STUTTGART, 29.09.07 (rsn) -
Nach dem Zielsprint der U23-Straßenfahrer wird es hektisch. Etwa 50 Meter hinter dem
Ziel stehen Kameraleute, Betreuer, Fotografen, Sicherheitsleute. Sie versperren die
WM-Strecke. Mitten unter ihnen ist auch Otmar Schlafer. Der 22-Jährige
aus Münsingen steht konzentriert am Rand und sucht den Viertplatzierten. Ihn
muss er in der kommenden halben Stunde begleiten, denn Otmar Schlafer ist Chaperon
und damit mit für die Doping-Kontrolle zuständig.
Die Fahrer auf den Plätzen eins bis vier werden
kontrolliert, zudem sechs weitere, die ausgelost werden. Wer zu
Doping-Kontrolle muss, der bekommt einen „Aufpasser" an die Seite gestellt.
Im Chaos nach dem Spurt läuft nicht alles nach Plan. Schlafer und sein Kollege, der mit
ihm den Viertplatzierten bis zur Doping-Kontrolle begleiten soll, sind beim Fünften und beim Sechsten des
Sprints. Ein weiterer Freiwilliger am Ziel war sich nicht sicher, hatte
per Funk zwei Namen rausgegeben. Beide falsch. Erst als der Streckensprecher
verkündet, dass Tom Leezer aus den Niederlanden den undankbaren vierten Platz
erreicht hat, geht die Suche nach dem Richtigen los. Sie ist schnell vorbei, Leezer inmitten
von anderen Holländern gefunden.
Foto: Buttkereit
Nun beginnt der eigentliche Job von Otmar Schlafer. Er darf bis zur Doping-Kontrolle den Fahrer nicht aus den Augen lassen. „Es ist schon so etwas wie eine Observation“, sagt er. Schließlich muss er selbst beim Umziehen genau hinschauen, was der Sportler macht. Dabei komme es aber auch auf sein Fingerspitzengefühl an, sagt er. „Radsportler sind keine Verbrecher.“ So müsse man die WM-Teilnehmer auch behandeln. Bislang hat das auch geklappt, es gab weder auffällige Fahrer noch auffällige Chaperons. Schließlich müssen nicht nur die Begleiter über die Fahrer Protokoll führen, sondern auch die Fahrer können sich über die Chaperons beschweren. „Es gibt schon Fahrer, die Fragen, warum man die ganze Zeit mitgehen müsse“, berichtet Schlafer. Beispielsweise Jeannie Longo-Ciprelli habe nach dem Zeitfahren zunächst nicht eingesehen, dass sie von einem jungen Mann, der ihr Sohn sein könnte, überwacht wird. Grundsätzlich nehmen die Fahrer aber die Arbeit der Chaperon an, so Schlafer. Die Holländer bekommen ein Extra-Lob des Medizin-Studenten. Auch heute klappt es gut.
Foto: Buttkereit
Schlafer begleitet Tom Leezer in die holländische Box, schaut genau hin, wenn der Vierte des U23-Rennens etwas aus dem Rucksack nimmt und auch, als er sich eine Trainingsjacke überzieht. Die holländische Box ist umlagert, viele Journalisten wollen wissen, warum es nur zum vierten Platz gereicht hat. Es bleibt schwer, die Übersicht zu behalten. Schlafer aber wirkt wie die Ruhe selbst. Er steht in der Box, verzieht keine Miene und als er die Möglichkeit hat, weist er seinen „Schützling“ auf die Doping-Kontrolle hin. Er dürfe ihn nicht dorthin drängen, der junge Sportler müsse aus eigenem Antrieb zur Kontrolle gehen. „Ich bin nur Beobachter“, betont Schlafer. Wenn er etwas Verdächtiges sieht, dürfe er das nicht unterbinden. Er muss es nur später im Protokoll eintragen. Heute gibt es nichts Außergewöhnliches zu protokollieren. Der Holländer ist nach etwa einer Viertelstunde mit Umziehen und Interviews fertig, nun geht es zurück in Richtung Ziel. Fast direkt auf Höhe der Zielline befindet sich der Keller der Stuttgarter Messe, in dem die Dopingkontrolle stattfindet.
Einbahnstraße Doping Da hatte einer Sinn für Ironie:
Hinweis auf Dopingkontrollen im Ziel des U23-Rennens am Samstag
Foto: Roth
Bis dorthin heißt es für Schlafer und seinen Kollegen erst einmal sprinten. Schließlich fährt der Holländer mit dem Rad. Langsam, versteht sich. Schließlich will er seine Begleiter nicht abhängen. Es könnte schlimme Folgen für ihn haben.
„Beim Zeitfahren ist einer weggefahren. Aber das hat sich später aufgeklärt, er war einfach enttäuscht über seine Platzierung“, so Schlafer. Der Münsinger hat beim Zeitfahren aber auch seinen schönsten Moment als Chaperon erlebt. Er war für Fabian Cancellara zuständig. „Da war ich dann eher Bodyguard“, erzählt er. So viele Fotografen und weitere Leute scharrten sich um den Weltmeister, dass es schwer war, jede Aktion des Schweizers zu beobachten. Aber genau darauf komme es an, ein Doping-Verschleierer sei schnell eingenommen, weiß Schlafer. Schließlich kennt er sich aus im Metier, hat schon bei der Mountainbike-Bundesliga die Chaperon angeleitet und ist wohl auch deshalb in Stuttgart für diese verantwortungsvolle Aufgabe ausgewählt worden. Schlafer kommt selber aus dem Radsport, war Lizenzfahrer und ist jetzt Jugend-Trainer. Das Doping-Problem kennt er genau. Oft überlegt er, ob Leistungssport im Jugendbereich überhaupt noch Sinn mache. Er spricht mit seinen Schützlingen über Doping, freut sich auch über zehnte Plätze. Aber er erlebt im eigenen Verein mit, wie schwer es ist, die Jugend noch auf die Straße zu bekommen. Auch deshalb will er vielleicht später mal als Mediziner etwas im Doping-Bereich machen, will neue Testmethoden erforschen. Oder aber als Rennarzt tätig sein.
So weit ist es heute noch nicht. Schlafers Arbeit endet im Keller neben dem UCI-Anti-Doping-Labor. Er muss „seinen“ Fahrer hier in einem Warteraum abgeben. Die weitere Arbeit mache dann der offizielle UCI-Arzt. Bei der Urinprobe ist der Chaperon nicht mehr mit dabei. Nun muss Schlafer noch das Protokoll ausfüllen, dann ist die Arbeit beendet. Sie mache Spaß, auch wenn sie manchmal grenzwertig ist, sagt er. „Du musst immer bedenken, dass die Fahrer Menschen sind, darfst die Fahrer nicht unter Generalverdacht stellen“, ist seine Devise. Seine Aufgabe ist schließlich ein Teil davon, den Radsport wieder glaubwürdiger zu machen. Das dürfte auch Jeannie Longo-Ciprelli verstehen.