08.06.98 - Der Berliner Jens Voigt (Gan) übernahm am Montag nach
der ersten Etappe die Führung im Gesamtklassement der Dauphiné Libéré.
Voigt reichte nach einer ordentlichen Leistung beim
Prolog ein zweiter Platz bei dem Tagesabschnitt über 190km von
Villeurbanne nach Charvien-Chavagnieux. Tagessieger wurde der Italo-Brite
Max Sciandri (FdJ). "Das ist das erste Mal, daß ich bei einem so wichtigen
Rennen der Team-Kapitän bin", freute sich Voigt, der nun mit dem Gesamtsieg
bei der Rundfahrt der Hors categorie liebäugelt.
Das Rennen begann nach dem Start in Villeurbanne, einem Vorort von Lyon,
zunächst sehr zögerlich. Das Feld rollte in den ersten
beiden Stunden mit einer Geschwindigkeit von nicht mal 30km/h vor sich
hin. Nach gut 100km, am Bugey-Plateau, störte Max Sciandri
diese Ruhe und attackierte. Jens Voigt heftete sich an Sciandris
Hinterrad, vor allem um das Leader-Trikot seines Kaptitäns Chris Boardman,
der am Sonntag den Prolog gewann, zu schützen.
Zunächst machte Voigt logischerweise keinerlei Tempoarbeit, aber
schon bald kam Gan-Sportdirektor Roger Legeay vor zu dem Berliner
und gab ihm das OK, auf eigene Rechnung zu fahren. "Die Aktion war so
gar nicht geplant", so Voigt im Ziel. "Ich wollte Sciandri zunächst
nur kontern, um Chris zu schützen und auch Fred (Moncassin, den
Sprinter des Teams). Aber Roger Legeay kam ziemlich
schnell auf meine Höhe und sagte, ich hätte freie Hand."
Daraufhin bildeten Voigt und Sciandi ein vorzüglich harmonierendes
Fluchtduo. Die beiden lagen zeitweise mit einem Vorsprung von 4:20 Minuten
vor dem Feld. Das Feld reagierte dann, aber Sciandri und Voigt kamen nie in Gefahr,
vom Peloton wieder eingeholt zu werden.
Im Ziel wurden dann beide Rennfahrer für ihre 80km-Flucht reichlich belohnt.
Sciandri, der nach einem schweren Trainingsunfall
im letzten Dezember erst seit knapp vier Monaten wieder voll trainieren
kann, holte sich seinen ersten Sieg seit mehr als einem Jahr.
Und Jens Voigt holte sich das gelb-blaue Trikot des Gesamtführenden.
"Das ist das erste Mal, daß ich bei einem so wichtigen
Rennen der Team-Kapitän bin", freute sich Voigt.
ich bin eher ein Kletterer als ein Sprinter, aber wir versuchen, das Trikot
morgen (Dienstag) zu behalten. Dann, am Mittwoch mit der Ankunft oben
am Mont Ventoux werde ich auf mich gestellt sein. man wird sehen, ob
ich stark genug bin, mit den besten mitzuhalten."
Am letzten Samstag konnte Voigt beim Alpenklassiker mit den Allerbesten
nicht nur mithalten, sondern beendete das Rennen auf einem ausgezeichneten
8. Platz.
Jens Voigt ist 27 Jahre alt und begann
seine Profi-Karriere Anfang 1997 beim kleineren australisch-tschechischen Rennstall
ZVVZ-Giant. Mit guten Erfolgen empfahl er sich
dort für höhere Aufgaben und 1998 wechselte er zum Top-Team Gan.
Voigt gewann in diesem Jahr bereits einen Etappe der hocklassig besetzten
Baskenland-Rundfahrt.