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Schumacher holt Bronze
Wütender Bettini zeigt "wie man Rennen fährt"
WM: LIVE-Ticker - Ergebnisse/Palmares


Foto: Roth

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STUTTGART, 30.09.07 (rsn) - Paolo Bettini, hat es geschafft: Mit einer gehörigen Portion Wut im Bauch ist der von Stuttgarter Politikern verschmähte Italiener am Sonntag zum Regenbogen gerast und darf sich zum zweiten Mal in Folge mit dem Titel des Straßenweltmeisters schmücken. Lokalmatador Stefan Schumacher glänzte - wie sein Gerolsteiner-Kollege Fabian Wegmann - mit einem herrlich offensiven Rennen, musste sich aber mit Rang drei begnügen, hinter dem 33-jährigen Titelverteidiger und dem überraschend starken Russen Alexandr Kolobnev.


Fotos: Roth
"Ja, ich wollte Weltmeister werden", sagte Schumacher nach dem Rennen und klang dabei weder niedergeschlagen noch verärgert. Er klang einfach ganz sachlich und normal - und strahlte selbst in diesem hochemotionalen Moment mehr Gelassenheit und Souveränität aus als die Stuttgarts Sportbürgermeisterin Susanne Eisenmann in der ganzen WM-Woche. "Ich wollte Weltmeister werden und ich habe alles gegeben, 100 Prozent", bilanzierte "Schumi"; deshalb sei er auch zufrieden mit sich und seiner Leistung. "Aber es war heute nicht möglich, Paolo zu schlagen", fuhr er fort. Bereits am Birkenkopf - der letzten Steigung - habe er gemerkt, dass Bettini der stärkste Fahrer der Spitzengruppe und des gesamten Rennens war. "Im Sprint waren meine Beine leer, aber ich habe noch einmal alles getan, um aufs Treppchen zu kommen", erklärte der 26-jährige Nürtinger, denn: "Eine Medaille in meiner Heimat - das ist eine tolle Sache, auch wenn es nicht für den Titel gereicht hat."


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"Fürchterliche Woche" Bettini fand Zuspruch nicht nur bei Frau Monica
Foto: Roth
Für Paolo Bettini dagegen war der Zielsprint von Stuttgart die wohl größte Genugtuung seines Sportlerlebens. Bisher war er immer ein gemeinsamer Nenner für alle Radsportfans, ein Sympathieträger über alle Staats- und Teamgrenzen hinweg, einer, dem die Herzen zufliegen. Jetzt, in Stuttgart, wehte ihm plötzlich der Wind ins Gesicht. Kein Wind der Missgunst und kein Wind von missliebigen Fans, sondern der Wind einer deutschen Anti-Doping-Politik, die ihn am Start hindern wollte. Es war eine turbulente Woche für Bettini, es ging um seine nicht vollständig unterschriebene Ehrenerklärung und um die angeblichen Anschuldigungen von Patrik Sinkewitz, Bettini habe für ihn als Dopinglieferant fungiert. Das Landgericht Stuttgart billigte schließlich seinen Start, sehr zum Verdruss von Stuttgarts Kommunalpolitikern und sehr zur Freude der - nicht nur italienischen - Radsportfans. Das juristische Hickhack hatte einen Nebeneffekt - es war mentales Doping für Bettini. Wut macht Sieger. Besser kann man einen Sportler wohl nicht motivieren.

VIDEO: BDR-Asse bilanzieren die WM
"Echt krasse Stimmung - Entschädigung für vieles"

Bronze-Gewinner Schumi, Jens Voigt, Fabian Wegmann, Ronny Scholz, David Kopp und Marcus Burghardt vor der Kamera von RADSPORT-NEWS.COM.
    Video anschauen (4:31 Min)


Foto: Roth
"Ich bin immer noch so wütend wie zu Beginn des Rennens", sagte Bettini so auch auf der Pressekonferenz (INTERVIEW) - und er könne sich nicht einmal richtig freuen, nach all dem Druck, der in den vergangenen Tagen auf ihn ausgeübt wurde: "Ich lasse nicht zu, dass meine Karriere, mein Image, mein Sport zerstört wird." In diesem Kontext ist auch seine außergewöhnliche Jubeleinlage zu sehen. Bettini, eigentlich eine Seele von Mensch, mimte den Cowboy, schoss wild und gestenreich um sich. "Das war eine Instinkthandlung. In den vergangenen Tagen wurde ich heftig unter Beschuss genommen - und nun habe ich zurückgeschossen. Es sollte niemandem persönlich gelten, aber wenn sich jemand getroffen gefühlt haben sollte, dann wird das wohl seine Gründe haben." Es ist klar, wem Bettinis Unmut galt - den Stuttgartern Politikern, die dieser WM ihren Stempel aufgedrückt haben. Und das nicht nur zum Ärger von Bettini und seinen Landsleuten. Als UCI-Chef Pat McQuaid die tolle Stimmung an der WM-Strecke lobte, murmelte ein britischer Journalist: "Aber die war leider im falschen Land."




Fotos: Roth
Immerhin waren mehrere Hundertausend Menschen zu der selektiven WM-Strecke in Stuttgarts Nordwesten gepilgert - und die bereuten ihr Kommen nicht. Auf den 14 Runden, die sich zu 267,4 Kilometern addierten, sahen sie großen Sport, von Anfang an. Englische Buchmacher könnten einmal eine Randwette anbieten: Wer bildet die erste Spitzengruppe eines WM-Rennens? Auf die französisch-russisch-kolumbianische Kombination aus Stéphane Auge, Sergej Kolesnikov und Marlon Perez Arango hätten da wohl nur wenige getippt. Viel interessanter als dieses Trio war aber das 39-köpfige Verfolgerfeld, das am Ende der vierten Runde entstand und in Windeseile mehr als drei Minuten Vorsprung herausholte (RENNFILM). Selbst das wäre kaum der Rede wert gewesen, schließlich war nicht einmal die Hälfte des Rennens absolviert. Doch es gab einige Umstände, die die Sache bemerkenswert machten. Zum Beispiel der Einsatz der Italiener. Die hatten mit ihrer offensiven Fahrweise überhaupt erst für das Zustandekommen dieses Unternehmens gesorgt, waren gleich zu dritt dabei (Bruseghin, Bertolini, Cunego) und machten mächtig Dampf. Und auch sonst war die Gruppe, die die drei Flüchtlinge natürlich rasch einholte, ausgezeichnet besetzt. Unter anderem mit: Juan Antonio Flecha und Carlos Sastre (Spanien), Thor Hushovd (Norwegen), Bobby Julich und George Hincapie (USA) und den drei Deutschen Ronny Scholz, Christian Knees und Jens Voigt. "Ist das Rennen schon entschieden?", fragten einige ganz Voreilige angesichts dieser Prominenz. War es natürlich nicht. Aber: Es war nicht zu übersehen, wo das hinführen sollte. Das Rennen sollte schwer gemacht werden, schwer und schnell.

Sechs Runden vor Schluss stand dann eine neue Spitzengruppe, die in Teilen deckungsgleich mit der ersten war - denn zum Beispiel waren Flecha, Voigt und Julich erneut mit von der Partie. Außerdem, unter anderem: Marcus Burghardt, der Franzose Sandy Casar und der Belgier Philippe Gilbert. Also wieder ein erlesenes Ausreißerfeld, etwa 25-köpfig. Wieder hohes Tempo. Aber wieder keine Vorentscheidung, natürlich. Das Feuerwerk der Co-Favoriten war bald wieder verloschen; zwei Runden vor Schluss war das Peloton wieder vereint. Vereint, aber ganz schön verkleinert. Die harte Fahrweise, die vor allem die Italiener forciert hatten, machte sich bezahlt. Ausscheidungsfahren statt Außenseitersieg - diese Rechnung ging auf.


Fotos: Roth
Bei der letzten Zieldurchfahrt zeigten sich dann zwei Blaue in vorderster Front: Davide Rebellin und Alexander Kolobnev, ein Gerolsteiner-Italiener und ein CSC-Russe. Mit 18 Sekunden Vorsprung gingen sie auf die letzten 19,1 Kilometer dieser WM. Und in der Schlussrunde war es ein weiteres Gerolsteiner-Ass, das die vorentscheidende Attacke setzte: Auf der Herdweg-Steigung griff Fabian Wegmann an und spaltete das Feld. 15 Mann fuhren nun dem Ziel entgegen. Es war eine Gruppe voller Favoriten mit drei Italienern (Bettini, Rebellin, Pozzato), drei Niederländern (Dekker, Kroon, Boogerd), zwei Belgiern (Gilbert, Leukemans), dazu in Evans, Sanchez, Kolobnev, Elmiger und Fränk Schleck jeweils ein Australier, Spanier, Russe, Schweizer und Luxemburger. Und natürlich die beiden Attackierer vom Dienst: Fabian Wegmann und Stefan Schumacher. Zwei Baden-Württemberger - Wegmann wohnt in Freiburg, Schumacher nur 15 Kilometer von Stuttgart entfernt - machten Druck in der baden-württembergischen Landeshauptstadt. Wegmann wurde letztlich Neunter und hatte allen Grund, zufrieden mit seiner Leistung zu sein.


Foto: Roth
Nun wurde es hektisch: Michael Boogerd zeigte sich in seinem letzten WM-Ritt so, wie man ihn aus etlichen großen Rennen kennt: Ein bisschen zu fahrig, zu ungeduldig - der Niederländer griff wieder mal als Erster an und kam wieder mal nicht durch. Anders das Trio Schleck/Bettini/Schumacher, das sich vom Rest der Spitzengruppe löste; etwas später fuhren nach der nimmermüde Kolobnev und der australische Lotto-Mann Cadel Evans dazu. Eine weitere Schleck-Attacke wurde von Schumacher und Bettini souverän pariert, und so kamen die Spitzenreiter zu fünft auf die kurze Zielgerade auf dem Killesberg. Kolobnev fuhr von vorne, Bettini passierte ihn mit Wucht, Schumacher hievte sich mit letzter Kraft auf den Bronzeplatz: ein spektakuläres Finale einer denkwürdigen Weltmeisterschaft.

Bettini-Festspiele, wie vor Jahresfrist in Salzburg - nur unter ganz, ganz anderen Vorzeichen. So zog auch der oberste Radsportfunktionär den Hut vor "Il Grillo" und gab sich - einmal mehr - solidarisch: "Wer ein Rennen unter diesem Druck gewinnt, ist ein großartiger, bewundernswerter Champion. Ich kann ihn nur gratulieren und ihm alle Unterstützung zusichern, die er braucht", sagte ein sichtlich bewegter Pat McQuaid. Bettini danke derweil all seinen Teamgefährten, jedem einzelnen namentlich - und vergaß auch den gesperrten Danilo di Luca nicht, der das Rennen in seinem Stuttgarter Hotelzimmer verfolgte. In der Tat war die italienische Mannschaftsleistung beachtlich; nicht nur Bettini steckte die Wut im Bauch. "Wir wollten all unseren Ärger dazu nutzen, um den Leuten hier zu demonstrieren, wie man ein Radrennen fährt", sagte der neue und alte Weltmeister. Das ist Bettini & Co. bravourös gelungen.

Karl Heidegger


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