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Interview mit Jens Lehmann
"Ich schäme mich nicht, Bahnfahrer zu sein"
Olympiasieger Lehmann bleibt auch im "Nürnberger"-Trikot Bahnfahrer

11.12.00 (rsn) - Doppel- Weltmeister und Olympiasieger Jens Lehmann, neben seinem bisherigen Vierer-Kollegen Robert Bartko Deutschlands populärster Bahn-Radsportler, wechselte vor der kommenden Saison zum Profi-Team "Nürnberger". Doch im Gegensatz zu Bartko, der bei Telekom sein Debüt als Strassenfahrer gibt, wird sich der 32 Jahre alte Lehmann weiterhin auf die Bahn konzentrieren. "Im Ausland, bei Cofidis in Frankreich oder Mapei in Italien ist es ganz
normal, dass neben Strassen- auch Bahnfahrer im Kader sind. Ich hoffe so ein kleines bißchen, dass ich mit meinem Wechsel zu Nürnberger in Deutschland eine ähnliche Entwicklung anstoßen kann. Ich bin richtig heiß auf die nächste Saison", sagte Lehmann am Montag im Interview mit RADSPORT-NEWS.COM.

RADSPORT-NEWS.COM: Jens Lehmann, Sie fahren im kommenden Jahr im Nürnberger-Trikot. Wie kam es zu dem Wechsel?

Lehmann: Nun, ich bekam von Nürnberger ein gutes Angebot und man wollte mich als
Hintergrund
  • Olympiasieger Lehmann zu Team Nürnberger
  • Bahn-WM: Lehmann holt zwei Mal Gold
  • Vierer-Gold: Lehmann will 2004 nach Athen
  • Bahn-Fahrer verpflichten. Ich werde bei Nürnberger im nächsten Jahr auch auf der Straße fahren, aber als Vorbereitung - so wie ich es ja auch bisher getan habe. Meine Prioritäten liegen klar auf der Bahn. Ich hatte schon öfter Angebote von Profiteams, aber die wollten mich immer als reinen Strassenprofi. Das wollte ich nicht. Ich schäme mich nicht, ein Bahnfahrer zu sein.

    RADSPORT-NEWS.COM: In Frankreich bei Cofidis mit den Sprinter-Topleuten oder in Italien bei Mapei mit Baffi ist es nicht ungewöhnlich, dass sich ein Profiteam auch eine Bahnfraktion holt.

    Lehmann: Ganz genau. Auch wenn es jetzt ein bißchen hochgestochen klingt: Ich hoffe nicht nur für mich, dass es für mich gut läuft im Nürnberger-Trikot und dass ich mit Bahn-Erfolgen auch ein bißchen Werbung mache für den Sponsor. Ich meine, bei Sechstagerennen oder Bahn-Weltmeisterschaften kommen ja viele, viele Zuschauer und es gibt lange TV-Übertragungen. Das ist mit Sicherheit attraktiv für den Sponsor, wenn da einer im Nürnberger-Trikot Erfolge hat. Vielleicht kann ich ja einen Trend beginnen. ich würde mir wünschen, dass in ein, zwei Jahren noch mehr Profi-Teams dem Beispiel von Team Nürnberger folgen.

    RADSPORT-NEWS.COM: Sehen Sie da einen Trend?

    Lehmann: Bisher ist es ja noch so, dass du dich entschuldigen musst, Bahnfahrer zu sein, wenn du bei Teams wie Telekom oder Gerolsteiner anfragst. Ich denke aber gar nicht daran. Ich brauche mich für nichts zu entschuldigen Es gibt in Deutschland keine 20 Strassenprofis, die populärer sind als ich. Und die Wahl des Vierers zur Mannschaft des Jahres bei der ARD-Sportgala - eine Publikumswahl! - hat ja gezeigt, dass
    der Bahnsport bei den Zuschauern ankommt. Jetzt hier im Urlaub (Lehmann ist derzeit in Oberwiesenthal im Sporthotel von Jens Weißflog, die Red.) werde ich jeden Tag ständig von Leuten angesprochen, die mich erkennen. Das habe ich so noch nie erlebt. Ich
    glaube, es gibt einen positiven Trend im deutschen Bahnsport.

    RADSPORT-NEWS.COM: Lassen Sie uns mal über Ihre Ziele in der nächsten Saison sprechen.

    Lehmann: Also ich muss sagen, dass ich unheimlich heiß bin auf nächste Saison. Eigentlich hatte ich gedacht, nach dem Olympia-Jahr läßt du es mal ruhig angehen. Aber jetzt nach dem Wechsel zu Nürnberger bin ich unheimlich motiviert, es in meinem ersten Profi-Jahr richtig krachen zu lassen. Bei Köstritzer hatte ich eine wunderschöne Zeit und ich gehe da in bestem Frieden weg. Aber ich hatte mit Köstritz alles erreicht, was man erreichen kann. Bei Nürnberger will ich das jetzt wiederholen.

    RADSPORT-NEWS.COM: Wo liegen Ihre Ziele konkret?

    Lehmann: Ich möchte bei der Bahn-WM im September in Antwerpen eine Medaille im Einer und/oder im Vierer.Ich möchte bei den Deutschen Meisterschaften ganz weit vorne landen. Und ich möchte irgendwann auch mal ein Sechstagerennen gewinnen. Das könnte vielleicht schon bald klappen...

    RADSPORT-NEWS.COM: Im Januar finden drei Sixdays statt...

    Lehmann: Ich werde demnächst nach Mallorca fliegen zum Training. Dann ist Bremen (11.-16.01.) dran, wo ich mich einfahren kann, auf der kurzen Bahn in Bremen habe ich ohnehin schlechte Karten als Verfolger. Aber dann kommen Stuttgart (19.-24.01.) und Berlin (25.-30.01.),
    bei denen ich jeweils mit Jimmy Madsen fahre. Ich könnte mir gut vorstellen, da auf dem Treppchen zu landen, zumal Berlin ein Super-Publikum hat, das mich auch immer besonders anfeuert. Und Stuttgart ist ja nicht so weit weg von Nürnberg, für den Sponsor vielleicht eine schöne Sache zum Einstieg... Jens Lehmann

    RADSPORT-NEWS.COM: Wir merken, Sie denken schon wie ein Profi. Bei welchen Strassenrennen wird man Sie sehen?

    Lehmann: Da wird sich vermutlich nicht so viel ändern. Ich bin ja auch im letzten Jahr zehn Rundfahrten gefahren und ich bin übrigens alle zu Ende gefahren. Im nächsten Jahr fahre ich zum Teil wieder mit der Bahn-Nationalmannschaft bei Strassenrennen mit, zum Teil im Nürnberger-Trikot. Hoffentlich kann ich meinem Freund Thomas Liese beim einen oder anderen Rennen als Teamhelfer mit zum Sieg verhelfen und bei dem ein oder anderen Einzelzeitfahren oder Prolog kann ich vielleicht gewinnen. Und beim Paarzeitfahren wie dem im Karlsruhe im August fahre ich mit Liese zusammen. Ich denke da, haben wir gute Chancen.

    RADSPORT-NEWS.COM: Sie sind 32 Jahre alt. Ans Aufhören denken Sie aber noch lange nicht, oder?

    Lehmann: Nein, das absolute Ziel lautet Olympia 2004. Und wie gesagt, auch im nächsten Jahr bin ich richtig heiß auf die Rennen. Ich freue mich schon unheimlich.

    RADSPORT-NEWS.COM: Ein Wort zu Ihrem Viererkollegen Robert Bartko, der bei Telekom sein Debüt als Strassenprofi geben wird. Wie wird er sich schlagen, was denken Sie?

    Lehmann: Ach, ich glaube, mit Prognosen sollte man vorsichtig sein. Er hat ein großes Potenzial, auch auf der Straße. Ich glaube, er kann auch auf der Straße schnell fahren. Er nimmt die Sache jedenfalls so ernst, wie es man es tun muss.

    RADSPORT-NEWS.COM: Ein Verlust für den deutschen Bahnsport...

    Lehmann: Ja, sicher, das ist es. Aber vielleicht kann Bartko mithelfen, dass Bahn und Strasse ein bißchen mehr miteinander verschmelzen. Auch Daniel Becke wechselt ja auf die Strasse (zu Coast). Es muss ja nicht unbedingt eine Einbahnstrasse sein und vielleicht fahren beide auch wieder einmal auf der Bahn. Man kann durchaus auch auf der Bahn fahren, ohne dass dies gleich die Leistung auf der Strasse beeinträchtig. Ich denke, auch ein Erik Zabel könnte auf der Bahn erfolgreich sein, ebenso Danilo Hondo, der ja dieses Jahr einen Abstecher gemacht hat auf die Bahn, dann wegen einer Verletzung das wieder abbrechen musste.

    RADSPORT-NEWS.COM: In der Adventszeit schaut man ja mal auf das zu Ende gehende Jahr zurück. Für Sie war es ein unglaubliches Jahr, nicht?

    Lehmann: Es ist unheimlich viel passiert. Es gab die tragischen Unfälle. Erst wurde unser Bundestrainer Robert Lange totgefahren, dann auch mein junger Köstritzer-Teamkollege Robert Kaiser. Das war das schlimmste. Danach war es schwer, wieder zur Tagesordnung überzugehen. Das sind Dinge, die bleiben hängen. Und dann andererseits die schönen Erfolge, Olympia, WM. Vor drei Jahren hätte ich nicht mehr geglaubt, nochmal Olympia fahren zu können. Bei (dem Vorgänger von Lange, dem früheren Bundestrainer Wolfgang) Oehme hatte ich nie eine Chance. Lange hat sein Vertrauen in mich gesetzt, ohne dass ich mich da jede Woche neu beweisen musste, wie das bei Oehme der Fall war. Und auch der neue Bundestrainer Bernd Dittert, der den schweren Übergang nach dem Tod von Lange hervorragend gemeistert hat, setzt auf mich. Ja, es war ein denkwürdiges Jahr.

    RADSPORT-NEWS.COM: Wann treffen Sie Ihre neuen Teamkollegen?

    Lehmann: Am 9. Januar in Nürnberg bei der Mannschaftsvorstellung von Team Nürnberger. Danach fahre ich Sechstagerennen, das Team fährt die Mallorca-Rundfahrt. Ab der Niedersachsen-Rundfahrt im April werde ich dann bei der Mannschaft sein und die Strassenrennen fahren.

    RADSPORT-NEWS.COM: Jens Lehmann, vielen Dank für das Gespräch.

    Das Interview führte Kersten Volk

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