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Stuttgarter WM-Kurs doch nicht so selektiv
Auch Velits verabschiedet sich mit Titel von Wiesenhof
WM: LIVE-Ticker - Ergebnisse/Palmares


Foto: Roth

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STUTTGART, 29.09.07 (rsn) - Der Slowake Peter Velits, der für das deutsche Wiesenhof-Team fährt, ist Nachfolger von U-23-Weltmeister Gerald Ciolek. Eine kuriose Parallele - schließlich hatte sich Ciolek im vorigen Jahr ebenfalls mit dem Espoirs-Titel aus der Nachwuchsschmiede verabschiedet; am Sonntag startet er nun bei den Profis. Am Samstagnachmittag setzte sich nun der 22-jährige Velits in Stuttgart nach 171,9 Kilometern im Sprint einer 54-köpfigen Gruppe durch und siegte in 4:21,22 Stunden vor dem Australier Wesley Sulzberger und dem Briten Jonathan Bellis. Als bester Deutscher kam der Bielefelder Dominic Klemme auf Rang sieben.

Wenn sich aus dem U-23-Wettbewerb ein Schluss für das Eliterennen am Sonntag ziehen lässt, dann dieser: Die Ankunft einer großen Gruppe, die bisher viele Experten für unwahrscheinlich gehalten haben, ist durchaus möglich. Dieser Stuttgarter WM-Kurs ist, aller Höhenmeter-Addition zum Trotz, machbarer als gedacht. Schon beim Frauenrennen a Vormittag hatten sich die 44 besten Fahrerinnen innerhalb einer guten Minute bewegt, mehr als 80 waren überhaupt ins Ziel gekommen - allein das hatten viele nicht erwartet. Und das Finale des Espoirs-Rittes entpuppte sich gar als veritabler Massensprint. Oder besser: als Massensprint mit gewissen Extras. Die Rennstrecke zum Ziel auf dem Killesberg ist schließlich ansteigend, mit einer 90-Grad-Kurve versehen und überdies relativ schmal. Das bedeutet: eine gute Position ist mindestens ebenso wichtig wie die pure Endgeschwindigkeit. Peter Velits ist nun sicher kein geborener Sprinter, aber dieses Finale fuhr er schlichtweg perfekt: Er kam als einer der Ersten durch die Zielkurve, hatte Biss, Power und einen guten Riecher. Rennfahrerinstinkt als Erfolgsgarantie. Falls das Profirennen ähnlich verläuft, spricht daher alles für spurtstarke, tempofeste Routiniers wie Freire, Bettini oder Zabel. Ausreißer werden sich super-offensiv präsentieren müssen, wenn sie etwas holen wollen.


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Fotos: Roth
Dabei war die Titelhatz der Nachwuchsfahrer alles andere als langweilig: Besonders die letzten zwei der insgesamt neun Runden verliefen so ereignisreich und spektakulär, als hätten die Athleten nur ein Ziel - nämlich den Politikern im Stuttgarter Rathaus die Faszination des Radsports vor Augen zu führen (auch wenn bezweifelt werden darf, dass die Botschaft dort angekommen ist). Auf jeden Fall war es ein Rennen nach dem Gusto der Zuschauer am Streckenrand, die am Nachmittag endlich zahlreich vertreten waren und erstmals WM-Atmosphäre aufkommen ließen. Anfangs war das Peloton, ganz im Stile eines Profirennens, allerdings noch recht ruhig vor sich hin gekurbelt und hatte eine Ausreißergruppe gewähren lassen, deren Protagonisten mit dem Ausgang ohnehin nichts zu schaffen hatten. Zwar war Andreas Frisch von der hoch eingeschätzten dänischen Mannschaft mit von der Partie, aber die Vertreter aus Südafrika und Serbien zählten nun wirklich nicht zum Favoritenkreis. Und es präsentierten sich weiterhin einige forsche Außenseiter, etwa der Kenianer Christopher Froome und der Portugiese José Mendes.


Fotos: Roth
Dann die letzten 40 Kilometer, ein Finale voller Spannung und Action. Der niederländische Zeitfahrweltmeister und Cross-Spezialist Lars Boom ging in die Offensive, ebenso der starke Este Rein Taaramae und der Slowene Simon Spilak. Auch der Thüringer Tony Martin fand - wie noch eine Handvoll weiterer Cracks - in dieser Spitzengruppe Unterschlupf, die zwischenzeitlich recht aussichtsreich wirkte, letztlich aber doch noch geschluckt wurde. Es folgten weitere Vorstöße, etwa von dem Franzosen Julien Simon und dem Russen Ivan Rovny. Alles vergebens. Am Ende hetzten mehr als 50 Rennfahrer in einem kompakten Feld zum Ziel hinauf - es kam also zu einer Spurtentscheidung, und die war gleich doppelt dramatisch. Zum einen, weil es ein ungewöhnlicher, aber harter Sprint war, in dem - durchaus überraschend - Peter Velits die besten Beine hatte. Und zum anderen, weil auf den letzten 100 Metern vier Pedaleure zu Fall kamen, unter anderem der künftige T-Mobile-Profi Edvald Boasson Hagen aus Norwegen und der Schweizer Martin Kohler, der geradewegs auf Medaillenkurs war. Stattdessen kamen der Australier Sulzberger und der junge Scratch-Experte Bellus zu Edelmetall - vielleicht wären sie aber auch ohne Kohlers Sturz schnell genug gewesen.


Dominik Klemme


Belka und Martin
Foto: Roth
Siebter wurde Lamonta-Profi Dominic Klemme, der im Sommer auf demselben Kurs zum deutschen U-23-Meisterdress gespurtet war. Oder besser: auf beinahe demselben Kurs. "Bei der Deutschen Meisterschaft war die Straße doppelt zu breit, weil wir beide Fahrbahnen zur Verfügung hatten. Für mich war das besser, weil ich in der Schlussphase besser nach vorne kommen konnte." Beim Regenbogenrennen hätte sich Klemme "gerne ein paar Ränge weiter vorne" platziert, zeigte sich aber mit dem Verlauf des Rennens zufrieden: "Auf so eine Ankunft habe ich spekuliert", sagte der sympathische 21-Jährige, der mit seinen roten Haaren und Sommersprossen ein bisschen an den jungen Jan Ullrich erinnert.

Von seinem Kollegen Tony Martin erhielt Klemme jedenfalls viel Lob: "Sein siebter Platz ist ein gutes Ergebnis - wir haben keinen Grund zum Trübsalblasen", meinte Martin, der das Rennen auf Platz 40 beendete. "Mein Ausreißversuch hat mir ein paar Körner gekostet, die ich in der Schlussphase noch hätte gebrauchen können", analysierte der künftige Pro-Tour-Mann und fügte hinzu: "Aber ich bin ja auch Teamfahrer, und einer von uns musste diese Gruppe schließlich besetzen. Das war eben ich. Und es hätte ja auch sein können, dass wir durchkommen."

Foto: Roth
Ansonsten blickte der Thüringer zufrieden auf die Saison 2007 zurück und freut sich nun auf eine kleine Rennpause - auch wenn diese ganz neue Aufgaben mitbringen wird: Ausbildungsende, Prüfungsstress. "Wenn alles klappt, bin ich im Februar Polizeimeister", erklärte Martin, der schon seit drei Jahren auf eine seriöse Berufsperspektive als zweites Standbein setzt. Vom Frühjahr an wird er sich dann aber doch dem Radrennsport verschreiben: Tony Martin startet seine Profikarriere im T-Mobile-Team.

Dagegen ist noch unklar, für welches Team der neue U-23-Weltmeister im kommenden Jahr in die Pedale tritt. Die Wiesenhof-Equipe wird es in dieser Form nach dem Ausstieg des Hauptsponsors nicht mehr geben, und der 22-Jährige lechzt ohnehin nach größeren Aufgaben. Da trifft es sich gut, dass Velits noch keinen neuen Vertrag unterschrieben, sondern regelrecht gepokert hat: "Mein Manager und ich haben entschieden, mit der Teamsuche bis nach dem WM-Rennen zu warten." Mit dem Titel in den Palmares dürften sich für Velits ganz neue Türen öffnen.

Karl Heidegger


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