PARIS, 07.10.05 (rsn) -
Paris-Tours, der Herbstklassiker der Sprinter,
bietet Erik Zabel am Sonntag die Chance,
sich bei seinem letzten Auftritt im Magentatrikot mit einem
Triumph zu verabschieden und T-Mobile zu zeigen,
was sie an ihm verlieren. Für Zabel, der in
dieser Saison zumeist mit Ehrenplätzen zufrieden sein musste,
würde sich mit einem dritten Sieg auf der Avenue de Grammont
der Kreis schließen: Vor elf Jahren
feierte der Berliner hier seinen ersten großen Klassikersieg.
Am Sonntag übt Zabel schon einmal die im kommenden
Jahr bei Milram geplante Arbeitsteilung mit Sprintstar
Alessandro Petacchi. Der Italiener fehlt ebenso wie
Weltmeister Tom Boonen. Dennoch
gibt es viel Konkurrenz für den deutschen Sprinterstar.
Paris-Tours
Foto: Roth
Der Kurs: 253,5 km. Start in Saint- Arnoult- en-Yvelines um 11:00 Uhr,
Zielankunft in Tours gegen 17:20 Uhr.
Flacher Kurs mit kleinen Anstiegen
im Finale, letzte Cote (Petit Pas d'Ane) 5 km vor
dem Ziel.
Es fehlen:
Tom Boonen (BEL), Alessandro Petacchi (ITA), Paolo
Bettini (ITA), Oscar Freire (ESP), Stuart O'Grady (AUS), Damiano Cunego (ITA),
Erik Dekker (PBS), Jakob Piil (DAN), Alexandre Vinokourov (KZK)
Beim 253,5km langen Rennen der "Windhunde des Herbstes", wie
man in Frankreich poetisch die Favoriten des Sprinterklassikers nennt,
trifft Zabel auf hochmotivierte Konkurrenten,
die nur für dieses Rennen ihre Saison bis in den Oktober
verlängert haben.
Der Australier Robbie McEwen, der
norwegische Gewinner des Grünen Trikots der Tour,
Thor Hushovd,
der Franzose Jean-Patrick Nazon,
der Holländer Max Van Heeswijk
und der Italiener Daniele Bennati lauern
wie Zabel auf einen Massensprint in Tours, den
in den vergangenen zehn Jahren
meistens Attackierer verhindert hatten.
Als das letzte Mal die Entscheidung
im Sprint fiel, setzte sich 2003
Zabel durch - neun Jahre nach seinem
ersten Sieg. Damals - wie heute -
hatten viele den Berliner schon abgeschrieben.
Dann bezwang er auf der unendlich langen
Avenue de Grammont doch wieder mal einen Petacchi.
Am Sonntag muss sich Zabel keine
Gedanken machen um Petacchi.
Der fehlt ebenso wie
Weltmeister Boonen und andere schnelle
Leute wie die Australier
Stuart O'Grady und Baden Cooke
oder Zürich-Sieger Paolo Bettini.
Dass Boonen und Petacchi,
die Referenzmarken
im Peloton bei Sprinterrennen,
fehlen, macht die Sache für Zabel nicht
einfacher.
Denn es fehlen auch zwei große Mannschaften,
die das Feld kontrollieren
und Attacken neutralisieren.
Und dass es trotz des flachen Profils
bei Paris-Tours viele Angreifer
versuchen werden, das lehrt die jüngere Vergangenheit.
Sprinterklassiker ohne Sprints
Seit 1997 hat es bei dem Sprinterklassiker,
der seinen Namen gar nicht mehr verdient,
nur ein einziges Mal einen Massensprint gegeben
auf der 2400 Meter langen Zielgeraden:
Das war 2003, als sich Zabel durchsetzte.
Ansonsten spielten Attackierer
die Hauptrolle.
Entweder in Form einer
frühen Flucht in
der ersten Stunde oder mit
Offensiven auf den kleinen Hügeln
im Finale.
Der kleine Anstieg von Petit Pas d'Ane
dient puncheurs gerne als Sprungbrett
und wenn im Feld dann nicht konsequent
gefahren wird, müssen am
Ende die Sprintspezialisten wieder
in die Röhre schauen oder
um die Ehrenplätze kämpfen wie
letztes Jahr hinter Ausreißer Erik Dekker.
Der Italiener Danilo Di Luca,
der am letzten Sonntag bei der Meisterschaft
von Zürich seinen ProTour-Sieg perfekt machte,
ist einer der stärksten puncheurs im Feld.
Sechs Tage vor dem letzten Saisonrennen
(Lombardei-Rundfahrt) und befreit von taktischen
Zwängen zum Punktesammeln könnte er nochmal richtig
motiviert sein, einen weiteren ProTour-Sieg
zu holen.
Seine Landsleute Luca Paolini und Filippo Pozzato,
die in Abwesenheit von Boonen und
Bettini auf eigene Rechnung fahren können,
wollen den Sprintern
ein Schnippchen schlagen, genauso
der Spanier Juan Antonio Flecha, der Schweizer
Fabian Cancellara, die bei Fassa Bortolo
ohne Petacchi freie Hand haben, oder
auch die Kämpfer bei CSC (Bak, Arvesen, Gusev)
und Rabobank (Posthuma, Kroon).
Abschiedsgeschenk
Auf T-Mobile kommt somit reichlich Arbeit
zu, denn Sportdirektor
Mario Kummer hat Erik Zabel ein "schönes
Abschiedsgeschenk" versprochen.
Rolf Aldag, der sein letztes Rennen
bestreitet, bevor er seine Karriere
mit 37 Jahren beendet,
Eric Baumann, Marcus Burghardt, Andreas Klier, André Korff,
der Italiener Daniele Nardello und der Neu-Schweizer Steffen Wesemann
müssen dazu am Sonntag viel Tempo machen.
Gegenwind, der Attackierer mehr benachteiligt
als das große Feld, wäre ihnen
sicher eine willkommene Hilfe.
Während bei einem Routinier wie Erik
Zabel der Blick unweigerlich
auch immer in die Vergangenheit schweift,
schaut einer seiner potenziellen Sprintrivalen
vom Sonntag nur in die Zukunft.
Der Italiener Daniele Bennati ist etwa in dem Alter,
in dem Zabel war, als er vor elf Jahren erstmals
in Tours gewann. Der Lampre-Profi,
der in Abwesenheit von Damiano Cunego
auf die volle Unterstützung seiner
Mannschaft zählen kann, ist vielleicht
der große Geheimfavorit. Der Toskaner,
der im dritten Jahr bei den Profis fährt,
gewann in diesem Jahr schon drei
Etappen der Deutschland-Rundfahrt und
war zuletzt auch bei der zur ProTour zählenden
Polen-Rundfahrt zwei Mal erfolgreich.
"Ich fühle mich gut", sagt Bennati. "Ich bin
Paris-Tours schon als Neuprofi an
der Seite von Mario Cipollini gefahren.
Ich mag das Rennen und der Sieg ist mein Ziel."
Geschenke kann Zabel am Sonntag nur von seinem Team
erwarten.