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22.05.98 - Drei Tage nachdem er sein Rosa Trikot an Sergej Gontschar
verlor, ist Alex Zülle schon wieder im Besitz des begehrten rosa
Stoffs. Im Stile eines wahren Champions attackierte Zülle
auf dem Schlußanstieg der 158km langen sechsten Giro-Etappe
von Maddaloni nach Lago Laceno in Kampanien. |
Michele Bartoli
kämpfte zwar wie ein Löwe, mußte aber am Ende
dennoch das Rosa Trikot bereits nach einem Tag wieder abgeben.
Die eigentlichen Männer des Tages waren Roberto Sgambelluri (Brecialat)
und Alessandro Baronti (Cantina Tollo), die eine Flucht über
108km inszeniert hatten, aber nach dem hochdramatischen Finale auf den letzten acht Kilometern
sprach kaum jemand mehr über ihre beherzte Aktion.
Der Schlußakt am Freitag begann, als Marco Pantani (Mercatone)
acht Kilometer vor dem Ziel zunächst eine Attacke konterte und
in der Folge allein vor dem Feld den letzten von drei schwereren Bergen
hinauffuhr durch ein Spalier von Tausenden begeisterten Tifosi. Hinter Pantani
reagierten als erste Michele Bartoli (Asics) und Luc Leblanc (Polti),
die aus einer kleinen Gruppe die Verfolgung Pantanis aufnahmen. Kurz darauf
schloß auch Alex Zülle zu Leblanc und Bartoli auf.
Zülle schilderte später die Situation aus seiner Sicht so:
"Als ich lossprintete um Bartoli und Leblanc einzuholen, war ich mir sicher,
daß Ivan Gotti und Pavel Tonkov an meinem Hinterrad sein würden.
Als ich dann merkte, daß sie nicht da waren, habe ich innerhalb eines
Bruchteils einer Sekunde eine Entscheidung getroffen, anzugreifen. Ich hatte
bis dahin soviel gearbeitet, daß ich dachte, ich solle dem die Krönung
aufsetzen."
Und Zülle krönte seine Leistung tatsächlich. Der Schweizer
trat an und Leblanc und Bartoli hatten große Mühe, sein Hinterrad
zu halten. 5km vor dem Ziel hatte Zülle Marco Pantani eingeholt.
3,7km vor dem Ziel, bei der letzten Bergwertung, lag Zülle alleine
vorne, Pantani und Leblanc folgten hinter Zülle mit bereits acht Sekunden
Rückstand, Bartoli, der immer noch wie ein Löwe um sein Rosa Trikot
kämpfte, folgte mit 13 Sekunden Rückstand auf Zülle.
Auf den verbleibenden Kilometern, die leicht bergab verliefen, hatte dann
Zülle keine Probleme, den Vorsprung auf seine Verfolger noch zu vergrößern.
Ins Ziel kam Zülle schließlich 24 Sekunden vor Michele Bartoli,
der bis zum Zielstrich alles gab, dem aber am Ende gerade mal 9 Sekunden
fehlten zur Verteidigung der Gesamtführung. Luc Leblanc, der in diesem
Jahr erstmals seit einigen Jahren wieder ganz vorne mitfährt, und
Giro-Mitfavorit Marco Pantani kamen zeitglich mit Bartoli ins Ziel. Die anderen
Favoriten wie Ivan Gotti, Pavel Tonkov und Enrico Zaina kamen weitere
10 Sekunden später ins Ziel.
Alex Zülle trägt nun wieder das Maglia Rosa, aber anders als
nach dem Prolog sind die Abstände an der Spitze
nun schon zu groß, als daß jemand praktisch im Vorbeifahren bei
Intergiro-Wertungen und Zeitbonifikationen Zülle das Trikot wieder abnehmen
könnte. Es ist nicht auszuschließen, daß Zülle
nun das Trikot bis nach Mailand behält, zumal wenn man
berücksichtigt, wie stark sich Zülle am Freitag gezeigt
hatte- und das am Berg, wo seine Rivalen eigentlich ihm Zeit abnehmen
müssten, um eine Chance zu haben, den Schweizer zu schlagen.
"Wenn Zülle keine Schwächen mehr zeigt, ist das Rennen für
mich vorbei", so Vorjahressieger Ivan Gotti.
Zülle selbst will von derlei aber noch nichts hören:
"In diesen Bergen heute gab es Abstände von 30 Sekunden,
in den Dolomiten geht es um Minuten."
Für einige Fahrer ging es jedoch auch schon am Freitag um
Minuten. Der von einer Bronchitis geplagte Claudio Chiappucci (RosMary)
verlor über 13 Minuten und kam auf Platz 97. Noch schlimmer
erwischte es einige der Sprinter. Das
Grupetto hatte goße Probleme.
Nicola Minali, Etappensieger vom Dienstag,
und Jeroen Blijlevens (TVM) schafften das Zeitlimit nicht und wurden
aus der Wertung genommen. Für sie ist der Giro in diesem Jahr früh
zu Ende. Gelegenheitsraucher Mario Cipollini hingegen kam erstaunlich
gut über die Berge, beendete die Etappe auf Platz 118 mit knapp 20 Minuten
Rückstand.