Das "Team Alemania" (Mechaniker Roland Wenz, Markus Weinberg, Marco Düchting, Udo Müller)
mit den Sponsor-Wollmützen eines örtlichen Bierbrauers, dem peruanischen Meister
Martín Choque und Mario Yepez vom Veranstalter.
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CUZCO, 01.02.07 (rsn) -
Nein, Paolo Bettini ist nicht in Cuzco - und doch weht überall die Regenbogenflagge
im frischen Andenwind. Es handelt sich um die alte Inka-Fahne; mit dem Straßenweltmeister
und dem bevorstehenden Auftakt der Peru-Rundfahrt hat das bunte Textil nichts zu tun.
Andere Radsport-Insignien sind dagegen schon aufgetaucht in Cuzco, wo am Freitag die "Vuelta al Perú" beginnen wird.
So gleichen die drei wichtigsten Wertungstrikots denen der Tour de France: Gelb für den Gesamtführenden, Weiß mit roten Punkten für den Bergpreisleader und Grün für den besten Sprinter - vertraute Farbenlehre auf fremden Terrain. Und siehe da: Alle drei Leaderjerseys ruhten am Dienstag auf den Schultern des "Teams Alemania".
Haben die deutschen "Ciclistas" der Konkurrenz also schon das Fürchten gelehrt? Nicht wirklich. Aber sie sind die Teilnehmer mit dem weitesten Anreiseweg - und allein das hat in Peru für ein gewaltiges Medienecho gesorgt und dafür, dass Udo Müller, Marco Düchting und Markus Weinberg bei der offiziellen Rundfahrt-Präsentation die Sondertrikots vorführen durften. Timo Scholz, der vierte deutsche Teilnehmer, wird erst am Tag vor dem Prolog in Cuzco eintreffen; der Steherkönig aus Leipzig hat das Berliner Sechstagerennen bestritten und kommt deshalb erst auf den letzten Drücker. Zwei weitere deutsche Cracks mussten den Südamerika-Trip unfreiwillig canceln, weswegen "Team Alemania" als Quartett an den Start gehen wird.
Perus Scharping:
Verbandspräsident Franklin Alarco Seminario
Dann dürften die Führungstrikots für die deutschen Starter weit, weit weg sein - eine Prognose, für die es keiner hellseherischen Fähigkeiten bedarf. Und das liegt keineswegs an der mannschaftlichen Minimalbesetzung, sondern an der Höhe. Cuzco liegt knapp 3500 Meter über dem Meer - das ist kein Terrain, auf dem Flachlandtiroler aus Sachsen oder NRW punkten können. Schon die ersten Trainingstage in Cuzco zeigten, wie heikel die Höhenanpassung ist. Kopfschmerzen, Müdigkeit und Atemnot machen schon normalen Touristen zu schaffen - Leistungssportlern erst recht. Hier oben, wo jeder Tritt zum Kraftakt und jeder Atemzug zu einem Japsen wird, hier oben sind vor allem die Einheimischen in ihrem Element. Das bekamen die "Gringos" schon bei einer Ausfahrt mit dem Velo-Club Inka Cuzco zu spüren; federleichte Indio-Pedaleure ließen ihre deutschen Gäste gnadenlos stehen.
"Sobald man einmal richtig antritt, schießt der Puls auf 180 und der Kopf fühlt sich an, als würde er explodieren. Und das kann auch im Training vorkommen - zum Beispiel wenn man vor wilden Hunden flüchten muss...", erklärt Marco Düchting, der im europäischen Radsportzirkus für das wiedergegründete Team Akud in die Pedale tritt. "Schon nach 500 Metern geht man zur Schnappatmung über", ergänzt Udo Müller. Zwei bis drei Wochen brauchen Sportler, um sich so richtig an die Höhe anzupassen; zwei bis drei Tage hält gemeinhin ein gewisses Unwohlsein an. Timo Scholz wird eine harte Zeit durchmachen müssen zu Beginn der Rundfahrt - doch deren Reglement ist großzügig; theoretisch kann er auch ein paar Tage pausieren und dann wieder einsteigen.
Gewinnen müssen Scholz und seine drei Begleiter hier ohnehin nicht; bei einem solch ungewöhnlichen Renneinsatz geht es um neue Erfahrungen und neue Eindrücke, frei nach dem unsterblichen Motto "Dabeisein ist alles". Das kommt auch den Veranstaltern vom peruanischen Radsportverband zugute - schließlich stellen sie zum ersten Mal seit fast zehn Jahren eine Landesrundfahrt auf die Beine, haben noch keinen UCI-Status für ihr Rennen erkämpfen können und freuen sich über jeden Akteur aus dem Ausland. Und immerhin: Neben den Peruanern und den Deutschen sind auch Chilenen, Brasilianer, Argentinier und Bolivianer mit von der Partie; die US-amerikanische Equipe HealthNet rückt mit Gastfahrern aus Kolumbien und den Niederlanden an - und alle sind schon vor dem ersten Startschuss verblüfft über die Professionalität, mit der die Organisatoren zu Werke gehen. Doch trotz der internationalen Renaissance der Peru-Rundfahrt gibt es Kritik. "In Peru haben wir ständig Streit", seufzt Franklin Alarco Seminario, der Präsident des peruanischen Radsportverbandes. Doch bei der fast zweistündigen Pressekonferenz - Fragen und Antworten fallen in Peru wesentlich ausschweifender aus als in Deutschland - bleibt er ungemein ruhig und nimmt den Kritikern den Wind aus den Segeln. Einige Hauptstädter aus Lima sind offenbar beleidigt, weil fünf der neun Teilstücke in der Region rund um Cuzco stattfinden und nur das Finale in Lima.
Doch dafür gibt es gute Gründe. Wer will schon im Dauersmog einer Acht-Millionen-Stadt Radrennen fahren? Wer stoppt den Endlosverkehr für ein paar Velo-Fahrer? Und vor allem: Nicht Lima ist das Aushängeschild des Landes, sondern Cuzco. In der alten Inka-Metropole schlägt das Herz des peruanischen Tourismus, Cuzco gilt als einer der schönsten und aufregendsten Städten der Welt, hat erstklassige Hotels, eine passable Infrastruktur und sogar einige erfolgreiche Radsportler. Zum Beispiel Martín Choque, den amtierenden peruanischen Straßenmeister. Er präsentierte bei besagter Pressekonferenz das Trikot des besten einheimischen Fahrers, und spätestens als sich die Herren Choque, Müller, Düchting und Weinberg zum Gruppenbild versammelten und von einem Dutzend Fotografen umlagert wurden - spätestens da waren alle Zwistigkeiten und Rivalitäten auch schon wieder vergessen. So etwas geht schnell in Südamerika.
Die Vuelta al Perú kann also kommen - und Radsport-News.com wird die ganze Zeit über mit von der Partie sein.