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Lombardei-Rundfahrt vor 60 Jahren
Das Rennen des Campionissimo: Coppis zweiter Streich



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BERLIN, 18.10.07 (rsn) - Bei der Liste der Erfolge des Fausto Coppi ist es eigentlich müßig, ein einzelnes Rennen als „seins" zu bezeichnen. Jede Auswahl erscheint willkürlich, hat Coppi doch den Radsport mehr als ein Jahrzehnt geprägt und unzähligen Rennen seinen Stempel aufgedrückt. Coppi gilt heute als der erste moderne Radprofi, der sich mit Akribie und Fleiß mit der Trainingslehre ebenso auseinandersetzte wie mit Ernährungsfragen und richtiger Regeneration. Dass er dazu seine beeindruckende Leistungsfähigkeit durch Amphetamine steigerte, dürfte unter diesen Voraussetzungen nicht verwundern.

Wir können heute dessen ungeachtet ohne Probleme davon sprechen, dass der „Giro di Lombardia“, wie die Fahrt durch Italiens Norden in der Heimat des „Campionissimo“ heißt, das Rennen des Fausto Coppi ist. Spätestens seit die Büste des finfmaligen Lombardei-Siegers – kein anderer hat hier so oft triumphiert – vor der Kapelle der Madonna di Ghisallo steht, spätestens seit diesem Zeitpunkt ist klar, dass das „Rennen der fallenden Blätter“ und Fausto Coppi eine besondere Beziehung zueinander haben.

Während Coppi im Jahr zuvor zwar gewonnen hatte, aber „nur“ mit 40 Sekunden Vorsprung vor Luigi Casola war seine Titelverteidigung vor genau 60 Jahren vielleicht der eindrucksvollste Sieg Coppis beim Herbstklassiker in der Lombardei. Über fünf Minuten lag er am Ende bei miserablen äußeren Bedingungen vor der Konkurrenz. Der Sieg 1947 war somit ein typisches Beispiel für die Art Coppis, Rennen zu gewinnen. Denn immer wieder griff er an und ward von den Mitstreitern nicht mehr gesehen. Zumindest nicht vor dem gemeinsamen Besteigen des Siegertreppchens.


Bei den Fans unvergessen: "Coppi immer präsent"


Der Anstieg von Ghisallo: Lombardei-Rundfahrt 2002
Fotos: Roth
Im Jahr 1947 war dies Gino Bartali und Italo De Zan vergönnt, während Coppi sein bis dahin erfolgreichstes Jahr (unter anderem gewann er den Giro, Mailand-San Remo und den Grand Prix de Nations) mit dem Sieg bei der Lombardei-Rundfahrt krönte. Schon drei Wochen zuvor hatte er beim Giro dell‘Emilia seine beeindruckende Form am Ende der Straßensaison unter Beweis gestellt: Mehr als zehn Minuten lag er am Ende eines sehr bergigen Rennens vor Konkurrent Bartali. Die Rivalität der beiden großen Italiener prägte schließlich auch die 41. Lombardei-Rundfahrt.

Erste Ausreißversuche machte das Feld nach dem Start in Mailand rasch zunichte, dann rollte es zwar schnell aber ohne größere Höhepunkte vor sich hin. Erst nach der Verpflegungskontrolle bei Kilometer 138 attackierten Fiorenzo Magni und Olimpio Bizzi. Ihre Flucht war nicht von langer Dauer. Fausto Coppi führte ein Verfolgerfeld, löste sich von demselben, ließ den schon abgehängten Bizzi stehen und schloss zu Magni auf. Auch der hielt nicht lange mit. Nicht mal einen Kilometer konnte er das Hinterrad des wie entfesselt fahrenden Campionissimo halten. Später behauptete er, Coppi habe ihm Geld angeboten, falls er ihn gewinnen lasse. Das Geld sei sogar ausgezahlt worden, nur könne er, Magni, sich nicht mehr an die Höhe der Summe erinnern. Eine wahre Episode? Coppi-Biograf Walter Lemke ("Fausto Coppi", Verlag Covadonga) meint, Toskaner reden viel. Magni sei einer von ihnen gewesen.

Der Rennverlauf gibt Lemke recht. Coppi stürmte die Ghisallo-Steigung hinauf, ließ keine Schwäche erkennen und sich nicht einmal von einem Reifendefekt auf halber Höhe aufhalten. Über zwei Minuten vor Bartali und De Zan passierte er die Kapelle der Madonna – die beiden Verfolger hatten bereits den angeblich bestochenen Magni hinter sich gelassen, der zudem noch von zwei weiteren Fahrern (Thiétard und Pagliazzi) überholt wurde. Ein ernstzunehmender Sieganwärter, den ein Fausto Coppi mit Geld besänftigen müsste, sieht sicher anders aus. Vielmehr drückte Coppi weiter aufs Tempo und lag am Ende 5:25 Minuten vor den Verfolgern. Der Sieg des Vorjahrs war wiederholt, noch zwei Jahre sollte es so weitergehen.

Rennen der fallenden Blätter
Genau 100 Mal fand die Lombardei-Rundfahrt seit ihrer ersten Austragung im Jahr 1905 statt, am Sonntag steigt die 101. Ausgabe. Nur zwei Mal musste sie im zweiten Weltkrieg pausieren, ansonsten kämpften im Norden Italiens die Profis um den Sieg bei einem der letzten Rennen der Straßensaison. Der entscheidende Fixpunkt dieses Rennens ist der Anstieg zur Kirche Madonna di Ghisello, in der sich heute ein Radsport-Museum befindet. In den Anfangstagen begann und endete das Rennen in Mailand und wurde auf der „Pista Magica“, der Mailänder Radrennbahn Vigorelli entschieden. Meist aber ist das Rennen am Ziel, das heute in Como liegt, bereits (vor-)entschieden. Solo-Ankünfte gehören zur Geschichte der Lombardeirundfahrt ebenso wie sein Spitzname „Rennen der fallenden Blätter“. Die erste Austragung gewann beispielsweise Giovanni Gerbi. Er lag 40 Minuten vor dem Zweiten. Gerbi war pikanterweise gleichzeitig Organisator des Rennens und deshalb bestens mit den Widrigkeiten der Strecke vertraut. Auch Coppi und viele seiner Vorgänger aber auch seine Nachfolger wie Tony Rominger (1989) erreichten das Ziel allein. Neben Rekordsieger Coppi (1946-1949, 1954) hat sich Alfredo Binda (1925-1927, 1931) vier Mal in die Annalen des Rennens eingeschrieben. Je drei Mal siegten Constante Giradengo und Gino Bartali. Auch wenn früh (1908 der Luxemburger Francois Faber) ein Ausländer gewann, ist das Rennen bis heute vor allem eine italienische Angelegenheit geblieben.
Dabei sah es 1948 gar nicht so aus, dass Coppi der Hattrick gelingen würde. Schließlich war er nach Bestechungsvorwürfen gesperrt. Erst kurz vor der Lombardei-Rundfahrt durfte er wieder starten, nur um sie dann ähnlich zu absolvieren wie 1947. Wiederum attackierte Coppi früh und fuhr am Ende über fünf Minuten auf die Konkurrenz (diesmal bestehend aus Adolfo Leoni und Fritz Schär) heraus. 1949 waren Ferdi Kübler und Logli die Geschlagenen, wobei Coppi diesmal bis zum Ghisallo-Anstieg mit der entscheidenden Attacke warten musste. Erst ein Sturz des ärgsten Verfolgers, Pierre Molinéris (Frankreich) konnte bis fast auf den Gipfel folgen, brachte Coppi den entscheidenden Abstand. Im Ziel waren es dann drei Minuten. Wieder deutlich. Die kommenden Jahre brachten dem erfolgsverwöhnten Campionissimo in der Lombardei empfindliche Niederlagen, erst 1954 triumphierte er erneut, diesmal im langen Spurt einer Zehnergruppe im Vigorelli-Stadion – übrigens vor Magni. Zwei Jahre später verlor Coppi dann im Sprint gegen André Darrigade. Eine bittere und tränenreiche Niederlage. Die Lombardei-Rundfahrt 1956 sollte ein triumphaler Abschluss einer großen Karriere werden. Es wurde nichts daraus.


s.a.: Champions des Jahrhunderts: Fausto Coppi
Bereits drei Jahre später starb Coppi. Er erlag einer falsch behandelten Malaria-Erkrankung. Die Siege seiner Nachfolger, ob von Eddy Merckx, Bernard Hinault, Tony Rominger, Michele Bartoli oder auch Paolo Bettini, erlebte er nicht mehr mit. Aber sie, die alle „nur“ zweimal in der Lombardei triumphierten, konnten den Rekordsieger sehen. Durch seine Büste (neben der Bartalis) vor der Kapelle der Schutzheiligen aller Radsportler ist die Erinnerung an den Campionissimo Coppi für die Ewigkeit mit der Lombardeirundfahrt und mit der Madonna di Ghisallo verküpft.

Ergebnis von 1947 (222 km)

1. Fausto Coppi (ITA) 6:16:42 (35,360 km/h)
2. Gino Bartali (ITA) 5:25 zurück
3. Italo De Zan

Helge Buttkereit


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