Radrennen auf Peruanisch
Kleines Bild: Auf dem Weg zum besten Nicht-Südamerikaner: Udo Müller
Fotos: Heidegger
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CUZCO, 03.02.07 (rsn) -
Bis zur Saison der großen Frühjahrsklassiker ziehen noch einige Wochen ins Land - genug Zeit,
um den Blick auch mal auf andere Radrennen zu lenken. Denn gerade im europäischen Winter
wird andernorts schon fleißig gekurbelt - und zwar nicht nur in Qatar, Australien oder Malaysia, sondern
auch in ganz anderen Ecken der Welt. In Südamerika
zum Beispiel. Dort ist gerade Hochsaison und die bisher
ziemlich unbedeutende Radsportnation Peru startet ein Comeback mit
ihrer Landesrundfahrt. Bei der Vuelta al Perú, die am Freitag in Cuzco begonnen hat,
tritt auch ein vierköpfiges Team aus Deutschland in die Pedale.
Über dessen Abenteuer berichtet RADSPORT-NEWS.COM in einem Tourtagebuch.
Udo Müller musste sich einiges Gefrotzel seiner Teamkollegen anhören: Schon bei der offiziellen Tourpräsentation war er es, der das Gelbe Trikot des Gesamtführenden vorführte; vor dem Prolog rüsteten ihn die Veranstalter nun auch noch mit der Startnummer 1 aus. Sie scheinen ein gewisses Grundvertrauen in den langjährigen Profi aus Sachsen zu haben, der heuer für seinen Stammverein Dresdner SC fährt und für den Sommer mit einem Wechsel zu seinem alten - und unter Führung von Jochen Hahn nun wiedererstandenen - Akud-Team liebäugelt. Wie dem auch sei: Zumindest teamintern gilt der 29-Jährige als erster Anwärter auf den Rundfahrtsieg. Mit einem gewissen Augenzwinkern, versteht sich. Denn dass sich ein Europäer in der dünnen Luft der Anden mit den südamerikanischen Kletterern messen kann - das scheint ein Ding der Unmöglichkeit. Nur drei der zehn Tagesritte finden auf einer Höhe von unter 3000 Metern statt, beim Teamzeitfahren wird sogar an der 4000-Meter-Marke gekratzt.
Das Team Alemania hat schon einen kleinen Fanclub in Cuzco.
Marco Düchting vor der imposanten Kathedrale
Zwei Sachsen im Nebel von Machupicchu: Markus Weinberg und Udo Müller.
Fotos: Heidegger
Seit einer knappen Woche sind die meisten deutschen Pedaleure nun schon in Cuzco. Das reicht, um die schlimmsten Symptome der Höhenkrankheit fürs erste zu überwinden. Aber es reicht nicht für Hochleistungssport. "Das ist immer noch, wie wenn ein Vier-Zylinder-Wagen auf drei Töpfen fährt", weiß Udo Müller, "man kriegt einfach nicht genügend Luft".
Beim Rennauftakt am Freitagnachmittag - später Abend europäischer Zeit - hatten so auch die Südamerikaner das Heft in der Hand. Die meisten Europäer und US-Amerikaner versuchten dagegen, die 2,2 Kilometer einigermaßen geschmeidig hinter sich zu bringen und bloß nicht zu übertouren. Solcherlei Bedenken musste ein junger Peruaner namens Ever Galindo nun wirklich nicht haben: Er startet für die peruanische Equipe "Romero 33" und kommt aus Puno, einem Touristenort am Titicaca-See auf knapp 4000 Metern Höhe. Der schmächtige 22-Jährige gewann das kurze Bergzeitfahren in 7:11 Minuten und ist der erste Gelb-Träger seiner Heimrundfahrt. Diesen Tag wird er wohl nie mehr vergessen.
Und Udo Müller? Der ließ sich tatsächlich nicht lumpen. Zum Gelben Trikot fehlten der Nummer 1 zwar 1:22 Minuten, aber sein 26. Platz brachte ihm zumindest den Titel des besten Nicht-Südamerikaners ein (sofern man den Russen Andrej Sartasow ausklammert, der seit Jahren in Chile wohnt und für das dortige Team Lider fährt). Timo Scholz wurde 37., Marco Düchting 38. und Markus Weinberg 40.: In den viel zitierten roten Bereich manövrierte sich also niemand, doch eine Sightseeingtour war dieser Prolog auch nicht. Dabei gab es viel zu bestaunen. Das Startplateau war im Herzen der peruanischen Touristenmetropole aufgebaut, genauer: Vor dem noblen Hotel Royal Inka, in dem das Gros des Tourtrosses untergebracht ist und das als Trikotsponsor beim Team Alemania fungiert. Von dort aus ging's über den Plaza de Armas mit seinen zwei weltberühmten Kathedralen und schließlich auf einem steilen Kopfsteinpflasterweg zur Inka-Ruine Saqsaywamán.
Aus dem Berliner Velodrom gleich nach Peru
Ein kleines Tourismusprogramm haben die deutschen Peru-Fahrer aber bereits absolviert - so unternahmen etwa Markus Weinberg und Udo Müller am Donnerstag einen Tagesausflug nach Machupicchu, dem berühmtesten und faszinierendsten Ort des ganzen Landes. "Wer Machupicchu nicht gesehen hat, hat Peru nicht gesehen", heißt es. Das brauchen sich die beiden Sachsen also nicht vorzuwerfen. Dass nicht alle Gäste aus Alemania zu den Inka-Mauern auf den atemberaubenden Bergrücken pilgerten, ist übrigens auch dem Krankenstand zuzuschreiben; die vier Rennfahrer und zwei Begleiter wurden ein bisschen gebeutelt in den vergangenen Tagen. Einer hatte mit Grippe und Höhenkrankheit zu kämpfen, zwei mit Magenproblemen, einer gönnte sich eine Wurzelbehandlung bei einem peruanischen Zahnarzt und Timo Scholz kam reichlich kurzfristig in Cuzco an; ohne Akklimatisierung, aber mit den Folgen eines Sturzes beim Berliner Sechstagerennen.
Trotzdem: Das einzigartige Land und die Gastfreundschaft seiner Bewohner haben schon jetzt alle in ihren Bann gezogen. Mit einem Rundstreckenrennen in Cuzco geht die Vuelta al Perú nun erst so richtig los - und vielleicht springt für die deutsche Equipe in deren Verlauf ja doch auch mal eine ansehnliche Platzierung heraus, allen Widrigkeiten zum Trotz. Und falls es nicht klappt, bleibt ihnen ein Trost: Nicht nur Udo Müller durfte schon in ein Gelbes Trikot schlüpfen, sondern alle - denn die eigens angefertigten Teamjerseys sind in einem grellen Gelbton gehalten...