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Berliner Sechstagegeschichte(n)
"Olle Krücke" und der Sportpalastwalzer

27.01.02 (rsn) - In Berlin findet das bedeutendste und traditionsreichste deutsche Sechstagerennen statt. Schon 1909 wurde das "Sixdays"-Spektakel aus Amerika importiert. Und seit 1923 gehört der Sportpalast-Walzer mindestens so dazu wie Rennfahrer und "Molle".

Der "Sportpalastwalzer" heißt eigentlich "Wiener Praterleben". Die Melodie, bei der heute manch einer Gänsehaut bekommt im ausverkauften Velodrom, wurde von Siegfried Trasteur komponiert. Der war übrigens Jude und 1934 verboten die Nazis streng,
den "Sportpalastwalzer" zu spielen. Er wurde dennoch gespielt... Ein Jahr drauf verboten die neuen Herren in Deutschland das "amerikanisch-jüdische" Sechstagerennen ganz in Deutschland. Der Sportpalast, in dem seit 1911 Sechstagerennen stattfanden, wurde von den Nazis zur "Kampfstätte der Bewegung" zweckentfremdet. Nach dem Krieg kehrten die Sixdays zurück, 1973 wurde der Sportpalast abgerissen, Berliner Sechstagerennen wurden in der Deutschlandhalle (West) und auf der legendären Winterbahn (Ost) ausgetragen. Beide Hallen gibt es übrigens heute auch schon nicht mehr - dafür aber seit 1997 das schmucke Velodrom an der Landsberger Allee, wo in diesen Tagen das 91. Berliner Sixdays stattfindet. Das Velodrom, in dem 1999 die Bahn-WM stattfand, war dereinst auch im Hinblick auf die kläglich gescheiterte Olympiabewerbung Berlins geplant worden.

Das erste Berliner Sechstagerennen wurde 1909 ausgetragen in den Ausstellungshallen am Zoo. Es waren die ersten "Sixdays" Europas. In Australien und vor allem in den USA gab es schon lange Sechstagerennen, u.a. in San Franzisko, Chicago und natürlich in New York, im Madison Square Garden. Noch heute heißt das Zweier-Mannschaftsfahren "Madison" und in Frankreich auch "americaine". Sechstagerennen dauerten damals noch wirklich sechs Tage, 144 Stunden ging es "rund". Ein Deutscher war Anfang des letzten Jahrhunderts einer der besten: Walter Rütt gewann 1907 das New Yorker Sechstagerennen.

Rütts von der Berliner Presse überlieferte Heldengeschichten - er fuhr etwa einmal neun Stunden allein, nachdem sich sein Partner verletzte - weckten das Interesse an dem Spektakel und so wurde auch in Deutschland ein Sechstagerennen veranstaltet. Das erste Rennen war kein besonderer Erfolg beim beim Publikum, was vor allem daran lag, dass Rütt als Zugpferd fehlte: Er war einmal nicht zur Musterung bei der Reichswehr erschienen - er wäre bei seiner Einreise nach Deutschland verhaftet worden. Ein Jahr später intervenierte der Kronprinz persönlich, Rütt wurde alles verziehen und 1910 startete er endlich auch in Berlin. Er lockte ein großes und vor allem auch überaus buntes Publikum an: Es kamen Arbeiter wie Adlige, feine Damen ebenso wie leichte Mädchen und manch dunkle Gestalt. Festnahmen von gesuchten Verbrechern beim Berliner Sechstagerennen waren keine Seltenheit.

"Olle Krücke"

Ein junger Mann namens Reinhold Habisch war 1909 einer der größten Fans der Sixdays. Der Berliner hatte nach einem Unfall eine Behinderung und seinen Traum, selbst Sechstagerennen zu fahren, konnte er sich nicht erfüllen. So lebte er seine Begeisterung für den Sport anders aus. Habisch wurde im Laufe der Jahre zum Faktotum beim Berliner Sechstagerennen. Von den billigen Plätzen aus riss er seine Possen, beleidigte mal einen Fahrer, jubelte, sorgte mit seiner Clique für Stimmung. Habisch, genannt die "Krücke", wurde zur Berühmtheit in der Berliner Spaßgesellschaft der Zwanziger Jahre.

1923 erschall erstmals der "Sportpalastwalzer" beim Sechstagerennen. "Krücke" - wer sonst? - "verzierte" mit seinen vier scharfen Pfiffen das Lied - ein Klassiker ward geboren! Der einfach gestrickte Habisch wurde im Laufe der Jahr ein echter Star - das ging damals auch ohne TV-Sender wie RTL2 ! Die Sechstagerennen anderer Städte verpflichten ihn, in Berlin stand er auf der Bühne und pfiff vor dem Mikrofon zum Sportpalastwalzer. Sogar in Filmen spielte er an der Seite von Hans Albers. 1964 starb Reinhold Habisch im Alter von 75 Jahren. "Meinen echten Namen kennen die wenigsten. Und so soll es bleiben", schreibt Habisch in seiner Autobiographie. "Wenn ich mal ewig schlafen gehe, so hoffe ich, wird man aber vielleicht gelegentlich an die 'olle Krücke' denken."

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