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Undankbare Gastgeber ?
Armstrong denkt nach über Wegzug aus Frankreich
Der amerikanische Toursieger ist beleidigt - und übersieht das wirkliche Problem

19.12.00 (rsn) - Lance Armstrong fühlt sich beleidigt, zu Unrecht angegriffen von den umher schwirrenden Dopingverdächtigungen, die in Paris zur Eröffnung eines staatsanwaltschaftlichen Ermittlungsverfahrens führten. Der Texaner, der in seiner Cowboy-Attitüde oft den Vorurteilen entspricht, die allgemein gegenüber seinen Landsleuten gehegt werden, hatte schon vor Beginn der letzten Tour de France an die Adresse der französischen Presse und deren Dopinggerede gesagt: "Ça suffit, Es reicht!" Doch der zweifache Toursieger, der die Geschichte seiner überwundenen Krebserkrankung hervorragend zu vermarkten weiß, wird schon noch ein paar Fragen beantworten müssen, wenn er als die Unschuld vom Lande durchgehen will.

Die unstreitigen Fakten: Armstrongs US Postal-Rennstall hatte bei der letzten
Hintergrund
  • US Postal-Teamchef: Armstrong fährt die Tour
  • Armstrong droht mit Tour-Boykott
  • Tour de France, die der Amerikaner zum zweiten Mal hintereinander gewann, ein Medikament (Actovegin) im Gepäck, dessen Benutzung durch Sportler nach Auffassung der medizinischen Kommission des Internationalen Olympischen Komitees "eine Form von Blutdoping" darstellt und als ein "verbotenes Produkt" (IOC-Kommissionschef Alexandre de Merode) angesehen werden muß. US Postal-Teamchef Mark Gorski erklärte, dieses Produkt, das ähnliche Eigenschaften hat wie das Dopinghormon EPO, sei bestimmt gewesen für "die Behandlung von Hautabschürfungen nach Verletzungen und ein Teammitglied, das an Diabetes leidet".

    Dies mag nun glauben oder auch nicht. Im Zweifel für den Angeklagten, möchte man sagen, wenn da nicht im Radsport 20, 30 Jahre Dopingpraxis wären, in denen die ähnlich klingenden Ausreden sich hinterher meistens als gelogen herausstellten. Auch Lance Armstrong kennt diese unrühmliche Geschichte im Radsport. Ob es ihm nun passt oder nicht, ob er sich in seiner Ehre beleidigt fühlt oder nicht: Er muss sich den Anschuldigungen stellen und seine Unschuld glaubhaft machen, auch wenn dies nicht rechtstaatlichem Procedere entspricht. Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht. Und wenn der ganze Profiradsport 20 Jahre lügt, dann glaubt man auch dem einzelnen nicht, auch wenn der vielleicht selbst nie gelogen haben mag. So ist das nun einmal.

    Der belgische US Postal-Sportdirektor Johan Bruyneel, der im tiefsten "Dopingsumpf der neunziger Jahre" (Greg Lemond) selbst bei ONCE Radprofi war, kennt diese Zusammenhänge ganz genau. Auf Lance Armstrongs Website sagt er zur Verteidigung seines Toprennfahrers Dinge wie: "Die Leute sehen nicht all die Opfer (eines Rennfahrers). Sie sehen nicht die Stunden des Trainings. Sie waren nicht dabei an dem Tag im letzten Frühjahr, als Lance zwei Mal Hautacam hochgefahren ist bei eiskaltem Regen. Wenn er dann so schnell bei der Tour da hochfährt, denken sie, das da was dahinter stecken muss." - Herr Bruyneel, auch der letzte Fan weiß heute, dass Doping kein Ersatz für Training ist....

    "Ich bin sehr enttäuscht von der ganzen Situation", schreibt Bruyneel da auf Armstrongs Homepage zu den Dopinggerüchten. Ein Tourboykott, dessen Plan soeben von US Postal-Teammanager Mark Gorski heftig dementiert wurde, sei etwas, "über das wir gesprochen haben", so Bruyneel. "Wir mussten das in Betracht ziehen bei der Planung der Saison."

    Mussten das in Betracht ziehen? Warum? Der dreifache Toursieger Greg Lemond rät seinem Landsmann, der bisher zwei Mal die Tour gewann, von einem Tourboykott unbedingt ab. "Es ist nicht logisch. Ich weiß, dass Lance von all dem, was passiert und gesagt wird, verstört ist. Aber man boykottiert das größte Radrennen der Welt nicht einfach so. Es wäre ein großer Fehler. Wenn er glaubt, das Medieninteresse in der Affäre würde in einem Jahr wieder verschwinden, so irrt er. Das beste, um seine Unschuld zu beweisen wäre, (an der Tour) teilzunehmen", sagte Lemond vor wenigen Tagen im Interview.

    Armstrong sollte in Ruhe seine Unschuld belegen. Ihm gegenüber wäre das zwar nicht gerecht, jeder muss als unschuldig gelten, bis zum Beweis des Gegenteils. Dieser Grundsatz gilt aber nur vor einem Strafgericht, nicht im Urteil der Allgemeinheit. Der Profiradsport hat dort längst - nur durch seine eigene Schuld - jede Unschuldsvermutung eingebüßt. Mit umsichtigem Verhalten könnte ein in Verdacht geratener Lance Armstrong nun dazu beitragen, das allgemeine Mißtrauen ein bißchen aufzuweichen.

    "Lance wird vermutlich Nizza verlassen. Ich weiß nicht, wohin er ziehen wird, aber es gibt jede Menge guter Orte zum Leben außerhalb von Frankreich. Die sollten stolz sein, einen wie ihn in Frankreich zu haben. Aber das Gegenteil scheint der Fall zu sein", so Armstrongs Sportlicher Leiter Bruyneel. Der "Cowboy" aus Austin/Texas, der sich schon mehr als einmal vor laufender TV-Kamera mit Kollegen im Tour-Peloton prügelte, ist derzeit mehr mit seinem Stolz beschäftigt, als mit dem Wohl seines Berufstands. Das nutzt nur am Ende weder ihm, noch dem Radsport.

    Kersten Volk

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    17.12.00 US Postal-Teamchef: Armstrong fährt die Tour de France
    13.12.00 Dopingverdacht: Armstrong droht mit Tour-Boykott
    03.12.00 US Postal-Affäre: Armstrong-Manager: Analyse "großartige Chance"
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    23.11.00 Staatsanwaltschaft mit ziemlich leeren Händen
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