STUTTGART, 26.09.07 (rsn) -
Es ist ein Comeback der Superlative: Hanka Kupfernagel ist wieder einmal Weltmeisterin geworden, zum
vierten Mal schon. Doch das WM-Gold von Stuttgart ist alles andere als Routine für die
33-Jährige. Es ist Kupfernagels erster Straßen-Titel. Dreimal
radelte sie zu Weltmeisterehren im Gelände (2000, 2001, 2005),
aber ihre große Zeit auf Asphalt liegt nun auch schon mehr als fünf Jahre
zurück. Nun ist sie wieder da. Im WM-Zeitfahren der Frauen kurbelte die im
Breisgau wohnende Thüringerin die 25,1 Kilometer in 34:43 Minuten herunter und siegte
vor Vorjahressiegerin Kristin Armstrong aus den USA und der Österreicherin Christiane Söder.
Es war 13.48 Uhr, als Hanka Kupfernagel das Ziel auf dem Stuttgarter Killesberg erreichte. Sie konnte sich nicht mehr auf dem Rad halten. Stieg nicht ab, sondern fiel geradezu vom Sattel. Musste gestützt werden, lag, saß neben der Rennstrecke. Hanka Kupfernagel hatte alles gegeben, fast 35 Minuten lang. "Davor bin ich noch nie vom Rad gefallen", sagte sie hinterher, "aber ich habe alles gegeben. Es war nichts mehr übrig." Und sie muss weiter hart rangehen an ihre Reserven an diesem Nachmittag. Nicht an die körperlichen, sondern an die emotionalen.
Kupfernagel war im ersten Block gestartet, fast zwei Stunden vor Titelverteidigerin Kristin Armstrong. Der Rest war dann Warten, öffentliches Warten. Kupfernagel saß zwei Stunden lang auf dem "hot seat" der Zeitschnellsten, gab Interviews, telefonierte, winkte in die Kamera. Doch die Anspannung war ihr anzusehen. Dann war klar: Auch Armstrong würde sie nicht schlagen. Da erst löste sich die Anspannung, löste sich in Tränen auf. Auch ihr Lebensgefährte und Trainer Mike Kluge weinte. Das Glamour-Paar des deutschen Radsports eng umschlungen und in Tränen des Glücks vereint - ein Bild für die WM-Geschichte.
...auf Gold!
Foto: Roth
"Ich bin überglücklich, natürlich. Ich habe Angst, dass mich jemand aufweckt aus diesem Traum", sagte Kupfernagel eine halbe Stunde später bei der Pressekonferenz. Ein Design mit Regenbogenmuster hat ihr jedenfalls schon immer gut gestanden. Das der weltbesten Crosserin durfte sie nun schon dreimal überziehen; Zeitfahr- oder Straßenweltmeisterin war sie aber noch nie. Neun Jahre ist es her, dass sie ihre letzten Medaillen bei einer Straßen-WM holte: Es war im niederländischen Valkenburg und Kupfernagel gewann zweimal Bronze, im Straßenrennen und im Kampf gegen die Uhr. Es folgte Silber bei den Olympischen Spielen 2000 in Sydney - danach schien ihre große Zeit auf der Straße vorbei, danach übernahmen Judith Arndt & Co. das Ruder.
Es veränderte sich ohnehin sehr viel im Leben der Hanka Kupfernagel. Sie trennte sich von ihrem Ehemann und Trainer Torsten Wittig, sportlich und privat. Sie fühlte sich schlapp, litt am Burn-Out-Syndrom. "Im Jahr 2000 kam für mich eine große private Umstellung", blickte sie nun ganz sachlich zurück, "und ich musste erstmal ein paar Jahre arbeiten, um alles wieder auf die Reihe zu bekommen." Heute aber habe sie "ein tolles Umfeld und ein viel entspannteres Leben als früher - das ist mein Erfolgsrezept." Den Namen Mike Kluge nannte sie nicht, aber das musste sie auch nicht. In der Radsportszene weiß sowieso jeder, welchen Einfluss der ehemalige Cross-Champion auf sie hat. Mit ihm lebt sie in Denzlingen bei Freiburg, mit ihm frönt sie ab und zu auch ganz Radsport-untypischen Hobbys wie Volleyball, mit ihm tüftelt sie die Trainingspläne aus. Wie gut das funktioniert, hat sie nun bewiesen. "Die ganze Saison war auf diese Weltmeisterschaft ausgerichtet", ergänzte Kluge.
Foto: Roth
Dabei lief gar nicht alles glatt auf dem anspruchsvollen Parcours in Stuttgarts Norden. "Ein paarmal hat sie die Kurve schlecht genommen", sagte Kluge, der im Auto hinter Hanka über den Kurs hetzte. Unter der nervlichen Belastung eines WM-Rennens könnten solche Fehler durchaus mal passieren, erklärte "Mike the Bike" weiter - und normalerweise hätte er sie einfach darauf aufmerksam gemacht und der Kessel wäre geflickt gewesen. Normalerweise. "Aber wir hatten den Funkkontakt verloren und ich konnte ihr nichts sagen", erläuterte Kluge. Doch es hat bekanntlich trotzdem gereicht. Und das hatte vielleicht auch ein bisschen mit Kupfernagels Vielseitigkeit zu tun.
"Viele waren das kalte Wetter nicht gewohnt - ich kenne es vom Cross her ", erklärte die neue Zeitfahr-Weltmeisterin. Ihr großes Ziel lautet nun: Peking 2008. "Mit dem heutigen Tag habe ich einen wichtigen Schritt in Richtung Olympia getan", sagte die Grand Madame des deutschen Radsports - und betonte, dass sie dennoch nicht vom Querfeldein lassen will. "Cross macht mir einfach Spaß und ich habe schon einige Einladungen zu Rennen in Belgien, die ich einfach nicht ausschlagen kann." Eine komplette Cross-Saison, so wie in den letzten Jahren, wird Kupfernagel in diesem Winter allerdings nicht absolvieren. Damit steht wohl endgültig fest: Die Straße hat Hanka wieder. Manch Konkurrentin mag es mit Grausen vernehmen - denn die wiedererstarkte Deutsche könnte in den nächsten Jahren noch so mancher Gegnerin die Tour vermasseln.
Foto: Roth
Titelverteidigerin Armstrong gab sich jedoch betont gelassen: "Hanka hat verdient gewonnen, sie war die Stärkste heute. Es war auch ein anderer Kurs als in Salzburg 2006; es waren noch mehr Allrounderqualitäten gefragt." Diese bewies auch Christiane Söder bei ihrer zweiten Heim-WM in Folge: Die dreifache deutsche Duathlon-Meisterin (1999, 2000, 2001) lebt seit 2003 in Wien und startet seither für den österreichischen Verband. In Salzburg war sie als Medaillenkandidatin gehandelt worden, musste sich aber mit Rang 16 begnügen. Nun war es relativ ruhig um die in Remscheid geborene Ärztin - und sie holte Bronze. Die 24-jährige Charlotte Becker vom der Equipe Nürnberger war 2:14 Minuten langsamer als Kupfernagel und holte als 18. immerhin ein Top-20-Resultat.
Hanke Kupfernagel blickte derweil schon in die Zukunft und einem neuen Traum: einer eigenen Mannschaft mit vielen jungen Fahrerinnen. "Wir haben viele Talente in Deutschland, da wäre ein drittes gutes Team neben T-Mobile und der Equipe Nürnberger gar nicht schlecht", sagte die aus Neustadt an der Orla stammende Athletin, die in der zurückliegenden Bundesligasaison das Trikot der RG Charlottenburg trug. Noch viel näher liegt freilich das WM-Straßenrennen am Samstag - und mit Blick darauf gab sich die früher als eigenbrötlerisch geltende Kupfernagel als Teamplayerin durch und durch: "Ich hoffe, dass ich einen guten Tag habe und die beste Fahrerin unterstützen kann. Und die werde wohl nicht ich sein."