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EXKLUSIV-Interview mit Erik Zabel
"Das Leben besteht nicht nur aus Siegen"


Foto: Mühlenberg

MÜNCHEN, 21.11.05 (rsn) - Am Rande der Münchener Sixdays traf Radsport-News.com dieser Tage Erik Zabel. Gesprächsthemen gab es reichlich. Gewohnt offenherzig stand der deutsche Sprinterstar Rede und Antwort und sprach über den Abschied von T-Mobile ("Hat keinen Einfluss auf mein Verhältnis zu Ludwig") mit einem glanzvollen Klassikersieg ("Fast zu kitschig"), den Wechsel zum neuen Milram-Team ("Verbalduelle in den Medien überlassen wir T-Mobile und Gerolsteiner"), über das künftige Arbeitsverhältnis zu Sprinterkollege Alessandro Petacchi ("Wir schulden dem Sponsor Kompromissfähigkeit") und warum er "entgegen allen Unkenrufen" ein volles Sechstage-Programm nicht als schädlich betrachtet.

rsn: Sie haben sich mit einem hervorragenden Klassiker-Sieg von T-Mobile verabschiedet. Ganz so schlecht scheint Ihr Verhältnis zu Ihrem früheren Arbeitgeber nicht zu sein. Immerhin war zu vernehmen, dass Sie T-Mobile Chef René Obermann vor dem Start von Paris Tours angerufen hat. Unterhalten Sie zu T-Mobile auch in sportlicher Hinsicht noch gute Kontakte?

Zabel: Also, von meiner Seite auf jeden Fall. Es ist nichts weiter passiert. Das Team-Management und ich hatten unterschiedliche Vorstellungen. Das hat beispielsweise auf das Verhältnis Ludwig/Zabel gar keinen Einfluss. Im Gegenteil: Das Zweijahresangebot nicht anzunehmen war einzig meine Entscheidung. Olaf Ludwig und ich sind uns einig. Im Übrigen: Für unser persönliches Verhältnis kann die Situation sogar von Vorteil sein. Dem früheren Verhältnis „Chef zu Vertragspartner“ gehen wir, Ludwig/Zabel, in den nächsten Jahren jedenfalls aus dem Weg.


Triumphaler Abschied: Zabel gewann Paris-Tours, sein letztes Rennen im T-Mobile-Dress
Foto: Roth
rsn: Nach Ihrem Sieg bei Paris Tours sprachen Sie selbst von einem traumhaften Ergebnis.

Zabel: (Zögert nicht lange) Stimmt, wenn man ein Drehbuch schreiben und diesen Ausgang wählen würde, wäre das eingetroffene Ende fast eine Spur zu kitschig.

rsn: Sie haben nun einen Dreijahresvertrag mit Nordmilch/Milram inne. Der Anteil der italienischen Fahrer ist angesichts von fast 20 Fahrern gewaltig. Wie gut ist eigentlich Ihr Italienisch?

Zabel: (Lacht) Ich hoffe, besser als Trappatonis Deutsch... Ich glaube die Verteilung ist nicht ganz richtig. Wir haben einen beträchtlichen Anteil an Tschechen, Weißrussen und Ukrainern im Team, die ihren Lebensmittelspunkt inzwischen italienisch ausrichteten. Daniel Becke vom Team Illes Balears stößt als deutscher Fahrer hinzu, unter den schnellen Leuten ist vor allem Sebastian Siedler hervorzuheben. Als junges Talent unterstützt uns ferner Björn Schröder aus Berlin.

rsn: Wäre es für Sie vorstellbar, dass Ihr ehemaliger Teamgefährte Jens Heppner zukünftig in der Teamleitung von Milram mitmischt?

Zabel: Sag niemals nie im Leben. Es ist ja bekannt, dass ich Jens sehr schätze. Ihm habe ich als Teamkollege beim Team Telekom sehr viel zu verdanken. Wir haben auch im privaten Bereich durchaus Parallelen. Zum Beispiel arbeiteten wir in Radferien bereits gemeinsam als Bike-Guides zusammen. Die sportliche Leitung wird allerdings die Ex-Domina-Vacanze-Leitung inne haben. Der Niederländer Gerry van Gerwen wird die Sache aus unserem Blickwinkel betreuen und die Interessen des deutschen Anteils vertreten.

rsn: Es ist kein Geheimnis, dass Sie ein hervorragendes Verhältnis zu Walter Godefroot unterhalten. Glauben Sie, dass er sich 2005 wirklich dauerhaft zur Ruhe gesetzt hat?

Zabel: Auch da muss man natürlich sagen, dass ich nicht glaube, dass das ein endgültiger Abschied von Godefroot aus dem Radsport-Zirkus gewesen ist. In Belgien ist Walter Godefroot sehr populär und laut Umfragewerten hätten die Belgier gerne ihn statt Carlo Bomans als Nationaltrainer gesehen. Vielleicht braucht Godefroot zunächst etwas Zeit, um den nötigen Abstand zu gewinnen. Wer weiß, was danach ist.

rsn: Was haben Sie eigentlich während der Tour de France 2005 gemacht?

Zabel: Das war die Zeit, in der ich die Wechselentscheidung vor mir hergeschoben habe. In der ersten Woche war ich im Renneinsatz bei der Österreich-Rundfahrt. In der zweiten Woche habe ich auf Mallorca trainiert und in der dritten war ich als Co-Kommentator im Fernsehen tätig. Vor Ort zu sein bildete vielleicht ein zusätzliches Puzzle-Stück, das mich dazu bewegt hat zu wechseln. Wenn man die Tour de France aus einer anderen Perspektive erlebt, kann man besser einschätzen, wie wichtig die Tour für einen selbst sein kann.

"Dahinter stehen
12.000 bodenständige Bauern"

rsn: Herrschen nun beim Team Milram andere Maßstäbe? Ist dort nicht auch ein zweiter oder dritter Platz bereits ein sehr großer Erfolg?

Zabel: (Überlegt und führt dann aus) Sicherlich schon. T-Mobile hatte in der Vergangenheit immer den Anspruch das beste Team der Welt zu sein. Man muss vielleicht den Hintergrund kennen. Milram ist eine Marke von Nordmilch. Nordmilch ist die größte Molkereigenossenschaft in Deutschland. Was ich damit sagen will: Dahinter stehen rund 12.000 bodenständige Bauern, die eine tägliche, harte Arbeit zu schätzen wissen. Solche Leute wissen, dass das Leben nicht nur aus Siegen besteht. Sondern dass es manchmal auch mal auf und ab gehen kann. Im Profisport lernte ich schnell, dass der Zweite der erste Verlierer ist. Und sicherlich gab es in meiner Karriere Zeiten, in denen ich das hundertprozentig unterschrieben hätte. Speziell im Laufe der vergangenen Jahre, in denen ich in einer ruhigen Minute mal nachdachte, schossen mir Gedanken in den Sinn à la ‘Warum werde ich eigentlich nicht satt?’ oder ‘Warum wird’s mir nie genug?’

rsn: Auf der Internet-Suche nach Informationen bezüglich des Milram-Teams wird man heute nicht schnell fündig. team-milram.de wirkt auf Fans doch recht dürftig zur Zeit. Wird sich das nach der offiziellen Teamvorstellung am 10. Januar ändern? Zur Zeit werden ja wohl offensichtlich eher hinter den Kulissen die Strippen gezogen.

Zabel: Ja, der Eindruck mag stimmen, doch das ist nebenbei auch eine Frage des Ansatzes. Von T-Mobile ist man es gewohnt, dass PR-Auftritte immer wahnsinnig teure Projekte sind, z.B. bei Mannschaftsvorstellungen vor der Tour de France. Finanziell ist das ziemlich aufwendig. Obwohl das Team-Milram von vorneherein sicherlich einen vernünftigen Auftritt haben will, muss man sehen, dass wir gar nicht mit anderen Teams konkurrieren wollen. In Zukunft werden wir uns eher an italienischen Teams orientieren, beispielsweise an Liberty Seguros. Im Endeffekt ist es doch so: Solch ein (T-Mobile Anm. d. Red.) Tag kostet soviel, davon kann man wieder ein Jahr lang einen Rennfahrer finanzieren. Vor der Tour macht T-Mobile als einzige Mannschaft eine Tour-Präsentation. Andere Mannschaften stellen ihre Fahrer einfach auf der Webseite vor und dann war es auch gut. Eventuell ist der Anspruch von T-Mobile höher, vielleicht ist es aber auch die Erwartungshaltung an T-Mobile. Wahrscheinlich ist es gut, dass wir bei Milram sozusagen eine Stufe niedriger anfangen und die Verbal-Duelle in den Medien erst mal Gerolsteiner und T-Mobile überlassen.

rsn: Über die Aufteilung zwischen Ihnen und Alessandro Petacchi ist bereits reichlich berichtet worden. Ist die Verteilung in Eintagessiegen bei den Klassikern einerseits & Etappensiegen bei Rundfahrten anderseits zu einfach gesehen?


"San Remo ein interessantes Thema für uns beide": Zabel und sein künftiger Teamkollege Alessandro Petacchi Foto: Roth
Zabel: (wirkt entschlossen) Es ist ganz wichtig, dass es eine Stallregie gibt. Aus zwei Gründen: Erstens besteht das Leben für uns alle aus Kompromissen. Nun muss man natürlich zuvor wissen, wie die Kompromisse aussehen werden. Nicht dass man sich dann im falschen Film wiederfindet. Auf der anderen Seite muss man als Berufsfahrer kompromissfähig sein. Petacchi und ich hatten die Wahl; wären wir der Situation nicht gewachsen oder könnten es uns nicht vorstellen, gemeinsam in einem Team Pro-Tour-Rennen zu bestreiten, in diesem Fall hätten wir natürlich einen anderen Weg suchen und andere Mannschaften finden müssen. Darüber hinaus ist klar, dass San Remo ein interessantes Thema für uns beide ist. Wir werden uns dem Problem stellen, wenn es soweit ist. Klar ist jedenfalls, dass wir uns beide als Einheit aufstellen werden. Wir werden im Frühjahr mit einer Spitze auf die letzten 1.000 Meter gehen. Diesbezüglich gibt es mit Sicherheit keine Verständigungsschwierigkeiten. Das sind wir nicht zuletzt unserem Sponsor schuldig. Vor dem Hintergrund, dass sich im Jahr 2006 fast alles auf die Fußball-WM konzentriert, ist es als absoluter Wahnsinn zu werten, dass wir solch einen Sponsor fanden. Wir als Fahrer stehen in der Verantwortung, weniger kompromissbereit als denn kompromissfähig zu sein, um mit dieser Einstellung letzten Endes auch erfolgreich zu sein.

rsn: Die deutschen Radsportfans drücken Ihnen jedenfalls bereits für Milan San Remo beide Daumen.

Zabel: Vielen Dank! Es wäre natürlich klasse, wenn man schon im ersten Jahr kaum merken würde, dass wir uns beide – Petacchi und ich – perfekt aufeinander einstellen können. Die ersten Rennen werden logischerweise schwierig sein. Das ist nun mal so. Gegenüber der Rennleitung habe ich den Wunsch geäußert, dass wir beide in der Vorwoche von San Remo Tirreno-Adriatico zur Einstimmung fahren werden, damit wir im Rennen gewisse Automatismen einstudieren können.

"So, jetzt ändert sich
etwas in Deinem Leben"

rsn: Werden Sie Ihr Italienisch noch mal mit einem Crash-Kurs intensivieren? Schließlich sind zwischenmenschliche Aspekte in der Verständigung ja auch nicht ganz von der Hand zu weisen...

Zabel: (zwinkernd) Ja, wir werden auch da neue Wege gehen. Unser neues Team wird die Italiener zwingen, ein bisschen aus sich raus zu kommen. Beim Team Milram werden wir voraussichtlich die Team-Sprache Englisch einführen. Ein persönliches Wort ist freilich immer besser. Aus diesem Grund habe ich mir vorgenommen, auch diesbezüglich etwas dazuzulernen. Um letztlich auch das Gefühl zu bekommen, es ändern sich 2006 einige Dinge in meinem Leben: Neben dem neuen Rennprogramm, anderen Leuten, einer neuen Trikotfarbe und einem anderen Fahrrad – auch andere Sprachen. Das sind in der Summe Hinweise darauf ‘So jetzt ändert sich etwas in Deinem Leben’. Und darauf freue ich mich.

"Ich liebe Sechstagerennen" Zabel bestreitet nach Dortmund und München im Januar auch das Sechstagerennen in Bremen (12. bis 17.01.)
Foto: Roth
Auch mein Exkurs auf die Bahnen in Dortmund und München kommt nicht von ungefähr. Entgegen allen Unkenrufen à la ‘Der Zabel spult jährlich viel zu viele Rennkilometer ab’, bereiten mir die Sechstagerennen unglaublich viel Spaß. Und dem Bäcker, bei dem ich morgens meine Brötchen hole und gegenüber jenen Touristikfahrern, die der Ansicht sind, mein Rennpensum sei zu umfangreich, lockt es mich einfach aus der Reserve, ihnen das Gegenteil zu beweisen. Meine erfolgreichsten Jahre als Radrennfahrer erlebte ich nicht zuletzt in den Jahren, in denen ich im Winter Sechstagerennen fuhr. Daran möchte ich in dieser Saison anknüpfen und nebenbei gibt mir das Publikum ein so unglaublich gutes Feeling – ich liebe es einfach, Sechstagerennen in Dortmund und München zu fahren.

rsn: Herr Zabel, wir danken Ihnen für das interessante Gespräch und wünschen Ihnen eine sturzfreie, erfolgreiche Rennsaison 2006, inklusive vieler sportlicher und persönlicher Highlights.

Zabel: Herzlichen Dank!

Interview: Jorg Mühlenberg


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