STUTTGART, 01.10.07 (rsn) - Straßen- Radsport
ist immer eine Mannschaftssportart, bei der WM aber ist das brisant, denn
Stars, die die ganze Saison über gegeneinander fahren, bilden auf
einmal ein Kollektiv. Paolo Bettini
und seine "Squadra" überzeugten am Sonntag in Stuttgart
in dieser Hinsicht genauso wie ihre italienischen Fußballerkollegen
bei der WM in Deutschland 15 Monate zuvor.
Im Fußball bildete das italienische Starensemble
ein eingeschworenes Team
und holte in Deutschland
mit seinem Skandaltorhüter Gianluigi Buffon
den Titel. Dem Calcio
tat es der noch um einiges affärengeplagtere ciclismo
nun 15 Monate später nach
mit einem Kapitän, den
die wie so oft über jedes
Maß hinausschießenden Deutschen
am liebsten mit einem Startverbot belegt hätten
und der in Stuttgart
die "vielleicht schlimmste Woche meiner Karriere" erlebte.
"Aber wir Italiener sind ein stolzes
Volk. Wir können Widrigkeiten und
Druck zu unserem Vorteil nutzen.
Das macht uns noch stärker", sagte
Bettini, dessen Wut auf die
Stuttgarter Technokraten
am Sonntag
die Freude über die Titelverteidigung
überwog.
Die Stuttgarter WM-Organisatoren und
der Großteil der früher so Ullrich-verliebten deutschen Medien
nahmen die WM zum Anlass,
sich zu den Richtern über eine Sportart zu machen,
deren Tradition ihnen völlig fremd ist.
Bettini und seine Squadra
kamen in eine feindselige Atmosphäre.
Für den blinden Eifer der Stuttgarter
Organisatoren fand man in den
klassischen Radsportnationen
von Belgien bis Italien kein
Verständnis.
"So als ob man nach Jahrzehnten von
Toleranz und Komplizenschaft innerhalb
des Systems, im Radsport und im Sport im allgemeinen,
von heute auf morgen
eine Unschuld,
die es vielleicht nie gab,
zurückbringen kann", kommentierte am Montag
kopfschüttelnd Eugenio Capodacqua,
der Dopingexperte der angesehenen italienischen Zeitung
La Repubblica.
Bettini und Co. hatten eine ereignisreiche
Woche. Das fing an mit
Girosieger Danilo Di Luca, der
auf seinen Start verzichten musste,
weil ihn eine drei Jahre alte Dopingaffäre,
die sein Radsportverband lieber ignorieren wollte,
einholte.
Bettini wusste
erst am Freitagmittag,
dass er fahren kann,
als das Stuttgarter Landgericht
eine Einstweilige Verfügung
gegen seinen Start, die die Stuttgarter
Organisatoren beantragt hatten,
ablehnte.
Und auch noch am Renntag selbst
ging es für die Italiener zunächst
noch durcheinander,
als die Blutkontrolleure
zu spät kamen und
die Rennfahrer da schon gefrühstück hatten...
Doch damit sollten
die Widrigkeiten der Italiener enden.
Die Squadra azzurra,
die sich den Luxus leistete,
einen Mann wie Daniele Bennati
zuhause zu lassen, fuhr
ein perfektes Rennen in Stuttgart.
Foto: Roth
Die Arbeitsteilung funktionierte,
kein Star war sich zu schade, um
Helferaufgaben zu übernehmen.
Alle erledigten ihren Job.
Erst machte Damiano Cunego
das Rennen schwer. "Er hat sich für mich geopfert",
bedankte sich später Bettini.
Matteo Tosatto, Marzio Bruseghin
und vor allem Alessandro Bertolini
wirbelten ebenso im ersten Drittel.
In der zweiten Rennhälfte
sah man Alessandro Ballan und erneut Cunego.
Und in der vorletzten Runde
spielte Gerolsteiner-Routinier Davide
Rebellin eine Schlüsselrolle,
als er attackierte und die Spanier um
Oscar Freire zwang, Verfolgungsarbeit zu machen.
Bettini vergaß in seinen Dankesworten
nach seinem Sieg
auch nicht Filippo Pozzato,
der als zweiter Leader ins Rennen gegangen
war, aber Krämpfe hatte und
keine Rolle spielte.
Der Doppelweltmeister
aus der Toskana,
der zum neunten Mal
das Nationaltrikot
trug, weiß wie wacklig
die Gruppendynamik der Squadra
mitunter ist.
Doch ironischerweise
halfen ihm auch ausgerechnet die Stuttgarter Lokalpolitiker,
die ihn nicht haben wollten. Der Druck von außen
sorgte zusätzlich für einen
Teamgeist.
Selbst Di Luca blieb demonstrativ
und drückte am Sonntag "seinem"
Team die Daumen...