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Saison-Rückblick - Der Mann des Jahres
Mario Cipollini: Der versöhnte Rebell


Fotos: Roth
24.12.02 (rsn) - Als sich in den letzten Monaten Mario Cipollinis Suche nach einem neuen Hauptsponsor für sein Team immer mehr hinzuziehen schien, beruhigte die Gazzetta dello Sport die Fans, der Weltmeister werde letztlich keine Mühe haben seine Zukunft zu organisieren, denn er stehe "unter dem Schirm des Außergewöhnlichen". Das war eher noch untertrieben. Cipollini, mit 35 Jahren im Zenit seiner Karriere, war im internationalen Profi-Radsport der Mann des Jahres, hinter dem alle - selbst ein Lance Armstrong - verblaßten.

Mario Cipollini, der toskanische Superstar, um den sich die italienische Werbe-Industrie reißt, für den die Frauen schwärmen und den gleichzeitig Männer als ganzen Kerl bewundern, hat dem Radsport-Jahr 2002 seinen Stempel aufgedrückt wie sonst keiner. Der Playboy, der Exzentriker, der mit den Medien perfekt zu spielen weiß, gab in der Saison nicht nur auf dem Rennrad eine Glanz-Vorstellung, auch außerhalb der Rennen wußte er sich spektakulär in Szene zu setzen.

Mario Cipollini, der Rebell

Nachdem die Organisatoren der Tour de France im Frühling bei der letzten Einladungsrunde Cipollini und sein Team übergingen, obwohl der soeben Mailand-San Remo und Gent-Wevelgem gewonnen hatte und sich als bester Sprinter der Saison zeigte, revanchierte er sich auf seine Weise. Im Juli stahl der Medien-Profi der Tour de France wochenlang die Schlagzeilen mit seiner Erklärung, er werde aufhören. Was soll ich weitermachen, ich siege und siege, aber das größte Rennen der Welt will mich nicht, klagte Cipollini. Er nannte Tour-Chef Jean-Marie Leblanc einen "Diktator", was die italienischen Medien, denen die Dominanz der Frankreich-Rundfahrt ohnehin nicht geheuer ist, gern aufnahmen. Während die Radsport-Welt noch über seinen Rückzug diskutierte, trainierte Cipollini wie ein Verrückter. Zwei Monate später kam er ins Renngeschehen zurück, im September gewann er drei Vuelta-Etappen. Und vier Wochen drauf, im Oktober, gewann "SuperMario", dem man doch immer vorgeworfen hatte, er beende seine Saison faulerweise schon im Sommer, als erster Italiener seit 1992 die Straßen-Weltmeisterschaft.

Mario Cipollini, der Seriensieger

Der WM-Triumph von Zolder krönte für Cipollini ein traumhaftes Jahr, bei dem es im Nachhinein gesehen überhaupt keine Rolle mehr spielt, dass er die Tour nicht fahren durfte. Im März gewann Cipollini Mailand-San Remo - zum ersten Mal. bei seiner 14. (!) Teilnahme bei der classicissima und nach zwei zweiten Plätzen. Kurze Zeit später legte er nach und gewann den Sprinter-


König der Löwen: Cipollini im Tigerdress beim Giro-Prolog 2002 Foto: Roth


Familienvater: Cipollini mit seiner älteren Tochter Foto: Roth



Weltmeister: Cipollini erlöste Italien und holte zehn Jahre nach Gianni Bugno das Regenbogentrikot. Foto: Roth
Klassiker Gent-Wevelgem - als Ausreißer! Beim Giro feierte er sechs (!) Etappensiege - soviel wie noch nie in seiner Karriere. Cipollini kommt nun insgesamt auf 40 Giro-Etappensiege, noch eine Etappe fehlt, dann hat er den Rekord des "campionissimo" Alfredo Binda aus den 1920er und 1930er Jahren egalisiert.

Mario Cipollini, der demütige Campione

Natürlich ist der selbsternannte "König der Löwen" einer, dessen Trikots und Hosen gar nicht schrill genug sein können, einer, der
keine Hemmungen hat, Sprinter-Rivalen wie Zabel oder McEwen schon mal zu veralbern ("Tour-Sprints sehen wie bei Amateurrennen aus"). Cipollini ist ein Egomane wie kein Zweiter. Einerseits. Auf der anderen Seite hat er aber auch Züge, die so gar nicht zu seinem Show-Mann-Image passen. Als ihn die italienische Pressse mit Alfredo Binda zu vergleichen begann, verbat er sich dies. Selbst wenn er Bindas Rekord breche, so werde der ewig ein campionissimo bleiben, an den er nie herankäme, sagte Cipollini, der doch längst selbst eine lebende Legende ist.

Mario Cipollini, der Künstler

In einem L'Equipe-Interview sagte Cipollini einmal zu seiner Philosophie als Sportler: "Ich habe aus Leidenschaft am Radsport mit meinem Bruder begonnen Rennen zu fahren. Das lag in unserer Familie. Aber ganz am Anfang steht nicht der Glanz, der Ruhm, sondern die harte Trainingsarbeit. Die jungen Leute

Mario Cipollini
geb. 22.03.67 in Lucca (Toskana/Italien); 1,90 m/76 kg

Profi seit 1989
Teams: Del Tongo (1989-1991), GB (1992-1993), Mercatone-Saeco (1994-1995), Saeco (1996-2001), Acqua e Sapone (2002). Domina Vacanze (ab 2003)

Größte Erfolge: Weltmeister 2002, Milan-Sanremo 2002 Gent-Wevelgem 1992, 1993 und 2002, 3 Etappen Spanien-Rundfahrt, 8 Etappen Paris-Nizza, 12 Etappen Tour de Romandie, Scheldepreis 1991 und 1993, GP E3 1993, Trofeo Luis-Puig 1999, Syracus-Rundfahrt 2001,
Tour de France: 12 Etappensiege (1/1993, 2/1995, 1/1996, 2/1997, 2/1998, 4/1999), 6 Tage im Gelben Trikot
Giro d'Italia: 40 Etappensiege, 3 Mal Sieger der Punktewertung, Sechs Tage im Rosa Trikot
heute vergessen das oft und meinen, es ginge alles auch auf die leichte Weise." Bei Cipollini sieht alles spielerisch aus, die harte Arbeit, die dahinter steht, sieht man nicht. Gerade das macht vielleicht Künstler aus.

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