Keine Fotomontage,
auch kein parkender LKW: Dem Peloton der Peru-Rundfahrt kommt ein
Tanklastzug entgegen. Mit Glück und Rennfahrergeschick ging alles gut.
Foto: Heidegger
ANZEIGE
AREQUIPA, 10.02.07 (rsn) -
Machen wir uns nichts vor: Der Straßenrennsport ist
ein gefährliches Geschäft. Oft schaffen es die Rennfahrer nur mit Glück und Geschick, aus
einem Sturz ohne böse Folgen herauszukommen - und auch bei der 8. Etappe der Vuelta al Perú hat sich
keine Katastrophe ereignet. Das ist die gute Nachricht. Die schlechte: Es hätte allerhand passieren können.
Bereits der Tagesritt zwischen Cuzco und Pisac war eine heikle Angelegenheit - mit tonnenweise Gestein auf
dem Asphalt, wild herumrennenden Tieren und viel Gegenverkehr. Nun waren zwar die Straßen
in Ordnung und Hunde, Esel und Schweine sind in der Mondlandschaft westlich von Arequipa auch nicht so
zahlreich wie im grünen Teil der Anden. Dafür war der Verkehr viel, viel schlimmer.
Ganz offenbar ist es in Peru nicht möglich, eine Straße für ein Radrennen zu sperren. Das
liegt wohl daran, dass es vergleichsweise wenige asphaltierte Straßen gibt und dass es sich niemand erlauben kann,
eine wichtige Verkehrsachse für ein paar Velofahrer lahm zu legen. Auch das wäre nicht
weiter tragisch, wenn wenigstens die ad-hoc-Sperrungen der Polizei funktionieren würden.
Auf vielen Abschnitten des 130-Kilometer-Rittes vom Freitag hat das auch ganz gut geklappt: Vorneweg
fuhr ein Polizeiauto auf der linken Spur - eine effektive Maßnahme: Denn jeder Kraftfahrer, dem die
Polizei frontal entgegenkommt, steigt in die Bremsen und fährt auf den Seitenstreifen. Bedauerlich nur,
dass dies nicht die ganze Zeit über so gehandhabt wurde.
Auf Nummer Sicher: Das "Team Alemania" - hier Udo Müller, Markus Weinberg und Timo Scholz - fuhr meist am Schwanz des Feldes.
Patriotische Gefühle bei der peruanischen Nationalhymne.
Etappensieger: Andrej Sartasow von der Lider-Equipe.
Fotos: Heidegger
Denn zu Beginn und am Ende der Etappe waren vorne lediglich Motorräder unterwegs, die den Gegenverkehr mit Handzeichen zum Anhalten bewegen wollten. Und das ging schief. So kam es, dass den Rennfahrern immer wieder Autos und schwere Lastwagen entgegenkamen. Zum Glück waren die Radsportler vorsichtiger als die anderen Verkehrsteilnehmer. Anders hätte die Vuelta al Perú leicht in einem Desaster enden können. Denn von peruanischen Lastwagenfahrern Vor- und Rücksicht zu erwarten: Das wäre wohl ein fataler Irrtum.
Vielleicht haben wir es hier auch nur mit unterschiedlichen Auffassungen zum Thema Sicherheit zu tun oder mit der großen
Differenz zwischen deutschem Perfektionismus und südamerikanischer "Wird-schon-gut-gehen"-Attitüde. Auffallend
war jedenfalls, dass sich nur die deutschen Rennfahrer bei der Jury beschwert haben. Für die peruanischen Radsportler
bleibt allerdings zu hoffen, dass diese Etappe nicht ihren Rennalltag widerspiegelte.
Trotz allem: Es wurde Radrennen gefahren an diesem trüben Freitag in Arequipa. Der Start war sogar
äußerst stimmungsvoll, ein Highlight dieser Rundfahrt: Es gab eine Ehrentribüne, Ansprachen, die
peruanische Nationalhymne und so viel Applaus wie selten. Die Etappe war schwierig; sie führte 65 Kilometer
raus aus der Stadt, zunächst in ein Tal, dann über einen Berg und schließlich stetig bergab in die Wüstengegend,
in der zwei Tage zuvor das Mannschaftszeitfahren stattgefunden hatte. Dort war der Wendepunkt - und es ging
dieselbe Route zurück, fast immer bergauf und wirklich anspruchsvoll.
Zum ersten Mal bei
dieser Rundfahrt blieb das Hauptfeld lange Zeit kompakt - keine sinnlosen Attacken und Tempowechsel wie
noch zu Beginn der Tour. Erst am Ende sortierte sich das Klassement: Vorneweg die chilenische Lider-Equipe
und ein paar weitere starke Fahrer, dahinter der Rest. Zu diesem zählten auch die vier Deutschen, denen
es mehr denn je um ihre Gesundheit ging als um ein schönes Ergebnis. Ganz vorne fuhr dieses Mal der Lider-Fahrer Andrej
Sartasow, ein Russe, der mittlerweile in Chile heimisch geworden ist. Den zweiten
Platz holte sein Teamgefährte Jorge Giacinti (Argentinien), dem das Gelbe Trikot auch
beim abschließenden Rundstreckenrennen in Lima nicht mehr zu nehmen sein dürfte. Dieses
Finale Grande findet am Sonntagvormittag statt. Am Samstag fliegt der Tourtross von Arequipa in die Hauptstadt -
ein weiterer strapaziöser Bustransfer bleibt den
Rennfahrern also erspart.
Das Etappenziel in Arequipa war übrigens 15 Kilometer vom Tour-Hotel entfernt - und auf der Fahrt
dahin fiel vielen Vuelta-Teilnehmern mehr denn je auf, dass an jeder Innenstadtkreuzung
mindestens zwei Polizisten stehen. Ein bisschen mehr Personal hätte auch der Polizeieskorte der Etappe gut getan.