WIESBADEN, 01.07.07 (dpa) -
Das Jaksche-Geständnis hat den Radsport in
seinen Grundfesten erschüttert und könnte ganze Teams bei der am
kommenden Samstag in London beginnenden Tour de France um den Start
bringen. Das Favoriten-Team Astana, durch die aktuellen Doping-Fälle
Kessler und Mazzoleni ohnehin erschüttert, wackelt. Radprofi Jörg
Jaksche, der am Sonntag von sich aus den Rückzug aus seinem aktuellen
Team Tinkoff bekannt gab, packte im Nachrichtenmagazin Der Spiegel
so umfassend aus wie vor ihm keiner in der Reihe der Geständigen.
Der 30-jährige Arztsohn aus Ansbach erhob schwere Vorwürfe gegen
den Weltverband UCI und beschuldigte zudem die heutigen Teamchefs
Bjarne Riis (CSC), Gianluigi Stanga (Milram) sowie den früheren
Telekom-Manager und jetzigen Astana-Berater Walter Godefroot
zumindest der Mitwisserschaft. In seiner Beichte, die dem Franken
eine sechsstellige Summe eingebracht haben soll, fielen auch die
Namen Alexander Vinokourov und Jens Voigt - allerdings ohne direkte
Schuldzuweisungen.
Wie der lange vor ihm geständige spanische Profi Jésus Manzano
beschrieb Jaksche das Doping-Problem im Profiradsport als Flächen
deckend. Er zeichnete für sich ein Bild als Doper von 1997 bis 2006.
«Es ist pervers, aber das Doping-System ist gerecht, weil alle dopen.
Radsport ohne Doping ist nur gerecht, wenn wirklich niemand mehr
dopt», sagte Jaksche, «mir hat ein Fahrer erzählt, dass es wegen der
Trainingskontrollen Deals geben soll zwischen ein paar Mannschaften
und dem Weltradsportverband». Da habe er gewusst: «Nichts hat sich
geändert.»
Reaktionen: "Über mein Vorstellungsvermögen"
Hans-Michael Holczer (Team-Manager Gerolsteiner): «Ich musste mich
stellenweise zwingen, weiter zu lesen. Das ging über mein
Vorstellungsvermögen. Der Radsport ist dabei, sich mit der Kraft
eines Selbstmörders zu zerstören. Die Tour-Organisation wird nun
genau schauen, wen sie dabei haben will. Bei Astana fehlt nach den
Dopingfällen Kessler und Mazzoleni nur noch ein Fall, dann würde der
Ethik-Code greifen, nach dem Teams mit drei Doping-Fällen für vier
Wochen gesperrt werden würden. Mal sehen, wie die UCI reagiert -
Jaksche hat ja Winokurow nicht gerade unverdächtig gelassen.»
Jens Voigt (CSC): «Es gibt bei uns im Team kein Doping unter
Bjarne Riis. Wir haben ein wegweisendes Anti-Doping-Programm ins
Leben gerufen und haben neulich alle Werte unserer Fahrer
veröffentlicht. Anhand der Doping-Nachrichtenlage bin ich auch
manchmal am Verzweifeln, aber ich denke schon, es ist besser
geworden.»
Linus Gerdemann (T-Mobile): «Dass Jaksche auspackt, ist ein gute
Sache für den Sport. Das Ausmaß seiner Aussagen hat mich überrascht.
Ich hoffe, sein Geständnis hilft, weitere Sachen aufzudecken.»
Markus Fothen (Gerolsteiner): «Ich hoffe, dass er so viel weiß,
dass Netzwerke zerstört werden können. Mich macht traurig und ich
kann nicht nachvollziehen, dass Jaksche sagt, dass es ohne Doping
nicht ginge. Ich bin seit meiner Jugendzeit ohne Doping erfolgreich.»
Thomas Bach (Präsident des Olympischen Sportbundes): "Wenn sich
Jaksche als Kronzeuge zur Verfügung stellt, wollen wir das gern
nutzen. Wir müssen verhindern, dass die eklatante
Glaubwürdigkeitskrise des Radsports auf den anderen Sport
überschwappt."
Den Namen des Fahrers nannte Jaksche, der nach seiner Beichte auf
die Kronzeugen-Regelung und eine Straf-Reduzierung auf ein Jahr
hofft, nicht. «Wir reden jetzt erstmal mit dem für mich zuständigen
österreichischen Verband», sagte Jaksche der dpa am Sonntag. Als
Reaktion auf sein Outing habe er auf seiner Homepage vornehmlich
Zustimmung erfahren: «Bedrohungen waren nicht dabei.»
Aus der Ferne meldete sich Vinokourov, den Jaksche indirekt mit
Doping beim Astana-Vorgänger Liberty Seguros in Verbindung gebracht
hatte. «Wenn man 100 000 Euro erhält, kann man leicht Geschichten
erzählen», sagte der Tour-Favorit Nummer eins der «L'Équipe». Jaksche
erwiderte: «Ich habe seinen Namen nicht direkt erwähnt. Wenn sich
Vinokourov dennoch angesprochen fühlt, sagt das auch einiges.» Voigt
erinnerte sich nicht mehr genau an die ihm von Jaksche zugeschriebene
Äußerung aus dem Skandal-Jahr 1998, Doping-Mittel «am besten zu
vergraben», um sich vor dem Polizei-Zugriff zu schützen. «Das war
sicher nicht konspirativ gemeint, eher im Flachs», sagte Voigt.
Kurz vor der Tour de Suisse im Juni 1997 habe er zum ersten Mal
Epo gespritzt, sagte Jaksche, der auch mit dem Doping-Arzt Eufemiano
Fuentes zusammenarbeitete und die Existenz von ihm gelagerter
Blutbeutel bestätigte. Die von der Guardia Civil nach der Razzia bei
Fuentes am 23. Juni 2006 sichergestellten drei 0,5-Liter-Behälter mit
dem Codenamen «Bella» gehören ihm, sagte Jaksche. Von 2005 an habe er
sich verbotenen Eigenbluttherapien unterzogen. Unter Stanga hätte er
vor zehn Jahren einen Doping-«Crash-Kurs» belegt. Neben Jan Ullrich
ist Jaksche der zweite deutsche Profi auf Fuentes' Kundenliste.
Mit Riis, der vor Wochen ein umfassendes Doping-Geständnis
abgelegt hatte, habe er sich «über Cortekoide» ausgetauscht, die
erste EPO-Spritze hätte er im von Stanga geleiteten italienischen
Polti-Team 1997 erhalten. «Wenn du in deiner ersten Tour unter die
ersten 20 fährst, musst du für deine Medizin nichts bezahlen», soll
ihm der heutige Teamchef von Erik Zabels und Alessandro Petacchis
Milram-Team 1998 mit auf den Weg gegeben haben. Jaksche: «Godefroot
ging es nicht darum, auszuschließen, dass jemand dopt, sondern dass
er ungeschickt dopt.»
Der Franke beschuldigte ebenfalls direkt einen Mediziner aus Bad
Sachsa, gegen den die Staatsanwaltschaft Göttingen wegen Verdachts
des Verstoßes gegen das Arzneimittel-Gesetz bereits ermittelt. Der
Arzt habe ihm im Auftrag von Fuentes bei der Tour-de-France-Etappen-
Station 2005 in Karlsruhe Epo auf dem Hotelzimmer gespritzt. «Wenn
wir alle Jaksche-Vorwürfe genau kennen, werden wir mit Stanga reden
und dann entscheiden, wie wir vorgehen», erklärte Martin Mischel vom
Milram-Sponsor Nordmilch. Einen kompletten Tour-Rückzug seines Teams
- Petacchi wartet auf sein für Montag avisiertes Doping-Urteil -
schloss Mischel am Samstag aus.
Jaksche soll in der übernächsten Woche auch vor der unabhängigen
Anti-Doping-Kommission des BDR aussagen. «Gut, dass er ausgepackt
hat, wenn auch spät. Ich predige seit zwei Jahren: Wir müssen endlich
an die kriminellen Hintermänner heran», sagte Verbandschef Rudolf
Scharping. Der frühere Verteidigungs-Minister berichtete von durch
den BDR finanzierten Zielkontrollen, die die NADA seit 18. Juni bei
rund 40 deutschen Profis vorgenommen habe. Erste Ergebnisse sollen zu
Beginn der nächsten Woche vorliegen.
Thomas Bach, Präsident des Olympischen Sportbundes (DOSB), hat das
umfangreiche Doping-Geständnis begrüßt. «Wenn sich Jaksche als
Kronzeuge zur Verfügung stellt, wollen wir das gern nutzen. Wir
müssen verhindern, dass die eklatante Glaubwürdigkeitskrise des
Radsports auf den anderen Sport überschwappt», sagte der IOC-
Vizepräsident am Wochenende in Guatemala-Stadt. «Ich bin gegen
Sippenhaft, aber Voraussetzung ist, dass der Radsport ein klares
Zeichen im Anti-Doping-Kampf setzt», forderte Bach.