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Telekom bei den Deutschen Meisterschaften
Autobatterien, 30-Tonner und "gewachsene Reife"
Ullrich wortkarg aber anlehnungsbedürftig / Aldags Tour-Frust auch weg

26.06.00 - Die von vielen Radsportfans herbeigesehnte Revolution der GS-II-Teams blieb aus. Team Telekom dominierte bei den Deutschen Meisterschaften am Sonntag wie eh und je. Allerdings gab es innerhalb der Magentatruppe einstweilen die Umkehrung der Hackordnung. "Der Chef hat diesmal dem Helfer geholfen, denn Jan war heute wohl der stärkste Fahrer im Feld", urteilte Teamchef Walter Godefroot nach dem Meistertitel von Rolf Aldag.

Jan Ullrich hat sich am Sonntag bei der deutschen Straßenmeisterschaft in Heppenheim in Tour-Form und als echter Team-Kapitän vorgestellt. Der 26-jährige Merdinger zeigte sich auf dem schweren Meisterschafts-Kurs als stärkster Fahrer, der das tat, was er spätestens in der kommenden Woche in Frankreich von seinen Mitstreitern erwartet: Ullrich stellte sich in die zweite
Reihe und arbeitete uneigennützig für seinen langjährigen «Edelhelfer» Rolf Aldag (Ahlen), der von einigen zehntausend Zuschauern für seinen ersten Meistertitel bejubelt wurde.

«Der Chef hat diesmal dem Helfer geholfen, denn Jan war heute wohl der stärkste Fahrer im Feld», urteilte Teamchef Walter Godefroot, und Aldag kommentierte den Einsatz des Stars: «Er hat menschliche Größe bewiesen.» Aber auch Ullrich genoss sichtlich den Zuspruch der Fans nach Monaten der Rückschläge und Zweifel. Anstelle mit Titelverteidiger Udo Bölts um den dritten Platz zu sprinten, scherte er kurz vor dem Zielstrich in Richtung Zuschauer aus und klatschte die ausgestrecken Hände der Fans ab wie ein Torschütze nach dem entscheidenden Elfmeter. «Ich habe zweieinhalb Monate hart gearbeitet, um in die Tour-Form zu kommen. Jetzt fühle ich mich sehr gut», hatte er kurz erklärt. Mehr war ihm nicht zu entlocken.


Arbeiter Ullrich: Der Tourfavorit macht das Tempo, dahinter Bölts, Aldag und Wesemann.
Denn der gebürtige Mecklenburger blieb sich in Heppenheim treu. Trotz aller Begeisterung über eine großartige Karriere mit Weltmeistertiteln, dem Tour-Sieg von 1977 und zwei zweiten Plätzen auf der «Großen Schleife» geht Ullrich dem Rummel lieber aus dem Weg. Es gab keine Interviews. «Ich komme nur zur Pressekonferenz, wenn ich gewinne», hatte er vor
dem Rennen der Pressechefin Christina Kapp mitgeteilt. Da wusste Ullrich wohl schon, dass ihm das Blitzlichtgewitter und die vielen Fragen erspart bleiben. Das Team hatte beschlossen, dem 31-jährigen «treuen Rolf» zur Seite zu stehen und dem Mann aus Ahlen so einen speziellen Dank für die erwartete und dann doch entgangene Tour-Nominierung auszusprechen. «Ich hätte Rolf gern in der Tour-Mannschaft gesehen, aber die Mannschaftsführung hatte diesmal ein Luxusproblem: Zu viele gute Fahrer», kommentierte Erik Zabel.

«Das zeigt die gewachsene Reife der Mannschaft, die Meisterschaft demonstrierte einen Qualitätssprung in der Gemeinschaft», urteilte Vize-Meister Steffen Wesemann (Wolmirstedt). «Der Zusammenhalt ist wichtig. Der Kern ist schon so lange zusammen, der Sponsor ist schon so lange dabei und sorgt für Dauerhaftigkeit.» Der zusätzliche Antrieb werde durch Jan Ullrich gesetzt. «Jan ist wieder in Top-Form bei der Tour. Damit ist klar, wie die Mannschaft arbeiten wird. Es ist schon ein Riesenglück, dass wir dieses Jahrhundert-Talent als Team-Kapitän haben. Wenn ich mit der Kraft einer normalen Autobatterie fahre, kann Ulli die Reserven eines 30-Tonnen-LKWs freimachen.»

Während der Rest des Teams vor der Abreise am Donnerstag nach Frankreich ein paar relativ ruhige Tage bei den Familien verbringt, geht Ullrich noch einmal mit Trainer Peter Becker zum letzten Formaufbau in den Schwarzwald und stellt sich am Mittwoch an der Uni in Freiburg noch einmal einer Leistungsdiagnostik. Und selbst der für die Tour «verschmähte» neue Titelträger Rolf Aldag war sich am Ende sicher: «Die Mannschaft ist um den großen Star Jan Ullrich aufgebaut. Es fahren schon die richtigen Leute.»

Jürgen Strauß, dpa

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