STUTTGART, 27.09.07 (rsn) -
Fabian Cancellara ist der neue Michael Rogers: In Abwesenheit des australischen Dreifachweltmeisters hat der
26-jährige Schweizer am Donnerstag in Stuttgart das Einzelzeitfahren der Elite gewonnen. Es ist
Cancellaras zweiter Titel in Serie - der CSC-Profi zeigte einmal mehr, dass er der dominierende
Zeitfahrer dieser Tage ist. Ein starkes Rennen lieferten auch die beiden deutschen Starter Bert Grabsch (T-Mobile)
und Sebastian Lang (Gerolsteiner) ab, die die Plätze vier und fünf belegten.
Für Cancellara waren Grabsch und Lang jedoch keine Konkurrenz. Genau genommen hatte der Schweizer fast keine ernstzunehmende Konkurrenz an diesem Tag in Württemberg. Stark, stärker, Cancellara: In einer Zeit von 55:41,35 Minuten auf 44,9 Kilometern setzte Cancellara Maßstäbe und distanzierte alle anderen Radfahrer. Ob Rogers, der wegen der anstehenden Geburt seiner Zwillinge pausierte, da eine Chance gehabt hätte? Das darf bezweifelt werden. Ebenfalls chancenlos, aber trotzdem ziemlich happy waren Laszlo Bodrogi und Stef Clement,
die auf die Plätze zwei und drei kamen.
VIDEO: Stimmen zum Rennen
WM-Zeitfahren in Stuttgart: Weltmeister Fabian Cancellara
und die beiden deutschen Starter,
Bert Grabsch und Sebastian Lang, vor
der Kamera von RADSPORT-NEWS.COM.
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Bodrogi ist bereits seit fast einem Jahrzehnt ein Zeitfahrer der Extraklasse, war immerhin fünfmal ungarischer Meister im Kampf gegen die Uhr und hat 22 Profisiege eingefahren. Aber an einer WM-Medaille ist er immer wieder knapp vorbeigeschrammt, so dass das Stuttgarter Edelmetall für den 31-jährigen Crédit-Agricole-Profi eine ebenso erfreuliche Premiere ist wie Bronze für den Niederländer Clement (Bouygues Telecom). Bei der Pressekonferenz der drei Erstplatzierten waren Bodrogi und Clement allerdings nur Randfiguren. Alles Interesse galt dem neuen Weltmeister. "Das war eine harte Sache heute. Ich hatte mehr Druck als im Vorjahr und dachte, dass ich nicht in der Verfassung von 2006 war. Das machte es schwer für mich. Aber unterwegs habe ich gemerkt, wie gut es läuft", sagte Cancellara. Und: "Ich bin glücklich und zufrieden mit dem, was mir gelungen ist. Das ist sicher ein Glas Champagner wert, oder auch ein bisschen mehr."
So locker sich der Berner nach dem Rennen gab, so angespannt und konzentriert wirkte er beim Warmfahren. Die dunkle Sonnenbrille diente wohl eher als Augenversteck denn als Sonnenschutz. Es war schließlich ein trüber Tag in Stuttgart - und das nicht nur wegen all der Dopingdebatten, sondern auch rein meteorologisch. Immerhin: Es blieb trocken während des größten Teils des Wettbewerbes, was die Chancengleichheit erhöhte - auch wenn die ersten Fahrer noch mit einer nassen Straße zu kämpfen hatten - und die Sturzgefahr verringerte. Ein richtiges Regenrennen wäre heikel gewesen, schließlich war es ein technisch anspruchsvoller Kurs mit einigen engen Kurven, in die die Rennfahrer mit viel Schmackes rauschten.
Foto: Roth
Insofern versuchte nicht nur Fabian Cancellara, mit dosiertem Risiko zu fahren. Der CSC-Mann tat das aber ganz bewusst; er ist schließlich ein gebranntes Kind: "Ich dachte an das Zeitfahren in Albi, als ich heute Morgen aus dem Fenster schaute und den Regen sah. Dort bin ich bei der Tour de France gestürzt. Das wollte ich heute auf jeden Fall vermeiden und bin deshalb sehr vorsichtig gefahren. Heute konnte ich mir das auch leisten, schließlich bin ich als Letzter gestartet und wusste über die Zwischenzeiten der anderen Rennfahrer immer Bescheid." Mit wachem Auge und wuchtigem Tritt krönte Cancellara in Stuttgart ein Jahr, das von Highlights nur so gespickt war. Seinen Paris-Roubaix-Coup von 2006 konnte er im April zwar nicht wiederholen, aber dafür gewann er den Prolog und eine (Sprinter-) Etappe bei der Tour de France, deren Gelbes Trikot er sieben Tage lang trug. Lieber dürfte ihm nur ein Jersey sein: Das mit Regenbogen- und Stoppuhr-Emblem. Er kann es sein Eigen nennen.
Foto: Roth
Happy waren auch Bert Grabsch und Sebastian Lang. Hochmotiviert sei er ins Rennen gegangen, erklärte Grabsch hinterher - und es war ihm durchaus anzumerken, dass diese WM-Teilnahme zu den Höhepunkten seiner Karriere zählte. Dennoch verlor er die Taktik nicht aus den Augen: "Auf diesem Kurs muss man zwar von Anfang an Vollgas geben, aber: Ein paar Körner muss man sich unbedingt für die Schlussphase aufheben." Auch für Lang ging es darum, das richtige Maß zu finden: "Michael Rich hat zu mir gesagt, dass ich es nicht so schnell angehen soll wie in Salzburg und nicht so langsam wie in Madrid. Das habe ich ganz gut hingekriegt", berichtete der Thüringer. Lang ist zufrieden mit seiner Performance. Rang fünf - das hätte er nicht erwartet im Herbst eines Jahres, das mehr von seiner Fersenbeinfraktur geprägt war denn von sportlichen Highlights. "Ich bin froh, dass ich es dank der Vorbereitung mit Michael Rich überhaupt wieder auf dieses Niveau gebracht habe", sagte Lang. "Bert und ich haben Sport gezeigt, der ehrlich betrieben wird." Vor diesem Hintergrund sei er mit jeder guten Platzierung zufrieden, betonte Lang. "Enttäuscht wäre ich höchstens, wenn ich 30. geworden wäre."
Foto: Roth
Und immer wieder erwähnte er Michael Rich. Das Trainingslager bei dem einstigen Teamgefährten und heutigen Gerolsteiner-Technikscout hat offenbar bleibende Eindrücke bei "Seppel" Lang hinterlassen; jedenfalls ist der gebürtige Sonneberger voll des Lobes über die Tipps, die ihm der dreifache Zeitfahr-Vizeweltmeister im Breisgau gegeben hat. Und auch während des Rennens spielte Rich eine Rolle: Er und Gerolsteiner-Chef Hans-Michael Holczer hätten ihn in der Schlussphase angefeuert aus dem Auto heraus, regelrecht heiß gemacht. "Die haben auf den letzten Kilometern gesagt, dass ich gut im Rennen liege und noch eine Medaille holen kann." Das habe bei ihm "einen Schalter umgelegt" und ihn derart angetrieben, dass er noch einmal vollkommen ans Limit gegangen sei. Lang: "Ich habe zu mir gesagt: 'Jetzt fährst Du, so lange es geht.' Auf der Zielgeraden stand ich total neben mir, habe die Ziellinie angepeilt und kaum noch was gesehen."
Selbst mit dem Zuschaueraufkommen zeigte sich Lang zufrieden. Der 28-Jährige gab sich nicht überschwänglich, aber realistisch. Besonders viel war zwar nicht los an der Rennstrecke, aber der Erfurter hat eine Erklärung dafür. "Es ist ein Donnerstag und die meisten Leute müssen arbeiten, außerdem ist das Wetter nicht besonders gut. Deshalb würde ich sagen: Ich habe schon Schlimmeres erlebt bei einem WM-Zeitfahren, zum Beispiel in Madrid mit drei Zuschauern am Straßenrand."
Das Schlusswort gebührt dem neuen und alten Weltmeister. An einem Tag, an dem sich beim Gros der Politiker, Journalisten und Funktionäre alles ums Thema Doping drehte, brach Fabian Cancellara noch einmal eine Lanze für sein Metier: "Der Radsport ist ein wunderschöner Sport, und meine Botschaft ist: Tun Sie alles im Kampf gegen Doping - aber tun sie es, bitteschön, ohne Polemik."