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Italienerin Bastianelli neue Weltmeisterin
Knies im deutschen Team nach Sturzrennen
WM: LIVE-Ticker - Ergebnisse/Palmares


Foto: Roth

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STUTTGART, 29.09.07 (rsn) - Der Traum vom Gold ist geplatzt, und statt eines metallenen Trostpreises gab es nur Sturzpech: Die deutschen Frauen sind beim Straßenrennen der Stuttgarter Weltmeisterschaft zum ersten Mal seit 2003 ohne Medaille geblieben. Das Regenbogentrikot sicherte sich die erst 20-jährige Italienerin Marta Bastianelli.


Foto: Roth
Die Römerin glänzte mit einer in dieser Form gar nicht geplanten Soloflucht, trotz eines Kettendefekts und gewann nach 133,7 Kilometern in einer Zeit von 3:46,34 Stunden vor Titelverteidigerin Marianne Vos aus den Niederlanden und Giorgia Bronzini, einer weiteren Italienerin.

Die Deutschen blieben weit hinter den Erwartungen zurück: Trixi Worrack wurde 18., Judith Arndt 21. Dabei war allerdings eine Menge Pech im Spiel - und eine taktische Grundkonstellation, die gar nicht nach dem Geschmack der BDR-Equipe war. Das hätte diese Weltklassemannschaft ja noch verschmerzen können, schließlich ist ein Radrennen kein Wunschkonzert. Doch das Sturzpech von Judith Arndt war auch durch Kampfgeist nicht wettzumachen: Die ambitionierteste deutsche Fahrerin kam gleich zweimal zu Fall. "Wenn du auf diesem Kurs zweimal du stürzst, hast du keine Chance", sagte so auch Trainerin Petra Roßner, und Arndt ergänzte: "Die Stürze haben unsere ganze Taktik über den Haufen geworfen."


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Diese Taktik war ganz auf den Sieg ausgerichtet; die BDR-Athletinnen hatten schon im Vorfeld angekündigt, dass der Titel ihr erklärtes Ziel sei. Allerdings fühlten sie sich unterwegs, als seien ihnen Fesseln angelegt. Sie hätten sich nichts vorzuwerfen, meinte so auch Trixi Worrack sinngemäß: Die Taktik der anderen Mannschaften war offenbar ein Problem für das deutsche Team. Worrack: "Wenn wir attackiert haben, sind uns alle hinterhergefahren. Wenn die Italienerinnen attackiert haben, haben alle auf uns geguckt."

In der Tat dominierten zwei Trikotfarben diesen Medaillenritt: die azurblauen der Italienerinnen und die roten der BDR-Equipe. Mitunter sah man auch ein russisches oder ein kanadisches Jersey in einer offensiven oder zumindest verantwortlichen Position, doch das waren die Ausnahmen. Die Staffelung war meist ganz einfach: Vorne eine Italienerin in der Attacke, dann ein Stück Straße, dann eine deutsche Lokomotive, dann das bunte Peloton.


Zickenkrieg

Hanka Kupfernagel, die am Mittwoch Gold im Einzelzeitfahren geholt hatte, attackierte nach dem Rennen Bundestrainer Dornbusch: "An den Mädels lag es heute nicht, dass es nicht geklappt hat, höchstens an der Teamleitung. Ich sollte zusammen mit Luise Keller als erste von uns attackieren. Das hätte ich nicht erwartet - vielleicht, wenn ich im Zeitfahren 10. geworden wäre. Deshalb bin ich mit einer Portion Wut im Bauch gefahren. Bei der letzten Attacke sind mir die Beine explodiert. Ich bin keine Maschine", ereiferte sich die 33-jährige Thüringerin, die nach vier Jahren Pause wieder ihre erste Straßen-WM für den BDR bestritt. Der von der Zeitfahr-Weltmeisterin attackierte Bundestrainer Jochen Dornbusch blieb diplomatisch: «Hanka hat ihren Job gut erfüllt.»

Im Hotel eskalierte die schlechte Stimmung zwischen Judith Arndt und Kupfernagel: erst Schweigen, dann ein kurzes Wortgefecht und jede ging vorerst ihrer Wege. Nach einem «klärenden Gespräch ohne GAU und Gekratze» - so Bundestrainer Trainer Jochen Dornbusch - wurde der Streit am Samstagabend bei einer Versöhnungsfeier in der Disco beigelegt. Nicht so versöhnlich war Dornbusch selbst in Bezug auf Mike Kluge, der mit Hanka Kupfernagel zusammen lebt und sie sportlich betreut: «Der hat keine Ahnung».

Den ersten ernst zu nehmenden Ausreißversuch lancierte Tatiana Guderzo nach zwei Dritteln der Distanz. Sicher, ins Ziel war es noch ein weiter Weg, als die blonde Italienerin attackierte. Doch Guderzo ist ein Ass; im WM-Rennen von Verona hatte sie vor drei Jahren Silber geholt, hinter Judith Arndt übrigens. Also durfte man ihr keinen freien Ausritt gewähren, und es war vor allem Hanka Kupfernagel zu verdanken, dass das Loch rasch wieder geschlossen wurde. Überhaupt: Kupfernagel, immer wieder Kupfernagel. Die Zeitfahr-Weltmeisterin war in den ersten zwei Dritteln des Rennens ein echter Aktivposten und spannte sich immer wieder vors Feld. Sie fuhr ein beeindruckendes Rennen, verrichtete Mannschaftsarbeit par excellence - so, wie sie es versprochen hatte. Dass es hinterher offenbar doch noch ein bisschen Knies um die Rollenverteilung gab, war daher wohl eher dem beanspruchten Nervenkostüm geschuldet als echtem Unfrieden im deutschen Team. "Wir hatten das Problem mit den Stürzen, aber die Mannschaft ist gut gelaufen", sagte Trixi Worrack.

Sorgen sollte man sich eher um die Streckensicherheit bei dieser Weltmeisterschaft machen - und vielleicht sollte sich Stuttgarts Sportbürgermeisterin Eisenmann nicht nur als Dopingpolizei aufführen, sondern auch die ganz praktischen Aspekte eines Radrennens im Auge behalten. Am Donnerstag fielen beim Zeitfahren der Männer gleich zwei der aufblasbaren Rundbögen in sich zusammen, am Freitag mussten sich die auf dem WM-Kurs trainierenden Athleten mit dem Straßenverkehr herumschlagen. Und jetzt, beim Straßenrennen der Frauen, brachte eine Windböe das Absperrgitter auf einer Länge von rund 50 Metern zu Fall - und das direkt vor dem Hauptfeld. Die Folge war ein Massencrash. Mehr als zehn Fahrerinnen landeten unsanft auf dem Asphalt; immerhin wurde niemand schwer verletzt. Und eine der gestürzten Frauen setzte sich später sogar offensiv in Szene: Neomi Cantele. Die Italienerin, in der nicht nur Bundestrainer Jochen Dornbusch eine ganz heiße Titelanwärterin sah, fand schnell den Weg zurück ins Feld und läutete mit ihrer anschließenden Attacke die Schlussphase ein. Cantele preschte in der vorletzten der sieben Runden zusammen mit der starken US-Amerikanerin Amber Neben vorneweg, später dann noch einmal mit der Holländerin Marianne Vos.

Judith Arndt höchstpersönlich war es, die mit einem Kraftakt zur Verfolgung blies und so den Fluchtversuchen von Cantele & Co. ein Ende bereitete. Ein großer Auftritt der Leipzigerin - doch es sollte das letzte Mal sein, dass sie sich bei diesem Rennen in Szene setzte. Denn jetzt überschlugen sich die Ereignisse. Erst stürmte Marta Bastianelli davon, dann stürzte Judith Arndt. Schon zum zweiten Mal in diesem Rennen, zwölf Kilometer vor dem Ziel. Eine Schlüsselszene. Sie zog den deutschen Titelhoffnungen den Zahn.






Foto: Roth
Vorneweg hechtete aber die erst 20-jährige Marta Bastianelli - eine weitere Fahrerin, die Dornbusch auf der Rechnung hatte. Dabei hatte ihr Vorstoß eigentlich nur einen taktischen Hintergrund. "Geplant war bloß, dass ich dadurch die Gruppe verkleinere. Aber plötzlich war ich allein vorne, und mein sportlicher Leiter rief mir zu, dass ich weiter Gas geben sollte. Ich habe da noch nicht an meine Chance geglaubt, denn eine solche Soloflucht hatte ich ja gar nicht beabsichtigt", lächelte die zierliche Weltmeisterin bescheiden. Umso beeindruckender war ihre Aktion. Bastianelli hetzte mit weit geöffnetem Mund dem Ziel entgegen und war nicht mehr zu stoppen, nicht einmal von der Defekthexe: Gut zehn Kilometer vor Ulitimo sprang ihr die Kette vom Blatt und schnappte haltlos in der Luft herum. Doch Bastianelli behielt die Nerven. "Mir war klar: Die Gruppe ist noch ein gutes Stück hinter mir, und die Betreuer riefen mir zu: 'keine Panik!' Zum Glück bin ich wirklich ruhig geblieben und habe das Problem in den Griff bekommen."

Im Stuttgarter Stadtteil Feuerbach hatte Bastianelli immer noch mehr als 15 Sekunden Vorsprung auf die Konkurrenz und steuerte so dem Schlussanstieg entgegen. Hier verlor sie ein bisschen an Boden - aber hatte am Ende immer noch ein solches Polster, dass sie ihren Sieg auf den letzten Metern auskosten konnte. "Fünf Kilometer vor dem Ziel wurde mir klar, dass ich eine Chance hätte. Aber richtig geglaubt habe ich es erst, als ich die Ziellinie gesehen habe." Das war schön zu beobachten, denn just in Sichtweite der Ziellinie fing sie sie an zu feiern.

Im Spurt der 16-köpfigen Verfolgergruppe setzte sich Vorjahressiegerin Vos durch, Giorgia Bronzini machte den italienischen Coup mit ihrer Bronzemedaille komplett. Vos gab sich derweil "ein bisschen enttäuscht": "Ich wollte gewinnen. Aber andererseits: Die Italienerinnen haben diesen Titel wirklich verdient, denn sie waren heute die beste Mannschaft. Und eine 15-Kilometer-Flucht mit einem Sieg abzuschließen: Das ist natürlich beachtlich." Bronzini sah im in dem zweifachen Medaillengewinn ein gutes Zeichen für Italiens Frauenradsport: "Wir sind ein junges Team und haben noch viel vor. Und dazu haben wir eine Heim-WM vor der Nase: 2008 in Varese, das wird toll."

Nun drücken die italienischen Rennfahrerinnen aber erstmal ihren männlichen Kollegen die Daumen: "Diese Woche sehr schwierig für das ganze Team, auch für uns Frauen. Wegen all der Affären waren dauernd viele Leute in unserem Hotel, die Atmosphäre war hektisch und angespannt", erzählte Marta Bastianelli, "aber wir haben uns zusammengesetzt und beschlossen, die Probleme beiseite zu schieben und uns ganz auf das Rennen zu konzentrieren. Das hat gut geklappt, und ich hoffe, dass die Männer das morgen auch so machen. Denn sie haben den Sieg verdient."

Karl Heidegger


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