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Abenteuer in Peru (4)
Vollbremsung für das Notebooks-Schwein


Attacke: Markus Weinberg nach dem Start in Cuzco; Rechtes Bild: Jubel am nicht gerade von Menschenmassen umlagerten Zielstrich - Jorge Giacinti holt seinen zweiten Etappensieg.
Fotos: Heidegger


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PISAC, 05.02.07 (rsn) - "Das einzige was zählt: heil durchzukommen", sagt Markus Weinberg. Und da hat er Recht. Die zweite Etappe der Vuelta al Perú glich einem Hindernisrennen - nicht das Tempo hatte Priorität, sondern Navigationskunst. Um zum Beispiel Schweinen, Felsbrocken und entgegenkommenden Busse auszuweichen. Und das haben Weinberg und seine drei Abenteurer-Kollegen vom Team Alemania, deren Erlebnisse im Land der Inka RADSPORT-NEWS.COM-Leser in einem Tagebuch hautnah miterleben können, auch am Sonntag wieder tipptopp hingekriegt.

"Mit richtigem Hinterradfahren wäre man hier gleich viel schneller", erklärt der Leipziger Timo Scholz. Doch das würde bedeuten: Sich voll uns ganz auf den Vordermann zu verlassen und darauf, dass er nicht nur eine passable, sondern vor allem eine sichere Fahrlinie wählt. Doch viele Athleten des Peru-Pelotons pflegen einen, nun ja, unorthodoxen Fahrstil. Das fängt bei völlig willkürlichen Attacken aus dem Grupetto an und endet mit einem gewissen Zickzack-Kurs auf gerader Strecke. Also ist es vernünftiger, "auf Sicht" zu fahren und den Windschatten des Vordermannes nur dann in Anspruch zu nehmen, wenn dies ein durchweg verlässlicher Kollege ist. Überraschungen gibt es so oder so zuhauf. Durch Perus Tierwelt zum Beispiel. Vor Hunden und Eseln wimmelt es geradezu; eine Vollbremsung musste das gesamte Hauptfeld zu Beginn der gestrigen Etappe zwischen Cuzco und Pisac aber hinlegen, weil plötzlich ein schwarzes Schwein auf die Straße lief. "Da wurde unser Notebooks-Schwein ganz schön ausgebremst", lacht Timo Scholz, der während der "normalen" Saison - wie auch Markus Weinberg - für das Potsdamer Profiteam notebooksbilliger.de im Sattel sitzt. Und dessen Trikot-Maskottchen ist ein friedlich grinsendes Schweinchen, das gewiss keinen solchen Unsinn treiben würde wie seine schwarzborstige Verwandtschaft aus Peru.


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Noch pikanter war allerdings das viele Gestein, das auf der Straße lag. Vor drei Tagen hat in Peru die Erde gebebt, was für etliche Erdrutsche gesorgt hat - unter anderem konnte der Touristenzug nach Machupicchu wegen blockierter Geleise nicht verkehren. Die berühmteste Zugstrecke des Landes ist mittlerweile wieder frei geräumt; auf der Straße nach Pisac sind die Folgen des Erdbebens aber immer noch zu sehen. Wobei das Problem für die Athleten nicht in den riesigen Felsbrocken lag, die auf den Asphalt gefallen sind - denn diese sind schon aus mehreren hundert Metern zu erkennen. Die vielen faustgroßen Steine sind viel fieser - vor allem wegen ihnen ist es ratsam, stets mit wachem Blick auf der Rennmaschine zu sitzen. Udo Müllers gewohnt trockener Kommentar zur Strecke: "Ein Hindernisparcours". Vorsicht ist zudem in uneinsehbaren Linkskurven geboten. Denn hier sollte man auf die Ideallinie verzichten und lieber etwas weiter rechts fahren. Die Streckensperrung funktioniert nämlich nicht hundertprozentig, so dass immer mal wieder mit Gegenverkehr zu rechnen ist.


In einem Wort: Die Peru-Rundfahrt ist kein ungefährliches Unterfangen. Sie verlangt höchste Konzentration und die erwähnten Vorsichtsmaßnahmen. Doch daran hält sich offenbar das Gros der Teilnehmer. Auf der Etappe nach Pisac gab es zwar Reifenschäden en masse - alleine Timo Scholz erwischte es dreimal -, aber nur einen Sturz. Und der ereignete sich auf einer zwar schmutzigen, trotzdem aber eher harmlosen Stelle des Kurses: Sergej Badeka, ein in Kalifornien wohnender Weißrusse, stürzte nach einem plötzlichen Lenkmanöver seines Vordermannes und musste mit Verdacht auf Jochbeinbruch in die Klinik gebracht werden. Die vier deutschen Starter kamen allesamt heil in Pisac an; sind keine Harakiri-Piloten, gehen unnötigen Risiken aus dem Weg und kamen im Hauptfeld ins Ziel.

Alles andere wäre grob unvernünftig und dazu auch noch ziemlich sinnlos. Denn mit der dominierenden Mannschaft dieser Rundfahrt, dem chilenischen Lider-Team, können Scholz & Co. ohnehin nicht mithalten. Eigentlich war ja zu erwarten, dass es bei der Anden-Vuelta zwei Arten von Fahrern geben würde: die einheimischen Bergflöhe, die in der dünnen Luft in ihrem Element sind - und den Rest. Zu dem zählt, formal jedenfalls, auch die international besetzte Profi-Equipe aus Chile. Doch das Lider-Quartett präsentiert sich in seinem Nachbarland geradezu außerirdisch. Den Etappensieg am Sonntag in Pisac holte sich - wie tags zuvor in Cuzco - der Argentinier Jorge Giacinti, dieses Mal mit einem Durchschnittstempo von fast 46 Stundenkilometern.

Die deutsche Auswahl hat sich in der Mannschaftswertung übrigens auf den siebten Platz hervorgearbeitet - mit soliden Leistungen, aber auch mit ein bisschen Rückenwind der Jury. Die nämlich sah Timo Scholz, Marco Düchting und Udo Müller beim samstäglichen Rundsteckenrennen in Cuzco auf Top-20-Rängen, brummte aber Markus Weinberg einen deutlichen Rückstand auf. Eigentlich war es gerade andersrum. Doch beschwert hat sich niemand, nicht Markus Weinberg und auch nicht die Konkurrenz. Es ist das erste Mal seit neun Jahren, dass in Peru eine Landesrundfahrt stattfindet - da muss man auch mal ein Auge zudrücken können. Nur die Straßensperrungen sollten verbessert werden. Denn Gegenverkehr ist weitaus ernster als ein verqueres Klassement.

(kh)


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