SCHEIDEGG, 01.08.06 (rsn) -
Tobias Steinhauser gilt als ein enger Freund von Jan Ullrich.
RADSPORT- NEWS.COM- Mitarbeiter Roland Wiedemann sprach
mit dem ehemaligen T-Mobile-Profi über den Zustand des Radsports, pauschale Dopingvorwürfe
und Ullrichs Befinden.
RADSPORT- NEWS.COM:
Zuerst der Tour-Ausschluss von Jan Ullrich, Ivan Basso und den anderen Favoriten und jetzt eine positive A-Probe von Floyd Landis. Was fühlen Sie dabei als ehemaliger Radsportprofi und Insider?
Steinhauser: Das macht mich sehr betroffen, das schadet dem Ansehen unseres Sports gewaltig. Aber ich glaube, dass das schon im nächsten Jahr wieder anders aussieht.
RADSPORT- NEWS.COM: Daran will momentan niemand so recht glauben.
Steinhauser: Dass viele Radprofis erwischt werden, ist Fakt. Jedoch daraus den Schluss zu ziehen, unser Sport sei am meisten versaut, ist falsch. So blöd das momentan klingen mag, aber im Radsport wird eben sehr genau kontrolliert.
Foto: Roth
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RADSPORT- NEWS.COM: Wenn man schon weiß, dass so genau kontrolliert wird, warum schreckt das nicht ab? Wieso geht ein Landis offensichtlich ein solches Risiko ein?
Steinhauser: Im Fall Landis gibt es bislang nur eine positive A-Probe. Aber die ganze Welt behandelt ihn schon wie den größten Schurken. Vielleicht kann er doch noch seine Unschuld beweisen. Wenn ihm das gelingt, dann würde ich an seiner Stelle alle möglichen Leute auf Schadensersatz verklagen. Es ist brutal, wie ein Mensch fertig gemacht wird, dessen Schuld noch nicht bewiesen ist.
RADSPORT- NEWS.COM: Der ehemalige Radprofi Jesus Manzano hat schwere Vorwürfe erhoben. Er sagt, dass jeder Fahrer bei der diesjährigen Tour zu unerlaubten Mitteln gegriffen habe.
Steinhauser: Jesus Manzano ist in meinen Augen ein sehr einfacher Mensch. Dieser Generalverdacht ist absurd. Er selber hat offensichtlich alles Mögliche an Dopingmitteln ausprobiert. Daraus sollte er aber nicht auf andere schließen. Ich habe den Eindruck, dass es Manzano vor allem darum geht, mit seinem Eingeständnis und seinen Anschuldigungen Geld zu machen, indem er nämlich seine Geschichte an Zeitungen und Fernsehstationen verkauft. Ich frage mich, warum er den ganzen Mist genommen hat, wenn er weiß, wie schlecht das ist?
RADSPORT- NEWS.COM: Herr Manzano behauptet, weil auf ihn Druck ausgeübt worden ist. Druck, den jeder Fahrer zu spüren bekomme
Steinhauser: Auf mich hat nie jemand Druck ausgeübt. Abgesehen davon bin ich mir ziemlich sicher, dass niemand Manzano gezwungen hat, weiter Rad zu fahren.
RADSPORT- NEWS.COM: Aber Ihnen ist zumindest auch mal was angeboten worden?
Steinhauser: Nein. Die Leute haben vollkommen falsche Vorstellungen. Da laufen keine Dealer rum, die einem Epo, Hormonpräparate oder ähnliches unter die Nase halten. Und selbst wenn mir jemand etwas angeboten hätte, hätte ich nein gesagt.
RADSPORT- NEWS.COM: Ihr Freund Jan Ullrich steht wie Landis, Basso und andere Radsportgrößen unter Dopingverdacht. Wie geht es ihm?
Steinhauser: Soweit ganz gut. Wir sind regelmäßig in Kontakt.
RADSPORT- NEWS.COM: Glauben Sie an seine Unschuld?
Steinhauser: Ja.
RADSPORT- NEWS.COM: Im Zusammenhang mit dem Fall Ullrich ist auch Ihr Name gefallen. Sie seien derjenige gewesen, der Ullrich bei seinem Comeback 2003 den Kontakt zum umstrittenen Arzt und Trainingsplaner Luigi Cecchini hergestellt hat.
Steinhauser: Ich habe Jan Cecchini als Trainer empfohlen. Das stimmt. Luigi Cecchini ist einer der besten Radsporttrainer die es gibt.
RADSPORT- NEWS.COM: Er gilt jedoch als Schüler und Freund des Doping-Arztes Michele Ferrari.
Steinhauser: Fakt ist, dass Cecchini hervorragende Trainingspläne macht. Mehr nicht. Ich habe mit ihm von 1998 bis zum Ende meiner Karriere zusammengearbeitet. Luigi ist nie mit irgendwelchen Mittelchen zu mir gekommen. Eines ist klar: Bei Cecchini führt der Weg nur über hartes Training.
RADSPORT- NEWS.COM: Wie kann dem Radsport geholfen werden?
Steinhauser: Ehrlich gesagt bin ich da überfragt. Wahrscheinlich wäre es hilfreich, Datenbanken mit sämtlichen Werten jedes einzelnen Athleten aufzubauen. Werden bei den Kontrollen signifikante Veränderungen festgestellt, könnte man nach den Gründen dafür forschen. Dagegen halte ich eine staatliche Lösung in puncto Sportbetrug, wie sie derzeit von der Politik gefordert wird, für den falschen Weg. Ein Beispiel: Was passiert, wenn ein Formel-1-Fahrer an seinem Wagen schummelt oder sich ein Fußballspieler im Strafraum fallen lässt? Kommen die dann als Sportbetrüger in den Knast? Das zeigt doch, wie schwer die richtige Lösung zu finden ist. Der Sport muss sich selbst in den Griff bekommen.
Interview: Roland Wiedemann
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