16.12.99 - Der Staatsanwalt von Bologna, Giovanni Spinosa, hat am
Donnerstag die Akten einer ganzen Reihe von Radprofis, darunter die des
Kölners Andreas Kappes und die von italienischen Radstars
wie Ivan Gotti und Mario Cipollini, an die Anti-Dopingkommission des Italienischen
Olympischen Komitees (CONI) übergeben. Die Rennfahrer waren alle
zeitweise von Dr. Michele Ferrari, gegen den der Staatsanwalt wegen Dopingdelikten ermittelt,
behandelt worden.
Der italienische Sportarzt Dr. Michele Ferrari genoß seit den Achtzigern und bis vor kurzer Zeit
das Vertrauen vieler Spitzensportler, darunter Fußballprofis, Leichtathleten und Dutzende Radstars von Tony Rominger
bis Abraham Olano, von Andy Kappes bis Ivan Gotti. Dr. Ferrari, Szene-Spitzname "Dottore EPO"
verglich in Interviews schon mal EPO mit Orangensaft, sodass es eigentlich längst kein Geheimnis mehr
war, womit der Mediziner seine "Patienten" zumindest manchmal behandelte. Der im Fall Ferrari ermittelnde Staatsanwalt
von Bologna ließ jedoch jetzt eine Liste mit den Namen von 21 Radrennfahrern
an die Presse durchsickern und die Sache droht für einige ganz grosse Stars peinlich zu werden.
Die Namen von 21 Rennfahrern stehen auf der Liste, die die italienische
Tageszeitung Corriere dello Sport am Mittwoch veröffentlich hatte.
Dies sind Abraham Olano, Fernando Escartín, Mario Cipollini, Ivan Gotti, Paolo Svoldelli, Pavel Tonkov, Axel Merckx, Enrico
Zaina, Gianni Faresin, Alessandro Bertolini, Gianluca Bortolami, Beat Zberg, Kevin Livingston, Armand De las Cuevas, Andreas Kappes, Giorgio Furlan, Daniele
Pontoni, Filippo Simeoni und Eddy Mazzoleni. Auch die Namen der inzwischen zurückgetretenen
Champions Tony Rominger und Claudio Chiappucci sind in diesem Zusammenhang gefallen.
In den staatsanwaltschaftlichen Akten dieser von Dr. Ferrari betreuten Profis
sind Anhaltspunkte, wonach insbesondere ihre Hämatokritwerte zum einen oder anderen Zeitpunkt
über dem zur Zeit als Limit geltenden Wert von 50 Prozent liegen. Zudem
ist bei vielen Fahrern ein ungewöhnlich hoher Eisenwert (Ferritin) im Blut
festgestellt worden, was durch Dopingsubstanzen wie das Hormon Erythropoietin verursacht
werden kann. "Einige Parameter, insbesondere der Ferritin-Wert, sind
gesundheitsgefährlich. Dies sind keine natürliche Abweichungen, sondern
Folge der Einnahme von Dopingsubstanzen", kommentierte Prof. Plebani,
Direktor eines medizinischen Labors in Padua die in den staatsanwaltschaftlichen
Akten enthaltenen Analysen.
Die staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen richten sich nicht gegen die Rennfahrer,
sondern gegen Dr. Ferrari und weitere insgesamt 15 Personen (Ärzte, Apotheker, Betreuer),
die des Verstößes gegen Arzneimittelgesetz usw. verdächtig sind.
Die CONI-Kommission muß nun nach Auswertung der Akten über die weitere
Vorgehensweise entscheiden. Gegebenenfalls kann sie die Fälle an die
Disziplinarkommissionen der zuständigen Verbände weitergeben.
Etwaige Sanktionen können nur diese verhängen. Dies ist jedoch in
diesen Fällen eher unwahrscheinlich. Ein Sprecher des Bund Deutscher Radfahrer (BDR)
erklärte zur Verwicklung von Andy Kappes, ein Dopingfall liege nur vor
"bei einem entsprechenden Laborergebnis und anschließender positiver B-Probe".
Pavel Tonkov sagte gegenüber der italienischen Agentur ANSA:
"Ich habe niemals Erythropoietin genommen, Ich war bei Dr. Ferrari, weil alle
hingegangen sind und alle im Peloton gesagt haben, man werde schneller, wenn
man zu ihm ginge."
Auch Girosieger Ivan Gotti wies Dopingverdächtigungen energisch zurück:
"Meine medizinische Akte wurde bereits drei Mal von der medizinischen Kommission der
UCI gecheckt, zwei Mal von der medizinischen Kommission des italienischen Verbands
und ich bin ständig unter der Aufsicht meines Mannschaftsarztes.
Niemals wurde bei mir eine Anomalie entdeckt. Ich bin ganz ruhig",
so Gotti gegenüber der Gazzetta dello Sport.