BERLIN, 09.05.07 (dpa) -
Die Angst geht um im Radsport-Milieu. "Sie haben Angst, zu
reden. Sie fürchten Schlimmes. Diese Jungs sind Opfer, umgeben von
Managern, Ärzten und Handlangern", sagte CONI-Chefermittler Ettore
Torri im italienischen Fernsehen nach Ivan Bassos Geständnis-Farce in der
Fuentes-Affäre, für das der Giro-Gewinner weltweit Presse-Prügel
einstecken musste.
Der ebenfalls geständige Radprofi Michele Scarponi
ging offensichtlich beim Verhör der Anti-Doping-Agentur des NOK
(CONI) weiter als sein prominenter Kollege. «Scarponi hat in zwei
Stunden das gesamte Doping-System von Fuentes dargelegt», berichtete
die italienische Sportzeitung «Gazzetta dello Sport» am Mittwoch.
Unterdessen scheint Jan Ullrich immer weiter ins Abseits zu
geraten. Zwar wollte Radsport-Manager Thomas Kofler vom Zweitliga-
Team «Volksbank» Ullrichs endgültige Demission als Berater und
Werbeträger nicht bestätigen, sagte aber am Mittwoch der dpa: «Die
Zusammenarbeit liegt auf Eis bis wir endgültige Klarheit haben, wie
der Fall weitergeht.» Der Österreicher ließ keinen Zweifel daran,
dass Ullrich bei den Saisonhöhepunkten des Teams, Tour de Suisse (16.
-24. Juni) und Deutschland-Tour (10.-18. August), nicht auftreten
wird.
"Bassos Vollbremsung"
«Vom Helden zum Lügner»: Giro-Sieger Ivan Basso
ist für seine Rolle rückwärts in der spanischen Doping-Affäre von der
internationalen Presse scharf kritisiert worden. «Was Basso liefert,
ist eine Farce», schrieb die spanische «Marca» am Mittwoch. «Bassos
Bombe wird zum Knallfrosch», urteilte die italienische Zeitung «La
Nuova Sardegna». «Schon als 'erster großer Kronzeuge' des Radsports
eingestuft, wird er dieses Trikot nur einen Tag getragen haben»,
meinte die französische «Libération». Der italienische Rad-Profi
Basso hatte am Dienstag «versuchtes Doping» zugegeben, aber zugleich
bestritten, jemals gedopt zu haben.
Basso sei in seinem Teilgeständnis nach der Strategie «Zwei
Schritte vor, einer zurück» vorgegangen, urteilte das französische
Blatt «Le Figaro». Nach «Bassos Vollbremsung» forderte die
italienische «Corriere della Sera» ihren Landsmann auf: «Du hast
keine Wahl: Sag die Wahrheit!»
(dpa)
Um die Wildcard für die Deutschland-Tour zu bekommen, musste das
Kofler-Team den Ethik-Code unterschreiben, der auch schon die
Zusammenarbeit mit unter Dopingverdacht stehenden Personen verbietet.
Es bringe nichts, Ullrich zu einem Geständnis aufzufordern, «wenn er
sagt, er habe nichts zu gestehen. Zu was ich ihn aufgefordert habe,
ist, reinen Tisch zu machen und sich vollumfänglich zu äußern, aber
das hat alles nichts gefruchtet», erklärte DOSB-Präsident Thomas Bach
in einem Interview mit der «Welt» (Mittwoch-Ausgabe).
Der Vorsitzende des Sportausschusses des Deutschen Bundestages,
Peter Danckert, hat Ullrich erneut ein vertrauliches Vier-Augen-
Gespräch angeboten. «Jetzt gibt es für Jan Ullrich noch eine Chance,
sich mit einer Vorwärtsstrategie klar zu positionieren, welches
Ausmaß die ihm vorgeworfenen Doping-Verstrickungen haben», erklärte
der SPD-Politiker am Mittwoch. Ullrich könnte sich in der Doping-
Affäre durch klare Äußerungen über sein Mitwirken, aber auch über die
Beteiligung seiner medizinischen Betreuer vom Druck befreien, meinte
Danckert. Über Einzelheiten seiner Kontaktaufnahme mit dem Tour-
Sieger von 1997 äußerte sich der Bundestagsabgeordnete nicht.
Im Zusammenhang mit der Doping-Affäre um einen Arzt aus dem
niedersächsischen Bad Sachsa will die Staatsanwaltschaft Göttingen
jetzt Basso vernehmen. «Wir werden Basso von unseren italienischen
Kollegen in Bergamo befragen lassen», sagte der Behördensprecher Hans
Hugo Heimgärtner am Mittwoch. Zusätzlich sollen Beamte des
Bundeskriminalamtes den italienischen Profi vernehmen. Der Arzt aus
Bad Sachsa steht im Verdacht, Fuentes mit Dopingmitteln beliefert zu
haben.
Torri kündigte weitere Gespräche mit Basso und Scarponi an und
will sich persönlich bei der Welt-Anti-Doping-Agentur WADA für eine
Reduzierung der üblichen Zwei-Jahres-Sperre auf die Hälfte für beide
Fahrer bemühen. Ein glühendes Plädoyer für Basso hielt auch CONI-Chef
Gianni Petrucci, der trotz der klaren Gesetzeslage im WADA-Code zu
bedenken gab: «Es ist das erste Mal, dass ein Topathlet kooperiert.
Ich stehe zu Ivan und habe exzessivem Moralismus schon immer
misstraut.» Womöglich hat ja der vor seinem Pseudo-Geständnis in
Italien als «Kronzeuge» gefeierte 29-Jährige beim CONI am Montag mehr
gesagt als in der peinlichen Pressekonferenz am folgenden Tag in
Mailand.
Das deutete auch Bassos Anwalt Massimo Martelli an. «Ivan hat
seinen Fall betreffend beim CONI alles erzählt. Er kann ja nur für
sich sprechen. Die Fahrer fuhren ja nicht in Bussen zu Fuentes nach
Spanien», sagte er der «Gazzetta dello Sport». Zum Fall Basso sagte
Bach: «Das klingt schon sehr nach Taktiererei. Aber nach dem WADA-
Code wird ihm seine Darstellung nicht viel helfen, weil auch
Vorstufen des Dopings sanktioniert werden können. Nach einem
befreienden Geständnis hört sich die Aussage von Dienstag nicht an.
Natürlich könnte Basso für den Giro 2006 noch nachträglich
disqualifiziert werden.»