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Tour-Chef Leblanc: "Ich kann die Geographie Frankreichs nicht verändern"

07.07.98 - Jean-Marie Leblanc, der Directeur der Tour de France, über das Layout der Tour 98, die Chancen von Pantani, Virenque und Ullrich und seine Philosophie von modernem Radsport...


Jean Marie Leblanc
Richard Virenque hat der Tour-Organisation vorgeworfen, die Tour 98 sei viel zu flach im Vergleich zu letztem Jahr und man gebe ihm keine Chance. Was sagt der Tour-Direktor dazu?

Leblanc: "Ich ziehe es vor, das eher als Scherz zu sehen, als eine Kritik. Es war nie in der Tradition der Tour, einen Kurs für oder gegen einen Rennfahrer zu bauen. Außer einmal, in den 60er Jahren. Jacques Goddet [der damalige Tourdirektor. -Die Red.] erzählt in seinen Memoiren, daß er

genug hatte, von der Art und Weise, wie Jacques Anquetil [Toursieger 1957 u. 61-64. -Die Red.] fuhr und daß er eine Tour entwarf mit wenig Zeitfahren. Aber Anquetil gewann dennoch und Jacques Goddet zog daraus eine Lehre, die er an seinen jungen Nachfolger weitergab: Es ist sinnlos, so etwas zu machen, es geht einfach nicht."

Würde denn die Tour einen französischen Sieg vorziehen?

Leblanc: "Die Tour de France ist glücklich, wenn französische Rennfahrer im Rampenlicht stehen. Aber es kommt nicht in Frage, den Parcours so zu gestalten, daß er einen französischen Rennfahrer bevorzugt. Das habe ich nie gemacht. Es ist undenkbar, wenn man ein Sportsmann ist und wenn man einen weltberühmten Wettkampf organisiert. Es ist undenkbar, auch nur eine Sekunde dran zu denken, den Kurs aus chauvinistischen, nationalistischen Motiven zu gestalten. Man würde den Sport verraten."

Leblancs Tourfavoriten

"Ullrich - er war zuletzt in der Classique des Alpes und in der Tour de Suisse sehr stark - Olano, Virenque, Zülle, Pantani."

Und Bjarne Riis?

Leblanc: "Im Moment nicht. Aber als er 1996 gewann, hatte vorher auch niemand mit ihm ernsthaft gerechnet, außer er selber. Aber ich glaube, Ullrich ist besser. Er ist derselbe wie 1997."

Wie schwer ist der Kurs in diesem Jahr denn wirklich?

Leblanc: "Wenn man mal die emotionalen Reaktionen vergisst, sich auf die Zahlen, die Fakten, stützt, stellt man fest, daß der Kurs weder zu leicht noch zu schwer ist. Man durfte nicht den Weg der Tour 97 weitergehen,- die Tour 97 war die schwerste Tour seit Jahren. Weil die Tour exzellent war, war die Versuchung da, die Tour noch schwerer zu machen. Aber die gleichen Leute, die uns ermunterten, die Tour schwerer zu machen, hätten uns kritisiert, wenn es schiefgegangen wäre, oder sogar ein ernster Unfall passiert wäre aufgrund unmenschlicher Anstrengungen. Diese Tour ist genau im Durchschnitt der letzten Jahre und sucht die richtige Balance."

Was ist die richtige Balance?

Leblanc: "Die Anzahl der Berge liegt immer zwischen 20 und 25, durchschnittlich 3 Bergankünfte und Zeitfahren von insgesamt 100-120 Kilometer. Dieses Jahr haben wir 23 Berge, zwei Bergankünfte und 110 Kilometer Zeitfahren. Vielleicht fehlt eine Bergankunft, ich bedauere das übrigens, aber wir müssen auch das flache Terrain berücksichtigen und die Kandidaten für Stadt-Etappen."

Werden nicht die Kletterer bestraft?

Leblanc: "Wir haben absichtlich seit Jahren die Distanzen der Zeitfahren verringert. Die Weiterentwicklungen am Fahrrad, die Verbesserungen an der Aerodynamik, davon haben fast ausschließlich die Rolleure profitiert. Daher war es notwendig, Änderungen durchzuführen, damit der Unterschied zwischen Rolleuren und Kletterern nicht einseitig verschoben wird. Wir haben sogar Zeitbonifikationen bei den Bergwertungen geplant, aber das war eine nicht so gute Idee, weil es dazu beitrug, das Rennen zu blockieren. Aber warum nicht in der Zukunft Bonifikationen bei Bergankünften?

Pantani sagt oft, daß die Berge der Tour im Vergleich zum Giro nicht steil genug seien.

Leblanc: "Zunächst einmal sind die Dimensionen der Tour größer als die des Giro. Das zwingt uns, bestimmte Pässe beiseite zu lassen, obwohl wir sie gerne nähmen. Und dann: wir können die Geographie Frankreichs nicht ändern. In diesem Jahr ist Plateau de Beille eine Entdeckung und in den nächsten Jahren werden wir so etwas noch öfter sehen. Pantani kann beruhigt sein! Er braucht nicht zu denken, die Tour sei nicht günstig für ihn."










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