11.Etappe
Arrivederci...
RIVALTA DI TORINO 23.05.07 -
Hallo, dies ist heute
leider meine letzte Tagebucheintragung.
Wie viele Sprinterkollegen auch
steige ich vor den Alpen
aus. Rein körperlich
wäre es schon okay, sich über die hohen Berge zu quälen,
das habe ich ja
bei meinen bisherigen Girostarts
auch immer getan.
Aber vom Kopf her ist es eine
große Belastung, jeden Tag zu kämpfen.
Da ist man danach auch "mental",
wie man als Sportler so schön sagt,
wirklich platt. Ich möchte
mir allerdings noch ein bisschen
eine Frische bewahren, die Saison ist noch lang.
Es tut mir leid, dass das Tagebuch
diesmal etwas kürzer war -
aber es könnte ja sein,
dass wir im Sommer demnächst noch eins machen.
Dann gleicht sich das wieder aus...
In die Etappe heute gingen wir sehr ambitioniert -
die letzte Chance für Sprinter.
Auch Kraußi und Fothen hochmotiviert.
Wir dachten, das beginnt
sicher schnell, aber
das Gegenteil war der Fall.
Komplett piano wurde gefahren.
Es war heiß - bis zu 39 Grad -
und alle wollten sich erholen.
Erstaunlicherweise keine einzige Attacke.
Am ersten Berg war
eine Prämienwertung.
Vier Franzosen sind rausgefahren und
blieben eine Weile vorne.
Aber dann kam einer nach dem anderen zurück.
Der vierte wollte erst auch nicht,
ist dann aber doch gefahren.
Der Rückstand im Feld schwankte
wild zwischen 2 und 7 Minuten hin und
her. Heute wollte niemand richtig fahren.

Foto: Roth
|
Irgendwann unterwegs hat Commesso
an einer Bar gestoppt und hat sich
einen Kaffee und ein Eis bestellt.
"Ich hole Euch eh wieder ein!", ruft er
und lässt sichs gut gehen.
Großes Gelächter im Feld.
Betreuer im Begleitauto besorgten
an einer Tankstelle Magnum-Eis und
haben es verteilt.
Mir kam das wie die Mailand-Etappe vor.
Bis KM 180 habe ich keinen einzigen schnellen Tritt
gemacht, was ich im Finale dann gemerkt habe.
So ein Rhythmus-Wechsel ist
unangenehm. Dann beganns auch noch zu regnen.
Nun ja, aber ich hatte trotzdem gute Beine.
Kraußi und Föthchen haben super gearbeitet.
In die letzte Kurve fuhr
ich blind hinter Bettini mit
70km/h - volles Risiko.
Ich nehme Bettinis Hinterrad,
der hat sich an Petacchi orientiert.
Dann zieht Bettini etwas rüber und
ich hänge an der Bande.
Toll, das hatten wir doch schon mal, denke ich.
Ich ziehe durch, werde wieder Neunter.
Den großen Sturz habe
ich gar nicht mitbekommen.
Nun ja, heute hats nicht geklappt, aber
ich kann mit meinem Giro zufrieden sein.
Ein Sieg, ein zweiter Platz,
zwei Mal eingeklemmt, das geht in Ordnung.
Ich bin jetzt müde. Die Hitze
der letzten Tage war enorm kräftezehrend.
Ich freue mich auf Zuhause, ich
werde eine Woche ein bisschen
rausnehmen, die Akkus aufladen.
Dann geht auch schon das Training los.
Bis zum nächsten Mal!
10.Etappe
Männerrennen
BOLZANETO, 22.05.07 -
Nach der Bummeletappe gestern wollten
heute wohl einige die Zeit wieder
aufholen. Wir haben schon
gewitzelt: Das war heute
schon auf dem ersten Kilometer
schneller, als gestern im Finale.
Bei KM 0 gings gleich los.
Die ersten 50km waren flach,
da wars hektisch, weil schier jeder
eine Gruppe erwischen wollte.
Ich fuhr am Anschlag, es ist höllisch heiß und
kurz vor dem ersten Berg habe ich auch noch Defekt,
eine Speiche ist gerissen.
Alles flog auseinander und
ich war froh, da in das 100-Mann-Grupetto
wieder reinzukommen.
Zügig die Abfahrt runter,
am nächsten Berg haben wir das "Feld",
also die Favoritengruppe, wieder gesehen.
Heute war ich nur beschäftigt damit,
Getränke zu bekommen. Nach 5 Minuten
war der Inhalt einer Flasche schon wieder
rausgeschwitzt.
Von uns hat es Klinger und
Kraußi ziemlich aufgestellt.
Die sind früh fliegen gegangen und
haben wirklich heute gelitten, die Armen.
Zwischen den beiden Verpflegungspunkten
hatte ich schon wieder einen Defekt.
Habe mich wieder rangekämpft,
dann wurde ich wieder abgehängt.
Wieder ran, wieder abgehängt.
So ging das ohne Ende.
Was machen? Soll ich gehen lassen und
versuchen, mit einer abgehängten Gruppe
im Limit reinzufahren?
Aber der Tacho sagt: Es sind noch immer
80km bis ins Ziel...
Also habe ich auf die Zähne gebissen.
Das sind so die Rennsituationen,
an denen man als Rennfahrer wächst,
in denen man an Härte gewinnt.
Im Ohr hatte ich die ganze Zeit
den Spruch unseres
italienischen Arztes,
der mit seinem schönen Akzent immer sagt:
"Nuur eine gaanze kleine Bärge, nur kleine, kleine Bärge..."
Das ging mir nicht aus dem Kopf und
irgendwie fand ich die ganze Situation unheimlich lustig.
Am Fuß des vorletzten Bergs, inzwischen sind wir bei KM 220,
ruft einer zaghaft "grupetto".
Wie auf ein Kommando nehmen
30 Mann die Beine hoch.
Alle waren am Limit, alle platt.
Sowas habe ich selten erlebt.
Aber ein 250km langes Rennen mit 4000 Höhenmetern bei
Temperaturen wie bei der Vuelta
fordert eben Tribut.
Am letzten Berg standen
unheimlich viele Zuschauer
so wie auch schon kurz zuvor in Genua.
Schön, hatte ich gar nicht erwartet.
"Gemütlich" fuhren wir ins Ziel,
wobei man das eigentlich nicht "gemütlich"
nennen kann. Mit 10, 11 km/h
quälen wir uns da hoch.
Mehr geht nicht und weniger
auch nicht, weil man dann umfällt...
Rechtzeitig im Limit kamen wir
alle ins Ziel, auch Kraußi und
Klinger haben es geschafft.
Im Ziel wird das Grupetto normalerweise
erstmal weitergeleitet, aber
heute blieben alle nach der Ziellinie
stehen. Kaputt... Wasser über den Kopf, durchatmen.
Später dann durchs Gewusel der
Zuschauer wieder den Berg runter.
Das war heute wirklich ein echtes Männerrennen.
Ich bin aber ganz zufrieden
mit meinem Tag. Ich habe mächtig
kämpfen müssen, aber
im Vergleich mit den Sprinterkollegen
war ich ganz okay.
Petacchi, Hushovd - da war ich ganz gut dabei.
Ich glaube, ich habe noch ein paar Körner
für morgen übrig.
Letzte Chance für uns vor den Alpen!
Drückt mir die Daumen.
9.Etappe
Friedensetappe
MARINA DI PIETRASANTA, 21.05.07 -
Das war heute mal eine Friedensetappe,
es wurde bis im Finale ruhig gefahren.
Alle hatten wohl noch die Etappe von gestern
in den Beinen. Ein ARD-Reporter
fragte mich nach dem Rennen, wie es denn
sein könne, dass es eine solche Bummeletappe gibt.
Aber es wird soviel von Doping gesprochen -
da kann man dem Feld dann doch auch mal so eine
Etappe zugestehen.
Und das Sprintfinale war ja dann doch
wieder sehr spannend.
Die ersten 70km gings berghoch,
was war ich froh, dass da nicht schnell gefahren wurde.
Aber es ging wohl allen so, dass sie
noch platt von gestern waren.
Es war mächtig heiß und
es war ohnehin klar, dass heute
Petacchi so nahe an seinem Zuhause
für ein Sprintfinale sorgen würde.
Bis 15km vor dem Ziel
ging es eher gemächlich.
Hin und wieder sind ein paar Italiener rausgefahren,
um Freunde oder Familie zu begrüßen.
Die stoppen dann, quatschen ein bisschen und bekommen
Eis gereicht. Leider hab ich keines bekommen.
Das Finale war dann hektisch.
Nach der langsamen Fahrt sind meine Beine
nicht richtig aufgegangen, ganz
fest. Das ist schwer zu beschreiben.
Die Anfahrt war gefährlich.
Da gings 5km vor Schluss auf
einer breiten Straße am Meer entlang,
wo ab und zu Autos geparkt haben.
Das ist bei 60km/h mordsgefährlich.
Napolitano hat Furlan einmal
die Tür zugemacht. Da hat 1 Zentimeter
gefehlt, da hätte es Furlan
böse erwischt, der wäre nicht mehr aufgestanden.
Napolitano kennt da nichts in solchen Situationen.
Der fährt bis aufs Messer.
Hart sprinten ist eine Sache -
aber es gibt da eine Grenze,
die er schon mal überschreitet.
Der Sprint war chaotisch.
Milram hat keinen richtigen Zug hingekriegt.
Bei 800 Meter nehme ich Kraussis Hinterrad,
bei 500 ist er ein bisschen eingebaut und
ich muss rausnehmen.
Von 20. Position oder so sprinte
ich noch auf Platz 9.
Naja. Wenn man gewinnen will,
muss alles passen. Das war bei mir heute nicht
der Fall. Aber wenns so leicht wäre,
dann wäre ein Sieg ja auch nichts besonderes...
8.Etappe
Schnell und heiß
REGGIO NELL'EMILIA, 20.05.07 -
Das war so eine Etappe, wenn man da
aufs Ergebnis schaut, da denkt man,
na, das ging ja, die sind im Feld hinter
den Ausreißern reingerollt. Aber
so war das nicht.
Das Ding hat einem ganz schön den Zahn gezogen.
Vor allem die Hitze kostet
enorm Körner. Es war 30 Grad warm, aber
es hat sich wie 50 angefühlt.
Nach dem Start gings erst mal ruhig los -
viele riefen: "Piano, piano!"
Aber das ging natürlich wie zu erwarten nicht lange gut
und es hieß: Feuer frei.
Irgendwann an einem der ersten Anstiege
sehe ich, wie mir die ersten Sprinter entgegenkommen
- Petacchi, Napolitano. Aber denen
traue ich nicht, nachher geben sie Gas und ich hänge da hinten.
Ich habe mich an Hushovd orientiert,
der ist am Berg meine Liga.
Wir kamen ganz gut drüber und
in der Abfahrt waren wir wieder im Feld.
Nachdem diese 20-Gruppe stand, hat T-Mobile
sofort das Feld kontrolliert und Tempo gemacht.
Es war kein Vergnügen.
Die ersten 100km gab es 2800 Höhenmeter,
35 Grad. Es war echt eine Qual.
Fothen hat am Berg immer ein bisschen nach mir geschaut.
Bei mir gingen irgendwann die Lichter aus.
Mit Cola und Gel habe ich mich irgendwie gerettet.
Ab dem letzten Berg habe ich mit einem Sprint abgeschlossen.
Im Feld hatte sich Saunier vorne mit eingereiht
und zusammen mit T-Mobile haben zehn Mann
Tempo gemacht.
60, 65 km/h fuhren wir.
Selbst wenn sich noch einer von uns
oder Credit Agricole eingereiht hätte, wäre
es auch nicht schneller geworden.
Die Ausreißer waren weg.
Von uns hat es heute Kraussi und Gatto ziemlich zersägt. Ich sah Krauß
ein paar Mal in der Serpentine unter mir.
Der Arme. Robbie McEwen
fuhr heute 194km
in der kleinen Gruppe hinterher.
Auch vorne im Feld war es
anstrengend, aber hinterherzufahren kostet
noch mehr Kraft. Vom Kopf her
ist es auch sehr schwer, wenn man
da ständig gegen die Zeit fährt.
"Reingerollt" sind wir im Peloton
allerdings auch nicht.
Die letzten 100km fuhren wir in unter
2 Stunden. Wir fuhren fast nur Reihe.
Heute abend bin ich ganz schön kaputt.
Jetzt gilt es, den Speicher wieder aufzufüllen.
Massage, viel trinken. Nachher gibt es hoffentlich
was gutes zu essen.
Gut schlafen, dann sind wir morgen hoffentlich wieder
fit.
7.Etappe
"Über Petacchis Sieg nicht geärgert..."
SESTO FIORENTINO, 19.05.07 -
Puh, das war ein langer Tag.
Am Anfang habe ich mich schlecht gefühlt,
dann wieder gut und ich hatte mich schon auf
den Sprint gefreut - doch
dann kam die Aktion von Quick Step an dem Berg.
Klar, taktisch clever, dass Bettini versucht,
die Sprinter abzuhängen.
Aber ich ärgere mich nicht gerade,
dass es nicht geklappt hat und
Petacchi gewonnen hat...
Start heute 10:30 Uhr - schon um 7:30 Uhr
gabs Frühstück.
Das Rennen begann ruhig,
es plätscherte so dahin.
Bis es eine Showattacke von einem
von Saunier Duval gab.
200 Meter fuhr er weg,
dann wollte er nicht mehr.
Aus dem Feld rufen sie: Los, fahr!
Die wollten, dass sich schnell
eine Gruppe bildet, dass alles
in geordnete Bahnen kommt.
Das war lustig: Vorn wollte der partout nicht weg, das Feld wurde immer langsamer.
Bis sich ein Franzose wohl dachte, na gut,
wenn die alle wollen.
Dann ging noch der unausweichliche Tinkoff-Fahrer mit und
die Gruppe wider Willen stand.
T-Mobile hat ordentlich im Feld
geführt, ein ruhiges Tempo.
Der Wind war ein bisschen nervig,
wir konnten nur in Reihe fahren.
So zog sich das hin, Stunde um Stunde.
Ich bekam auch noch Kopfschmerzen dazu.
Unter den Sprinterteams gab es Einigkeit.
In die Verfolgungsarbeit hat
Milram einen reingeschickt,
Lotto einen, Credit Agricole und wir.
Alles im Plan. Rückstand vier, fünf Minuten,
sogar meine Kopfschmerzen
gingen weg, nach der zweiten Verpflegung habe ich mich richtig
gut gefühlt.

Frösi in Mugello hinter Bettini
Foto: Roth
|
Am Berg sehe ich, wie der von Lotto ausschert,
einer von T-Mobile. Was ist los?
Oh, oh. Sechs Mann von Quick Step
blasen voll in den Berg rein.
Bettini will uns abhängen,
was ihm auch gelungen ist.
Napolitano, Hushovd und ich sind
hinten ins Taumeln geraten.
200km fuhren wir mit 40km/h so dahin
und dann plötzlich Vollgas am Berg.
Das tut weh.
Wir haben versucht, den Rückstand wieder
aufzuholen.
35km fuhren wir hinterher Anschlag,
eine 20, 30-Mann-Gruppe, aber
die Quick Steps darin oder der von Lotto
hüteten sich natürlich, Tempo zu machen.
Drei, vier von Credit Agricole
warn glücklicherweise dabei und
ich hatte mit Fothen, Gatto und
Krauss auch noch drei Mann
dabei. Wir fuhren wirklich Limit.
Ich fürchtete schon, das wird nix,
aber 15km vor Schluss waren wir wieder vorne.
Es ging mir auch überraschenderweise noch gut
und ich konnte mich bis km 5
noch ein bisschen erholen.
Ins Finale ging ich mit ganz guten Beinen.
Es wurde hektisch, ich hing ziemlich weit hinten.
Nach 250km in den Beinen ist
das alles nicht mehr so wie nach 200km.
Auch vom Kopf her wird es jetzt schwer,
sich nochmal für den Sprint zusammenzureißen.
Von 1500 Meter bis 700 Meter
hat sich Fothen nochmal voll geopfert, hat alles gegeben und
mich vor gefahren. Dann war
er leer und geht raus. Vor mit ein 50m-Loch.
Dann war ich auch noch auf der falschen Seite,
keine Lücke, kein richtiges Hinterrad.
Ich hänge voll in der Luft.
Bei 300 Metern wusste ich,
das wird nix heute.
Als Zehnter oder Elfter bin ich über die Ziellinie gerollt
Ich war schon enttäuscht.
Aber wenigstens hat ein echter Sprinter gewonnen...
Fans fragen Frösi
Ingo aus Aachen fragt: Lese heute von "ausgerufener Pinkelpause" (Bettini,
Di Luca). Kann die jeder ausrufen oder braucht man
dafür einen gewissen Stand?
Frösi: Ja, das müssen schon zwei, drei große Fahrer ausrufen.
Wenn irgendeiner von Euskaltel Pause ansagt, wird wohl keiner
drauf hören und der wird ziemlich einsam am Straßenrand stehen. Selbst die Stars werden mitunter
ignoriert. Kann etwa sein, dass Di Luca was ausruft und
die Franzosen kümmert das überhaupt nicht.
Allgemein gilt aber: Wenn der Gelbe (oder hier: Rosane)
zum Pinkeln stoppt, wird nicht angegriffen.
Wers dennoch tut, macht sich unbeliebt.
Christoph aus Berlin fragt:
Trainierst Du eigentlich speziell den Sprint?
Frösi: Was man trainiert, ist
die Endschnelligkeit, den Antritt.
Mit Intervalltaining, Motortraining.
Das Feeling für einen Massensprint,
das Gefühl für das Timing,
die Lücke, all das kann man aber nur
in der Praxis im Rennen gewinnen,
das kann man nicht trainieren.
6.Etappe
Gratulation der Großen
TREVI, 18.05.07 -
Das war heute der Anti-Klimax -
für mich ein ziemlich unspektakulärer Tag nach den
(angenehmen) Aufregungen gestern.
Unterwegs haben mir viele, viele Kollegen gratuliert,
darunter alle Großen.
Bettini, Savoldelli, Di Luca, alle, und
wenns nur ein kleiner Klapps im Vorbeifahren war: "Complimenti!"
Schon ein schönes Gefühl.
Im Rennen kam ich allerdings zunächst schnell
wieder auf dem Boden der Realität an,
als ich nach 300 Metern, als sie
voll losgebolzt sind, gleich in
den Seilen hing. Jetzt geht
das wieder los, denke ich.
Aber es war letztlich schon okay, totgefahren habe ich mich
heute nicht.
Am Anfang war es super-hektisch.
Es war uns aber klar, dass es heute sehr schwer wird,
alle wollten die richtige Gruppe erwischen und
es dauerte ewig, bis die Gruppe stand,
die man dann fahren ließ. Bei KM0
wurde nochmal gestoppt zur Pinkelpause,
dann hieß es: auf die Plätze - fertig - los.
Die nächsten 50km sind wir auf Reihe gefahren
und es ging echt Anschlag. Ich habe nur gebetet,
dass es irgendwann mal aufhört.
zwischendurch hatten mal Bettini und Di Luca
die Schnauze voll und sie haben Pinkelpause
ausgerufen. Aber danach gings
wieder voll weiter.
Bis endlich nach 60km die Gruppe stand.
Gott sei Dank vor dem großen Berg.
Ab da hat Liquigas hinter den Ausreißern ruhig kontrolliert,
es ging regulare den Anstieg hoch,
recht angenehmes Tempo. Di Luca hat
früh angedeutet, dass sie nicht das Trikot
verteidigen wollen und das Loch nicht zufahren
werden. Für uns prima.
30km vor Schluss am letzten Berg
habe ich es erst noch probiert, mit dem Feld
drüberzufahren, aber Sprinterkollegen
haben schon reißen lassen.
Irgendwann ruft Kraussi: "Komm, Frösi,
lassen wir gehen."
In einer Gruppe u.a. mit
Hushovd und Furlan sind wir dann reingerollt.
Wie gesagt, ein unspektakulärer Tag.
Morgen wäre es schön, wenn
es wieder einen Sprint geben würde.
Wir müssen uns da aber noch
was überlegen, denn es hieß heute schon,
dass Gerolsteiner mitfahren muss,
wenn wir einen Sprint wollen.
(Das hat man davon, wenn man mal gewinnt...)
Aber das mit dem Tempomachen ist
sone Sache: Unsere Bergfahrer
wie Rebellin und Zaugg haben selbst noch was vor.
Kraussi und Fothen brauche ich im Finale.
Da sind nicht mehr viele übrig,
die für die Tempoarbeit in Frage kommen.
Vielleicht fällt uns
ja noch eine taktische Variante ein,
die uns aus der Verantwortung nimmt...
5.Etappe
"...und da hatte ich im Gefühl, das wird Dein Tag"
ROM, 17.05.07 - Wow... Ich habe
gewonnen. Den Sprint habe ich irgendwie
gar nicht mitbekommen, würde ich gerne nochmal im
TV anschauen. Im Ziel kam mir
gleich unser Betreuer Slawo
mit dem Rucksack entgegen.
Ich hatte sofort das Bild von Mailand
vor mir. Es ist einfach geil,
zu sehen, wie er sich mit freut.
Ich habe noch kurz auf
Kraussi (Sven Krauss) und Tom (Fothen)
gewartet. Ohne deren Hilfe hätte ich
gar nicht gewonnen.
Sie sind mir um den Hals gefallen.
Ich weiß, die freuen sich
fast noch mehr als ich selbst.
Ich bin so froh, dass
ich ihnen etwas zurückgeben kann.
Die Jungs reißen sich wirklich den Arsch auf für Dich und
wenn man dann nicht gewinnt, kommt man sich manchmal
vor, als hätte man das ganze Team enttäuscht.
Um so schöner, wenn man das Vertrauen rechtfertigen kann.

Foto: Roth
|
Im Ziel wurde es dann gleich hektisch.
Einer vom Fernsehen hat mich abgefangen,
ich wurde zur Siegerehrung geschleppt.
Ratzfatz stand ich auf der Bühne
und schüttele den Sekt.
Die hübschen Mädels nimmt man gar nicht
wahr. Ich stehe noch voll unter
Strom, reichlich Adrenalin im Blut.
Erst in der Dopingkontrolle
komme ich ein bisschen zur Ruhe und
begreife langsam, dass
ich zum zweiten Mal eine Giro-Etappe gewonnen habe.
Am Start heute war ich nervös, aber
nicht so sehr wie bei der Etappe nach Cagliari, wo ich Zweiter war.
Ich war mir heute morgen
zunächst noch nicht so sicher, ob
es überhaupt einen Sprint gibt.
Das Rennen begann schnell,
nach 20km fuhren unsere
altbekannten Freunde - einer von Tinkoff plus ein Franzose -
davon. Mir wars zunächst eher langweilig.
Viel gequatscht mit Kollegen.
Milram hat das Rennen kontrolliert
und das Loch zugefahren.
Unser Sportlicher Leiter Christian
Henn gibt irgendwann
per Funk durch,
dass es die letzten 5km runter geht und
die Zielanfahrt nicht so steil ist, wie
wir befürchteten. Unsere Betreuer, die voraus fahren,
haben das durchgegeben.
Da dachte ich dann, dass es vielleicht doch mit einem Sprint
klappen kann.
Am letzten Berg gings mir super.
Neben mir sehe ich, wie einige
wackeln, ich hatte gar keine Probleme.
Und da hatte ich dann sofort im Gefühl:
Jawoll, das wird Dein Tag.
Die letzten 15km haben Kraussi und Tom
einen Superjob gemacht,
haben mich aus dem Wind gehalten.
Wir waren immer vorne.
Dann bergab Harakiri.
Brutal reinhalten,
nicht nachdenken. Ich weiß nicht, wie oft
ich mich mit Napolitano behakt habe und
wir aneinander hingen.
In der Pressekonferenz wollten die Italiener
mir dazu was entlocken, aber
da war gar nichts außergewöhnliches.
Sprinten ist nun mal mitunter ein hartes
Geschäft.
1500 Meter vor Schluss kommt Kraussi
zu mir, ich war zuweit hinten.
Kraussi fuhr mich 800 Meter
weit an der Reihe vorbei nach vorne.
300 Meter vor Schluss eine Rechtskurve,
bei der Napolitano und ich wieder aufeinanderhingen.
Das ist das letzte, an das ich mich richtig
erinnern kann.
Das geht alles so schnell, man
funktioniert einfach ohne nachzudenken.
Nach der Zieldurchfahrt ging alles Schlag auf Schlag.
Richtig genießen werde ich den Sieg
erst nach und nach, nach dem Giro vielleicht.
Aber natürlich ist es auch jetzt schon ein
geiles Gefühl. Und nicht nur für mich. Der Sieg war wichtig fürs
Team, unser Ziel war ein Etappensieg und
das ist geschafft. Jetzt können wir locker
fahren. Der Sieg ist auch für meinen Trainer,
der auch in schlechten Zeiten an meiner
Seite ist, eine Bestätigung.
Meine Familie freut sich und
meine Kumpels, die ihre Zeit opfern, um
mit mir Motortraining zu machen.
Der Sieg ist auch ein bisschen ein Dankeschön an
alle, die immer zu mir halten, auch
wenn's mal nicht läuft.
Gleich ist Schlafenszeit.
Eigentlich müsste man ja gut
schlafen können nach so einem
Tag. Aber das fällt mir schwer,
ich bin einfach noch zu aufgewühlt.
Andererseits: Das sind doch mal "Probleme",
die man gerne in Kauf nimmt...
4.Etappe
Tifosi, Stürze und Grupetto
SAN NICOLA LA STRADA, 16.05.07 -
Heute morgen hatte ich irgendwie
ein schlechtes Gewissen,
weil wir gestern mangels Rädern nicht
trainieren konnten. Also bin
ich vor dem Frühstück runter,
um noch ein bisschen auf der Rolle zu fahren.
Überraschung, als ich die Kellertür aufmache: Die Idee hatten
die anderen acht Teamkollegen auch.
Wir haben uns alle so ne halbe Stunde
locker gefahren, das
tut gut, sonst
werden die Beine schwer.
Am Start viele, viele verrückte Italiener.
Eine ganze Jahresproduktion
an Kappen hätte man heute
loswerden können.
Alle wollen entweder eine Kappe oder
eine Trinkflasche abstauben.
Cappelino, boccetta!,
so gehts den ganzen Tag.
Das ist auch alles soweit
ganz nett. Aber
gerade hier in Süditalien sind
einige doch ein bisschen
zu aufdringlich.
Die schnappen Dir die Kappe vom Kopf weg, wenn Du nicht aufpasst.
In Sizilien haben sie mir mal am Start die
Brille geklaut....

Foto: Roth
|
Die Etappe begann ruhig.
Es ging eine prächtige
Küstenstraße lang,
herrlcihe Landschaft.
Gott sei dank, sind
sie da nicht Radrennen gefahren.
Da hatte es mitunter
nur ein Mäuerchen und dahinter ging es 100 Meter in die Tiefe.
Versteuern sollte man sich da nicht.
Nach 30km setzte sich die Gruppe ab -
natürlich wie immer
einer von Tinkoff und ein Franzose.
Es gab schon Gelächter.
Es blieb auch hinter den Ausreißern gemäßigt.
Nach 75km begann es leicht zu nieseln.
Vereinzelt gab es gleich Stürze,
habe ich aber erst gar nicht so
registriert, woran das lag.
Erst als an einem Anstieg
mein Rad durchdrehte - im Sitzen -
da merkte ich, wie spiegelglatt das war.
Ich denke, das ist nur eine Frage der Zeit,
bis es richtig raschelt.
Brauchte nicht lange warten.
Plötzlich liegt das ganze Feld vor mir am Boden. Bestimmt
100 Mann. Ich habe noch gerade
so einen Sturz vermeiden können,
konnte bremsen - da rauscht von hinten einer
in mich rein. Haben einen
schönen Abdruck von seinem
Kettenblatt an meiner Wade.
Aber ich kam glimpflich davon.
Erst mal gucken, wer von uns
betroffen ist: Rebellin,
Gatto, Zaugg - und
natürlich wieder Klinger.
Der ist heute später nochmal gestürzt.
Jetzt fünf Mal in vier Etappen.
Findet er auch nicht mehr lustig,
der arme Kerl.
Am Schlussanstieg 15km vor Schluss
ging vorne die Post ab, aber
es hat sich gleich unten ein Riesen-Grupetto
formiert. 30 Mann, McEwen dabei,
Gasparotto im Rosa Trikot,
dem gings wohl nicht so gut, der war auch in den Massensturz
verwickelt. Petacchi hat es weiter vorne
versucht, aber wozu? Es gilt doch, jedes
Korn zu sparen für dann, wenn es drauf ankommt.
So sind wir dann relativ gemäßigt
reingefahren.
Oben kurz was drüberziehen,
dann gings durch das Chaos aus
Zuschauern und Arbeitern, die die Bande
abbauen, wieder runter.
Das ist manchmal mordsgefährlich,
aber man denkt gar nicht groß,
weil man nur schnell in den Bus will.
Dann Transfer in unsere romantische Herberge
an der Autobahn (die vermieten Zimmer
auch stundenweise....)
Massage, Essen - um 22 Uhr bin ich
im Zimmer. Zum ersten Mal ein bisschen
Zeit für mich zum relaxen.
Aber bald ist Bettruhe,
morgen gehts weiter.
Ruhe-/Transfertag
"Kaputt vom Nixtun"
BATTIPAGLIA, 15.05.07 -
Das war ein Tag, den keiner brauchte.
Ich bin ganz kaputt vom Nixtun...
Nur rumgegammelt heute,
habe meinen Koffer geordnet, obwohl der
eigentlich nach erst ein paar Tagen
noch ganz ordentlich war.
Heute früh um 8 Uhr
Aufstehen, um 9 Uhr
ging der Bus zum Flughafen Cagliari.
In zwei Fliegern reiste
das Peloton aufs Festland.
Um 11:10 Uhr ist unser Flugzeug in Neapel gelandet.
Mit den Team-Autos abgeholt, durch die "wunderschöne"
Randstadt von Napoli gings
dann in unseren Übernachtungsort Battipaglia.
Um 15 Uhr im Hotel, direkt am Meer.
Im sechsten Stock pfeift
der Wind. Draußen haben die Kite-Segler
viel Spaß.
Unser Training fiel heute leider aus.
Unser Bus und die Team-LKWs
mit dem ganzen Material
sind schon gestern abend per Fähre
von Sardinien aus gestartet.
Jetzt ist es gleich 19 Uhr und
die sind noch immer
nicht da. Eigentlich sollten die
um 13 Uhr in Neapel ankommen, jetzt ist von acht Stunden
Verspätung die Rede.
Fast kein Team
hat seine Räder am Ruhetag,
nur ein paar Teams haben Glück gehabt,
weil deren LKWs die
erste (langsame) Fähre verpasst haben
und auf der zweiten (schnelleren) mitkamen,
die eigentlich für die PKWs vorgesehen war.
Ohne Trainingsfahrt, bei denen
man sich die Beine locker fährt,
wird es morgen lustig, wenn
gleich vom Start weg Vollgas gefahren wird.
Da sind gleich zu Beginn so ein paar
eklige Auf- und Ab-Sträßchen am Meer.
Nun ja, da aber fast alle betroffen waren,
rollt das Peloton vielleicht erstmal
locker zu Beginn.
Mal schauen.
3.Etappe
Ärgern oder freuen?
CAGLIARI, 14.05.07 -
Zweiter Platz.
Gleich nach der
Zieldurchfahrt hat mich ein
Reporter von der ARD abgefangen.
Ist immer schwer, so unmittelbar nach
dem Rennen etwas sinnvolles zu sagen.
Hatte es ja noch gar nicht richtig
verarbeitet.
Auf der Fahrt
zum Bus, der heute so 1, 2 km vor dem Ziel stand,
konnte ich mich ein bisschen sammeln.
Im Bus kamen die Kollegen,
Kraussi, Fötchen, haben
mir gratuliert. Im TV
lief noch die Wiederholung
vom Sprint. Konnte ich mich
gleich nochmal ärgern.
Wenn man sieht, es hätte reichen können!
Wenn ich da hinter Napolitano
nicht hätte rausnehmen müssen!
Naja, aber hätte, wäre, wenn...
Ich bin zufrieden mit Platz 2.
Vorne dabei gewesen zu sein, das
ist das wichtig, das ist gut fürs
Selbstbewusstsein. Schade nur,
dass es beim Giro nicht allzu viele
Sprintetappen gibt.
Vor dem Start war ich mächtig nervös.
Die Kollegen flachsten,
als ich schon ne Stunde
vor dem Start mit Helm und Handschuhen im Bus saß.
Aber ich hatte mir heute viel vorgenommen,
da kann man schon mal nervös sein.
Als es los ging, witzelten wir
schon, ob einer
von Tinkoff oder
ein Franzose zuerst wegfährt -
dann waren es zwei von Tinkoff
und zwei Franzosen...
Hinter der Gruppe ist Liquigas
schnell ohne Taktiererei eingestiegen.

Foto: Roth
|
Im Buch sah die Etappe heute
ganz flach aus, leider haben sie nur vergessen,
die Hügel einzuzeichnen.
Es ging ständig hoch und runter,
Anstiege mit 150 Höhenmetern kamen im offiziellen Profil
gar nicht vor. Dazu war es heiß.
Um 11 Uhr heute früh waren es schon über 30 Grad.
Ich bekam schon leichte
Panik: Mensch, Du wolltest heute sprinten
und sie hängen Dich vorher ab.
Aber es ging dann doch, hab ein bisschen beißen müssen.
15km vor dem Ziel habe ich gemerkt, es rollt,
da geht was. Meine Mannschaft war da,
hat ihren Job optimal gemacht.
Am Schluss waren Föthchen (Thomas Fothen)
und Krauß bei mir. Krauß war wie erwartet
sehr stark, dabei hat
er unterwegs einige Körner gelassen,
als er an an einer unglücklichen Stelle Wasser geholt hat und
10km brauchte, um wieder ins Feld zu kommen.
Finale hektisch.
Kein Team, das alles kontrolliert.
Jedes Team hat 2 Mann vorne, alles etwas chaotisch.
500 Meter vor Schluss geht
Fothen raus, hat seinen Job
super gemacht.
Krauß plötzlich leicht eingeklemmt.
Man darf in so einer Situation dann nicht
hinter seinem Anfahrer bremsen, sondern muss
improvisieren.
Ich bin dann links angetreten.
Das wurde mächtig eng,
aber in dieser
Situation beim Giro
muss man durchziehen,
egal. Leider
musste ich da hinter Napolitano
kurz bisschen rausnehmen, musste
mich wieder setzen. Das hat den Tick Kraft gekostet.
Aber gut, Zweiter hinter
Petacchi ist schon okay.
Morgen ist Transfertag. Heute übernachten wir noch im
Holiday Inn in Cagliari, morgen
früh dann
per Flugzeug aufs Festland, übermorgen
eine Bergankunft.
Schade, ich würde gerade
eigentlich gerne noch ein bisschen Sprinten...
2.Etappe
Morgen ist ein neuer Tag
CAGLIARI, 13.05.07 -
So, der erste von wenigen Sprints bei diesem Giro
liegt hinter uns und
der Frösi war leider nicht dabei...
Aber ich war in guter
Gesellschaft, als ich am Ende
irgendwann umgeschaltet habe von
"alles auf Sieg" auf "Schonen
für morgen". Wer das Ding heute
"Flachetappe" nennt, der sollte
sie erst einmal fahren...
Für die Bergfahrer sind solche Hucken
natürlich kein Problem, aber
für eine Sprintetappe, da
war das schon schwer.
Hut ab vor McEwen,
der war wirklich stark heute.
Heute hat mir die Hitze zu schaffen gemacht.
Das soll jetzt keine Entschuldigung sein,
aber ich fuhr vor einer
Woche bei der Tour de Romandie
bei 10 Grad im Regen und
heute hatte es schon um 10 Uhr hier
30 Grad, viel wärmer
als die letzten Tage.
Zum Start erst mal
ein 60km-Transfer, der sich auf
den Landstraßen ewig hinzog.
Das Rennen begann
ruhig, wie man es beim Giro erwartet.
Schnell stand die Gruppe, Liquigas
hat kontrolliert.
Alles ganz locker - jedenfalls
wenn man gesund ist.
Für Volker (Ordowski) war
das eine Tortur. Er leidet ja schon
seit Tagen an Magenproblemen.
Heute stieg er nach 60km völlig erschöpft vom Rad.
Schade, den Giro hat er sich sicher anders
vorgestellt.
Mir gings heute recht gut eigentlich.
Den ersten Berg kam ich im Feld mit drüber,
obwohl die Hitze schon unangenehm war.
Es war wirklich nicht flach heute, nur hoch und runter.
25km vor dem Ziel noch ein Hucken.
Da habe ich gemerkt, das wird eng,
da vorne mir rüberzukommen.
Dazu gabs auch noch Stürze,
dass man absteigen musste,
was zusätzlich Kraft kostet.
Ich blieb aber im Feld,
in der Abfahrt konnte ich
keine Positionen gutmachen und
dann so an 100. Position
in den letzten Berg 8km vor Schluss. Ich hab schon gesehen,
dass vorne attackiert wurde.
Das wars dann, so kurz vor dem Ziel
komme ich jetzt nicht mehr
vorne ins Feld, um sprinten zu können.
Aber den meisten Sprinterkollegen ist da der Motor geplatzt.
Hushovd war schon weg,
Haedo fuhr neben mir.
Da schaltet man dann um, denkt
schon an die Etappe morgen und spart Körner dafür.
Nach dem Rennen nochmal 180km-Transfer
nach Cagliari. Gegen 20 Uhr im Hotel angekommen -
wenigstens ein schönes Hotel (Holiday Inn)
mit all den kleinen Dingen, die eine Hotelübernachtung
angenehmer machen.
Massage, Essen, Nachruhe -
Rundfahrt-Alltag.
Morgen heißt es, neues
Spiel, neues Glück.
1.Etappe/Teamzeitfahren
Erster virtueller Giro-Leader!
SANTA TERESA GALLURA, 12.05.07 -
Gerolsteiner hat heute das Teamzeitfahren
zum Giro-Auftakt eröffnet - und
ich war erster virtueller
Leader der Rundfahrt...
Ich fuhr zufällig als
Erster von uns über die
Ziellinie, nachdem sich Davide (Rebellin)
in der letzten Kurve ein bisschen versteuert hat.
Es war ein ganz schöner Tag heute,
ich habe mich gut gefühlt, hatte keine
Probleme im Zeitfahren,
das ja nicht gerade meine Spezialität ist.
Heute früh gings um 11 Uhr Richtung
Start. An der Fähre totales Chaos -
die ganze Werbekarawane vor uns.
Aber die Wartezeit
verflog nur so: Da
gibts nur verrückte Typen
und die Mädchen sind auch ganz ansehnlich.
Dazu Musik von den
Autos von zwei Radiosendern -
Party war angesagt!
Dann ein bisschen die Strecke angeschaut.
Ging doch ganz schön hoch und runter,
aber wir blieben bei den Zeitfahrmaschinen.
Wunderschöne Landschaft,
herrliche Buchten, das war sicher Werbung
für Sardinien im Fernsehen.
Allerdings für ein Teamzeitfahren auch nicht ganz ungefährlich,
die kurvige Strecke.
Um 15:30 Uhr gings los. Nach so acht Kilometern
lässt Volker (Ordowski) reißen.
Dem gings auch heute wieder schlecht.
Beim Teamzeitfahren ist es aber
nicht so schlimm, da kann man
früh gehen lassen, wenns einem dreckig geht, und
relativ ruhig ins Ziel rollen.
15km vor dem Ziel ließ Rebellin mal
etwas länger das Gas stehen und
Kraussi, Thomas (Fothen) und
Gatto mussten sich verabschieden.
Ich schaue mich so um -
ups, ich bin jetzt fünfter Mann,
nach dem fünften Mann wird die Zeit genommen.
Also: Ich muss jetzt durch,
egal wie...

Foto: Roth
|
Nun ja, der erste Hügel ging ganz gut.
Ich habe ein, zwei Führungen
ausgelassen, aber ich hatte
keine Probleme.
Den zweiten Hügel ist Rebellin von vorne gefahren,
ich musste ein bisschen reißen lassen,
aber nicht weit und ich war bald wieder ran.
Die Abfahrt war saugefährlich.
Tim (Klinger) hat es in einer Kurve erwischt,
er hatte aber Glück, die Absperrung
hat ihn irgendwie wieder auf die Straße
zurückkatapultiert und er konnte
gleich weiter fahren.
Die letzten 1000 zügig. Ich denke
vor der letzten Kurve noch,
da geht Davide aber schnell rein.
Er hat sich was versteuert,
sodass ich dann letztlich als erster
über die Ziellinie fuhr.
Unser Resultat geht in Ordnung:
13. - Mittelfeld, T-Mobile hinter uns, die Abstände sind
nicht groß, alles im grünen Bereich.
Wir haben ja ohnehin keinen mit
großen Ambitionen im Gesamtklassement.
Davide denkt an Etappen.
Morgen die erste Flachetappe.
Mal schauen, ob es zum Massensprint kommt,
das Finale sieht gar nicht so leicht aus und
der Wind und die kleinen Sträßchen
könnten für Ausreißer sprechen.
Ich würde natürlich gerne
sprinten. Drückt mir die Daumen...!
Vor dem Start
Sterile Militärparade
SANTA TERESA GALLURA, 11.05.07 -
Heute die letzten Vorbereitungen
und die Teampräsentation auf einem Flugzeugträger.
Letzteres war eher enttäuschend.
Heute früh zeitig aufgestanden.
Meinem Zimmergenossen Volker
(Ordowski) geht es nicht so gut.
Er hat irgendwas gegessen, was ihm nicht bekommen ist und
er quält sich mit Magenproblemen.
Das ist natürlich nicht
schön, wenn man so in eine große Rundfahrt startet.
Nach dem Frühstück
ist das Gros der Mannschaft
zwei Stunden locker trainieren gefahren.
Sven Krauß und ich haben uns für Motortraining entschieden.
Eine Stunde hinter dem Auto.
In Intervallen den Motor richtig vorgeglüht,
ein paar richtig schnelle Einheiten.
Ich habe mich ganz gut gefühlt.
Ich brauche so eine Vorbelastung
vor einer Rundfahrt.

Foto: Roth
|
Nachmittags gings dann zur Teampräsentation.
Das war so eine typisch italienische
Kiste - keiner weiß was,
alles leicht chaotisch.
In Booten gings in den
Marinehafen. Fotografierverbot und an
jeder Ecke stand einer, damit
wir nicht am Ende noch was ausspionieren...
Dann auf den Flugzeugträger.
Wir waren davon enttäuscht.
Man stellt sich so'n amerikanisches Riesending
vor, dagegen war das Schiff "klein",
obwohl das bei 170m Länge ein bisschen untertrieben ist.
Unten auf dem Deck, auf dem
die Flugzeuge stehen (heute waren da nur zwei oder drei)
haben wir uns umgezogen.
Mit der Riesenhebebühne
für die Jets dann auf die Start- und Landebahn,
wo die Präsentation stattfand.
Dort war die Besatzung
angetreten und wir durften vor denen
paradieren. "Gerolsteiner, Rebellin...",
hörte ich über einen krächzenden
Lautsprecher. Nach 10 Sekunden
waren wir abgefertigt.
Die einhellige Meinung der Kollegen
war: das war eher nix...
Militärs und geladene Gäste -
von echten Fans war da keine Spur.
Ich finde, solche Teampräsentationen
haben doch eigntlich nur den Sinn, dass
die Fans ihre
Stars mal in Ruhe aus der Nähe erleben
können. Sonst bei der Rundfahrt
ist doch gar keine Zeit.
Bei dem Girostart vor ein paar Jahren in Kalabrien, bei dem es diesen
nächtlichen 1000m-Meter-Prolog gab,
da haben sie eine wirklich stimmungsvolle
Teamvorstellung gemacht mit schön viel Trubel.
Das genaue Gegenteil zu dieser
sterilen Veranstaltung heute.
Morgen gehts los mit dem Mannschaftszeitfahren.
Wir starten um 15:30 Uhr als erste -
das ist gut, weil die Fähre
um 14 Uhr geht und wir damit nicht
lange Zeit totschlagen müssen.
Außerdem ist uns eine Bestzeit
sicher. Wir werden den ersten "virtuellen
Leader" des Giro stellen!
Wir fahren mit Zeitfahrmaschinen,
Scheibe hinten, wenn der Wind nicht
doch noch auffrischt.
Wir haben keinen Fahrer mit
großen Gesamtklassement-Ambitionen,
daher stehen wir nicht unter Druck.
Wir wollen gut in die Rundfahrt reinkommen, keine
Stürze. Ein ordentliches Resultat
soll es aber schon sein.
Vor dem Start
Hallo aus Sardinien!
SANTA TERESA GALLURA, 10.05.07 -
Buona sera! Der Giro steht vor der Tür und
damit wird es natürlich auch wieder Zeit für
mein Tagebuch, das ja inzwischen
schon eine richtige Tradition geworden ist.
Zum fünften Mal machen meine Freunde von RADSPORT-NEWS.COM und ich das nun schon.
Wie die Zeit vergeht...
Giro-Feeling ist bei mir bisher noch keins aufgekommen,
aber ich glaube, das habe ich
bisher bei allen Tagebüchern
vor dem Start festgehalten.
Ist halt immer so.
Gestern (Mittwoch) früh
bin ich zeitig um 7 Uhr
mit Easyjet ab Berlin
nach Sardinien geflogen, da
war die Nacht früh rum.
Beim Anflug schaukelte es ganz schön.
"So'n starker Wind weht in Sardinien
meistens", sagt ein Mitpassagier.
Und beim Autotransfer
vom Flughafen zum Hotel konnte ich einen Schnellkurs in
der Geografie Sardiniens genießen:
Flach ist es hier nirgendwo.
Für einen Sprinter wie mich schon
mal schlecht...
Unser Hotel liegt hier landschaftlich herrlich,
ist aber ansonsten nicht berauschend.
500 Zimmer, alle mit
Meerblick, terassenförmig.
Eine Riesen-Urlauberkaserne.
Wir sind hier elf Mannschaften,
aber man sieht kaum einen,
weil sich das alles verläuft.
Die haben gerade erst gestern
nach der Winterpause wieder aufgemacht.
Nach dem ersten Blick ins Zimmer
gleich die Ernüchterung: Kein
Fernseher, kein Internet,
nicht mal Handyempfang.
Essen ist, naja, okay.
In Italien erwartet man aber immer
mehr als "nicht schlecht".
Und hier sind wir nun
bis Sonntag.
Gestern Nachmittag nach der Ankunft sind
mein Teamkollege Tim Klinger
und ich ein bisschen rausgefahren zum Training.
War sehr schön, waren über
drei Stunden unterwegs,
wir hatten es nicht eilig, ins Hotel
zurückzukommen.
Heute (Donnerstag) sind
Klinger, Sven Krauss und ich
nochmal vier Stunden gefahren.
Es ist gut gerollt, ich habe mich ganz
gut gefühlt.
Danach war
es ein sehr ruhiger Tag.
Ich habe meine Regentasche geordnet -
daran lässt sich ermessen,
wie spannend das "Unterhaltungsangebot"
hier ist...
Selbst der Bus ist so weit
weg geparkt, dass
es keinen Spaß macht,
dorthin zum Fernseh schauen
zu gehen.
Über die Strecke des Mannschaftszeitfahrens
vom Samstag hört man nichts gutes.
Einige Teams haben die bereits abgefahren und
es soll nur hoch und runter gehen, enge Sträßchen.
Einige überlegen sogar schon,
ob es überhaupt sinnvoll ist,
mit einer Zeitfahrmaschine zu fahren.
Nun ja, mal schauen.
Morgen kommt erst mal die Teampräsentation -
wie ich gerade gehört habe auf einem
Flugzeugträger! Das ist doch mal was neues.
Also, bis morgen.
Druckversion
Artikel versenden
Feedback
28.05.06 Frösis Girotagebuch 2006