WIESBADEN, 30.06.07 (dpa) -
Jörg
Jaksche hat mit seinem Doping-
Geständnis im Nachrichten-Magazin Der Spiegel
schwere Anschuldigungen gegen den Weltverband UCI
erhoben. Der 30-jährige Arztsohn aus Ansbach beschuldigte die
heutigen Teamchefs Bjarne Riis (CSC) und Gianluigi Stanga (Milram)
sowie den ehemaligen Telekom-Teamchef und jetzigen Astana-Berater
Walter Godefroot zumindest der Mitwisserschaft. Der Deutschen Presse-
Agentur sagte er am Samstag, dass er nach seinem
Geständnis "jetzt zu Hause erst Mal abwartet, was kommt".
Wie der
lange vor ihm geständige spanische Profi Jésus Manzano beschrieb
Jaksche das Doping-Problem im Profiradsport als immer noch flächendeckend.
Wie der lange vor ihm geständige spanische Profi Jésus Manzano
beschrieb Jaksche das Doping-Problem im Profiradsport als immer noch
Flächen deckend. «Es ist pervers, aber das Doping-System ist gerecht,
weil alle dopen. Radsport ohne Doping ist nur gerecht, wenn wirklich
niemand mehr dopt», sagte Jaksche, «mir hat ein Fahrer erzählt, dass
es wegen der Trainingskontrollen Deals geben soll zwischen ein paar
Mannschaften und dem Weltradsportverband. Da muss man annehmen, dass
es kein generelles Umdenken gibt. Das hat mir dieser Fahrer stolz
erzählt. Da wusste ich: Nichts hat sich geändert.» Den Namen des
Fahrers nannte Jaksche nicht.
Kurz vor der Tour de Suisse im Juni 1997 habe er zum ersten Mal
Epo gespritzt, sagte Jaksche, der auch mit dem Doping-Arzt Eufemiano
Fuentes zusammenarbeitete und die Existenz von ihm gelagerter
Blutbeutel bestätigte. Die von der Guardia Civil nach der Razzia bei
Fuentes am 23. Juni 2006 sichergestellten drei 0,5 Liter-Behälter mit
dem Codenamen «Bella» gehören ihm, sagte Jaksche: «Bella hieß meine
vor drei Jahren gestorbene Labradorhündin.» Von 2005 an habe er sich
verbotenen Eigenbluttherapien unterzogen. Neben Jan Ullrich ist
Jaksche der zweite deutsche Profi auf der Fuentes-Kunden-Liste.
Jaksche belastet Vinokourov
"Ich will keine Fahrer belasten",
sagt Jaksche im Spiegel-Interview,
tut es aber doch. Auch wenn
er keinen Namen nennt, ist klar,
wer gemeint ist, wenn er sagt:
"Saiz
hatte Probleme mit einem Spitzenfahrer
aus seinem Team, der zu Beginn des Jahres (2006)
zu Liberty Seguros gewechselt war und einen
sehr schlechten Frühling hatte. Der
Fahrer und sein Manager, der seit fünf Jahren
auch mein Manager (Tony Rominger, die Red.) war, hatten Saiz
unter Druck gesetzt. Sie wollten eine bessere
medizinische Betreuung, und Saiz ließ
sich darauf ein, er war in einer Zwickmühle:
Der Spitzenfahrer ist teuer, Saiz musste
sich vor seinen Sponsoren rechtfertigen.
(...) Saiz ist wegen dieses Fahrers
zurück zu Fuentes, deswegen musste
er die Schulden bezahlen, deswegen flog
alles auf."
(rsn)
Mit Riis, der vor Wochen ein umfassendes Doping-Geständnis die
90er Jahre betreffend abgelegt hatte, habe er sich «über Cortekoide»
ausgetauscht, die erste EPO-Spritze hätte er im von Stanga geleiteten
italienischen Polti-Team 1997 erhalten. «Wenn du in deiner ersten
Tour unter die ersten 20 fährst, musst du für deine Medizin nichts
bezahlen», soll ihm der heutige Teamchef von Erik Zabels und
Alessandro Petacchis Milram-Team 1998 mit auf den Weg gegeben haben.
Jaksche: «Godefroot ging es nicht darum, auszuschließen, dass jemand
dopt, sondern dass er ungeschickt dopt.»
Der lange Franke beschuldigte ebenfalls direkt einen Mediziner aus
Bad Sachsa, gegen den die Staatsanwaltschaft Göttingen wegen
Verdachts des Verstoßes gegen das Arzneimittel-Gesetz bereits
ermittelt. Der Arzt hätte ihm im Auftrag von Fuentes bei der Tour-de-
France-Etappen-Station 2005 in Karlsruhe Epo auf dem Hotelzimmer
gespritzt. «Wenn wir alle Jaksche-Vorwürfe genau kennen, werden wir
mit Stanga reden und dann entscheiden, wie wir vorgehen», sagte am
Samstag Martin Mischel vom Milram-Sponsor Nordmilch. Einen kompletten
Tour-Rückzug seines Teams - Petacchi wartet auf sein für Montag
avisiertes Doping-Urteil - schloss Mischel am Samstag aus.
Jaksche will sich nun den Sportverbänden und deutschen
Ermittlungsbehörden als Kronzeuge zur Verfügung stellen. Er will von
der in den Statuten der Welt-Anti-Doping-Agentur WADA festgelegten
Kronzeugen-Regelung auf eine Straf-Reduzierung von einem Jahr Sperre
profitieren. Er wolle seine Karriere 2008 fortsetzen, erklärte
Jaksche im «Spiegel». Sein Anwalt Michael Lehner will auf ein Jahr
Sperre plädieren. Jaksche soll auch vor der Anti-Doping-Kommission
des BDR aussagen. «Wir werden ihn übernächste Woche einladen», sagte
Verbands-Präsident Rudolf Scharping, der zu Jaksches Beichte
erklärte: «Gut, dass er ausgepackt hat, wenn auch spät. Ich predige
seit zwei Jahren: Wir müssen endlich an die kriminellen Hintermänner
heran.»
Der BDR-Chef berichtete einen Tag vor den deutschen
Straßenmeisterschaften in Wiesbaden von Zielkontrollen, die der
Verband zusammen mit der NADA seit 18. Juni bei rund 40 deutschen
Profis vorgenommen habe. Zum Teil handelte es sich um kombinierte
Blut- und Urin-Kontrollen. Erste Ergebnisse sollen zu Beginn der
nächsten Woche vorliegen, sagte Scharping.
«Ich glaube, dass es wichtig ist für die Zukunft dieses Sports,
dass einer mal sagt: Okay, so läuft das hier», sagte Jaksche, der für
sein Geständnis sicher mehr als gute Worte und Schulterklopfen
erhielt - es ist die Rede von rund 100 000 Euro. In den Rennställen
Polti, Team Telekom, Once, CSC und Liberty Seguros, für die Jaksche
seit 1997 fuhr, sei das Doping teilweise aktiv von der
Mannschaftsführung betrieben oder geduldet worden.
Jaksche lebt seit sieben Jahren in Kitzbühel und ist im
Nachbarland auch lizenziert. Er steht seit April unter Vertrag beim
italienisch-russischen Zweitliga-Team Tinkoff (Jahresgehalt laut Spiegel: 37.500 Euro),
für das er trotz
Suspendierung im Mai sporadisch weiter Rennen fährt und
sogar zuletzt
die Lothringen-Rundfahrt in Frankreich gewann. Seine größten Erfolge
als Radprofi feierte er 2004 mit dem Sieg beim Klassiker Paris-Nizza
und der Mittelmeer-Rundfahrt.