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"Ich freu mich darauf, wieder mal im Sommer Urlaub machen zu können!"

Von Bruno Schildknecht

26.04.98 - Der zweite grosse Saisonsieg beim Amstel Gold Race - nach dem Tirreno-Adriatico - hat den Schweizer Rolf Järmann endgültig zu den erfolgreichsten Radprofis der nunmehr zu Ende gehenden Frühjahrssaison 1998 gemacht. Wie der Thurgauer nicht nur den Holländer Maarten Den Bakker im Schlussspurt aus der schlechteren Position bezwungen hat, ist jedoch nur die eine Seite. Vielmehr war es die Präsenz, der ständige Kampfgeist, das Vorne-Fahren während praktisch des ganzen Rennens, mit welchem sich Järmann den Respekt und die Anerkennung der Radsportwelt gesichert hat.

Und den Einwand, dass es wohl sehr knapp war, kontert Järmann mit der Feststellung, dass die Entscheidung beim Amstel Gold Race diesmal gar komfortabel gewesen sei. "Den Bakker lag im Ziel eine ganze Radlänge zurück, bei meinem ersten Sieg 1993 in Maastricht habe ich Gianni Bugno nur um wenige Zentimeter bezwungen!" Bestimmt hatte Järmann in diesem Moment kaum an sein am Freitag zuvor abgegebenes Versprechen gedacht, als er in einem grossen Schweizer Boulevardblatt ankündigte, wenn er das Amstel gewinne, fahre er als Gast in der kleinen Schweizer Sportgruppe Ericsson-Villiger die 75. Berner Rundfahrt.

Doch Järmann hielt sein eher in einer Schnapslaune abgegebenes Wort. Und trat bereits am Sonntag früh in Bern zu den 196,8 km rund um die Schweizer Bundesstadt an. Allerdings hielt er nicht durch, obwohl er wiederum sehr präsent stets vorne im Feld mitfuhr. "140 km lang ging's ja noch, aber dann waren doch plötzlich die Strapazen aus dem Amstel Gold Race da und ich wurde hoffnungslos abgehängt." Da blieb ihm schliesslich nur noch der kürzeste Weg unter die Dusche.

Edelhelfer

Järmann, der in seiner Karriere bereits 23 Siege errungen hat - darunter eine Giro- und zwei Tour-de-France-Etappen -, gilt wohl kaum als typischer Radprofi. Denn relativ spät setzte er voll auf die Karte Radsport. Zuerst - wie in der Schweiz üblich - musste die Berufslehre als Vermessungszeichner sein. Und diese schloss er nicht einfach ab, nein, er erzielte gesamtschweizerisch eines der besten Resultate seines Jahrgangs.

Doch dann ging's steil bergauf mit seiner Radsport-Karriere. Schon als 19jähriger in die Amateur-Eliteklasse aufgestiegen, machte er im selben Jahr mit dem fünften Rang bei der Ostschweizer Rundfahrt erstmals auf sich aufmerksam. Während seiner Profilaufbahn, die mittlerweile in der zwölften Saison angelangt ist, war er nie ein unantastbarer Captain, sondern eher der Joker in der Mannschaft, der auch mal freien Ausgang erhielt.

Dies änderte sich nochmals, als Järmann anfangs 1997 zur französischen Mannschaft von Casino wechselte. Dort sollte er insbesondere die jungen Profis in das Metier einführen, eine Aufgabe, die dem schon alten Fuchs durchaus zusagte. "Noch nie habe ich soviel Geld verdient, mit der Auflage, nicht gewinnen zu müssen, sondern das Rennen unserer Mannschaft im Feld zu organisieren", lacht er.

Doch vielleicht war gerade die Tatsache, dass er nicht mehr "muss", der ausschlaggebende Punkt für das Erwachen des mittlerweile 32jährigen. War 1993 der Erfolg im Amstel Gold Race noch eine Riesenüberraschung, ist der Sieg von 1998 nun umso höher zu bewerten, weil Järmann als Favorit gestartet seiner Favoritenrolle gerecht wurde.

Die Saison ist für Rolf Järmann aber noch nicht abgeschlossen. Denn jetzt kommen die Rundfahrten, wo er die Teilnahme an der Tour de Romandie, am Giro d'Italia und an der Tour de Suisse geplant hat. Die Tour de France ist - obwohl Casino dort gesetzt ist - kein Thema für ihn. "Ich freue mich, endlich wieder mal im Hochsommer Urlaub machen zu können!" Wer weiss, vielleicht ist dieser Urlaub gar schliesslich die Basis, im Herbst noch mal zuzulegen. Auf den Geschmack ist der frühere Schweizermeister jedenfalls offensichtlich gekommen.

Computerfreak

Wie lange Järmann im Peleton noch mittun wird, hängt wohl sehr vom Erfolg ab. Denn irgendwann will der Computerfreak, der im Internet unter http://www.velopages.ch/jarmann/portrait.html eine eigene Homepage besitzt, auch wieder mehr Zeit für Frau Cornelia und seine Söhne Dominik (7), Samuel (4) und Nicolas (15 Monate) haben, mit denen er im thurgauischen Landschlacht ein schmuckes Einfamilienhaus bewohnt. "Rund 240 Tage pro Jahr lebe ich aus dem Koffer, schlafe ebenso viele Nächte im Hotel", betont Järmann die Situation, die ihm oft genug etwas an die Nerven geht. "Denn immerhin kommen da jährlich auch noch drei Wochen Militärdienst hinzu", lacht er. Aber es wäre ihm noch nie in den Sinn gekommen, seinen Wohnsitz ins Ausland zu verlegen und sich so vom Wehrdienst zu drücken. Das ist nicht der Stil des bescheidenen, und vielleicht deshalb auch oft verkannten Berufsmannes auf dem Rad.

Story © 1998 by Bruno Schildknecht.

Berichte vom Amstel Gold Race 1998
25.04.98 Rolf Järmann wiederholt seinen Sieg beim Amstel Gold Race
24.04.98 Michael Boogerd der Favorit beim Amstel Gold Race 1998








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