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Hintergrund: Was ist EPO?
EPO, der Star unter den Dopingmitteln

25.05.00 - Künstlich zugegebenes Erythropoietin (EPO) wird voraussichtlich demnächst mit einem einfachen Urintest nachgewiesen werden können. Dies könnte das Ende sein für EPO-Doping, das sich seit Beginn der neunziger Jahre in der internationalen Radsportszene immer mehr ausgebreitet hat, weil es so effektiv "wie ein zusätzlicher Gang" und zudem nicht nachweisbar war.

Wie wirkt EPO?

Bei Ausdauersportlern ist der Schlüssel zum Erfolg ein "langer Atem". Um lange und dauerhaft große Leistungen zu vollbringen, müssen Muskeln mit Sauerstoff versorgt werden. Transportíert wird dieser im Blut durch die roten Blutkörperchen (Erythrozyten). Grundsätzlich kann man sagen: Je mehr rote Blutkörperchen, desto besser werden die Muskeln mit Sauerstoff versorgt. Die Bildung der Erythrozyten kann man durch Training in der Höhe (oder in Unterdruckkammern) anregen. Dies ist - natürlich - erlaubt.

Eine andere - verbotene - Methode, um mehr rote Blutkörperchen im Blut zu haben, ist die künstliche Zugabe von Erythropoietin (EPO). Dieses ist ein körpereigenes Hormon, das die Produktion der Erythrozyten anregt: je höher der Erythropoietin-Spiegel, desto mehr rote Blutkörperchen produziert der Körper. Seit den achtziger Jahren wird EPO in der Pharmaindustrie gentechnisch hergestellt. Als Medikament (z.B. "Epogen" vom Biotech-Konzern Amgen) hilft es bei der Behandlung von Anämie (Blutarmut) oder der Therapie von Krebskranken nach einer Chemotherapie. Doch nicht nur Kranke wissen die Wirkungen von EPO-Präparaten zu schätzen. Bei Radsportlern, Schwimmern, Skilangläufern und Leichtathleten in Ausdauerdisziplinen ist EPO seit Anfang der neunziger Jahre der Star unter den Dopingmitteln, zumal es bei Dopingkontrollen bisher nicht nachweisbar war. "Wenn Du EPO nimmst, ist es, als ob Du plötzlich noch einen Gang mehr hast", sagte mal ein prominenter deutschsprachiger Radprofi gegenüber RADSPORT-NEWS.COM

Vor allem im italienischen Radsport nahm EPO in den neunziger Jahren epidemiehafte Ausmaße an, wovon zahlreiche unterhaltsame Anekdoten überliefert sind. Beim Giro d'Italia 1996, der in Griechenland begann, nahm zum Beispiel eine Karawane von Teamfahrzeugen den ewig langen Landweg von Athen über den Balkan, Slowenien, Venedig und wieder nach Süden bis Mittelitalien, weil durchgesickert war, dass eine Polizeirazzia auf die offizielle Giro-Fähre in Brindisi wartete. So schaukelten die Teamhelfer eben die EPO-Ampullen gut gekühlt in den mit Kühlschränken ausgerüsteten Autos tausende Kilometer quer durch Europa.

Gefährliche Nebenwirkungen

Bei der Strassen-Weltmeisterschaft 1996 in Lugano in der Schweiz, wo EPO leichter zu kaufen ist, als in Italien, sorgte die Anwesenheit der vielen Profi-Teamhelfer für einen Wirtschaftsaufschwung besonderer Art. Während der wenigen Tage der WM in Lugano im Oktober 96 wurde in den Apotheken EPO im Wert von über 6 Millionen DM verkauft.

Die Sportler, die so fleißig EPO spritzten - und bei bevorstehenden Kontrollen das Blut wieder mit Wasser verdünnten! - gehen indes die gesundheitlichen Risiken der künstlichen Vermehrung der roten Blutkörperchen ein: Herzinfarkt durch Bluthochdruck, Embolie durch Verdichtung und Verklumpen der Erythrozyten. "Professionelle" Sportgruppen sorgten vor: Als Festina-Teamhelfer Willy Voet vor der Tour de France 1998 mit seinem Auto randvoll mit EPO und anderen Dopingmitteln erwischt wurde, fand die Polizei auch viele Medikamente gegen Bluthochdruck und Embolie...

Manche Radsportler puschten ihre Hämatokritwerte (feste Bestandteile im Blut, d.h. vor allem rote Blutkörperchen) so hoch, dass das Blut kaum noch durch die Arterien fließen konnte. Es sind Fälle überliefert von Radprofis, die während einer großen Rundfahrt nachts mehrmals aufstehen mussten, um Gymnastik zu treiben, um das Blut in Wallung zu halten.

Aufgeschreckt durch viele dieser Horrorgeschichten, die 1996 vor allem in Frankreich zahlreiche Schlagzeilen produzierten, reagierte der internationale Radsportverband - im Gegensatz etwa zu den Sportverbänden anderer Disziplinen - schließlich. Da ein Nachweis nicht möglich war, griff man zu einer Notlösung. Es wurde ein Hämatokrit-Limit festgelegt (50%), ab dem ein Radsportler "aus Gesundheitsgründen" pausieren muss für 15 Tage.

Bei RADSPORT-NEWS.COM konnte man am 29. Januar 1997 lesen:

    Vergangenen Freitag reagierte jetzt die UCI: Bei einer gemeinsamen Tagung von UCI, Medizinern und den DS der wichtigsten Rennställe in Genf wurde beschlossen, künftig vor allen Rennen Bluttests durchzuführen. Wird dabei festgestellt, daß ein Fahrer einen ungewöhnlich hohen Hämatokritwert (über 50%) hat, wird er von dem Rennen (evt. auch von einer Rundfahrt) ausgeschlossen, weil er, so UCI-Präsident Hein Verbruggen, dann nicht mehr fähig sei, "seinen Job zu tun.", d.h. ein solcher Ausschluß stellt offiziell keine Strafe für ein Dopingvergehen dar.
Dieses Limit wurde zu Recht heftig kritisiert, da es EPO-Doping in gewissem Rahmen - bis zu 50 Prozent Hämatokrit - praktisch erlaubte. Fortan trugen die raffiniertsten Profis kleine Blutzentrifugen im Gepäck mit, um abends im Hotel schnell selbst den eigenen Hämatokritwert zu messen. Und selbst wenn man über dem Limit war und der UCI.Kontrolleur (im Rennfahrer-Jargon "Vampir") schon vor der Hoteltür stand, so war man noch nicht ganz verloren. Schnell eine kleine Spritze mit Wasser gesetzt und -schwupp! - war das Blut verdünnt, der Hämatokritwert wieder unter 50 Prozent. Nur die Dummen und Unaufmerksamen ließen sich erwischen. Und auch die, die unschuldig waren und gar nichts dafür konnten, dass ihr Körper selbst einen Hämatokritwert über 50 Prozent für richtig hielt.

So unzureichend das Hämatokrit-Limit auch ist: es gab eben bislang nichts anderes und man muß der UCI zugutehalten, dass sie mit ihm die schlimmsten Auswüchse des EPO-Dopings, wie es sie bis 1996 gab, wieder zurückschraubte. Mit dem neuen EPO-Urintest, der voraussichtlich bei der Tour de France 2000 erstmals angewandt wird (s. Story dazu), wird das Kapitel EPO nun hoffentlich ein für alle mal geschlossen. Auch wenn das Thema Doping mit Sicherheit nie ganz verschwinden wird, ist dies ein großer Fortschritt. (kv)

Übersicht: Doping und Radsport



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