30.08.98 - Mit der Goldmedaille im Keirin für den Doppel-Olympiasieger
Jens Fiedler und der Bronze-Medaille, die das deutsche Duo Andreas Kappes
und Stefan Steinweg nach einem tollem Rennen im Americaine holten,
ging die Bahn-WM am Sonntag aus deutscher Sicht erfolgreich zu Ende.
Doch in die Freude der deutschen Mannschaft mischte sich auch etwas Frust.
In einer zweifelhaften Entscheidung wurde dem jungen Jan van Ejden
die schon erkämpfte Silbermedaille im Keirin aberkannt von einer
von Franzosen dominierten, nicht immer ganz objektiven Jury, die
beinahe auch schon Fiedler im Halbfinale disqualifiziert hatte.
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Medaillenspiegel
Endstand
G S B
Frankreich 6 1 2
Spanien 2 0 0
Deutschland 1 3 4
Australien 1 3 1
Belgien 1 0 0
Ukraine 1 0 0
Italien 0 1 2
Kanada 0 1 1
Lettland 0 1 0
Mexico 0 1 0
Niederlande 0 1 0
USA 0 0 1
Russland 0 0 1
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Der Keirin-Wettbewerb am Sonntag verlief sehr hektisch. Zunächst
gab es nach dem Halbfinale endlose Diskussionen. Jens Fiedler, der
den 2. Halbfinallauf souverän vor dem Japaner Shinichi Ota
gewann, habe den französischen Sprintweltmeister Rousseau
behindert, glaubte die von Franzosen dominierte Jury erkannt zu haben.
Fiedler stand knapp vor der Disqualifikation. Erst nach heftigen Protesten
durch die deutsche Mannschaft, beließ es die Jury, die schon
mit einer merkwürdigen, die französischen Sportler bevorzugenden
Vorrundenaufteilung nach Protesten nicht durchgekommen war, bei
einer Verwarnung von Fiedler.
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Im Keirin-Finale, für das sich neben dem Chemnitzer Fiedler auch
Jan van Ejden aus Bad Neuenahr qualifizierte, ging es dann ähnlich
hektisch weiter. Das deutsche Duo fuhr ein taktisch geniales Rennen.
Fiedler führte praktisch von Beginn an und wurde von hinten
durch Van Ejden abgeschirmt. Dabei soll Van Ejden ebenso wie
der Neuseeländer Anthony Peden den Franzosen Laurent Gane
behindert haben. Beide wurden nachträglich disqualifiziert
und der eigentlich fünftplazierte Gane holte schließlich doch
noch Bronze.
Zwar konnte sich Van Ejden etwas trösten mit der Goldmedaille
von Fiedler, die ja auch ein bißchen sein Verdienst war, aber
die Jury-Entscheidung roch schon sehr nach Manipulation zugunsten
des französischen Starters. "Ich habe nur ganz normales
Renngeschehen gesehen", wunderte sich auch Bahnveteran Lutz
Häßlich.
Für den neuen Keirin-Weltmeister Jens Fiedler, der bereits am
Samstag nach einem hochklassigen Wettbewerb ("mein bester Wettkampf
seit acht Jahren") die Silbermedaille im Sprint
geholt hatte, war dies jedoch alles Nebensache. "Das war ein richtig geiles
Wochenende", so Fiedler. "Jetzt glaube ich sogar wieder an das dritte
Olympia-Gold in Sydney."
Beim Americaine, dem 2er-Mannschaftsfahren, das erst zum vierten
Mal bei Weltmeisterschaften auf dem Programm stand, ruhten
die deutschen Hoffnungen auf den Schultern von dem Kölner Andreas Kappes
und dem Pfälzer Stefan Steinweg. Die beiden begannen mit einem
Mißgeschick. Bei einem Wechsel in der 23. von insgesamt 240 Runden
stürzte Kappes und Steinweg konnte nur mit einer artistischen Einlage einen Sturz
verhindern. Aber schon bald war diese Schrecksekunde vergessen. Bei der
zweiten Sprintwertung punkteten die Deutschen das erste Mal.
Bei den weiteren insgesamt 12 Wertungen waren Steinweg und Kappes,
der bereits am Samstag die Silbermedaille beim Punktefahren
geholt hatte, immer wieder vorn dabei.
Das Maß aller Dinge war jedoch das ungleiche belgische Duo
mit dem 25jährigen Mathew Gilmore und der 40jährigen
Bahnlegende Etienne De Wilde. Schon bei den ersten Wertungen waren
Gilmore, ein gebürtiger Australier, und De Wilde vorn, führten
von der 140. von 240 Runden an und gaben die Spitzenposition nicht
mehr ab. Auch den Schlußsprint gewannen die Belgier und holten
absolut verdient den Weltmeistertitel, der sich für beide bei den
Sechstagerennen im Winter in bare Münze umsetzen lassen wird.
Das deutsche Duo hatte kurz vor Schluß noch die Silbermedaille
inne, wurde aber auf der Ziellinie noch abgefangen von den Italienern
Colinelli und Berlin-Sixdays-Sieger Silvio Martinello (Polti),
der sich senstationell schnell von seinem schweren Sturz bei der
Tour de France, als er sich das Becken brach (!), erholt hat.
Die Bahn-WM 1998 war für die deutsche Mannschaft mit insgesamt
acht Medaillen ein Erfolg, auch wenn das vorher ausgegebene Ziel
"mindestens zwei Titel" nicht erreicht wurde. Die Franzosen waren
in Bordeaux vor einem Heim-Publikum, das manchmal die Grenze zwischen
legitimer Anfeuerung der eigenen Mannschaft und chauvinistischer Unfairness
überschritt, in sechs von 12 Entscheidungen ganz vorn und zeigten
sich auf der Bahn als die absolute Nummer eins.
Genau diese Position strebt auch der deutsche Bahnsport wieder an.
BDR-Präsident Manfed Böhmer: "Spätestens im Olympia-Jahr
2000 soll Deutschland wieder Nummer eins im Bahnradsport sein."
Bei der WM im nächsten Jahr werden es die deutschen Bahnsportler
zumindest mit dem Publikum leichter haben: Da findet die WM
in Berlin statt.