Medien
"Zum Glück gibt es auch einen Jan Ullrich"
Wie die "Bild"-Zeitung über einen deutschen Radstar berichtet
Schlagzeile in BILD
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29.12.00 (rsn) - Alfred Draxler ist Sportchef der Bild- Zeitung und sagt:
"Fußball ist unzerstörbar, er braucht Stars, ist aber nicht davon abhängig.
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Dagegen wurden Sportarten wie Tennis oder Radsport erst durch Becker oder Ullrich zum
nationalen Ereignis."
Gerade dann, wenn er eigentlich am meisten mit seinem Beruf als Radprofi
zu tun hätte, bei seinen Triumphen bei Tour de France oder Olympischen Spielen
schreibt Jan Ullrich (doch nicht etwa ein Ghostwriter?!?) "exklusiv für Bild".
Diese nennt ihn dann "Tour-Löwen"
oder "unseren Radgiganten" und fragt auch bei Dopinggerüchten nicht ganz so genau nach, wenn es sich vermeiden läßt. Ein
Streifzug durch "das Bild-Archiv" unter bild.de fördert interessante Dinge zutage.
Soll niemand sagen, Bild sei absolut unkritisch gegenüber ihrem gelegentlichen
Kolumnisten im Telekom-Trikot.
. Das größte deutsche Massenblatt (4,5 Millionen Auflage) ist zu mächtig und
der Radsport in Deutschland zu schwach, als dass nicht ab und an auch ein Tiefschlag gegen
einen Jan Ullrich erlaubt wäre, den sich Bild etwa gegenüber einem Franz Beckenbauer
(auch Bild-Kolumnist) und seinen gelegentlichen folgenreichen außerehelichen Seitensprüngen
nie erlauben würde.
"Es war eine ganz normale Polizeikontrolle in Saalfeld/ Thüringen. Erwischt wurde Thomas Ullrich (22), jüngerer Bruder unseres Radstars Jan Ullrich (Foto), weil er in seinem BMW 320d 17 km/h zu schnell fuhr und ohne Führerschein. Ullrich musste mit zur Wache, benahm sich dort merkwürdig. Deshalb forderten die Beamten einen Drogentest. Ullrich weigerte sich. Weil er im Drogenrausch Auto fuhr?
(Bild vom 23.12.2000)
Sucht man in "dem Bild-Archiv" unter Bild.de
nach "Jan [und] Ullrich", so
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Bild über Jan Ullrich:
"Es gibt nicht nur abgezockte und geldgierige Profis. Zum Glück gibt es auch einen Jan Ullrich."
(24.07.1997)
Börsen-Experte Ullrich ("Ich lege mein Geld gut an") hatte über einen Kauf (von Telekom-Aktion) nachgedacht.
(22.11.1996)
Jan Ullrich (...) drückt Hansa (Rostocks) Fußballern die Daumen: "Alte Liebe rostet nicht.". Der Tour-Held hofft auch
auf Freiburgs Aufstieg: "Dann habe ich es von Merdingen nicht so weit zur Bundesliga." (02.08.1997)
"Toll: Tour-Sieger Jan Ullrich kam - mit einem Riesenscheck von Daimler-Benz: 1 Million Mark! "
(04.08.97)
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erhält man die Meldung: "Es wurden 358 Dokumente gefunden."
Die meisten "Dokumente" stammen aus 1997, als Jan Ullrich die Tour de France gewann.
Aber auch schon im Jahr zuvor, als Ullrich ganz sensationell Zweiter
wurde als Helfer von Telekom-Kapitän und Toursieger Bjarne Riis
widmete sich Bild bereits ausgiebig dem gesamtdeutschen Radstar
aus Rostock mit Wohnsitz in Merdingen. Am 05. Juli 1996 berichtet Bild etwa
über rennentscheidende Dinge von der Tour de France:
Die Tour-Karawane "kratzt" sich durch Frankreich. Die meisten der 188 Fahrer plagt Ausschlag an Armen und Beinen. Besonders schlimm ist es in den Kniekehlen und Armbeugen.
Tour-Neuling Jan Ullrich (22) klagt: "Nachts ist es die Hölle. Man kriegt kaum Schlaf." Auch Walter Godefroot, der als Chef seines Telekom-Teams nur im Auto sitzt, hat Pickel im Gesicht.
Als dann "unser Radgigant" im Juli 1997 als erster deutscher Rasportler
die Tour de France gewann, wurde dies in Bild ausgiebig
gewürdigt, manchmal allerdings schoß man in der Euphorie
ein wenig übers Ziel hinaus. Etwa, wenn Bild-Sportchef
Alfred Draxler ("Wir verstehen uns als Sprachrohr des Lesers")
in einem Kommentar mit der Überschrift "Die wahre Größe" schreibt:
"Wenn es bei der Tour eine Etappe für Bescheidenheit und Fairneß geben würde - ich wüßte, wem das Gelbe Trikot zustehen würde.
Jan Ullrich hat sich lange in den Dienst der Mannschaft gestellt. Hat seinem Freund Bjarne Riis im letzten Jahr geholfen, zu gewinnen.
Jetzt, da er selbst ganz vorne ist, will er auf seine gesamte Siegprämie verzichten - und alles seinem Team schenken.
Es gibt nicht nur abgezockte und geldgierige Profis. Zum Glück gibt es auch einen Jan Ullrich."
Dass es seit vielen Jahrzehnten bei der Tour gute Sitte ist, dass die Toursieger, die
später ihr Geld mit Kriterien- und Werbeverträgen ihr Geld verdienen, die Siegprämie ihren
Helfern überlassen, muss Fußballfreund Draxler wohl in der Eile übersehen haben...
Manches amüsante Detail findet der Radsportfreund im Archiv
von Bild-Online. Etwa, dass am 28. Juli 1997 "Rad fahren - fast wie Jan Ullrich"
in war, der "uncharmante Männer-Spruch: 'Du hast Beine wie Jan Ullrich, Schatz!'"
dagegen out war am 13.08.1997.
Oder vor wenigen Tagen, im Dezember 2000, wenn Bild
von Ullrichs Trainingscamp in Südafrika berichtet: "Jan Ullrich kann sich alles leisten
Aber es gibt auch für den Tour-Star und Olympiasieger unerfüllte Wünsche...
Einen Bungee-Sprung von der Seilbahn, die zum Tafelberg führt z.B. Beim Trainingslager in Südafrika wollte der mutige Jan das wagen. Doch der Sprung wurde ihm verboten, wg. Verletzungsgefahr."
Auch vor den heißen Themen wie Doping macht Bild nicht halt.
So schreibt Radheld Jan Ullrich selbst am 20.07.1998 während
der Skandal-Tour in Bild: "Ehrlich - ich habe Angst vor Doping. Ich würde nie
meinen Körper für ein Radrennen kaputt machen. Ich habe schon letztes Jahr bewiesen, daß
es ohne verbotene Medizin geht." Sollte denn darin ein versteckter Hinweis sein
auf die EPO-Tour 1996, als Bjarne "Monsieur 60 Prozent" Riis die Tour im Telekom-Trikot
gewann? Da hatte Bild nämlich (hintergründig?) geschrieben über Riis und Ullrich:
"Der Meister und sein Zauberlehrling - sie begeistern die Rad-Welt".
Der Zauberlehrling wurde ja bekanntlich nicht die Geister los, die er rief...
Aber nein! Bild klärte auf, auch nach den Dopingverdächtigungen
des Spiegel von 1999: "Auch Jan Ullrich ist entsetzt. Exklusiv in BILD geht er auf die
Anschuldigungen ein und beteuert: 'Ich bin sauber.'", schreibt
"Der Bild-Reporter" am 14. Juni 1999. Ironie am Rande:
Der damalige "Bild-Reporter"
hatte seinerseits allerdings nicht immer die ganze Wahrheit gesagt
und ein paar Mal zuviel
seine eigene Unschuld beteuert: Er wurde ein paar Monat später von Bild fristlos entlassen wegen seiner
Stasi-Vergangenheit...
Kersten Volk
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