Sinkewitz habe Aussagen «insbesondere über die Art und
Weise der Verabreichung von Dopingmitteln durch Ärzte und Teamärzte»
gemacht, sagte der Sportgerichts-Vorsitzende Peter Barth der
Deutschen Presse-Agentur dpa am Donnerstag.
«Die Sinkewitz-Aussagen haben sich auch auf seine Zeit bei Quick
Step von 2003 bis 2005 sowie auf seine Zeit bei T-Mobile im Jahr 2006
bezogen», erklärte Barth. Dass bei T-Mobile auch 2006 gedopt wurde,
«wissen wir doch seit Ullrich», sagte T-Mobile-Kommunikationschef
Christian Frommert. «Das zeigt ja nur die Unverfrorenheit einiger
Fahrer und beweist die Notwendigkeit unseres neuen Konzepts, bei dem
wir auch Rückschläge einkalkulieren müssen.»
Sinkewitz-Anwalt Michael Lehner bestätigte, dass der 27-Jährige am
Mittwoch «vom Beginn seiner Karriere bis zum Rauswurf bei T-Mobile
alles über Doping berichtete». Er wolle jedoch nicht sagen, ob
Sinkewitz über Doping im Team T-Mobile 2006 ausgepackt hat. Der
Radprofi aus Fulda war vor der diesjährigen Tour des Dopings
überführt und von T-Mobile danach entlassen worden. Der Hesse gab zu,
sich in der Vorbereitung zur Frankreich-Rundfahrt ein Testosteron-
Pflaster zur Leistungssteigerung auf den Arm geklebt zu haben. Da
sich Sinkewitz als Kronzeuge zur Verfügung gestellt hat, hofft Lehner
auf ein «gerechtes Urteil: Nicht mehr als ein Jahr Sperre».
In der knapp sechsstündigen Marathon-Anhörung in Frankfurt/Main
habe Sinkewitz «eine umfangreiche Aussage getätigt, die uns
tatsächlich in die Lage versetzen könnte, von einer
Kronzeugenregelung Gebrauch zu machen», sagte Barth. Er hoffe in den
nächsten beiden Wochen eine Entscheidung verkünden zu können: «Ich
werde heute noch dem BDR das Protokoll von der Sinkewitz-Anhörung
sowie übrige in das Verfahren eingebrachte Unterlagen weiterleiten.»
Sowohl die Welt-Anti-Doping-Agentur WADA als auch der Radsport-
Dachverband UCI hätte gegen ein BDR-Urteil noch Einspruchsrecht.
T-Mobile-Teamleiter Rolf Aldag reagierte auf dpa-Anfrage
überrascht: «Ich kenne keine offizielle Sinkewitz-Erklärung über
Doping-Praktiken bei T-Mobile 2006. Wenn es sie gibt, werden wir
darauf sicher reagieren.» Es spreche prinzipiell nichts dagegen, dass
der Deutschland-Tour-Sieger von 2004 zum Bonner Rennstall
zurückkehre, «wenn er die neuen Anti-Doping-Richtlinien akzeptiert
und seine Sperre abgesessen hat».
Der geständige Dopingsünder Jörg Jaksche, der auch von Lehner
vertreten wird und dank der Kronzeugenregelung nur für ein Jahr
gesperrt wurde, hatte zuvor eine mögliche Sinkewitz-Beichte als «sehr
interessant» bezeichnet. Sie könnte den Umgang mit Doping bei T-
Mobile unter dem inzwischen suspendierten Teamarzt Lothar Heinrich
(Freiburg) während der Tour 2006 ans Licht bringen.
Nach der Suspendierung von Ullrich, Oscar Sevilla und Ullrich-
Betreuer Rudy Pevenage vor dem Tourstart wegen Doping-Verdachts
glänzten die Bonner Profis auch ohne einen Star durch erstaunliche
Leistungen. Sergej Gontschar (inzwischen wegen auffälliger Blutwerte
von T-Mobile entlassen) feierte Etappensiege und trug das Gelbe
Trikot, Matthias Kessler (wegen Dopings bei Astana entlassen) freute
sich über seinen ersten Etappensieg.
Frühere Team-Kollegen müssen keine Angst vor dem Sinkewitz-
Geständnis haben, sagte Lehner: «Er hat nicht auf andere Fahrer
gedeutet, Namen sind nicht gefallen.» Der Heidelberger Anwalt glaubt
nicht, dass Sinkewitz wegen seiner Unterschrift unter die
Ehrenerklärung für einen sauberen Sport sein komplettes Jahresgehalt
zurückzahlen muss. Die Erklärung sei rechtswidrig und «das Papier
nicht wert, auf der sie steht». Er rechne auch nicht damit, dass T-
Mobile von Sinkewitz Geld zurückfordert: «Bisher gibt es keine
Anzeichen dafür».
Zuletzt soll der Hesse, der 2004 die Deutschland-Tour gewann und
in diesem Jahr «Rund um den Henninger Turm» in Frankfurt, bei T-
Mobile rund 700 000 Euro pro Saison verdient haben. Ungeachtet der
sportlichen Gerichtsinstanzen ermittelt die Staatsanwaltschaft Bonn
weiter gegen Sinkewitz wegen des Verdachts des Betrugs zum Nachteil
von T-Mobile und verschiedener Renn-Veranstalter.
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