29.12.99 - Die Enthüllungen um die Dopingpraxis mit dem Hormon
Erythropoietin (EPO) im italienischen Radsport der achtziger und neunziger Jahre
gehen weiter. Nachdem die römische Tageszeitung La Repubblica am
Montag eine umfangreiche Namensliste des Dopings verdächtiger Sportler veröffentlicht
hatte, legte am Mittwoch die Mailänder Gazzetta dello Sport nach.
Nun stehen auch u.a. Pavel Tonkov, Ivan Gotti, Abraham Olano, Laurent Jalabert
und Fernando Escartin unter EPO-Verdacht.
Wie am Mittwoch bekannt wurde, hat inzwischen der Staatsanwalt
von Bologna, Guiovanni Spinosa, gegen den Sportmediziner Dr. Michele Ferrari (Szenename "Dottore EPO")
ein formelles Strafverfahren eröffnet. Bisher hatte die Staatsanwaltschaft
lediglich ein Ermittlungsverfahren gegen Ferrari geführt.
Dr. Ferrari begann als Schüler von Professor Francesco Conconi,
gegen den inzwischen ebenfalls wegen dopingrelevanten Delikten ermittelt
wird. Später verließ Ferrari Conconis Institut in Ferrara,
das "Epizentrum des italienischen Dopings" (Gazzetta), und
machte sich selbstständig. Bis vor wenigen Jahren galten Dr. Ferrari
und Prof. Conconi als die (sportmedizinisch) treibenden
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Kräfte hinter
den erfolgreichen italienischen Ausdauersportlern im Ski-, Lauf- und eben im Radsport.
Conconi und Ferrari standen bereits seit langem unter dem Verdacht, ihre
Schützlinge mit EPO schnell gemacht zu haben. Die angesehene französische
Tageszeitung Le Monde nannte Conconi einmal den "Vater von EPO".
Ferrari verglich einmal in einem Interview die Gefährlichkeit
von EPO mit der von Orangensaft ("Alles eine Frage der Dosierung").
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Verdächtige Schwankungen
Laut Gazzetta dello Sport wurden bei den Girosiegern
Pavel Tonkov (Giro 1996) und Ivan Gotti (Giro 1997) enorme Schwankungen ihrer Hämatokritwerte
gemessen:
Tonkov: 51,5% (6/96) bis 40,9% (9/96)
Gotti: 50,7% (6/98) bis 35,2% (1/97)
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Am Mittwoch veröffentlichte La Gazzetta dello Sport
eine weitere Liste, mit Namen von Profi-Rennfahrern, die von Dr. Ferrari
behandelt worden sind. Auf dieser Namensliste stehen u.a. die Girosieger Pavel Tonkov
und Ivan Gotti, Abraham Olano, Ex-Profi Tony Rominger, Laurent Jalabert,
Fernando Escartin, Gianluca Bortolami, Giorgio Furlan. Auch der Name Marco Pantani ist
dabei.
Die Hämatokritwerte (der Anteil der sauerstofftragenden roten Blutkörperchen,
deren Produktion durch das Hormon EPO angeregt werden) dieser Radsportler
seien, so die Gazzetta, vor Rennen stets stark angestiegen, was laut Experten
stark auf eine Manipulation durch künstliche Beigabe von EPO hindeutet,
sich aber nicht zweifelsfrei beweisen läßt.
EPO-Doping ist derzeit nicht nachweisbar. 1997 legte der internationale
Radsportverband ein Hämatokritwert-Limit fest, bis zu dem ein Sportler
als "renntauglich" gilt. Zuvor war es immer wieder vorgekommen, dass Rennfahrer
soviel EPO nahmen, dass ihr Blut lebensgefährlich dick wurde.
Es gab Geschichten von Rennfahrern, die nachts geweckt werden mußten,
damit sie gymnastische Übungen machen konnten, um der Gefahr einer Trombose
im Schlaf vorzubeugen. Seit dem Schock des Tourskandals von 1998,
der den Profiradsport an den Rande des Ruins brachte, ist Doping
in der Szene nicht mehr so verbreitet wie zuvor.
Die neuerliche "Liste", die aus staatsanwaltschaftlichen Quellen stammt, ist nunmehr bereits die dritte innerhalb von
wenigen Tagen. Am 16. Dezember hatte der Corriere dello Sport eine Liste
mit 21 Namen von Patienten von Dr. Michele Ferrari veröffentlicht,
am Montag hatte La Repubblica eine Liste mit 22 Namen von Prof. Conconi-Schützlingen
veröffentlicht.
Der Vorsitzende der Anti- Doping-Kommission des Nationalen Olympischen Komitee Italiens (Coni),
Giacomo Aiello, kündigte inzwischen "Ermittlungen" gegen die entsprechenden
Sportler an. Sanktionen wegen Dopingverstößen sind jedoch sehr unwahrscheinlich,
da nach dem Reglement ein "Dopingfall" abgesehen von einem "Geständnis"
des betreffenden Sportlers nur dann vorliegt, wenn ein anerkanntes Labor ein
"positives" Ergebnis zutagefördert.