angenehmem Wetter im Vergleich zu den Bergetappen regelrecht
erholsam, selbst wenn ein Schnitt von über 48 km/h alles andere als Bummeltempo ist. Ich bin leider zu früh in die Ausreißergruppe gesprungen.
Das Feld hat uns wieder kassiert. Die zweite Gruppe hat's dann geschafft. Gut, dass Paolo Fornaciari dabei war und unsere Farben
damit medien- und publikumswirksam vertreten hat.
Ich habe mich nach den beiden leichteren Tagen körperlich erholt. Zwar zwickt das Knie, die Daumen platzen von den Schalthebeln auf, die
Schultern sind total verspannt und das Sitzen auf dem Rennsattel ist auch nicht mehr so locker... Aber wenn kein Sturz dazuwischen kommt, werde
ich mein persönliches Ziel erreichen und in Paris ankommen. Und diese Aussicht lässt auch die vielen kleinen Wehwehchen, die nach einer
solchen Rundfahrt wohl normal sind, überstehen.
Drückt mir die Daumen für die letzten beiden Tage!
Euer
Jörg Ludewig
17.Etappe
"Wir alle freuen uns auf Paris"
Bordeaux, 24.07.03. Gestern hatte ich noch Angst, es nicht bis Paris zu schaffen. Doch heute sieht die Welt wieder viel freundlicher aus.
Mich tröstet, dass ich nicht der einzige bin, dem es so geht. Wir alle freuen uns auf Paris und müssen noch drei Tage durchhalten. Gut geschlafen,
gut gegessen und schon bist du ein (fast) neuer Mensch - so weit das mit 3000 Tour-Kilometern in den Beinen möglich ist. Die heutige
Etappe lief gut. Auch nach zwei Wochen Tour wird hier noch richtig Radrennen bis zum Anschlag gefahren: Die ersten 40 Kilometer mit einem
52er Schnitt. Immerhin ist die große Nervosität aus dem Feld raus. Da wird nicht mehr um jede Position gerangelt und das Risiko gesucht.
Trotzdem bleibts gefährlich. Hier am Atlantik sind jetzt natürlich viele Urlauber, die sich das Tour-Spektakel anschauen.
Es sind mehr Zuschauer denn je an der Strecke. Was heißt an der Strecke ? Auf der Strecke. Da fährst du manchmal mit Vollgas durch
ein enges Spalier. Diese Begeisterung gibt es bei keinem anderen Rennen.
Heute hatten wir mit Salvatore Commesso einen Fahrer in der Führungsgruppe, so dass der Rest unserer Mannschaft im
Hauptfeld nicht groß arbeiten musste. Da kann man mit den Kräften haushalten. Gut war, dass ich nicht ganz so viel Druck auf die Pedale
bringen musste. Denn mein linkes Knie schmerzt. Ich hoffe, dass es morgen wieder besser geht.
Am Rande habe ich heute nette Gespräche mit Jan Ullrich und Erik Zabel geführt. Wir kennen uns natürlich von vielen anderen Rennen,
aber als Tour-Starter kommt man doch noch enger in Kontakt. Beide gehören zu den sehr sympathischen Kollegen. Ulle erzählt stolz von
seiner Tochter, wie er sich freut, sie nach der Tour wieder zu sehen. Also ich drücke ihm alle Daumen für das Zeitfahren am Samstag.
Von der Urlaubsregion Atlantikküste und Bordeaux bekommen wir hier wenig mit. Ich will auch gar nicht an Urlaub denken. Denn
nach der Tour habe ich keine Ferien geplant. Wenn es die Beine nach der Tour nur irgendwie noch hergeben, stehen weitere Rennen an: Nächste Woche
Dienstag in Krefeld, Freitag in Hannover, dann am ersten Augustsonntag das Weltcuprennen in Hamburg und die Woche drauf die
Regio-Tour. Warum ich mir das antue? Da ist halt mein Beruf. Als einziger Deutscher im Saeco-Team muss ich unsere Farben bei den Rennen
hier in Deutschland fleißig präsentieren. Und ich weiß, dass sich die Radsportfans ehrlich freuen, uns dort auf der Piste zu sehen.
Vielleicht kommt ja auch einer von Euch zu diesen Rennen - man sieht sich!
Euer
Jörg Ludewig
16.Etappe
"Ich bin fast tot"
Bayonne, 23.07.03. Dass es heute hart werden würde, habe ich ja gewusst. Dass die 197 Kilometer aber so knüppeldicke kommen würden,
damit habe ich nicht gerechnet.
Der Zielstrich war eine Erlösung. Ich bin fast tot. Mein Körper macht mittlerweile was er will. Im Ziel habe ich geheult, einfach so - keine Ahnung warum.
Auf einmal liefen die Tränen. Diese Schinderei hinterlässt zunehmend ihre Spuren. Wenn ich eine Batterieanzeige hätte, würde die jetzt nur noch
rot blinken. Wenn man dann sieht, was die anderen noch bringen, kann man fast nur in Ehrfurcht erstarren. Was Tyler
Hamilton heute geleistet hat, ist phänomenal. Der ist ein Jahrhunderttalent. Ich gönne ihm den Etappensieg von ganzem Herzen.
Für uns ist es heute auch nicht schlecht gelaufen, Gerrit Glomser wurde Fünfter, obwohl er ziemliche Probleme mit seinem Fußballen hat.
Ausgerechnet auf dem Haupt-Kraftübertragungspunkt hat er einen Riss und der eitert. Gerrit hat sich deshalb die Schuhsohle ausfräsen lassen und
die Einlegesohle ausgeschnitten. Mann, ist der ein harter Hund - so ein Handicap, so eine Etappe und trotzdem vorne mit dabei.
Ich bin die ganze Zeit nur am Limit gefahren, mit dem Puls permanent im anaeroben Bereich. Und das lag nicht daran, dass meine Uhr
irgendwie falsch eingestellt ist. Die habe ich nämlich gestern ganz neu bekommen. Das war ein Geschenk von Polar, Limited Edition. Die gibt
es zum Tour-Jubiläum und ist nur mit 50 Stück aufgelegt. Es ist eine Riesenehre für mich, dieses Prachtstück erhalten zu haben.
Überhaupt werden die Leute immer aufmerksamer auf mich. Mittlerweile wird mir das fast schon zu viel. Ein Interview jagt das nächste. Heute Abend
sollte ich live bei "Sport im Westen" sein, aber das kriege ich echt nicht mehr auf die Reihe - sorry. Und auch andere Rennställe haben mir
schon Interesse signalisiert. Dass die Leistungen auf der Tour in der Branche natürlich genau beobachtet werden, war mir schon klar.
Dass das aber so schnell gehen würde, hätte ich nicht gedacht. Aber ich schlage mich ja auch nicht schlecht: 37. in der Gesamtwertung zu sein, ist ganz
ordentlich. Aber ich fühle ich mich bei Saeco zurzeit richtig wohl. Doch erstmal will ich die Tour vernünftig zu Ende fahren. Der Tag heute hat
mir ziemlich schmerzhaft gezeigt, dass es bis Paris noch ein harter Weg ist.
Grüßt mir die Heimat!
Euer Jörg Ludewig
15.Etappe
"Drei Kilometer vor dem Ziel der Tank leer"
Luz-Ardiden, 21.07.03. Super-schwer wars heute- und das nicht etwa, weil ich gestern Simonis Etappensieg zu ausschweifend gefeiert hätte...
Die Etappe sah auf dem Papier gar nicht so extrem aus. Den Tourmalet kannte ich schon, der ist absolut fahrbar. Und der Schlussanstieg nach Luz-Ardiden
ist vom Profil nicht besonders giftig. Und trotzdem: In meiner Radsportkarriere habe ich mich selten so quälen müssen wie heute. Vielleicht habe ich
unterwegs zu wenig gegessen. Jedenfalls war drei Kilometer vor dem Ziel plötzlich der Tank leer. Aber du kannst ja nicht einfach anhalten oder schleichen:
Also beißen und rauf ins Ziel. Das war voll am Limit, am Anschlag, mehr ging nicht. Mit 12:26 Minuten Rückstand habe ich noch immer passabel
abgeschnitten. Ich scheine mich hier auf einem Platz um die 40 zu etablieren. Nicht schlecht für jemanden, der auf die letzte Sekunde noch
ins Team gerutscht ist.
Den Ruhetag am morgigen Dienstag brauche ich dringend. Aber ich werde mehr tun, als am Pausentag letzte Woche. Da bin aus dem Tritt gekommen.
So werden wir morgen mit der ganzen Mannschaft ein paar Stunden ausfahren. Beim Training werden die Beine wieder locker, und du bleibst
im Tour-Trott. Mit dem Team zu rollen, tut ganz gut. Wir scherzen dann viel rum, das ist für die Moral wichtig. Ansonsten will ich dann noch mal Kräfte
sammeln für die letzten fünf Tage und mich auf mein Ziel konzentrieren: In Paris ankommen.
Auch hinter den Kulissen wird ganz formidable Arbeit geleistet. Saeco ist da ein tolles Team: Unsere vier Mechaniker machen einen perfekten
Job. Unsere Cannondale-Räder mit den Campagnolo-Komponenten und den Mavic-Laufrädern gehören zum Besten, was im Feld rollt. Und jeden
morgen sieht mein Rad aus wie neu aus dem Laden. Geputzt, neues Lenkerband, die Mechanik kontrolliert und gepflegt. Beim
kleinsten Ritz werden sofort neue Schlauchreifen aufgeklebt. Da hast du immer ein sicheres Gefühl. Diese Arbeit machen die Jungs
jeden Tag an 14 Rädern, denn jeder von uns Fahrern hat seine Rennmaschine und die Ersatzmaschine auf dem Auto. Zwischendurch werden
noch die Zeitfahrmaschinen für den nächsten Samstag präpariert. Die Mechaniker gehören morgens zu den ersten, sind tagsüber
im Begleitfahrzeug unterwegs oder fahren schon zum Ziel, arbeiten an den Ersatzlaufrädern und bringen dann abends die Räder wieder
auf Vordermann. Da muss man auch mal Danke sagen für diesen tollen Job, ohne den wir Rennfahrer unsere Leistung nicht so optimal
bringen können. Radrennsport ist eben ein echter Teamsport.
Bis morgen,
Euer
Jörg Ludewig
14.Etappe
"Wir werden feiern"
Loudenvielle, 20.07.03.Was habe ich Euch gesagt?! Saeco kann eine Etappe gewinnen! Auch wenn Alkohol sonst
verpönt ist: Heute abend gibts Champagner!!!
Mit Blick auf den morgigen Tag können wir zwar nicht die ganze Nacht durchmachen, aber wir werden feiern. Ihr könnt Euch gar nicht vorstellen, wie glücklich wir alle sind.
Wie Gilberto Simoni heute auf einer der schwersten Bergetappen dieser Tour zum Etappensieg gefahren ist, war der echte Wahnsinn. So richtig gerechnet hatte ich nach dem gestrigen Tag noch nicht damit. Aber Gilberto hatte wohl mächtig Wut im Bauch und wollte auch bei uns allen im Team was gut machen. Er wollte die Schmach vom Samstag tilgen. Und das ist ihm gelungen. Damit hat er gezeigt, dass er ein richtiger Teamchef ist. Viele wären in seiner Situation längst abgereist, auch er hat überlegt, aber sich dann fürs Team entschieden. So gab er allen Kritikern die passende Antwort. Da kann man mal sehen, was ein Simoni, der körperlich fit ist, leisten kann.
Natürlich herrscht hier im Teamhotel ein Riesen-Trubel. Alles ist abgesperrt, damit uns die begeisterten Fans nicht die Bude stürmen. Sieben TV-Teams, 20 Reporter und 40 Fotografen drängen sich. Und wir genießen diesen Abend. Denn Saeco hat sich heute rehabilitiert und gezeigt, dass wir die hohen Erwartungen noch erfüllen können. Das wird uns weiter beflügeln.
Bei mir lief es nicht so gut. Aber das hatte ich beim Streckenprofil schon erwartet. Hinzu kam ein platter Reifen. Mit viel Courage habe ich mich dann durchgebissen und bin mit meinem Freund Gerrit Glomser zusammen ins Ziel gekommen. Der 32. Platz mit 8:22 Minuten Rückstand auf meinen siegreichen Chef war o.k..
Drückt mir die Daumen, dass ich das Feiern heute abend gut vertrage.
Euer
Jörg Ludewig
13.Etappe
"Absolut irre!"
Ax-les-Thermes, 19.07.03. Wir haben die Pyrenäen erreicht. Und sage niemand, Saeco ist nicht motiviert. Unser Kapitän Gilberto Simoni kämpft und wir mit ihm. Zum Start der Etappe war Simoni richtig aggressiv. Dann haben wir in der Verfolgung der Ausreißer eine tolle Mannschaftsarbeit geleistet. 80 Kilometer Führungsarbeit im Wind, das geht ganz schön in die Knochen. Aber ich bin gut erholt und meine Beine sind frisch. Dass sich unsere Energieleistung heute nicht ausgezahlt hat, ist ein wenig enttäuschend für uns alle. Doch unser Team hat den Mut nicht verloren. Wir werden weiter ständig versuchen, uns zu zeigen und sogar eine Etappe zu gewinnen.
Bei mir lief es heute wieder rund. Ungeachtet der langen Führungsarbeit bin ich noch gut über den 2000 Meter hohen Port de Pailhères und den Schlussanstieg gekommen. Wenn du bei solchen Anstiegen am Anschlag trittst, sind die Gedanken alles andere als touristisch. Aber in einigen Momenten nimmt man doch diese grandiose Berglandschaft wahr. Und dann waren da auch wieder die unzähligen Radsportbegeisterten an der Strecke. Ob die dich kennen oder nicht, die schreien dich den Berg rauf. Absolut irre!
Als 35. nur 11:47 Minuten hinter dem Sieger im Ziel zu sein, ist für einen "Nicht-Bergfahrer" wie mich ganz zufrieden stellend. Oder? Aber solch lange Anstiege machen mir trotz zehn Prozent Steigung zwischendurch eben weniger aus, als kurze, giftige Rampen. Und davon haben wir morgen gleich sechs in der Etappe. Irgendwer erzählte mir, dass wir mit den Pässen morgen 4000 Höhenmeter bei über 190 Kilometer Distanz bewältigen. Das wir für mich der härteste Tag der ganzen Tour.
Also: Drückt mir die Daumen. Ich habe immer im Hinterkopf, dass meine Familie, Freunde und Fans mich unterstützen und das motiviert. Danke an Euch alle!
Euer
Jörg Ludewig
12.Etappe
"Drehzahlbegrenzer bei 180"
Toulouse, 18.07.03. Glück gehabt! Mein Magen hat noch mal die Kurve gekriegt. Da unser Doc seine Koffer nicht vor Ort hatte, hat
mich kollegial der Telekom-Arzt versorgt. Besten Dank!
Beim Essen musste ich mich aufs Minimum beschränken: Reis und Pasta ohne Soßen und Beilagen ... Eine ziemlich trockene Angelegenheit.
Aber mein Magen hat nicht mehr rebelliert.
Beim heutigen Zeitfahren habe ich meine Leistung taktisch eingesetzt. Eine Minute mehr oder weniger bringts hier nicht. Ich will in Paris ankommen.
Da muss ich meine Kräfte einteilen. Ein bisschen überm körperlichen Limit und du bist draußen. Bei Tobias Steinhauser und Jens Voigt,
die mit Sicherheit top motiviert waren, hat man gesehen, wie schnell es passieren kann.
Also bin ich nicht am Anschlag gefahren. Bei diesen Etappen merkt man richtig, welche Bedeutung der Pulsmesser hat. Im Training ist
er zur Kontrolle des Leistungsaufbaus unersetzlich. Und auch im Rennen kannst Du ganz kontrolliert fahren. Unsere Polar-Geräte sind echt spitze,
absolut genau, und wir bekommen täglich unsere Auswertung. Übrigens hat mein sportlicher Leiter schon am Mittwoch Abend an
der Kurve gesehen, dass körperlich bei mir was nicht passte. Und so ist es ja gestern leider auch gekommen. Heute Abend wird
er dann feststellen, dass mir schon wieder besser geht. 85 Prozent der Maximalleistung waren heute o.k.. Meine Maximal-Herzfrequenz liegt
bei 196, da hab ich bei 180 den "Drehzahlbegrenzer" gesetzt. Kein Schongang, aber mein Körper konnte ein wenig regenerieren. Übrigens mein
Ruhepuls liegt momentan bei 47. Zu Hause sind es 36, da merkt man den Tour-Stress.
Lasst mich schnell noch einen Glückwunsch an Jan Ullrich loswerden: Sensationell, wie der heute gefahren ist. Mich freut für ihn, wie er nach
seiner Krise wieder zurückgekommen ist und welche Leistung er bringen kann. Dem deutschen Radsport kann nichts besseres passieren
und der Tour de France auch nicht. Wie Ullrich, Vinokourov und die anderen Lance Armstrong Paroli bieten, macht die Tour viel spannender.
Bis morgen, Euer
Jörg Ludewig
11.Etappe
Tour der Leiden
Toulouse, 17.07.03. Ich habe beim Frühstück nichts
reingekriegt und heute morgen auf der Etappe alles wieder rausgebracht. Zweimal hats mich erwischt im Sattel, zum Glück war bei dem Gegenwind keiner
hinter mir. Das wäre peinlich geworden. Anhalten konnte ich auch nicht, sonst hätte ich
den Anschluss ans Hauptfeld garantiert verpasst. In so einem Zustand kannst du auch nur wenig für dein Team leisten.
Ich habe darum gebeten, nicht so ganz hart einsteigen zu müssen. Das war für die Teamleitung o.k., aber es tut mir natürlich für Gerrit Glomser leid, der das mit ausbaden musste.
Zum Glück ist morgen Einzelzeitfahren angesetzt. Das ist für mich sowieso nicht richtig wichtig. Aber heute muss man echt sagen: Mehr war nicht drin. Woran das liegt, weiß ich auch nicht genau. Vielleicht habe ich was Falsches gegessen, vielleicht ist es aber auch eine Magen-Darm-Geschichte. Durchfall habe ich zumindest bisher noch nicht, aber das wäre wegen der Dehydrierung und vorstellbarer Probleme im Sattel richtig übel.
Der Körper ist bei so einer Dauerbelastung wie bei der Tour eben mit anderen Dingen beschäftigt, als Krankheiten abzuwehren. Der Stoffwechsel pumpt alles in die Muskeln, da bleibt nicht viel übrig für das Immunsystem.
Mal schauen, was der Doc sagt. Vielleicht wird der mir einen Magenaufräumer geben, wenn nicht, gönne ich mir einen Ramazotti. Was noch im Magen ist, muss auf jeden Fall raus.
Rest muss zumindest auch noch raus und dann ganz leichte Kost, damit ich morgen wieder ordentlich in den Sattel komme.
Drückt mir die Daumen!
Viele Grüße
Euer Jörg Ludewig
Erster Ruhetag
Spezialmethode für frische Beine
Narbonne, 16.07.03. Ihr glaubt ja gar nicht, wie gut so ein Ruhetag nach der Plackerei der letzten Tage tut. Heute können wir
alles mal ganz easy angehen lassen.
Ich komme gerade von der Massage, eineinhalb Stunden Balsam für den geschundenen Körper. Vor allem
meine Füße hatten es bitter nötig, die leisten beim Radrennen mehr Arbeit als man denkt.
Ich trage sogar spezielle Einlagen, die ein italienischer Ingenieur entworfen hat; zusammen mit meiner Ernährungsumstellung hat
das noch mal einen echten Leistungssprung gebracht.
Kein Tag natürlich ohne Training, heute allerdings piano, dafür mit einer Spezialmethode für frische Beine: Entzündungshemmende Salbe auf die
frisch rasierten Beine, Frischhaltefolie drum und dann eine dicke Radhose drüber. Obenrum nur ein dünnes Trikot, sonst kriegt man
einen Hitzschlag. Nach einer Stunde Fahrt läuft dir die Brühe in die Schuhe, dafür zieht das aber die ganzen Giftstoffe und Schlacken aus den
Beinen. Dann noch kurz die Füße hochlegen, ab in die Badewanne, Salz und Heilpflanzen rein - das tut gut und wirkt Wunder.
Das hört sich so an, als leben wir hier wie die Götter in Frankreich. Ganz so ist es aber nicht: In unserem Hotel gestern hatte ich keine
einzige funktionierende Steckdose auf dem Zimmer, die Toilette war auf dem Flur. Na ja, wir Radfahrer sind ja nicht veröhnt und durchaus leidensfähig.
Das Interesse der Medien haut mich immer noch um. Riesig war es nat¸rlich direkt nach Alpe d'Huez, das wurde mir fast schon ein bisschen
viel: Du bist platt ohne Ende und jeder will einen O-Ton. Das ist schon ziemlich stressig. Aber ich bin Profi und das ist gute Werbung für mich.
Heute haben die vom ARD ein Porträt über mich gedreht, das morgen laufen soll. Auch die Süddeutsche Zeitung war da. Früher hatte ich oft
den Eindruck, als wüssten die Leute nicht so genau, was ich eigentlich mache. Jetzt bin ich bei der Tour, fahre gegen Armstrong und Ullrich: Die
kennt jeder, das versteht jeder. Hoffentlich kann ich das Interesse auch weiter rechtfertigen und die Hoffnungen des Teams und
der Fans erfüllen. Die Pyrenaen werden schließlich noch richtig ekelig, aber man fährt jeden Tag mit den gleichen Leuten;
viele davon haben mein Kaliber und wollen auch in Paris ankommen. Und wenn es weiter so gut läuft, dann schaffe ich das auch.
Vielen Dank für Euer Interesse und Grüße in die Heimat!
Euer
Jörg Ludewig
10.Etappe
"Gott sei Dank ist morgen Ruhetag"
Marseille, 15.07.03. Allez les rouges!
Mann, das war verdammt knapp! Ich habe fast das Gefühl, dass unser Team vom Pech verfolgt ist.
Fabio Sacchi hat
ein Riesenrennen hingelegt, am Ende war er aber doch "erster Verlierer", wie es immer so schön heißt. Und wenn einen nur zwei
Meter Asphalt vom Sieg trennen, dann ist das natürlich doppelt bitter. Fabio ist total frustriert.
Aber zum Glück geht es mit dem Team bergauf, nur das zählt. In der Presse und im Fernsehen sind wir
in den letzten Tagen ja nicht so gut weggekommen, vor allem Simoni musste ziemlich einstecken. Aber wir
haben jetzt bewiesen, dass mit uns noch zu rechnen ist. Zum Gesamtsieg wird's nicht mehr reichen, aber kämpfen werden wir trotzdem,
vielleicht noch öfter attackieren.
Gott sei Dank ist morgen Ruhetag, endlich mal kein Rennstress. Was nicht heißt, dass wir die Beine hochlegen und uns die Sonne auf
den Pelz brennen lassen. Ich meine, wenn man schon mal am Mittelmeer ist ... Natürlich trainieren wir morgen auch. Heute habe
ich erstmal gemerkt, dass ich mittlerweile doch ganz schön angeknockt bin. Ich war nicht so frisch wie in den letzten Tagen; den
anderen Fahrern in meiner Stärke ging's aber ähnlich. Deshalb war es gut, dass Fabio in die Ausreißergruppe gegangen ist, bei mir
hätte höchstens Platz fünf oder sechs dringesessen.
Zuerst müssen wir aber erstmal mit unserem Tourbus drei Stunden bis nach Narbonne fahren: hier geht übermorgen die nächste Etappe los.
Und jetzt haben wir auch noch 60 Kilometer zähfließenden Verkehr, das kann dauern. Zum Glück hat unser Bus alle Schikanen: Der ist
zwar 15 Jahre alt, aber die reinste rollende Disko, die vom Busfahrer aber auch wirklich jeden Tag mit viel Liebe gewienert wird.
Fernsehen, DVD, Dolby Surround, Spots von der Decke, zwei Duschen, super Sitze - so kann man's aushalten.
Klimaanlage sowieso, ich glaube, sonst würden wir die nächsten Etappen nie schaffen. Die Temperaturen hier in Frankreich sind zurzeit echt
brutal. Wir gucken uns nachher noch einmal die Zusammenfassung vom Rennen an, nebenbei pflegen alle ihre sozialen Kontakte und
treiben ihre Handy-Rechnungen in Rekordhöhe. Selbst Fabio ist mittlerweile wieder besser drauf. Vielleicht klappt es an den nächsten Tagen,
noch haben wir ja zehn Etappen vor der Brust.
Besten Dank für alle guten Wünsche!
Euer
Jörg Ludewig
9.Etappe
"...und plötzlich bester Saeco-Mann"
Gap, 14.07.03. Saeco meldet sich zurück bei der Tour. Moralisch sind wir wieder gut drauf, wir sind motiviert.
Heute haben wir uns gut präsentiert mit der ersten Attacke von Gerrit Glomser und Danilo di Lucas Ritt in der Spitzengruppe und seinem Gewinn
der ersten Bergwertung. Das waren richtige Lichtblicke. Man sieht: Sportlich können wir noch was bewegen!
Anfangs habe ich noch meinen Kapitän Gilberto Simoni begleitet. Und dann habe ich es einfach mal riskiert: Ich bin auf eigene Kappe angetreten
und keiner hat mich zurückgepfiffen. Ich glaube, das war der Dank Simonis und unseres sportlichen Leiters für meine Arbeit auf der Etappe nach
Alpe d'Huez. Im Team findet das Potenzial, das ich bewiesen habe, Anerkennung. Ich habe heute den Anschluss an die große Spitzengruppe um
Lance Armstrong und Jan Ullrich erreicht. So war ich immer nah dran am Geschehen und bin gut über alle Berge gekommen.
Mit der Tempoverschärfung an der Spitze ist am letzten Hügel dann doch ein 20-Meter-Loch aufgerissen, das unsere Gruppe nicht mehr schließen
konnte. Auf der Abfahrt habe ich dann nichts mehr riskiert. Das war extrem gefährlich. Der Asphalt von Hitze völlig weich. Und
bei Belokis Sturz hat man sehen können, wie nah hier Siegchance und Krankenhaus beieinander liegen.
Beloki tut mir leid, ich wünsche ihm gute Besserung..
Im Ziel lag ich nur gut sieben Minuten zurück auf Rang 48 auch dank der Kollegen Gerrit Glomser und
Paolo Fornaciari, die heute die Team-Arbeit bei Gilberto Simoni leisteten und sich dabei über 30 Minuten eingehandelt haben. Und
ich bin plötzlich als 55. im Gesamtklassement bester Saeco-Mann! Das ist Radsport! Momentan ist meine Form sehr gut. Ich merke, wie ich mit
diesen Beinen unter den ersten 50 der Tour de France mitfahren kann. Wer weiß, wenn dann noch ein wenig Glück dazu kommt ... Aber
ich bleibe Realist: Irgendwann kann man auch plötzlich einbrechen und dann bleibst du schlagartig wieder zurück. Deshalb korrigiere ich
mein Ziel für diese Tour nicht: Ich will einen guten Job für mein Team machen und in Paris ankommen. Wenn's dann noch auf einem
guten Platz ist, umso besser.
Drückt mir die Daumen!
Euer
Jörg Ludewig
8.Etappe
"Habt Ihr das gesehen?!?!"
Alpe d'Huez, 13.07.03. Habt Ihr das gesehen???!!! Wenn irgendjemand jemals gefragt hat, warum Jörg Ludewig bei der Tour de France
startet, dann habe ich heute eine unübersehbare Antwort gegeben: Um für mein Team zu arbeiten.
Heute war es mein Job, meinen Teamkapitän hinauf nach L'Alpe d'Huez zu führen. Und diese Aufgabe habe ich perfekt erledigt.
Ich war heute optimal drauf. Es gibt so Tage, da kommen alle Faktoren zusammen: Gut geschlafen, frische Beine, ein Wetter so wie es liebe, mein Vater Horst und mein
Bruder als Zuschauer an der Strecke ... Und dann rauf nach L'Alpe d'Huez. Ein Radsportmythos. Da wollte ich schon immer mal hin. Und jetzt war
ich da oben 44. im Feld der Tour de France und damit auf den 68. Platz im Gesamtklassement vorgesprungen
Anfangs sah es für mich nicht nach diesem positiven Tag aus: Die ersten 60 Kilometer wurde nur Anschlag gefahren, um die Ausreißergruppe einzufangen.
Da denkst du: Du steigst gleich einfach ab. So bedient war ich. Doch dann habe ich mich zusammengerissen. 220 Kilometer mit diesen
Anstiegen sind schwer. Doch ich hatte immer noch ein bisschen Luft. Gerade am Ende in L'Alpe d'Huez ist die Strecke dann flacher, als man meint.
Für einen "Roller" wie mich eigentlich optimal. Ich hätte sicher noch ein oder zwei Minuten schneller sein können. So gut waren meine Beine heute.
Aber das war nicht mein Job. Ich bin Adjudant. Dass Gilberto Simoni momentan nicht in Top-Form fährt, ist für unser Team schade. Aber ich
konnte heute zumindest von der großen Aufmerksamkeit der Medien profitieren. Dann hat es sich wenigstens ein bisschen gelohnt. Auch
Gerrit Glomser hat mit seiner forschen Verfolgungsjagd eine gute Vorstellung geliefert.
Übrigens: Nicht nur meine Familie war an der Strecke. Ich glaube, heute habe ich unseren halben Heimatort und auch viele aus dem Kreis Gütersloh da
gesehen. Du wirst mit Transparenten gegrüßt. Klasse! Ich nehme das gerne auf, denn die Tour ist das härteste überhaupt, was ich
jemals durchgemacht habe. Aber es ist gleichzeitig auch das Tollste, was du als Radsportler erleben kannst.
Euer
Jörg Ludewig
7.Etappe
"Alle ein wenig desillusioniert"
Morzine, 12.07.03. Wir wohnen in einem kleinen Berghotel, davor 3 Fernseh-Übertragungswagen und ein paar hundert Leute, die
auf Neuigkeiten und Erklärungen von Simoni warten. Der öffentliche Druck ist enorm.
Die Hoffnung, dass unser Kapitän im Gesamtklassement ein Wort mitreden kann, ist heute am Col de la Ramaz wohl geplatzt. Gilberto Simoni
hatte Schwierigkeiten und liegt jetzt 12 Minuten zurück. Es will mir nicht in den Kopf, dass ein Mann, der den Giro so dominiert hat, derart Probleme
bekommt. Bis neun Kilometer vor dem Aufstieg war ich bei Gilberto, habe ihn mit Wasser versorgt. Er war gut drauf. Und dann das...
Wir sind alle ein wenig desillusioniert: Aber jetzt werden wir unsere Ziele neu stecken. Wir werden stärker auf Etappensiege fahren können. Ich
bin sicher, dass sich unser Team mit Simoni nicht so von der Tour verabschieden wird.
Heute musste ich richtig beißen am Berg. 41 Grad in der Sonne, und dann diese Rampen. Aber es ging gut, und ich habe meine Arbeit fürs
Team erfüllt. Mein sportlicher Leiter hat mich dann nach hinten beordert, um mich für die weiteren Aufgaben zu schonen aber was heißt bei
der Tour schon schonen???
Nach der Zieldurchfahrt habe ich mich schnell erholt. Gleich gibt's die Massage, Mineraliennachschub und ein Bad. Das ist eine Spezialität unserer
Betreuer: Ein heißes Bad mit Salz und japanischen Kräutern, eine Wohltat für die schmerzenden Muskeln. Dann essen und zehn Stunden schlafen.
Denn wenn wir noch etwas zeigen wollen bei dieser Tour, müssen wir erst einmal morgen über den Berg. Ich habe ziemlich Respekt vor dem Galibier und dem Schlussanstieg nach L'Alpe d'Huez. Aber unsere Gegner haben die gleichen Kilometer in den Beinen wie wir. Da ist die Ausgangslage für alle gleich.
Rückenwind geben mit die Fans. Stell dir vor, du kämpfst dich in Frankreich einen Alpenpass hoch und du siehst ein Transparent: Steinhagen grüßt Jörg Ludewig. Unglaublich!!!!!!!
Bis morgen mit den besten Grüßen an alle Radsportfans.
Euer
Jörg Ludewig
6.Etappe
"Heute abend Kalorienschaufeln"
Lyon, 11.07.03. Langsam kapiere ich, warum die Tour so einzigartig ist. Sie müsste Tortur heißen. Aber alle sagen, die Show
geht morgen erst richtig los und ich bin schon so breit wie am letzten Tag der Tour de Suisse.
Die Etappe heute war der Hammer. O'Grady ist wirklich ein Fuchs. Irgendwie hat das Hauptfeld gar nicht mitgekriegt, dass der
sich aus dem Staub macht. Ich habe meinen Leuten immer wieder gesagt: Langsam müssen wir mal hinterher. Als das Hauptfeld angezogen hat,
war es schon fast zu spät. Ich hätte es O'Grady echt gegönnt. Aber was dann kam, war unglaublich: Strich 70 auf dem Tacho!!! Wie willst du
bei so einer Jagd noch Plätze im Feld gut machen? Trotzdem: 45 Flaschen pro Nase haben wir heute ins Feld geschleppt
Morgen geht's in die Berge. Heute ist Kalorienschaufeln angesagt. Dass es heute Abend Pasta gibt, liegt aber nicht nur daran, dass wir
ein italienischer Rennstall sind. Hartweizennudeln, Tomatensoße und kaltgepresstes Olivenöl hat ziemlich viel Power. Dazu kommt ordentliches
Rindfleisch, Huhn oder Truthahn, Kartoffeln und Apfelkuchen. Die Torten lassen wir immer frisch aus Italien kommen und schmecken
einfach spitze. Klasse ist auch immer der eiskalte Obstsalat direkt nach dem Rennen im Hotel. Gegessen wird immer gemeinsam, dann geht
es auch ganz locker zu.
Denn Essen ist neben einer guten Zeit auf der Etappe überhaupt das Wichtigste bei unserem Sport. Radfahren im professionellen Bereich ist eine
der Sportarten mit dem höchsten Kalorienverbrauch. Auf einer schweren Etappe wie morgen verbrennt unser Körper 10.000 Kalorien extra und
mehr. Wenn der Tank leer ist, brichst du ein. Gleiches gilt für den Flüssigkeitshaushalt. Unsere Teambetreuer sorgen da wirklich optimal für uns.
Jeder im Team hat da seine Eigenheiten und bekommt das, was er möchte. Ich habe ausgiebige Tests gemacht. Es geht darum, dass der Körper bestimmte
Nahrungsmittel nicht so verträgt und dann für die Umsetzung zu viel Energie aufwenden muss. Dies sind nutzlos verschwendete Kalorien.
Du bist, was du isst.
Bis morgen mit den besten Grüßen an alle Radsportfans.
Euer
Jörg Ludewig
5.Etappe
"Partyservice war anstrengend"
Nevers, 10.07.03. Oh Mann, das war bisher der härteste Tag. Die ganze Zeit Seitenwind und am Ende hatte ich 48,1 km/h Schnitt auf
dem Tacho.
Wenn das so weiter geht, schaffe ich die drei Wochen bestimmt nicht. Aber das sagt man ja immer. Gegenwind ist auf solchen
Flachetappen tausendmal besser. Du rollst im Feld und kannst gemütlich in der Nase bohren. Wenn bei Seitenwind alle an der Windkante unterwegs sind,
musst du höllisch aufpassen, dass das Feld nicht auseinander reißt. Da muss nur einer ausfallen und schon hast du ein
Riesenloch. Das ist zwar spannender für die Zuschauer, aber fürs Fotoalbum fahre ich nun wirklich nicht.
Simoni fands auf jeden Fall gut, aber der Partyservice war ziemlich anstrengend. Viermal zum Begleitfahrzeug und die Bestellung annehmen,
sieben bis neun Flaschen auf den Buckel packen und dann zurück ins Hauptfeld. Das sind jedes Mal 500 Meter, die richtig weh tun. Außerdem habe
ich richtig Stress damit, freihändig neben dem Wagen herzufahren und noch in den Trikotaschen zu kramen - ich habe absolut keine Lust auf einen Sturz.
Morgen soll es ja wieder Seitenwind haben und die Etappe nach Lyon wird richtig lang: 230 Kilometer in den Süden. Aber: Wir sind noch dran, Simoni
fühlt sich super, die Entscheidung für uns wird am Samstag Richtung Morzine fallen. Wenn wir dann nicht unter die ersten Zehn kommen,
wird nur noch Attacke gefahren. Darüber mache ich mir aber jetzt noch keinen Gedanken - es kann noch viel passieren.
Langsam klappt es auch mit dem Schlafen. Wenn du in Brockhagen gegenüber dem Glockenturm wohnst, hast du hier echt ein Problem. Zuhause
ist für mich morgens um acht die Nacht vorbei, da kann es den Abend vorher noch so spät geworden sein. Gegen das Gebimmel hast du einfach
keine Chance. Aber auf der Tour stehen wir immer später auf. Da muss man sich bis zum Frühstück immer irgendwie die Zeit vertreiben:
das Team geht vor, auch beim Kaffetrinken.
Bis morgen mit den besten Grüßen an alle Radsportfans.
Euer Jörg Ludewig
4.Etappe
"Noch ist nichts verloren"
Saint-Dizier, 09.07.03. Wir sind total enttäuscht. Unser Team hatte sich so viel vorgenommen und dann nur als 17. Mannschaft im Ziel.
3:02 Minuten auf US Postal sind gar nicht so schlecht, aber die Weltspitze bei dieser Tour ist so dicht, dass man damit so grottenschlecht platziert ist.
Aber noch ist nichts verloren. Wir können die Zeit aufholen, stehen jetzt zusätzlich unter Druck, uns zu beweisen.
Ich selbst bin zufrieden mit meiner Leistung. Meine Arbeit habe ich so gemacht, wie das Team es erwartet hat. Ärgerlich aus meiner Sicht: Wir haben
Zeit verschenkt. Wir sind Doppelreihe gefahren, das war auf den ersten Kilometern bei dem Kurs richtig, auf den letzten 50 Kilometern aber
taktisch falsch. Wenn ich nur zehn Sekunden führen kann, ist kein richtiger Druck möglich. Da wäre aus meinen Beinen noch
mehr möglich gewesen. Hinzu kam, dass wir unsere beiden geschwächten Fahrer mitgezogen haben. Als Team
ein gutes Signal an die Kollegen, was für unseren Teamgeist spricht. Im Hinblick auf das Ergebnis war das wohl nicht so klug. Wenn
fünf Fahrer im Ziel für die Wertung reichen, warum muss man mit neun gleichzeitig ankommen?
Übrigens: Großen Dank an meine Fans. Manche sind so treu, dass sie mich sogar besuchen. Heute war Uli Deppe da, eine Riesenfreude für mich. Auch
mein Cousin aus Frankfurt mit drei Freunden war rübergekommen. Der Zuspruch hilft ein wenig über die Enttäuschung hinweg.
Mit frisch rasierten Beinen das sieht einfach ästhetischer aus - geht es morgen an den Start: Gelegenheit den Ärger über den heutigen Tag in Leistung umzusetzen.
Bis morgen mit den besten Grüßen an alle Radsportfans.
Euer
Jörg Ludewig
3.Etappe
Der Boss war begeistert
Saint-Dizier, 08.07.03. Nach der heutigen Etappe geht es jetzt gleich noch mal raus, die Strecke für morgen
abchecken. Das wird ein wichtiger Tag für uns, für mich bisher der wichtigste.
Ich werde beim Zeitfahren alles geben, dafür hat man mich mitgenommen. Das Team hat die Kräfte bisher bewusst geschont und
wir haben morgen eine realistische Chance auf die Top-Ten. Di Luca geht's auch wieder besser, sein Fieber geht runter und er hat
sich heute Nacht nur dreimal umgezogen, weil er so verschwitzt war. Wir alle sind auf jeden Fall total motiviert.
Das liegt auch am Lob von Simoni. Der Boss war nach der zweiten Etappe total begeistert von uns und hat das gestern Abend noch
mal allen gesagt. Das pusht noch mal ziemlich. Ich bin heute nach den 168 Kilometern auch zum ersten Mal richtig zufrieden mit mir.
Ich habe meinen Job als Wasserträger für Simoni gut gemacht. Mittlerweile habe ich es auch geschafft, mich im Feld einigermaßen
zu etablieren. Die anderen Jungs wissen: Der hat den Gilberto Simoni am Hinterrad und lassen einen jetzt schon mal ein bisschen
besser durch.
Aber die Nervosität im Peloton ist echt übel. Die drehen am Rad. Da kann man schon fast sagen: Der heutige Tag ist gut gelaufen, weil
keiner von uns gestürzt ist. Aber Rene Hasselbacher hat es heute erwischt - hoffentlich ist nichts Ernsteres passiert. So was hat
man mittlerweile im Hinterkopf und dann wird so eine relativ leichte Etappe extrem anstrengend. Ich fühle mich dementsprechend
wie nach einem belgischen Rennen: Schulter- und Nackenmuskulatur sind total verspannt, weil du die ganze Zeit die Finger am
Abzug hast und beim kleinsten Bremsen-Quietschen zusammenschreckst. Da freu' ich mich fast schon auf die Bergetappen.
Aber man kann die Nervosität auch verstehen - hier geht es schließlich um alles. Und wenn man die ganze Medienpräsenz hier
sieht, wird einem schon anders. Mir geht das auch nicht anders. Die Telekomania ist scheinbar vorbei und die Journalisten merken,
dass es noch andere deutsche Fahrer bei der Tour gibt. Ist ja auch nicht schlecht. Aber erstmal muss es
morgen abgehen - Gas geben, bis ich tot umfalle. Dafür bin ich hier.
Bis morgen mit den besten Grüßen an alle Radsportfans.
Euer Jörg Ludewig
2.Etappe
Neue Frisur und frische Beine
Sedan, 07.07.03. Mein Tour-Tagebuch kommt heute etwas verspätet, da ich noch ein Live-Interview für Eurosport
geben musste. Entschuldigt, aber dafür gibt's gute Nachrichten.
Für mich läuft es nach dem gestrigen Tag wieder super: Meine Beine sind frischer, ich komme immer besser in Tritt. Und
unser Arzt hatte eine beruhigende Nachricht für mich: Bei dem Zusammenstoß mit einem unvorsichtigen Zuschauer gestern habe ich
mir "nur" einen Kapselriss und eine Prellung zugezogen. Das bekommen wir in einer Woche wieder hin. Die verletzte Schulter
behindert mich im Rennen kaum. Nur vorher und nachher spüre ich den Schmerz, im Rennen ist die Konzentration auf
das Geschehen zu stark.
Leider gibt es von meinem Teamkollegen Danilo die Luca keine so guten Nachrichten. Er hat sehr hohen Fieber, wohl als Folge
seines Schlüsselbeinbruchs und der Operation vor wenigen Wochen. Danilo fuhr die Etappe noch zu Ende. Ich wünsche ihm, dass
er wieder fit wird. Unsere Ärzte betreuen ihn optimal.
Das Feld fährt noch immer nervös. Heute habe ich von den Stürzen zum Glück nichts mitbekommen. Ärgerlicherweise hatte ich
am letzten Anstieg einen Platten am Hinterrad und musste den Kontakt zum Feld abreißen lassen. Das Loch von knapp zwei
Minuten konnte ich allein nicht mehr zufahren, vielleicht hätte ich sonst Gerrit Glomser im Finale noch helfen können. Denn für ihn
den Spurt bergab anzuziehen, hätte mir gelegen.
Unser Team konzentriert sich auf das Mannschaftszeitfahren am Mittwoch. Ich habe manchmal das Gefühl, mein Teamkapitän
Gilberto Simoni rollt sich bisher nur wie im Training ein ...
Übrigens: Die Tour ist nach wie vor für mich unglaublich, diese Zuschauermassen sind gigantisch. Der Rummel drum herum hat
auch Positives: Im mobilen Tour-Dorf gibt es einen Friseur, der schneidet starke Frisuren - und das sogar noch kostenlos! Das
habe ich genutzt. Ich bin also auf dem Kopf ein neuer Mensch. Und mein Vater wird sich freuen, denn der wollte
schon immer, dass ich mir die "Fransen" kürzen lasse.
Bis morgen mit den besten Grüßen an alle Radsportfans
Euer
Jörg Ludewig
1.Etappe
Enger Kontakt zu einem Fan...
Meaux, 06.07.03. Ich hoffe, dass diese Tour nicht zur Tortur wird: Noch sind keine 200 Kilometer gefahren und ich habe schon
die ersten Verletzungen. Das große Interesse der Öffentlichkeit wurde mir sozusagen zum Verhängnis.
Tausende von
Zuschauern stehen an der Strecke und bei Kilometer 35 bin ich mit einem von ihnen kollidiert. Beim Blick durch seine Kamera hatte er
unsere Geschwindigkeit wohl total unterschätzt. Jetzt habe ich eine blaue Schulter, aber morgen muss es weitergehen. Bei dem
Massensturz vor der Sprintankunft in Meaux ist mir Gott sei Dank nichts passiert, ich musste nur aus den Pedalen. Leider ist unser Kapitän
Simoni gestürzt, hat jedoch keine Zeit verloren. Stefano Zanini hat es ernster erwischt. Wir drücken ihm die Daumen, dass er
schnell wieder auf die Beine und in den Sattel kommt.
Viele hatten so etwas befürchtet, denn die erste Etappe von Saint-Denis Montegeron nach Meaux war mit 168 Kilometern relativ kurz und ohne
größere Schwierigkeiten. So konnten viele Fahrer auf eine gute Platzierung oder gar das Gelbe Trikot schielen.
Dementsprechend nervös und hektisch ging es zur Sache. Vor allem die letzten zwanzig Kilometer waren geprägt von taktischem
Geplänkel. Wenn das Feld wie auf diesen Flachetappen so dicht zusammen ist, dann erfordert das volle Konzentration.
Und je weiter du hinten bist, desto unrhythmischer ist das Fahren. Trotz der kurzen Etappe bin ich ausgelaugt,
mein Nacken von den vielen Bremsmanövern total verspannt. Mir ist jetzt klar, dass es noch ein weiter weg ist bis Paris.
Ansonsten war es ein ausgezeichneter Tag zum Radfahren, mit idealen Temperaturen und kaum Wind. Dadurch
war mein Job als Wasserträger heute deutlich einfacher. Unvergesslich für mich der offizielle Start am Le Réveil Matin, dem Ort, an
dem die erste Tour ins Rennen ging: Das war schon ein echtes Gänsehaut-Gefühl.
Euer
Jörg Ludewig
Prolog in Paris
Größte Überraschung vor dem Start
Paris, 05.07.03. Mein Traum ist wahr geworden: Endlich bei der Tour de France!
Den heutigen Prolog mitten durch Paris entlang den Zuschauermassen werde ich in meinem Leben nie mehr vergessen.
Das ist schon eine ganz andere Radsport-Welt! Wir haben zur hundertsten Auflage der Tour von unseren Ausrüstern sogar neue
Räder, Schuhe und spezielle Reifen bekommen: Der totale Wahnsinn.
Die Nacht vor meinem ersten Tour-de-France-Start habe ich zum Glück gut geschlafen, allerdings hatte ich kurz vor dem Start
schon ziemliches Lampenfieber. Beim heutigen Einzelzeitfahren war ich hellwach und stand von Anfang an voll unter Strom.
Die Beine sind frisch. Und ich bin sicher, dass sich morgen und übermorgen schnell das Gefühl der Normalität einstellt und
ich mich dann noch unverkrampfter auf das Rennen konzentrieren kann.
Der Prolog lief gut. Ich bin zufrieden mit mir. Meine 8:02 waren schnell, aber nicht zu schnell. Denn schließlich liegen noch weitere
3400 Kilometer vor mir. Und da kann man sich nicht am ersten Tag schon voll verausgaben, auch wenn
nur 6,5 Kilometer zu fahren waren. Die Stimmung im Team ist ausgezeichnet, denn unser Kapitän Gilberto Simoni ist ein sehr
gutes Rennen gefahren. Ein großes Lob an die Organisatoren: Der Kurs durch Paris war absolut super.
Die größte Überraschung des heutigen Tages kam übrigens schon paar Minuten vor dem Rennen. Während ich versuchte, mich
auf die Strecke zu konzentrieren, hörte ich eine vertraute Stimme hinter mir: Meine Freundin! Sie ist mir heimlich zur Tour nachgereist:
der totale Hammer.
Ein Dank an alle, die meine Tour-Teilnahme so aufmerksam verfolgen: Ihr gebt mir zusätzliche Motivation!
Euer
Jörg Ludewig
Vor dem Start
"Kribbeln im Magen"
Paris, 04.07.03. Hallo! Ich bin gut angekommen in Paris. Donnerstag habe ich meine Startnummer erhalten: Es ist die 57.
Ich hoffe, sie bringt mir Glück.
Der Gesundheitscheck ist positiv verlaufen: Die Waage zeigt 73,5 Kilo und 5,46 Prozent Fett. Das sind sehr gute körperliche Grundlagen.
Ich fühle mich fit.
Die Stimmung im Team ist hervorragend.. Es läuft rund. Das Training, das wir auch jetzt noch jeden Tag mit unseren Touren rund um
Paris absolvieren, macht Spaß. Dazu trägt auch das neue Equipment bei. Unser Team Saeco ist in dieser Hinsicht sehr professionell:
komplett neue Bekleidung, neue Schuhe, fürs Rad neue Laufräder und, und, und ... Bei mir stellt sich jedes Mal ein Gefühl wie
Weihnachten ein.
Jetzt kommt auch schon das Kribbeln im Magen, das ich immer vor so großen Rennen habe: Es motiviert mich. So freue ich mich
auf den Start. Drückt mir beim Prolog am Samstag bitte die Daumen!!!
Paris im Fieber des 100-jährigen Jubiläums der Tour de France, das muss man erlebt haben: Medien und Öffentlichkeit erzeugen
einen riesigen Trubel. Natürlich leben wir Rennfahrer mit den Medien und der Öffentlichkeit. Das ist Teil unseres Berufes und das sind wir
allen, die uns unterstützen, unseren Fans und unseren Sponsoren einfach schuldig. Aber das, was hier abgeht, ist schon extrem.
Die großen Stars sind geradezu belagert. Dagegen kann ich als "Wasserträger" mich recht locker in diesem Umfeld bewegen.
Ich bin momentan froh, (noch) nicht ganz so gefragt zu sein. Denn ich habe mir vorgenommen, mich bei meiner
Tour-Premiere voll und ganz auf meine Aufgabe zu konzentrieren: So gut wie möglich Rad fahren und meine Rolle im Team optimal erfüllen.
Bis morgen mit besten Grüßen an meine Familie, Freunde, Fans, Sponsoren und alle Leser!
Euer
Jörg Ludewig
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