STUTTGART, 30.09.07 (rsn) -
Es ist kalt in Stuttgart, auch an einem strahlenden September- sonntag. Es ist die Kälte einer
Bürokratie, die jedes Gespür für den Radsport vermissen lässt.
Stuttgarts Politiker haben sich keine Freunde gemacht in der Velo-Welt.
Mit deutscher Gründlichkeit schienen sie ein Radsportfest partout vereiteln zu wollen.
Letzter Tag der Straßen-WM, Männerrennen, ein Highlight im Radsportjahr. Doch das gerät heuer fast zur Nebensache - zumindest im Kreis derer, denen der Radsport am Herzen liegt. Denn die wollen nur noch eines: weg aus Stuttgart. "Ein Glück, dass dieser Alptraum bald ein Ende hat", hört man immer öfter. Andere zählen die Stunden bis zu ihrer Heimreise. Stuttgart hat keinen guten Eindruck gemacht bei den Radsport-Fans und -Journalisten aus aller Welt.
Allein die Einschreibung des Eliterennens geriet zu einem Anti-Klimax: Wer diese Zeremonie zum Beispiel einmal bei der Flandernrundfahrt, bei Mailand - San Remo oder auch nur bei der Deutschland-Tour erlebt hat, der weiß: Eigentlich ist dies ein Tageshöhepunkt für die Fans, eine gute Show voller guter Laune, ein schöner Auftakt eines schönen Renntages. Nicht so in Stuttgart. Die Prozedur war rein amtlicher Natur: keine Moderation, keine Interviews, kein Flair. Was eigentlich nur konsequent war, denn es durften ja auch keine Fans zusehen. Das mickrige Podium stand im Start- und Zielbereich gegenüber der TV-Tribüne und war offenbar nur als bürokratischer Akt gedacht, nicht als Zuschauer-Event.
Fans in "Boxen"
Auch das Konzept der so genannten Fanboxen am Schlussanstieg zeigt, dass die Stuttgarter Organisatoren ein eher außergewöhnliches Verständnis von Radsportkultur haben. Velo-Fans zelebrieren schließlich gerne ein internationales, teils etwas chaotisches Miteinander an der Rennstrecke. Dass es drunter und drüber geht, ist in L'Alpe d'Huez und am Mortirolo normal, Fangruppen aus aller Herren Länder vermischen und verbrüdern sich, es wird gefachsimpelt und gefeiert. All das ist den Schwaben wohl etwas zuviel der Anarchie. Im Land der Kehrwoche muss Ordnung herrschen. Deshalb wurden an einem der spektakulärsten Streckenabschnitte Fanboxen vermietet, abgetrennt mit Eisengittern. Immerhin, gefeiert wurde trotzdem, über alle Zäune hinweg. Überhaupt machten Heerscharen von Fans den Sonntag doch noch zu einem vergnügten und versöhnlichen WM-Abschluss, aller Querelen zum Trotz.
Umstürzende Banden verursachten Stürze im Frauenrennen
Foto: Roth
Dabei hatte man es ihnen nicht einfach gemacht: Polizei und Ordner
hindern Fans daran, die Name ihrer Lieblinge auf den Asphalt zu pinseln, Journalisten und Fotografen werden von übereifrigen Ordnern aufgehalten, wenn sie ihren Job erledigen wollen. "Das ist meine 35. Weltmeisterschaft und so etwas habe ich noch nie erlebt", klagte ein Fotograf, dem erst eine Beschwerde bei UCI-Pressechef Enrico Carpani die Arbeit erleichterte. Überhaupt: Vieles, was in Stuttgart passiert, ist sicher nicht im Sinne der UCI. Auch dem Weltverband wäre zweifellos die vom deutschen Frauen-Bundestrainer Dornbusch geforderte Prioritätensetzung lieber: weniger Polemik in der Dopingdiskussion, aber höhere Sicherheitsstandards auf der Rennstrecke. Zusammenfallender Werbebögen und umgewehte Reklamebanden geben jedenfalls kein gutes Bild ab. Und dass die Rennstrecke für das Training am Freitag nicht für den normalen Verkehr gesperrt wurde, ist in der jüngeren WM-Geschichte ebenfalls ein einmaliger Vorgang.
Und über allem schwebt das Thema Doping. Stuttgarts Eisenmänner und -frauen haben ein Sportereignis kaputt geredet und in der breiten deutschen Öffentlichkeit den Eindruck erweckt, dass es im Radsport immer neue Skandale gibt. Dabei stimmt das gar nicht. Der Radsport ist, allen Kritikern zum Trotz, auf einem guten Weg. Natürlich: Es gibt weiterhin große Probleme, und die Szene trägt auch noch etliche Altlasten mit sich herum. Doch dass diese als neue Skandale zu verkauft werden - das ist auch ein Skandal dieser WM. Der Fall Valverde schwelt seit Juni 2006, der Fall Bettini seit Januar 2007 und auch beim zur "Persona non grata" erklärten BDR-Vize Udo Sprenger gibt es offenbar keine neuen Entwicklungen. Hier wurden Baustellen aufgemacht, die eigentlich gar keine sind - oder aber schon vor Wochen, Monaten, Jahren hätten geklärt werden müssen.
Vorfreude auf Varese
Insofern geschieht den Stuttgarter Politikern durchaus Recht, dass sie bei Bettini und Valverde auf die Nase gefallen sind. Sie haben die Eskalation bewusst betrieben und den Zeitpunkt ihrer spektakulären juristischen Schritte bewusst gewählt - nicht etwa einige Wochen vor der WM, sondern während der Wettbewerbe, im Fokus der Medien. Sie wurden von unabhängigen Gerichten ausgebremst. Natürlich, auch die Radsportwelt und selbst die UCI war gegen den Start Valverdes; der WM-Dritte von Salzburg wird schließlich mit dem Dopingarzt Eufemiano Fuentes in Verbindung gebracht. Doch andererseits: Fuentes betreute wohl mehr als 200 Sportler, darunter 58 namentlich bekannte Radprofis und etliche namentlich nicht bekannte Spitzenathleten aus anderen Disziplinen. Allerdings: Um Fußballgrößen, Tennisstars oder Leichtathleten in Fuentes' Kundeskreis schert sich niemand. Auch den auf Doping-Schlagzeilen so erpichten deutschen Medien ist dieses Thema zu heiß oder aber gleichgültig - Hauptsache, es darf auf den Radsport eingeprügelt werden.
"Wenn Stuttgart als Ausrichter zurückgetreten wäre, hätten wir sich auch kurzfristig einen Ersatzort gefunden, wahrscheinlich in Italien. Die Italiener sind so leidenschaftlich in Bezug auf den Radsport und so leidenschaftlich in Bezug auf die WM, dass das mit Sicherheit geklappt hätte", sagte UCI-Chef Pat McQuaid. Schade, dass es nicht so weit gekommen ist. Doch da bleibt nur eines: Vorfreude auf die WM 2008. Varese, wir kommen.