TOURS, 09.10.05 (rsn) -
Erik Zabel, heute der nach Siegen gerechnet erfolgreichste
Profi im Peloton, hat vor elf Jahren bei
Paris-Tours seinen ersten großen Klassikertriumph errungen.
Am Sonntag feierte der Berliner T-Mobile-Profi an gleicher Stelle
in seinem letzten Rennen im Magentatrikot
erneut den Sieg bei dem Herbstklassiker.
Nach 253,5km setzte er sich auf der Avenue de Grammont
in Abwesenheit seines künftigen Milram- Teamkollegen
Alessandro Petacchi im Massensprint durch.
Zabel verwies den Italiener Daniele Bennati (Lampre)
mit halber Radlänge Vorsprung auf Platz 2. Der Australier Allan Davis (Liberty)
war Dritter vor seinem Landsmann Robbie McEwen (Davitamon).
Erik Zabel
Foto: Roth
Geb. 7.Juli 1970 in Berlin; 1,76m/69 kg
Profi seit: 1993
Teams: Telekom (93-2003), T-Mobile (2004-05), Milram (ab 2006)
Größte Erfolge:
Weltcup-Gesamtsieger 2000,
Deutscher Meister 1998 und 2003,
Mailand-San Remo 1997, 1998, 2000 und 2001,
Paris-Tours 1994, 2003 und 2005, Amstel Gold Race 2000, Cyclassics Hamburg 2001,
Berner Rundfahrt 1993, Classic Haribo 1994, Rund um Köln 1996 und 2004,
Trofeo Luis Puig 1997, 2000 und 2001, Scheldepreis 1997, Rund um Berlin
1997, Henninger Turm 1999, 2002 und 2005.
Tour de France: 12 Etappen 2/1995 (Charleroi,
Bordeaux), 2/1996 (Nogent/Oise, Gap), 3/1997 (Plumelec, Bordeaux,
Pau), 1/2000 (Troyes), 3/2001 (Boulogne-sur-Mer, Seraing, Evry),
2/2002 (Alençon). Punkteklassement 1996, 1997, 1998, 1999, 2000 und
2001 (Rekordhalter).
2 Tage im Maillot jaune (1998 und 2002);
Spanien-Rundfahrt: 6 Etappen 3/2001, 2/2003, 1/2004.
"Für mich geht ein Traum in Erfüllung",
jubelte Zabel über seinen Abschied im Triumph.
"Ich wollte mit einem Sieg von
T-Mobile weggehen und ich bin glücklich,
dass es mir gelungen ist.
Der Sprint war lang und schwer.
Bennati hat mir alles abverlangt",
so Zabel nach dem Rennen,
bei dem mit Weltmeister Tom
Boonen ein zweiter großer Sprinter
fehlte. Der Italiener Danilo di Luca (Liquigas),
der bereits bei der Meisterschaft von Zürich
am letzten Sonntag
seinen ProTour-Gesamtsieg perfekt gemacht hatte,
stieg 50km vor dem Ziel aus.
Der 35-jährige Zabel begann seine Erfolgskarriere 1993
bei Telekom und blieb der Magentatruppe
seitdem treu. Er holte
für das Bonner Team 193 Siege,
darunter vier Triumphe bei Mailand San-Remo,
sechs Grüne Trikots der Tour
de France und zwölf Etappensiege bei
der Großen Schleife. Dennoch
war er dem Bonner Team
bei der letzten Tour nicht mehr
gut genug, was Zabel so irritierte,
dass er - wohl für sich selbst etwas überraschend -
sich für einen Teamwechsel nach 13 Jahren
entschied.
"Es ist schwer, eine Mannschaft nach 13 Jahren zu verlassen.
Es war eine schöne Zeit mit großen Siegen. Diese Saison war nicht
so leicht, aber
ich bereue nichts. Ich habe auch dieses Jahr einiges
gelernt", sagte Zabel am Sonntag.
Mit dem Sieg beim großen Sprinterklassiker
- es war sein zweiter
Saisonsieg nach dem Henninger Turm im Mai - bewies Zabel,
dass man sehr wohl noch mit ihm rechnen muss.
Beim neuen Milram-Team, bei
dem er einen Dreijahresvertrag unterschrieb und einen Tourstart sicher hat,
will er 2006 da weitermachen, wo
er bei seinem letzten Saisonrennen 2005
aufhörte.
Mit dem dritten Sieg in Tours nach 1994 und 2003
zog er gleich mit dem bisherigen
Rekordhalter Guido Reybroeck aus Belgien,
der das Rennen zwischen 1964 und 1968
drei Mal gewann.
Ausreißer Devolder und Gilbert am Ende uneins
Foto: Roth
Paris-Tours war in den letzten Jahren immer
mehr zum Fluchtklassiker geworden,
seit 1997 gab es nur zwei
Sprintankünfte - und beide
Male gewann Zabel.
Auch bei der diesjährigen Ausgabe
hätte nicht viel gefehlt
zu einem Sieg von Ausreißern.
Erst 300 Meter vor Schluss
wurden die beiden jungen
Belgier Stijn Devolder (Discovery) und Philippe Gilbert
(FdJeux) vom Feld gestellt.
Nachdem eine lange Flucht
eines Trios (Posthuma, Ivan Gutierrez, Bergès)
ihr Ende fand, setzten sich 27km
vor dem Ziel Devolder und Gilbert
an der Côte de Crochu ab,
Das Duo fuhr eine Minute Vorsprung
heraus. Fünf Kilometer
vor Schluss war das Feld bis auf 30 Sekunden heran.
Gilbert war nach dem Rennen
wütend auf seinen Mitausreißer:
"Devolder wollte auf dem letzten Kilometer einfach nicht mehr
Führungsarbeit machen. Sonst wären wir durchgekommen",
sagte er. Dirk DeMol, Devolders Sportdirektor
bei Discovery, hatte seinem Fahrer
die Anweisung gegeben:
"Stijn (Devolder) ist langsamer
als Gilbert. Daher sagte ich zu ihm:
Bleib auf der Zielgeraden an seinem
Hinterrad. Das war die einzige Chance.
Nur der Sieg zählt, an den Zweiten
erinnert sich nachher doch niemand."
Auf der 2400 Meter
langen Zielgeraden der Avenue de Grammont
wurden der Flame und der Wallone so
250 Meter vor Schluss wieder gestellt
und auf
der "längsten Zielgeraden der Welt" (Zabel)
kam es zu einem packenden Massensprint.
Der junge Bennati, der in diesem
Jahr bereits bei der Deutschland-Rundfahrt
der beste Sprinter war, zog den Sprint
an und sah fast schon
wie der Sieger aus.
Doch Zabel ging
an dem Lampre-Profi vorbei,
kämpfte Schulter an Schulter
mit dem jungen Italiener und
feierte schließlich noch einmal
einen ganz großen Triumph
für T-Mobile, dessen künftiger
alleiniger Kapitän Jan Ullrich
bereits seit Wochen im Urlaub ist.
Am Vorabend des Rennens am Samstag hatte Zabel mit den Team-Kollegen einen
kleinen vorgezogenen Abschied mit ein wenig Champagner gefeiert. Mit
dabei war auch der in Rente gegangene Ex-Manager Walter Godefroot,
der Zabels Erfolge über Jahrzehnte begleitet hat. Zabel: "Es war ein
emotionaler Moment, gerade auch weil Godefroot nochmal da war. Aber
eigentlich bin ich noch so im Renn-Trott, dass ich noch gar nicht
richtig merke, dass ich zum letzten Mal in Magenta gefahren bin."