MADRID, 29.06.06 (rsn) -
Die Ermittler der Guardia Civil
haben 58 Rennfahrer identifiziert,
die Kunden des Doping- netzwerks um
den ehemaligen Kelme- und Liberty-Teamarzt
Fuentes gewesen sein sollen.
Dazu sollen auch Ivan Basso und
Jan Ullrich gehören, wie
der Madrider Radiosender
Cadena Ser meldet.
Die Tageszeitungen El Pais und ABC
hatten zuvor berichtet,
ein Untersuchungsrichter
werde am Donnerstag das Verfahrensgeheimnis
auf Antrag
der Staatsanwaltschaft voraussichtlich aufheben, nachdem El Pais
in den letzten Tagen ohnehin bereits
ausführlich aus den Akten zitiert
hatte.
Die Guardia Civil wird danach
einen 500-seitigen Bericht
dem spanischen Sportminister
Jaime Lissavetzky
übergeben.
Darin würden die
Sportler namentlich genannt
und auch
die gegen sie vorliegenden Indizien seien aufgelistet.
Am Nachmittag hob
der zuständige Ermittlungsrichter
dann wie vermutet
die Informationssperre auf.
Der Radiosender Cadena Ser berichtete
nun am Donnerstagnachmittag,
dass sowohl der Name Ullrich als
auch der von Ivan Basso in
dem Bericht
der Guardia Civil auftauchen.
Als weitere Namen
nannte der Sender die der
Spanier
Oscar Sevilla (im Touraufgebot von T-Mobile),
Joseba Beloki (im Touraufgebot von Liberty/Astana), Roberto Heras
(Dopingsperre), Francisco Mancebo (Tour-Teamleader von Ag2r),
Juan-Antonio Flecha (im Touraufgebot von Rabobank),
des Russen Dennis Menchov
(Tour-Klassementfahrer von Rabobank),
des Italieners Giovanni Lombardi (im Touraufgebot von CSC),
des Amerikaners Tyler Hamilton (Dopingssperre) und
des Kolumbianers Santiago Botero (von Phonak suspendiert).
Nach Angaben
der Tageszeitung ABC ist der spanische Jungstar
Alejandro Valverde ausdrücklich nicht betroffen.
Die Namen
sind dem Vernehmen nach
über Anwälte
in die Presse durchgesickert.
Eine öffentliche
Erklärung der spanischen
Justiz sei derzeit
nicht vorgesehen,
war aus Madrider Justizkreisen
zu erfahren.
Cadena Ser hatte
bereits am
Tag des Bekanntwerdens
der Affäre gemeldet,
dass die beiden Tourfavoriten Basso
und Ullrich
in die Affäre verstrickt sind.
Ullrich nannte den Bericht
damals "eine Frechheit".
Die Tageszeitung El Pais
hatte am letzten Montag
aus Ermittlungsakten zitiert.
Danach sind
einige der vom Dopingnetzwerk
benutzten Codenamen (
"Hijo Rudicio", "Jan")
T-Mobile-Star Jan Ullrich zuzuordnen.
Der Tourmitfavorit
bestreitet die Vorwürfe
und hat juristische Schritte
gegen die Zeitung angekündigt.
Einem DNA-Test,
der eindeutig zeigen würde, ob die ihm von der Zeitung zugeschriebenen
Blutbeutel aus einer Madrider Praxis von ihm stammen
oder nicht, wollte
Ullrich zunächst nicht zustimmen: "Darüber werde ich mit meinem Anwalt sprechen - wenn
dann frühestens nach der Tour. Ich bin ja nirgends angeklagt",
hatte Ullrich
am Mittwoch erklärt,
nachdem er im Teamhotel im Elsass ankam.
In der ARD verwies Ullrich
am Donnerstag (vor
dem Bekanntwerden der Guardia Civil-Liste)
auf die "neun Trainingskontrollen",
bei denen er in diesem Jahr negativ gewesen sei.
Er habe nichts zu verbergen.
Nach Bekanntwerden der erneuten
Vorwürfe bestritt Jan Ullrich
am Donnerstag nach Angaben von T-Mobile-Sprecher
Christian Frommert wieder kategorisch, etwas mit der Sache zu tun zu haben.
"Wir haben noch einmal
Erklärungen verlangt von Jan
und Oscar Sevilla
(der ebenfalls in der Presse
von Beginn an verdächtigt wurde, die Red.).
Beide bleiben dabei,
dass sie nichts mit
der ganzen Affäre zu tun haben. Wir unternehmen alles, um in diese Sache
Licht zu bringen",
sagte T-Mobile-Mann Christian
Frommert, der auffallend
distanziert mit dem Fall umgeht.
Der Mobilfunkkonzern
will offensichtlich jeden Anschein vermeiden,
etwas zu vertuschen.
Nach dem freiwilligen
Ethik-Kodex ("Code de Conduit")
der ProTour-Teams muss
ein in eine Dopingaffäre verwickelter
Fahrer suspendiert werden bis
zum Abschluss eines Disziplinarverfahrens.
Die UCI hatte am Mittwoch
angekündigt,
sie werde den Tourausschluss
fordern, wenn sich während
des Rennens
Beweise ergeben,
dass ein Fahrer in die Affäre verwickelt ist.
Der internationale Verband
der Rennställe (AIGCP)
bezog am
Donnerstag nach einer
Sitzung in Straßburg (ohne Vertreter
von Astana-Würth) diesbezüglich
eine klare Stellung:
Das Reglement werde strikt
angewandt.
Ag2r-Teamchef Vincent Lavenu
sagte am Donnerstag, er
er sei überrascht,
dass Francisco Mancebo auf
der Liste auftauche, aber
er werde nicht zögern,
seinen Star
aus dem Team zu nehmen,
wenn sich
die Vorwürfe erhärten.
Der Tour de France-Vierte
war erst vor der Saison zu
der Equipe gewechselt.
"Ich bekomme keinen
Herzanfall, auch
wenn ich meinen Leader
aus dem Kader streichen muss.
Wir haben einen Ethik-Code
unterschrieben und
der wird eingehalten",
betonte Lavenu.
CSC-Profi Jens Voigt (Berlin) reagierte am Donnerstag in
Straßburg heftig: "Zieht sie raus und werft sie auf den
Scheiterhaufen. Anscheinend ist das eine größere Geschichte als der
Festina-Skandal von 1998. Ich hätte nicht geglaubt, dass so eine
große Sache jahrelang illegal funktioniert. Da kann was Schlimmes auf
uns zukommen."
Kurz danach wurde bekannt, dass auch sein Kapitän
Ivan Basso verwickelt sein könnte.
Die Tour de France-Organisatoren hielten
sich verständlicherweise zunächst mit
einer offiziellen Reaktion zurück.
"Wir warten weitere
Infomationen ab", sagte ein Sprecher
zu den Vorwürfen u.a. gegen
die Tourfavoriten Basso,
Ullrich und Mancebo.
Die Mannschaftspräsentation
der Tour-Teams
begann am Abend wie geplant.
Das Astana-Würth-Team,
von dem nach den spanischen Presseberichten
nicht weniger als 15 Fahrer in
die Sache verstrickt sind,
bekam unterdessen am Donnerstag von
der TAS Grünes Licht für die Tour de France (s.Story).
Die Tourorganisatoren hatten versucht,
die Teilnahme der Mannschaft zu verhindern
so wie bereits beim Team Valencia.
Ein ProTour-Team ist
automatisch startberechtigt
und kann nicht
einfach ausgeladen werden
wie ein Zweitdivisionär.
Die Hauptverdächtigen in
der Affäre,
der frühere Kelme-, Once- und Liberty-Teamarzt
Eufemiano Fuentes, der zweite Sportdirektor
des Valencia-Teams Ignacio Labarta,
der Labormediziner José Luis
Merino und der Mountainbike-Fahrer Alberto Leon
werden am 20.Juli
vom Ermittlungsrichter
vernommen, wie am Donnerstag bekannt wurde.
Astana-Würth-Teamchef
und Miteigner Manolo Saiz,
der verhaftet worden war,
als er von
Fuentes Dopingmittel kaufen wollte
und
den die Polizei nur als "Kunden"
ansieht, wird zu einem späteren Zeitpunkt angehört.