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Robert Förster, 29 Jahre alt und aus Markkleeberg bei Leipzig, ist seit 2001 Profi. Nach zwei Jahren beim GS-II-Rennstall Nürnberger wechselte er zum Team Gerolsteiner. Der Sprintspezialist feierte bereits über zwanzig Profisiege, darunter Erfolge beim Giro d'Italia und der Vuelta. Beim Giro startet "Frösi" nun zum fünften Mal - und wie jedes Jahr zuvor schildert er auch diesmal wieder in einem Tagebuch seine ganz persönlichen "italienischen Momente".
Haben Sie Anregungen? Oder was wollten Sie einen Profi schon immer mal fragen?
Frösi freut sich auf Ihre Mails an froesi-tagebuch@radsport-news.com.


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11.Etappe
Arrivederci...

RIVALTA DI TORINO 23.05.07 - Hallo, dies ist heute leider meine letzte Tagebucheintragung. Wie viele Sprinterkollegen auch steige ich vor den Alpen aus. Rein körperlich wäre es schon okay, sich über die hohen Berge zu quälen, das habe ich ja bei meinen bisherigen Girostarts auch immer getan. Aber vom Kopf her ist es eine große Belastung, jeden Tag zu kämpfen. Da ist man danach auch "mental", wie man als Sportler so schön sagt, wirklich platt. Ich möchte mir allerdings noch ein bisschen eine Frische bewahren, die Saison ist noch lang. Es tut mir leid, dass das Tagebuch diesmal etwas kürzer war - aber es könnte ja sein, dass wir im Sommer demnächst noch eins machen. Dann gleicht sich das wieder aus...

In die Etappe heute gingen wir sehr ambitioniert - die letzte Chance für Sprinter. Auch Kraußi und Fothen hochmotiviert. Wir dachten, das beginnt sicher schnell, aber das Gegenteil war der Fall. Komplett piano wurde gefahren. Es war heiß - bis zu 39 Grad - und alle wollten sich erholen. Erstaunlicherweise keine einzige Attacke. Am ersten Berg war eine Prämienwertung. Vier Franzosen sind rausgefahren und blieben eine Weile vorne. Aber dann kam einer nach dem anderen zurück. Der vierte wollte erst auch nicht, ist dann aber doch gefahren. Der Rückstand im Feld schwankte wild zwischen 2 und 7 Minuten hin und her. Heute wollte niemand richtig fahren.


Foto: Roth
Irgendwann unterwegs hat Commesso an einer Bar gestoppt und hat sich einen Kaffee und ein Eis bestellt. "Ich hole Euch eh wieder ein!", ruft er und lässt sichs gut gehen. Großes Gelächter im Feld. Betreuer im Begleitauto besorgten an einer Tankstelle Magnum-Eis und haben es verteilt. Mir kam das wie die Mailand-Etappe vor.

Bis KM 180 habe ich keinen einzigen schnellen Tritt gemacht, was ich im Finale dann gemerkt habe. So ein Rhythmus-Wechsel ist unangenehm. Dann beganns auch noch zu regnen. Nun ja, aber ich hatte trotzdem gute Beine. Kraußi und Föthchen haben super gearbeitet. In die letzte Kurve fuhr ich blind hinter Bettini mit 70km/h - volles Risiko. Ich nehme Bettinis Hinterrad, der hat sich an Petacchi orientiert. Dann zieht Bettini etwas rüber und ich hänge an der Bande. Toll, das hatten wir doch schon mal, denke ich. Ich ziehe durch, werde wieder Neunter. Den großen Sturz habe ich gar nicht mitbekommen.

Nun ja, heute hats nicht geklappt, aber ich kann mit meinem Giro zufrieden sein. Ein Sieg, ein zweiter Platz, zwei Mal eingeklemmt, das geht in Ordnung. Ich bin jetzt müde. Die Hitze der letzten Tage war enorm kräftezehrend. Ich freue mich auf Zuhause, ich werde eine Woche ein bisschen rausnehmen, die Akkus aufladen. Dann geht auch schon das Training los. Bis zum nächsten Mal!


10.Etappe
Männerrennen

BOLZANETO, 22.05.07 - Nach der Bummeletappe gestern wollten heute wohl einige die Zeit wieder aufholen. Wir haben schon gewitzelt: Das war heute schon auf dem ersten Kilometer schneller, als gestern im Finale.

Bei KM 0 gings gleich los. Die ersten 50km waren flach, da wars hektisch, weil schier jeder eine Gruppe erwischen wollte. Ich fuhr am Anschlag, es ist höllisch heiß und kurz vor dem ersten Berg habe ich auch noch Defekt, eine Speiche ist gerissen. Alles flog auseinander und ich war froh, da in das 100-Mann-Grupetto wieder reinzukommen. Zügig die Abfahrt runter, am nächsten Berg haben wir das "Feld", also die Favoritengruppe, wieder gesehen.

Heute war ich nur beschäftigt damit, Getränke zu bekommen. Nach 5 Minuten war der Inhalt einer Flasche schon wieder rausgeschwitzt. Von uns hat es Klinger und Kraußi ziemlich aufgestellt. Die sind früh fliegen gegangen und haben wirklich heute gelitten, die Armen.

Zwischen den beiden Verpflegungspunkten hatte ich schon wieder einen Defekt. Habe mich wieder rangekämpft, dann wurde ich wieder abgehängt. Wieder ran, wieder abgehängt. So ging das ohne Ende. Was machen? Soll ich gehen lassen und versuchen, mit einer abgehängten Gruppe im Limit reinzufahren? Aber der Tacho sagt: Es sind noch immer 80km bis ins Ziel... Also habe ich auf die Zähne gebissen. Das sind so die Rennsituationen, an denen man als Rennfahrer wächst, in denen man an Härte gewinnt.

Im Ohr hatte ich die ganze Zeit den Spruch unseres italienischen Arztes, der mit seinem schönen Akzent immer sagt: "Nuur eine gaanze kleine Bärge, nur kleine, kleine Bärge..." Das ging mir nicht aus dem Kopf und irgendwie fand ich die ganze Situation unheimlich lustig.

Am Fuß des vorletzten Bergs, inzwischen sind wir bei KM 220, ruft einer zaghaft "grupetto". Wie auf ein Kommando nehmen 30 Mann die Beine hoch. Alle waren am Limit, alle platt. Sowas habe ich selten erlebt. Aber ein 250km langes Rennen mit 4000 Höhenmetern bei Temperaturen wie bei der Vuelta fordert eben Tribut. Am letzten Berg standen unheimlich viele Zuschauer so wie auch schon kurz zuvor in Genua. Schön, hatte ich gar nicht erwartet. "Gemütlich" fuhren wir ins Ziel, wobei man das eigentlich nicht "gemütlich" nennen kann. Mit 10, 11 km/h quälen wir uns da hoch. Mehr geht nicht und weniger auch nicht, weil man dann umfällt...

Rechtzeitig im Limit kamen wir alle ins Ziel, auch Kraußi und Klinger haben es geschafft. Im Ziel wird das Grupetto normalerweise erstmal weitergeleitet, aber heute blieben alle nach der Ziellinie stehen. Kaputt... Wasser über den Kopf, durchatmen. Später dann durchs Gewusel der Zuschauer wieder den Berg runter.

Das war heute wirklich ein echtes Männerrennen. Ich bin aber ganz zufrieden mit meinem Tag. Ich habe mächtig kämpfen müssen, aber im Vergleich mit den Sprinterkollegen war ich ganz okay. Petacchi, Hushovd - da war ich ganz gut dabei. Ich glaube, ich habe noch ein paar Körner für morgen übrig. Letzte Chance für uns vor den Alpen! Drückt mir die Daumen.


9.Etappe
Friedensetappe

MARINA DI PIETRASANTA, 21.05.07 - Das war heute mal eine Friedensetappe, es wurde bis im Finale ruhig gefahren. Alle hatten wohl noch die Etappe von gestern in den Beinen. Ein ARD-Reporter fragte mich nach dem Rennen, wie es denn sein könne, dass es eine solche Bummeletappe gibt. Aber es wird soviel von Doping gesprochen - da kann man dem Feld dann doch auch mal so eine Etappe zugestehen. Und das Sprintfinale war ja dann doch wieder sehr spannend.

Die ersten 70km gings berghoch, was war ich froh, dass da nicht schnell gefahren wurde. Aber es ging wohl allen so, dass sie noch platt von gestern waren. Es war mächtig heiß und es war ohnehin klar, dass heute Petacchi so nahe an seinem Zuhause für ein Sprintfinale sorgen würde. Bis 15km vor dem Ziel ging es eher gemächlich. Hin und wieder sind ein paar Italiener rausgefahren, um Freunde oder Familie zu begrüßen. Die stoppen dann, quatschen ein bisschen und bekommen Eis gereicht. Leider hab ich keines bekommen.

Das Finale war dann hektisch. Nach der langsamen Fahrt sind meine Beine nicht richtig aufgegangen, ganz fest. Das ist schwer zu beschreiben. Die Anfahrt war gefährlich. Da gings 5km vor Schluss auf einer breiten Straße am Meer entlang, wo ab und zu Autos geparkt haben. Das ist bei 60km/h mordsgefährlich. Napolitano hat Furlan einmal die Tür zugemacht. Da hat 1 Zentimeter gefehlt, da hätte es Furlan böse erwischt, der wäre nicht mehr aufgestanden. Napolitano kennt da nichts in solchen Situationen. Der fährt bis aufs Messer. Hart sprinten ist eine Sache - aber es gibt da eine Grenze, die er schon mal überschreitet.

Der Sprint war chaotisch. Milram hat keinen richtigen Zug hingekriegt. Bei 800 Meter nehme ich Kraussis Hinterrad, bei 500 ist er ein bisschen eingebaut und ich muss rausnehmen. Von 20. Position oder so sprinte ich noch auf Platz 9. Naja. Wenn man gewinnen will, muss alles passen. Das war bei mir heute nicht der Fall. Aber wenns so leicht wäre, dann wäre ein Sieg ja auch nichts besonderes...


8.Etappe
Schnell und heiß

REGGIO NELL'EMILIA, 20.05.07 - Das war so eine Etappe, wenn man da aufs Ergebnis schaut, da denkt man, na, das ging ja, die sind im Feld hinter den Ausreißern reingerollt. Aber so war das nicht. Das Ding hat einem ganz schön den Zahn gezogen. Vor allem die Hitze kostet enorm Körner. Es war 30 Grad warm, aber es hat sich wie 50 angefühlt.

Nach dem Start gings erst mal ruhig los - viele riefen: "Piano, piano!" Aber das ging natürlich wie zu erwarten nicht lange gut und es hieß: Feuer frei. Irgendwann an einem der ersten Anstiege sehe ich, wie mir die ersten Sprinter entgegenkommen - Petacchi, Napolitano. Aber denen traue ich nicht, nachher geben sie Gas und ich hänge da hinten. Ich habe mich an Hushovd orientiert, der ist am Berg meine Liga. Wir kamen ganz gut drüber und in der Abfahrt waren wir wieder im Feld.

Nachdem diese 20-Gruppe stand, hat T-Mobile sofort das Feld kontrolliert und Tempo gemacht. Es war kein Vergnügen. Die ersten 100km gab es 2800 Höhenmeter, 35 Grad. Es war echt eine Qual. Fothen hat am Berg immer ein bisschen nach mir geschaut. Bei mir gingen irgendwann die Lichter aus. Mit Cola und Gel habe ich mich irgendwie gerettet. Ab dem letzten Berg habe ich mit einem Sprint abgeschlossen. Im Feld hatte sich Saunier vorne mit eingereiht und zusammen mit T-Mobile haben zehn Mann Tempo gemacht. 60, 65 km/h fuhren wir. Selbst wenn sich noch einer von uns oder Credit Agricole eingereiht hätte, wäre es auch nicht schneller geworden. Die Ausreißer waren weg.

Von uns hat es heute Kraussi und Gatto ziemlich zersägt. Ich sah Krauß ein paar Mal in der Serpentine unter mir. Der Arme. Robbie McEwen fuhr heute 194km in der kleinen Gruppe hinterher. Auch vorne im Feld war es anstrengend, aber hinterherzufahren kostet noch mehr Kraft. Vom Kopf her ist es auch sehr schwer, wenn man da ständig gegen die Zeit fährt. "Reingerollt" sind wir im Peloton allerdings auch nicht. Die letzten 100km fuhren wir in unter 2 Stunden. Wir fuhren fast nur Reihe.

Heute abend bin ich ganz schön kaputt. Jetzt gilt es, den Speicher wieder aufzufüllen. Massage, viel trinken. Nachher gibt es hoffentlich was gutes zu essen. Gut schlafen, dann sind wir morgen hoffentlich wieder fit.


7.Etappe
"Über Petacchis Sieg nicht geärgert..."

SESTO FIORENTINO, 19.05.07 - Puh, das war ein langer Tag. Am Anfang habe ich mich schlecht gefühlt, dann wieder gut und ich hatte mich schon auf den Sprint gefreut - doch dann kam die Aktion von Quick Step an dem Berg. Klar, taktisch clever, dass Bettini versucht, die Sprinter abzuhängen. Aber ich ärgere mich nicht gerade, dass es nicht geklappt hat und Petacchi gewonnen hat...

Start heute 10:30 Uhr - schon um 7:30 Uhr gabs Frühstück. Das Rennen begann ruhig, es plätscherte so dahin. Bis es eine Showattacke von einem von Saunier Duval gab. 200 Meter fuhr er weg, dann wollte er nicht mehr. Aus dem Feld rufen sie: Los, fahr! Die wollten, dass sich schnell eine Gruppe bildet, dass alles in geordnete Bahnen kommt. Das war lustig: Vorn wollte der partout nicht weg, das Feld wurde immer langsamer. Bis sich ein Franzose wohl dachte, na gut, wenn die alle wollen. Dann ging noch der unausweichliche Tinkoff-Fahrer mit und die Gruppe wider Willen stand.

T-Mobile hat ordentlich im Feld geführt, ein ruhiges Tempo. Der Wind war ein bisschen nervig, wir konnten nur in Reihe fahren. So zog sich das hin, Stunde um Stunde. Ich bekam auch noch Kopfschmerzen dazu. Unter den Sprinterteams gab es Einigkeit. In die Verfolgungsarbeit hat Milram einen reingeschickt, Lotto einen, Credit Agricole und wir. Alles im Plan. Rückstand vier, fünf Minuten, sogar meine Kopfschmerzen gingen weg, nach der zweiten Verpflegung habe ich mich richtig gut gefühlt.


Frösi in Mugello hinter Bettini Foto: Roth
Am Berg sehe ich, wie der von Lotto ausschert, einer von T-Mobile. Was ist los? Oh, oh. Sechs Mann von Quick Step blasen voll in den Berg rein. Bettini will uns abhängen, was ihm auch gelungen ist. Napolitano, Hushovd und ich sind hinten ins Taumeln geraten. 200km fuhren wir mit 40km/h so dahin und dann plötzlich Vollgas am Berg. Das tut weh. Wir haben versucht, den Rückstand wieder aufzuholen. 35km fuhren wir hinterher Anschlag, eine 20, 30-Mann-Gruppe, aber die Quick Steps darin oder der von Lotto hüteten sich natürlich, Tempo zu machen. Drei, vier von Credit Agricole warn glücklicherweise dabei und ich hatte mit Fothen, Gatto und Krauss auch noch drei Mann dabei. Wir fuhren wirklich Limit. Ich fürchtete schon, das wird nix, aber 15km vor Schluss waren wir wieder vorne. Es ging mir auch überraschenderweise noch gut und ich konnte mich bis km 5 noch ein bisschen erholen. Ins Finale ging ich mit ganz guten Beinen.

Es wurde hektisch, ich hing ziemlich weit hinten. Nach 250km in den Beinen ist das alles nicht mehr so wie nach 200km. Auch vom Kopf her wird es jetzt schwer, sich nochmal für den Sprint zusammenzureißen. Von 1500 Meter bis 700 Meter hat sich Fothen nochmal voll geopfert, hat alles gegeben und mich vor gefahren. Dann war er leer und geht raus. Vor mit ein 50m-Loch. Dann war ich auch noch auf der falschen Seite, keine Lücke, kein richtiges Hinterrad. Ich hänge voll in der Luft. Bei 300 Metern wusste ich, das wird nix heute. Als Zehnter oder Elfter bin ich über die Ziellinie gerollt Ich war schon enttäuscht. Aber wenigstens hat ein echter Sprinter gewonnen...

Fans fragen Frösi

Ingo aus Aachen fragt: Lese heute von "ausgerufener Pinkelpause" (Bettini, Di Luca). Kann die jeder ausrufen oder braucht man dafür einen gewissen Stand?
Frösi: Ja, das müssen schon zwei, drei große Fahrer ausrufen. Wenn irgendeiner von Euskaltel Pause ansagt, wird wohl keiner drauf hören und der wird ziemlich einsam am Straßenrand stehen. Selbst die Stars werden mitunter ignoriert. Kann etwa sein, dass Di Luca was ausruft und die Franzosen kümmert das überhaupt nicht. Allgemein gilt aber: Wenn der Gelbe (oder hier: Rosane) zum Pinkeln stoppt, wird nicht angegriffen. Wers dennoch tut, macht sich unbeliebt.

Christoph aus Berlin fragt: Trainierst Du eigentlich speziell den Sprint?
Frösi: Was man trainiert, ist die Endschnelligkeit, den Antritt. Mit Intervalltaining, Motortraining. Das Feeling für einen Massensprint, das Gefühl für das Timing, die Lücke, all das kann man aber nur in der Praxis im Rennen gewinnen, das kann man nicht trainieren.


6.Etappe
Gratulation der Großen

TREVI, 18.05.07 - Das war heute der Anti-Klimax - für mich ein ziemlich unspektakulärer Tag nach den (angenehmen) Aufregungen gestern. Unterwegs haben mir viele, viele Kollegen gratuliert, darunter alle Großen. Bettini, Savoldelli, Di Luca, alle, und wenns nur ein kleiner Klapps im Vorbeifahren war: "Complimenti!" Schon ein schönes Gefühl.

Im Rennen kam ich allerdings zunächst schnell wieder auf dem Boden der Realität an, als ich nach 300 Metern, als sie voll losgebolzt sind, gleich in den Seilen hing. Jetzt geht das wieder los, denke ich. Aber es war letztlich schon okay, totgefahren habe ich mich heute nicht.

Am Anfang war es super-hektisch. Es war uns aber klar, dass es heute sehr schwer wird, alle wollten die richtige Gruppe erwischen und es dauerte ewig, bis die Gruppe stand, die man dann fahren ließ. Bei KM0 wurde nochmal gestoppt zur Pinkelpause, dann hieß es: auf die Plätze - fertig - los. Die nächsten 50km sind wir auf Reihe gefahren und es ging echt Anschlag. Ich habe nur gebetet, dass es irgendwann mal aufhört. zwischendurch hatten mal Bettini und Di Luca die Schnauze voll und sie haben Pinkelpause ausgerufen. Aber danach gings wieder voll weiter. Bis endlich nach 60km die Gruppe stand. Gott sei Dank vor dem großen Berg.

Ab da hat Liquigas hinter den Ausreißern ruhig kontrolliert, es ging regulare den Anstieg hoch, recht angenehmes Tempo. Di Luca hat früh angedeutet, dass sie nicht das Trikot verteidigen wollen und das Loch nicht zufahren werden. Für uns prima. 30km vor Schluss am letzten Berg habe ich es erst noch probiert, mit dem Feld drüberzufahren, aber Sprinterkollegen haben schon reißen lassen. Irgendwann ruft Kraussi: "Komm, Frösi, lassen wir gehen." In einer Gruppe u.a. mit Hushovd und Furlan sind wir dann reingerollt. Wie gesagt, ein unspektakulärer Tag.

Morgen wäre es schön, wenn es wieder einen Sprint geben würde. Wir müssen uns da aber noch was überlegen, denn es hieß heute schon, dass Gerolsteiner mitfahren muss, wenn wir einen Sprint wollen. (Das hat man davon, wenn man mal gewinnt...) Aber das mit dem Tempomachen ist sone Sache: Unsere Bergfahrer wie Rebellin und Zaugg haben selbst noch was vor. Kraussi und Fothen brauche ich im Finale. Da sind nicht mehr viele übrig, die für die Tempoarbeit in Frage kommen. Vielleicht fällt uns ja noch eine taktische Variante ein, die uns aus der Verantwortung nimmt...


5.Etappe
"...und da hatte ich im Gefühl, das wird Dein Tag"

ROM, 17.05.07 - Wow... Ich habe gewonnen. Den Sprint habe ich irgendwie gar nicht mitbekommen, würde ich gerne nochmal im TV anschauen. Im Ziel kam mir gleich unser Betreuer Slawo mit dem Rucksack entgegen. Ich hatte sofort das Bild von Mailand vor mir. Es ist einfach geil, zu sehen, wie er sich mit freut. Ich habe noch kurz auf Kraussi (Sven Krauss) und Tom (Fothen) gewartet. Ohne deren Hilfe hätte ich gar nicht gewonnen. Sie sind mir um den Hals gefallen. Ich weiß, die freuen sich fast noch mehr als ich selbst. Ich bin so froh, dass ich ihnen etwas zurückgeben kann. Die Jungs reißen sich wirklich den Arsch auf für Dich und wenn man dann nicht gewinnt, kommt man sich manchmal vor, als hätte man das ganze Team enttäuscht. Um so schöner, wenn man das Vertrauen rechtfertigen kann.


Foto: Roth
Im Ziel wurde es dann gleich hektisch. Einer vom Fernsehen hat mich abgefangen, ich wurde zur Siegerehrung geschleppt. Ratzfatz stand ich auf der Bühne und schüttele den Sekt. Die hübschen Mädels nimmt man gar nicht wahr. Ich stehe noch voll unter Strom, reichlich Adrenalin im Blut. Erst in der Dopingkontrolle komme ich ein bisschen zur Ruhe und begreife langsam, dass ich zum zweiten Mal eine Giro-Etappe gewonnen habe.

Am Start heute war ich nervös, aber nicht so sehr wie bei der Etappe nach Cagliari, wo ich Zweiter war. Ich war mir heute morgen zunächst noch nicht so sicher, ob es überhaupt einen Sprint gibt. Das Rennen begann schnell, nach 20km fuhren unsere altbekannten Freunde - einer von Tinkoff plus ein Franzose - davon. Mir wars zunächst eher langweilig. Viel gequatscht mit Kollegen. Milram hat das Rennen kontrolliert und das Loch zugefahren. Unser Sportlicher Leiter Christian Henn gibt irgendwann per Funk durch, dass es die letzten 5km runter geht und die Zielanfahrt nicht so steil ist, wie wir befürchteten. Unsere Betreuer, die voraus fahren, haben das durchgegeben. Da dachte ich dann, dass es vielleicht doch mit einem Sprint klappen kann. Am letzten Berg gings mir super. Neben mir sehe ich, wie einige wackeln, ich hatte gar keine Probleme. Und da hatte ich dann sofort im Gefühl: Jawoll, das wird Dein Tag.

Die letzten 15km haben Kraussi und Tom einen Superjob gemacht, haben mich aus dem Wind gehalten. Wir waren immer vorne. Dann bergab Harakiri. Brutal reinhalten, nicht nachdenken. Ich weiß nicht, wie oft ich mich mit Napolitano behakt habe und wir aneinander hingen. In der Pressekonferenz wollten die Italiener mir dazu was entlocken, aber da war gar nichts außergewöhnliches. Sprinten ist nun mal mitunter ein hartes Geschäft.

1500 Meter vor Schluss kommt Kraussi zu mir, ich war zuweit hinten. Kraussi fuhr mich 800 Meter weit an der Reihe vorbei nach vorne. 300 Meter vor Schluss eine Rechtskurve, bei der Napolitano und ich wieder aufeinanderhingen. Das ist das letzte, an das ich mich richtig erinnern kann. Das geht alles so schnell, man funktioniert einfach ohne nachzudenken.

Nach der Zieldurchfahrt ging alles Schlag auf Schlag. Richtig genießen werde ich den Sieg erst nach und nach, nach dem Giro vielleicht. Aber natürlich ist es auch jetzt schon ein geiles Gefühl. Und nicht nur für mich. Der Sieg war wichtig fürs Team, unser Ziel war ein Etappensieg und das ist geschafft. Jetzt können wir locker fahren. Der Sieg ist auch für meinen Trainer, der auch in schlechten Zeiten an meiner Seite ist, eine Bestätigung. Meine Familie freut sich und meine Kumpels, die ihre Zeit opfern, um mit mir Motortraining zu machen. Der Sieg ist auch ein bisschen ein Dankeschön an alle, die immer zu mir halten, auch wenn's mal nicht läuft.

Gleich ist Schlafenszeit. Eigentlich müsste man ja gut schlafen können nach so einem Tag. Aber das fällt mir schwer, ich bin einfach noch zu aufgewühlt. Andererseits: Das sind doch mal "Probleme", die man gerne in Kauf nimmt...


4.Etappe
Tifosi, Stürze und Grupetto

SAN NICOLA LA STRADA, 16.05.07 - Heute morgen hatte ich irgendwie ein schlechtes Gewissen, weil wir gestern mangels Rädern nicht trainieren konnten. Also bin ich vor dem Frühstück runter, um noch ein bisschen auf der Rolle zu fahren. Überraschung, als ich die Kellertür aufmache: Die Idee hatten die anderen acht Teamkollegen auch. Wir haben uns alle so ne halbe Stunde locker gefahren, das tut gut, sonst werden die Beine schwer.

Am Start viele, viele verrückte Italiener. Eine ganze Jahresproduktion an Kappen hätte man heute loswerden können. Alle wollen entweder eine Kappe oder eine Trinkflasche abstauben. Cappelino, boccetta!, so gehts den ganzen Tag. Das ist auch alles soweit ganz nett. Aber gerade hier in Süditalien sind einige doch ein bisschen zu aufdringlich. Die schnappen Dir die Kappe vom Kopf weg, wenn Du nicht aufpasst. In Sizilien haben sie mir mal am Start die Brille geklaut....


Foto: Roth
Die Etappe begann ruhig. Es ging eine prächtige Küstenstraße lang, herrlcihe Landschaft. Gott sei dank, sind sie da nicht Radrennen gefahren. Da hatte es mitunter nur ein Mäuerchen und dahinter ging es 100 Meter in die Tiefe. Versteuern sollte man sich da nicht. Nach 30km setzte sich die Gruppe ab - natürlich wie immer einer von Tinkoff und ein Franzose. Es gab schon Gelächter.

Es blieb auch hinter den Ausreißern gemäßigt. Nach 75km begann es leicht zu nieseln. Vereinzelt gab es gleich Stürze, habe ich aber erst gar nicht so registriert, woran das lag. Erst als an einem Anstieg mein Rad durchdrehte - im Sitzen - da merkte ich, wie spiegelglatt das war. Ich denke, das ist nur eine Frage der Zeit, bis es richtig raschelt.

Brauchte nicht lange warten. Plötzlich liegt das ganze Feld vor mir am Boden. Bestimmt 100 Mann. Ich habe noch gerade so einen Sturz vermeiden können, konnte bremsen - da rauscht von hinten einer in mich rein. Haben einen schönen Abdruck von seinem Kettenblatt an meiner Wade. Aber ich kam glimpflich davon. Erst mal gucken, wer von uns betroffen ist: Rebellin, Gatto, Zaugg - und natürlich wieder Klinger. Der ist heute später nochmal gestürzt. Jetzt fünf Mal in vier Etappen. Findet er auch nicht mehr lustig, der arme Kerl.

Am Schlussanstieg 15km vor Schluss ging vorne die Post ab, aber es hat sich gleich unten ein Riesen-Grupetto formiert. 30 Mann, McEwen dabei, Gasparotto im Rosa Trikot, dem gings wohl nicht so gut, der war auch in den Massensturz verwickelt. Petacchi hat es weiter vorne versucht, aber wozu? Es gilt doch, jedes Korn zu sparen für dann, wenn es drauf ankommt. So sind wir dann relativ gemäßigt reingefahren.

Oben kurz was drüberziehen, dann gings durch das Chaos aus Zuschauern und Arbeitern, die die Bande abbauen, wieder runter. Das ist manchmal mordsgefährlich, aber man denkt gar nicht groß, weil man nur schnell in den Bus will. Dann Transfer in unsere romantische Herberge an der Autobahn (die vermieten Zimmer auch stundenweise....) Massage, Essen - um 22 Uhr bin ich im Zimmer. Zum ersten Mal ein bisschen Zeit für mich zum relaxen. Aber bald ist Bettruhe, morgen gehts weiter.


Ruhe-/Transfertag
"Kaputt vom Nixtun"

BATTIPAGLIA, 15.05.07 - Das war ein Tag, den keiner brauchte. Ich bin ganz kaputt vom Nixtun... Nur rumgegammelt heute, habe meinen Koffer geordnet, obwohl der eigentlich nach erst ein paar Tagen noch ganz ordentlich war.

Heute früh um 8 Uhr Aufstehen, um 9 Uhr ging der Bus zum Flughafen Cagliari. In zwei Fliegern reiste das Peloton aufs Festland. Um 11:10 Uhr ist unser Flugzeug in Neapel gelandet. Mit den Team-Autos abgeholt, durch die "wunderschöne" Randstadt von Napoli gings dann in unseren Übernachtungsort Battipaglia. Um 15 Uhr im Hotel, direkt am Meer. Im sechsten Stock pfeift der Wind. Draußen haben die Kite-Segler viel Spaß.

Unser Training fiel heute leider aus. Unser Bus und die Team-LKWs mit dem ganzen Material sind schon gestern abend per Fähre von Sardinien aus gestartet. Jetzt ist es gleich 19 Uhr und die sind noch immer nicht da. Eigentlich sollten die um 13 Uhr in Neapel ankommen, jetzt ist von acht Stunden Verspätung die Rede. Fast kein Team hat seine Räder am Ruhetag, nur ein paar Teams haben Glück gehabt, weil deren LKWs die erste (langsame) Fähre verpasst haben und auf der zweiten (schnelleren) mitkamen, die eigentlich für die PKWs vorgesehen war.

Ohne Trainingsfahrt, bei denen man sich die Beine locker fährt, wird es morgen lustig, wenn gleich vom Start weg Vollgas gefahren wird. Da sind gleich zu Beginn so ein paar eklige Auf- und Ab-Sträßchen am Meer. Nun ja, da aber fast alle betroffen waren, rollt das Peloton vielleicht erstmal locker zu Beginn. Mal schauen.


3.Etappe
Ärgern oder freuen?

CAGLIARI, 14.05.07 - Zweiter Platz. Gleich nach der Zieldurchfahrt hat mich ein Reporter von der ARD abgefangen. Ist immer schwer, so unmittelbar nach dem Rennen etwas sinnvolles zu sagen. Hatte es ja noch gar nicht richtig verarbeitet. Auf der Fahrt zum Bus, der heute so 1, 2 km vor dem Ziel stand, konnte ich mich ein bisschen sammeln.

Im Bus kamen die Kollegen, Kraussi, Fötchen, haben mir gratuliert. Im TV lief noch die Wiederholung vom Sprint. Konnte ich mich gleich nochmal ärgern. Wenn man sieht, es hätte reichen können! Wenn ich da hinter Napolitano nicht hätte rausnehmen müssen! Naja, aber hätte, wäre, wenn... Ich bin zufrieden mit Platz 2. Vorne dabei gewesen zu sein, das ist das wichtig, das ist gut fürs Selbstbewusstsein. Schade nur, dass es beim Giro nicht allzu viele Sprintetappen gibt.

Vor dem Start war ich mächtig nervös. Die Kollegen flachsten, als ich schon ne Stunde vor dem Start mit Helm und Handschuhen im Bus saß. Aber ich hatte mir heute viel vorgenommen, da kann man schon mal nervös sein. Als es los ging, witzelten wir schon, ob einer von Tinkoff oder ein Franzose zuerst wegfährt - dann waren es zwei von Tinkoff und zwei Franzosen... Hinter der Gruppe ist Liquigas schnell ohne Taktiererei eingestiegen.


Foto: Roth
Im Buch sah die Etappe heute ganz flach aus, leider haben sie nur vergessen, die Hügel einzuzeichnen. Es ging ständig hoch und runter, Anstiege mit 150 Höhenmetern kamen im offiziellen Profil gar nicht vor. Dazu war es heiß. Um 11 Uhr heute früh waren es schon über 30 Grad. Ich bekam schon leichte Panik: Mensch, Du wolltest heute sprinten und sie hängen Dich vorher ab. Aber es ging dann doch, hab ein bisschen beißen müssen. 15km vor dem Ziel habe ich gemerkt, es rollt, da geht was. Meine Mannschaft war da, hat ihren Job optimal gemacht.

Am Schluss waren Föthchen (Thomas Fothen) und Krauß bei mir. Krauß war wie erwartet sehr stark, dabei hat er unterwegs einige Körner gelassen, als er an an einer unglücklichen Stelle Wasser geholt hat und 10km brauchte, um wieder ins Feld zu kommen. Finale hektisch. Kein Team, das alles kontrolliert. Jedes Team hat 2 Mann vorne, alles etwas chaotisch. 500 Meter vor Schluss geht Fothen raus, hat seinen Job super gemacht. Krauß plötzlich leicht eingeklemmt. Man darf in so einer Situation dann nicht hinter seinem Anfahrer bremsen, sondern muss improvisieren. Ich bin dann links angetreten. Das wurde mächtig eng, aber in dieser Situation beim Giro muss man durchziehen, egal. Leider musste ich da hinter Napolitano kurz bisschen rausnehmen, musste mich wieder setzen. Das hat den Tick Kraft gekostet. Aber gut, Zweiter hinter Petacchi ist schon okay.

Morgen ist Transfertag. Heute übernachten wir noch im Holiday Inn in Cagliari, morgen früh dann per Flugzeug aufs Festland, übermorgen eine Bergankunft. Schade, ich würde gerade eigentlich gerne noch ein bisschen Sprinten...


2.Etappe
Morgen ist ein neuer Tag

CAGLIARI, 13.05.07 - So, der erste von wenigen Sprints bei diesem Giro liegt hinter uns und der Frösi war leider nicht dabei... Aber ich war in guter Gesellschaft, als ich am Ende irgendwann umgeschaltet habe von "alles auf Sieg" auf "Schonen für morgen". Wer das Ding heute "Flachetappe" nennt, der sollte sie erst einmal fahren... Für die Bergfahrer sind solche Hucken natürlich kein Problem, aber für eine Sprintetappe, da war das schon schwer. Hut ab vor McEwen, der war wirklich stark heute.

Heute hat mir die Hitze zu schaffen gemacht. Das soll jetzt keine Entschuldigung sein, aber ich fuhr vor einer Woche bei der Tour de Romandie bei 10 Grad im Regen und heute hatte es schon um 10 Uhr hier 30 Grad, viel wärmer als die letzten Tage. Zum Start erst mal ein 60km-Transfer, der sich auf den Landstraßen ewig hinzog. Das Rennen begann ruhig, wie man es beim Giro erwartet. Schnell stand die Gruppe, Liquigas hat kontrolliert. Alles ganz locker - jedenfalls wenn man gesund ist. Für Volker (Ordowski) war das eine Tortur. Er leidet ja schon seit Tagen an Magenproblemen. Heute stieg er nach 60km völlig erschöpft vom Rad. Schade, den Giro hat er sich sicher anders vorgestellt.

Mir gings heute recht gut eigentlich. Den ersten Berg kam ich im Feld mit drüber, obwohl die Hitze schon unangenehm war. Es war wirklich nicht flach heute, nur hoch und runter. 25km vor dem Ziel noch ein Hucken. Da habe ich gemerkt, das wird eng, da vorne mir rüberzukommen. Dazu gabs auch noch Stürze, dass man absteigen musste, was zusätzlich Kraft kostet. Ich blieb aber im Feld, in der Abfahrt konnte ich keine Positionen gutmachen und dann so an 100. Position in den letzten Berg 8km vor Schluss. Ich hab schon gesehen, dass vorne attackiert wurde. Das wars dann, so kurz vor dem Ziel komme ich jetzt nicht mehr vorne ins Feld, um sprinten zu können. Aber den meisten Sprinterkollegen ist da der Motor geplatzt. Hushovd war schon weg, Haedo fuhr neben mir. Da schaltet man dann um, denkt schon an die Etappe morgen und spart Körner dafür.

Nach dem Rennen nochmal 180km-Transfer nach Cagliari. Gegen 20 Uhr im Hotel angekommen - wenigstens ein schönes Hotel (Holiday Inn) mit all den kleinen Dingen, die eine Hotelübernachtung angenehmer machen. Massage, Essen, Nachruhe - Rundfahrt-Alltag. Morgen heißt es, neues Spiel, neues Glück.



1.Etappe/Teamzeitfahren
Erster virtueller Giro-Leader!

SANTA TERESA GALLURA, 12.05.07 - Gerolsteiner hat heute das Teamzeitfahren zum Giro-Auftakt eröffnet - und ich war erster virtueller Leader der Rundfahrt... Ich fuhr zufällig als Erster von uns über die Ziellinie, nachdem sich Davide (Rebellin) in der letzten Kurve ein bisschen versteuert hat. Es war ein ganz schöner Tag heute, ich habe mich gut gefühlt, hatte keine Probleme im Zeitfahren, das ja nicht gerade meine Spezialität ist.

Heute früh gings um 11 Uhr Richtung Start. An der Fähre totales Chaos - die ganze Werbekarawane vor uns. Aber die Wartezeit verflog nur so: Da gibts nur verrückte Typen und die Mädchen sind auch ganz ansehnlich. Dazu Musik von den Autos von zwei Radiosendern - Party war angesagt!

Dann ein bisschen die Strecke angeschaut. Ging doch ganz schön hoch und runter, aber wir blieben bei den Zeitfahrmaschinen. Wunderschöne Landschaft, herrliche Buchten, das war sicher Werbung für Sardinien im Fernsehen. Allerdings für ein Teamzeitfahren auch nicht ganz ungefährlich, die kurvige Strecke.

Um 15:30 Uhr gings los. Nach so acht Kilometern lässt Volker (Ordowski) reißen. Dem gings auch heute wieder schlecht. Beim Teamzeitfahren ist es aber nicht so schlimm, da kann man früh gehen lassen, wenns einem dreckig geht, und relativ ruhig ins Ziel rollen. 15km vor dem Ziel ließ Rebellin mal etwas länger das Gas stehen und Kraussi, Thomas (Fothen) und Gatto mussten sich verabschieden. Ich schaue mich so um - ups, ich bin jetzt fünfter Mann, nach dem fünften Mann wird die Zeit genommen. Also: Ich muss jetzt durch, egal wie...


Foto: Roth
Nun ja, der erste Hügel ging ganz gut. Ich habe ein, zwei Führungen ausgelassen, aber ich hatte keine Probleme. Den zweiten Hügel ist Rebellin von vorne gefahren, ich musste ein bisschen reißen lassen, aber nicht weit und ich war bald wieder ran. Die Abfahrt war saugefährlich. Tim (Klinger) hat es in einer Kurve erwischt, er hatte aber Glück, die Absperrung hat ihn irgendwie wieder auf die Straße zurückkatapultiert und er konnte gleich weiter fahren. Die letzten 1000 zügig. Ich denke vor der letzten Kurve noch, da geht Davide aber schnell rein. Er hat sich was versteuert, sodass ich dann letztlich als erster über die Ziellinie fuhr. Unser Resultat geht in Ordnung: 13. - Mittelfeld, T-Mobile hinter uns, die Abstände sind nicht groß, alles im grünen Bereich. Wir haben ja ohnehin keinen mit großen Ambitionen im Gesamtklassement. Davide denkt an Etappen.

Morgen die erste Flachetappe. Mal schauen, ob es zum Massensprint kommt, das Finale sieht gar nicht so leicht aus und der Wind und die kleinen Sträßchen könnten für Ausreißer sprechen. Ich würde natürlich gerne sprinten. Drückt mir die Daumen...!



Vor dem Start
Sterile Militärparade

SANTA TERESA GALLURA, 11.05.07 - Heute die letzten Vorbereitungen und die Teampräsentation auf einem Flugzeugträger. Letzteres war eher enttäuschend.

Heute früh zeitig aufgestanden. Meinem Zimmergenossen Volker (Ordowski) geht es nicht so gut. Er hat irgendwas gegessen, was ihm nicht bekommen ist und er quält sich mit Magenproblemen. Das ist natürlich nicht schön, wenn man so in eine große Rundfahrt startet. Nach dem Frühstück ist das Gros der Mannschaft zwei Stunden locker trainieren gefahren. Sven Krauß und ich haben uns für Motortraining entschieden. Eine Stunde hinter dem Auto. In Intervallen den Motor richtig vorgeglüht, ein paar richtig schnelle Einheiten. Ich habe mich ganz gut gefühlt. Ich brauche so eine Vorbelastung vor einer Rundfahrt.


Foto: Roth
Nachmittags gings dann zur Teampräsentation. Das war so eine typisch italienische Kiste - keiner weiß was, alles leicht chaotisch. In Booten gings in den Marinehafen. Fotografierverbot und an jeder Ecke stand einer, damit wir nicht am Ende noch was ausspionieren... Dann auf den Flugzeugträger. Wir waren davon enttäuscht. Man stellt sich so'n amerikanisches Riesending vor, dagegen war das Schiff "klein", obwohl das bei 170m Länge ein bisschen untertrieben ist. Unten auf dem Deck, auf dem die Flugzeuge stehen (heute waren da nur zwei oder drei) haben wir uns umgezogen. Mit der Riesenhebebühne für die Jets dann auf die Start- und Landebahn, wo die Präsentation stattfand. Dort war die Besatzung angetreten und wir durften vor denen paradieren. "Gerolsteiner, Rebellin...", hörte ich über einen krächzenden Lautsprecher. Nach 10 Sekunden waren wir abgefertigt.

Die einhellige Meinung der Kollegen war: das war eher nix... Militärs und geladene Gäste - von echten Fans war da keine Spur. Ich finde, solche Teampräsentationen haben doch eigntlich nur den Sinn, dass die Fans ihre Stars mal in Ruhe aus der Nähe erleben können. Sonst bei der Rundfahrt ist doch gar keine Zeit. Bei dem Girostart vor ein paar Jahren in Kalabrien, bei dem es diesen nächtlichen 1000m-Meter-Prolog gab, da haben sie eine wirklich stimmungsvolle Teamvorstellung gemacht mit schön viel Trubel. Das genaue Gegenteil zu dieser sterilen Veranstaltung heute.

Morgen gehts los mit dem Mannschaftszeitfahren. Wir starten um 15:30 Uhr als erste - das ist gut, weil die Fähre um 14 Uhr geht und wir damit nicht lange Zeit totschlagen müssen. Außerdem ist uns eine Bestzeit sicher. Wir werden den ersten "virtuellen Leader" des Giro stellen! Wir fahren mit Zeitfahrmaschinen, Scheibe hinten, wenn der Wind nicht doch noch auffrischt. Wir haben keinen Fahrer mit großen Gesamtklassement-Ambitionen, daher stehen wir nicht unter Druck. Wir wollen gut in die Rundfahrt reinkommen, keine Stürze. Ein ordentliches Resultat soll es aber schon sein.


Vor dem Start
Hallo aus Sardinien!

SANTA TERESA GALLURA, 10.05.07 - Buona sera! Der Giro steht vor der Tür und damit wird es natürlich auch wieder Zeit für mein Tagebuch, das ja inzwischen schon eine richtige Tradition geworden ist. Zum fünften Mal machen meine Freunde von RADSPORT-NEWS.COM und ich das nun schon. Wie die Zeit vergeht...

Giro-Feeling ist bei mir bisher noch keins aufgekommen, aber ich glaube, das habe ich bisher bei allen Tagebüchern vor dem Start festgehalten. Ist halt immer so. Gestern (Mittwoch) früh bin ich zeitig um 7 Uhr mit Easyjet ab Berlin nach Sardinien geflogen, da war die Nacht früh rum. Beim Anflug schaukelte es ganz schön. "So'n starker Wind weht in Sardinien meistens", sagt ein Mitpassagier. Und beim Autotransfer vom Flughafen zum Hotel konnte ich einen Schnellkurs in der Geografie Sardiniens genießen: Flach ist es hier nirgendwo. Für einen Sprinter wie mich schon mal schlecht...

Unser Hotel liegt hier landschaftlich herrlich, ist aber ansonsten nicht berauschend. 500 Zimmer, alle mit Meerblick, terassenförmig. Eine Riesen-Urlauberkaserne. Wir sind hier elf Mannschaften, aber man sieht kaum einen, weil sich das alles verläuft. Die haben gerade erst gestern nach der Winterpause wieder aufgemacht. Nach dem ersten Blick ins Zimmer gleich die Ernüchterung: Kein Fernseher, kein Internet, nicht mal Handyempfang. Essen ist, naja, okay. In Italien erwartet man aber immer mehr als "nicht schlecht". Und hier sind wir nun bis Sonntag.

Gestern Nachmittag nach der Ankunft sind mein Teamkollege Tim Klinger und ich ein bisschen rausgefahren zum Training. War sehr schön, waren über drei Stunden unterwegs, wir hatten es nicht eilig, ins Hotel zurückzukommen. Heute (Donnerstag) sind Klinger, Sven Krauss und ich nochmal vier Stunden gefahren. Es ist gut gerollt, ich habe mich ganz gut gefühlt. Danach war es ein sehr ruhiger Tag. Ich habe meine Regentasche geordnet - daran lässt sich ermessen, wie spannend das "Unterhaltungsangebot" hier ist... Selbst der Bus ist so weit weg geparkt, dass es keinen Spaß macht, dorthin zum Fernseh schauen zu gehen.

Über die Strecke des Mannschaftszeitfahrens vom Samstag hört man nichts gutes. Einige Teams haben die bereits abgefahren und es soll nur hoch und runter gehen, enge Sträßchen. Einige überlegen sogar schon, ob es überhaupt sinnvoll ist, mit einer Zeitfahrmaschine zu fahren. Nun ja, mal schauen. Morgen kommt erst mal die Teampräsentation - wie ich gerade gehört habe auf einem Flugzeugträger! Das ist doch mal was neues. Also, bis morgen.


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28.05.06 Frösis Girotagebuch 2006




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