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28.05.98 - Der Franzose Laurent Roux (TVM) gewann am Donnerstag die
12. Etappe des Giro d'Italia und am Ende des 202km langen Tagesabschnitts
von San Marino nach Carpi hatte Roux auch das Rosa Trikot des in der Gesamtwertung |
Führenden inne. Zülle, dem er das Maglia Rosa abnahm, sah zwar im
Ziel wie ein begossener Pudel aus, aber das lag nur am strömenden
Regen, der über der Emiglia Romagna niederging: "Mein Team kann sich jetzt
etwas schonen für die wichtigen Tage, die bald kommen.
Ich will das Rosa Trikot in Mailand haben", so der Schweizer.
Laurent Roux war im Ziel selbst fast erschrocken, als er hörte,
daß er tatsächlich Zülle, der das Rosa Trikot in den letzten
sechs Tagen getragen hatte, weggeschnappt hatte. "Ich habe schon seit
mehreren Tagen ein sehr gutes Gefühl", so Roux, der bereits in
San Marino unter die ersten Zehn gefahren
war und in den letzten Tagen immer wieder Attacken lanciert hatte. "Aber", so Roux
weiter. "ich habe immer nur an einen Etappensieg gedacht. Das Rosa
Trikot schien unerreichbar."
Roux war zusammen mit 21 Rennfahrer-Kollegen gut 80 Kilometer
vor dem Ziel in Carpi dem Feld enteilt. Diese Fluchtgruppe brach auf
den letzten 20 km auseinander, 10.000 Meter vor dem Ziel waren
nur noch 9 Fahrer in der Spitzengruppe. Neben Roux waren dies
Sergej Smetanine, Andrej Zintchenkov (beide Vitalicio),
Jose Rubiera (Kelme), Fabrizio Guidi (Polti), Germano Pierdomenico, Martin Hvastija
(beide Cantina), Rolf Järmann
(Casino) und Paolo Lanfranchi (Mapei).
Zehn Kilometer vor dem Ziel hatte diese Neuner-Gruppe etwas mehr ca.
1:30 Minuten Vorsprung vor dem Feld mit Alex Zülle. Zu diesem
Zeitpunkt war es noch sehr unsicher, ob die Spitzengruppe einen
Vorsprung ins Ziel retten werden könnte. Aber im Feld machte niemand
so richtig Druck. Vitalicio, Casino, Polti, Kelme, Cantina und Mapei
waren natürlich überhaupt nicht an der Tempoarbeit interessiert
und Zülles Festina-Truppe fuhr auch recht lustlos vor dem Feld,
offensichtlich hatte Zülle zu diesem Zeitpunkt schon die Losung
an sein Team ausgegeben, nicht um jeden Preis auf den regennassen,
rutschigen Straßen das Trikot, das zu diesem Zeitpunkt mehr Last als
Lust für Zülle bedeutete, zu verteidigen.
Mario Cipollini, der noch die Chance auf einen weiteren Sprintsieg
witterte, ärgerte diese Situation so sehr, daß er irgendwann
im Feld antrat, ein paar Meter vor das Feld fuhr und wild gestikulierend
das Peloton beschimpfte. Der verdutzte, ratlose Blick der anderen Rennfahrer im Feld,
als der Super-Sprinter Cipollini 10km vor dem Ziel zu attackieren schien,
wird sicher als einer der komischsten Momente des diesjährigen
Giro in die Annalen eingehen.
Je näher das Ziel rückte, je klarer wurde, daß die
neun Rennfahrer an der Spitze die Tagesentscheidung unter sich ausmachen
würden. Einige der neun wollten sich nicht auf ihre Sprintfertigkeiten
verlassen und es folgte auf den letzten 5km eine ganze Reihe von
Attacken, die aber alle folgenlos blieben.
Die vorentscheidende Attacke kam von Germano Pierdomenico etwa 2.000 Meter
vor dem Zielstrich. Roux und Smetanine setzten sich an das Hinterrad von
Pierdomenico, der Rest der Spitzengruppe konnte nicht folgen. Auf der
Zielgeraden zog Sergej Smetanine den Sprint als Erster an. Laurent Roux
blieb bis einige Meter vor dem Ziel im Windschatten des Russen und hatte
am Ende keine Probleme, den Schlußsprint zu gewinnen.
"Ich wußte, daß ich die Etappe möglicherweise
gewinnen konnte, aber ich mußte immer an meine Pechsträhne
von vor zwei Jahren denken." 1996 hatte Roux bereits einmal einen
Giro-Etappensieg knapp verpasst und auch bei der französischen Meisterschaft
vor zwei Jahren verpasste er den Titel nur ganz knapp. "Ich habe das aber
nicht an mich herangelassen. Ich habe mir gesagt, ich muß auf Sieg fahren.
Bis jetzt hatte ich in diesem Jahr noch keine Resultate."
Roux, der seine Profi-Karriere 1994 beim damaligen Castorama-Team
begonnen hatte und dessen größter Erfolg bis dato
ein Sieg beim Classique des Alpes war,
zu seinen weiteren Plänen beim Giro: "Ich werde die
Giro-Führung bis zum äußersten verteidigen, aber ich bin
sicher, daß ich das Rosa Trikot beim Zeitfahren am Sonntag
in Trieste verlieren werde. Zumindest hoffe ich, es bis dahin zu behalten.
Aber hier attackiert jeder so oft, daß man nicht mal Zeit hat
für eine Pause, wenn die Natur ruft."
Alex Zülle, der bei der Etappe in einen Sturz verwickelt war,
aber dabei bis auf ein paar Abschürfungen am linken Arm keine
ernsthaften Folgen davontrug, war vom Verlust des Rosa Trikot
gänzlich unbeeindruckt. "Es ist gut für uns, daß
jetzt Roux' Team hart arbeiten muß, um das Trikot
zu verteidigen. Meine Fahrer können sich jetzt erst einmal
etwas schonen. Wir konzentrieren uns auf die wichtigen Tage, die bald
kommen. Ich will das Rosa Trikot haben, wenn der Giro in Mailand
ankommt."