BERLIN, 27.07.06 (rsn) -
Nach dem Abtauchen von Toursieger Floyd Landis,
der Hals über Kopf ohne Erklärung alle Kriterien- Starts absagte,
kochte die Gerüchteküche: War der Amerikaner
der positive Dopingfall der Tour?
Der Phonak- Rennstall hat
am Nachmittag die Spekulationen
beendet und bestätigt:
Der Toursieger war
bei der 17.Etappe der Tour de France
positiv auf Testosteron.
Wie sein Schweizer Phonak-Rennstall nach stundenlangen
Spekulationen mitteilte, wies Landis ausgerechnet bei seiner
grandiosen Solofahrt auf der 17. Etappe nach Morzine einen
ungewöhnlich hohen Testosteron/Epitestosteron-Wert auf. Der 30-
Jährige hatte diese schwere Alpenetappe überraschend gewonnen und
sich nach einem schweren Einbruch am Vortag damit im Gesamtklassement
zurückgemeldet. Seine Fahrt war als eine der größten Leistungen des
Radsports gefeiert worden, nachdem sein Schwächeanfall gerade als Indiz für
einen Weg zurück Richtung Sauberkeit galt.
In einem knappen, englischsprachigen Statement,
das Phonak am Nachmittag verbreitete,
hieß es:
"Das Phonak Cycling Team
wurde gestern von der UCI informiert
über ein ungewöhnliches
Testosteron/Epitestosteron-
Verhältnis in einem
Test, den Floyd Landis
nach der 17.Etappe der Tour de France
gemacht hat.
Das Teammanagement und
der Rennfahrer waren beide
völlig überrascht von diesem
physiologischen Resultat
(totally surprised of this physiological result)."
Und weiter: "Der Fahrer
wird in den nächsten Tagen
um eine Gegenanalyse bitten,
um zu beweisen, dass
das Resultat entweder aufgrund eines
natürlichen Prozesses
zustandekam oder
dass es aus einem
Fehler (...) resultiert
(The rider will ask in the upcoming days for the counter analysis to prove either that this result is coming from a
natural process or that this is resulting from a mistake in the confirmation.)
In Anwendung des ProTour-Ethik-Kodex
wird (Landis)
keine Rennen mehr fahren bis
dieses Problem aufgeklärt wurde.
Wenn die B-Probe
das Resultat der A-Probe
bestätigt, wird
der Fahrer entlassen (dismissed)
und wird sich dann weiteren endokrinologischen
Untersuchungen unterziehen."
Die Erklärung schloss
mit: "Bitte verstehen Sie,
dass wir zu dieser Zeit keine
weiteren detailierten
Erklärungen abgeben können."
Die Nachricht vom
"positiven" Tousieger
löste allenthalben Entsetzen und Zorn aus (s.Reaktionen).
Dass die Schweizer
Phonak-Mannschaft
betroffen war, überraschte an dem Fall noch am wenigsten.
Das Team,
das im nächsten Jahr einen neuen
Hauptsponsor aus den USA bekommen soll, war in der
Vergangenheit
regelmäßig wegen
Dopingsündern in ihren Reihen aufgefallen
(s.Chronik).
Landis war
am gestrigen Mittwoch überhastet
aus den Niederlanden abgereist,
wo er am Abend beim berühmten Tourkriterium in Chaam
starten wollte.
Landis habe
auf Anraten seiner
Ärzte abgesagt,
sagten Teamkollegen.
Der Amerikaner habe plötzlich
Schmerzen an der Hüfte bekommen,
an der er demnächst
operiert werden muss, er habe
das Teamhotel in Eindhoven verlassen und
sei zum Mannschaftsarzt nach Deutschland gereist, sagte
sein Phonak-Teamkollege Robert Hunter
der Tageszeitung De Telegraaf.
In Chaam sollte Landis
der Star des Abends sein.
Er reiste ohne eine nähere
Erklärung gegenüber den
Organisatoren ab.
Landis "plötzliche Abreise
aus Brabant" (Telegraaf)
fiel zusammen mit
der Bekanntgabe der
UCI, dass es bei
der Tour de France einen positiven Dopingfall
gab. Namen darf
die UCI, die
das Ergebnis an den US-Radsportverband
weitermeldete,
in einem laufenden Verfahren nicht nennen.
Sofort
wurde spekuliert,
die beiden Ereignisse könnten
zusammenhängen.
Dies bestätigte
sich.
"Als ich die Nachricht gestern (Mittwoch) hörte, habe ich ihn
sofort aus dem Rennen gneommen, das er fahren sollte. Wir haben viel geredet",
sagte Phonak-Teammanager John
Lelangue (s.Interview).
Statt nach Dänemark,
wo er am Donnerstagabend ein Kriterium fahren wollte,
flog Landis nach Hause in die USA.
Landis' Zukunft sieht nun
düster aus.
Der Amerikaner wollte nach
einigen lukrativen Kriterien Ende August
die Großbritannien-Rundfahrt
fahren, bevor im September
seine Hüftoperation
ansteht. Phonak suspendierte
ihn und wird ihn in Übereinstimmung
mit dem Ethik-Kodex der ProTour-TEams
entlassen (müssen), wenn
sich das erste Resultat
in der Analyse der B-Probe bestätigt.
Landis droht eine zweijährige Sperre,
nach der er weitere zwei
Jahre nicht mehr bei einem ProTour-Team fahren dürfte.
Bestätigt sich das A-Ergebnis,
wird wird Landis der Tour de France-Sieg aberkannt werden
so wie dem Spanier Roberto Heras
der letzte Vueltasieg aberkannt wurde,
nachdem er positiv auf EPO war.
Der Spanier Oscar Pereiro
würde dann als Toursieger in die Annalen eingehen,
worüber selbst er sich nicht freut (s.Meldung).
Düster sieht auch die Zukunft
des Profiradsport aus.
Drei Tage nach der Tour
de France 2006 schloss sich
der Kreis,
der mit den spektakulären Ausschlüssen
der größten Stars, Jan Ullrich und Ivan Basso,
vor der Tour seinen Anfang nahm.
Das große Aufräumen
sollte endlich die Zäsur sein, die die Skandaltour 1998
entgegen aller Beteuerungen niemals war.
Nun sollte die Frankreich-Rundfahrt 2006 die "neue Tour" sein.
Die meisten glaubten daran sowieso nie und
sie
war dies wohl auch nicht, wie sich jetzt herausstellt. Der Profiradsport wird
den Gürtel enger schnallen müssen.
Vor den Ausschlüssen von Ullrich und Co. sei die Tour die "Champions
League des Radsports" gewesen, danach die Zweite Liga, meinte Ex-Profi
Rolf Aldag. "Jetzt sind wir auf Regionalliga-Niveau", sagte Aldag,
der beim ZDF die Tour kommentierte
und von Landis begeistert war.
Nach dem Fall Landis denkt das ZDF über einen
Ausstieg aus den Tourübertragungen nach.