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Lance Armstrong - Der Sieg des Lebens

16.12.99 - In der Saison 1999 gab es eine ganze Reihe von bemerkenswerten Rennfahrern mit ebenso bemerkenswerten Siegen und Niederlagen. Pantanis Giro-Ausschluss, Vandenbrouckes großer Durchbruch bei Lüttich- Bastogne, Ullrichs sensationelles Herbst-Comeback nach mißratenem Beginn. Einer fällt jedoch in jeder Beziehung aus dem Rahmen: Lance Armstrong gewann drei Jahre nachdem sein Leben wegen einer Krebserkrankung am seidenen Faden hing, die Tour de France, das schwerste Radrennen der Welt.

"Ich hätte niemals die Tour de France gewonnen, wenn ich nicht an Krebs erkrankt wäre", so die überraschende Erklärung von Lance Armstrong. Er sei früher immer ein Mann der klassischen Eintagesrennen gewesen, erläutert der Amerikaner seine verblüffende These. Wenn nicht der brutale Einschnitt in sein Leben am 2. Oktober 1996 gewesen wäre, als die Ärzte dem damals 25-jährigen eröffneten, er leide an Hodenkrebs, dann wäre alles geblieben, wie es ist und er führe heute noch "nur" auf die Klassiker. Doch dieser Tag und der Kampf mit der lebensbedrohlichen Krankheit veränderte Armstrongs Leben.

"Niemals wäre ich so rigoros, so ernst zur Sache gegangen, wie heute. Mein Lebenswandel wäre heute nicht so bewußt, wenn es die Krankheit nicht gegeben hätte", so Armstrong in einem Interview mit dem französischen Fachblatt "Velo", das ihn zum Radsportler des Jahres wählte. "Eigentlich ist Krebs, Chemotherapie usw. nicht in dem Sinne schmerzhaft, nicht so physisch schmerzhaft wie das Leiden auf dem Rennrad bei einem grossen Rennen", sagt der Toursieger. "Aber wenn einem übel ist nach der Chemotherapie, wenn man sich Sorgen macht über die Krankheit, über die Lebenschancen, die man hat, dann ist das eine Form von Leiden, die ist absolut, man fühlt sich völlig am Ende. Wenn ich heute auf dem Rad leide, dann tut es mir immer noch weh, aber ich weiß heute, dass das mit wirklichem Leiden nichts zu tun hat."





  Außerirdisch "Dreißig Jahre nach Armstrong gibt es wieder einen Armstrong. Dreißig Jahre nach dem kleinen Schritt für einen Menschen und dem großen Schritt für die Menschheit wieder Staunen über eine schier außerirdische Leistung. Lance Armstrong, drei Jahre nach dem Spaziergang seines Landsmannes Neil Armstrong auf dem Mond geboren, hat die Tour de France gewonnen." - Die FAZ über den Toursieger 1999.

Lance Armstrong war 1993 in Oslo Weltmeister geworden mit noch keinen 22 Jahren, er wurde einer der jüngsten Weltmeister der Radsportgeschichte und der junge Texaner übte sich fortan nicht in Bescheidenheit. Der "Cowboy" strotzte vor Gesundheit und wollte es immer allen zeigen, im Rennsattel und wenn es sein musste flogen auch schon mal die Fäuste im Peloton, wenn ihm einer der "Euroboys" zu nahe kam. Als Armstrong 1998 nach überstandener Krankheit wieder ins Peloton kam, war er nicht mehr wiederzuerkennen. Statt des polternden Cowboys war da ein ruhiger, in sich gekehrter, geradezu sensibel erscheinender junger Mann.

"Ich habe mich wirklich verändert", so Armstrong heute. "Ich bin kein besserer Mensch geworden, aber ein anderer. Ein reiferer, geduldigerer, offenerer, vielleicht auch weiserer Mann. Als Rennfahrer, aber auch als Ehemann und Familienvater. Ich bin nicht mehr der kantige Starrkopf, ich bin 'runder' geworden, wenn man das so sagen kann."

Auch im Rennen kam Armstrong die Wesensänderung zugute. War er zuvor immer der temperamentvolle Draufgänger, so lernte er nun, auch mal taktisch abwartend und geduldig zu fahren. Nachdem Armstrong, der seine Sportkarriere als Triathlet begann, die Tour de France 1999 in den ersten zehn Tagen beherrscht hatte, nahm er sich etwas mehr zurück und fuhr aufmerksam und abgeklärt, kräfteschonend über die Berge. Geduld und Ruhe brachte er auch auf angesicht zahlreicher Dopingverdächtigungen, die in der französischen Presse zur Mitte der Tour immer lauter vorgebracht wurden. Am Ende überzeugte Armstrong so auch die meisten Zweifler.

Am 25. Juli 1999 erreichte Armstrong die Champs Elysées, wo ihm nicht nur seine Landsleute einen triumphalen Empfang bereiteten. In den USA ist Radsport eine Randsportart, von der normalerweise in den Massenmedien niemand Notiz nimmt. Dass Lance Armstrong bei der Internet-Wahl zum "Man of the Year" der Zeitschrift "Time" derzeit mit Abstand die Nummer 1 belegt, zeigt, welche Inspiration die Menschen in der Geschichte des jungen Mannes, der durch die Hölle des Krebs geht und danach seinen größten Lebenstraum verwirklicht, sehen.

Armstrongs Lebensgeschichte wird, - wie könnte es anders sein - von Hollywood verfilmt werden. Über die Drehbücher braucht sich niemand Gedanken zu machen, die liefert Armstrong selbst mit einem wunderbaren Happy End. Zwei Monate nach seinem Tour de France-Sieg bekam Armstrongs Frau ein Baby. Der neugeborene kleine Luke war ein weiterer Triumph des Lebens, nicht lange nachdem Armstrong seine Hodenkrebs-Erkrankung bezwang. Das Jahr 1999 war ein Märchen für Lance Armstrong, an dessen Ende er sagt: "Ich war niemals so glücklich wie heute. Das Leben ist schön!"

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