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Tour, Giro und Vuelta gehen eigene Wege
Bruch zwischen ProTour und Großen Rundfahrten
PARIS, 09.12.05 (rsn) - Die großen Rundfahrten
waren von Beginn an gegen die ProTour, mit der der Profiradsport
reformiert werden sollte. Mit einem wackligen Minimalkonsens
zwischen UCI und den mächtigen Organisatoren
verhinderte man im Dezember letzten Jahres mühsam den großen Krach.
Doch nun ist der Bruch endgültig. Am Freitag
erklärten die Verantwortlichen von Tour de France, Giro d'Italia
und Spanien-Rundfahrt bei einer Pressekonferenz in Paris,
dass man fortan eigene Wege gehen werde.
Im kommenden Jahr werden die großen Rundfahrten
nicht mehr zur ProTour zählen.
|
Die neuen Einladungskriterien
Die drei großen Veranstalter,
die insgesamt elf der 26 bisherigen ProTour-Rennen
ausrichten, haben am Freitag die
sportlichen Kriterien bekanntgegeben,
nach denen künftig die Teams eingeladen werden.
Startrecht und -pflicht der
ProTour-Teams entfallen nach
dem Ausstieg der Organisatoren.
2006:
Bei Tour, Vuelta, Giro und
den anderen Rundfahrten und Klassikern
(Paris-Nizza, Tirreno- Adriatico, Roubaix, Lombardei etc.)
werden die ersten 14 der ProTour- Teamwertung
von 2005 eingeladen. Diese
müssen die Einladung nicht annehmen.
Die nächsten sechs der ProTour- Teamwertung 2005
erhalten ebenfalls eine Wildcard-Einladung.
Ab 2007 wird eine neue Teamwertung
eingeführt. Die ersten 14 dieser Wertung
sind startberechtigt bei
den großen Rundfahrten und den anderen
ihren Veranstaltern gehörenden Rennen.
Das neue Teamklassement soll in den
nächsten Monaten entwickelt werden.
Berücksichtigt wird dabei vor allem
das Abschneiden bei den drei großen Rundfahrten.
|
Der internationale Radsportverband hatte
im September bekanntgegeben, dass der Status Quo,
wonach Tour und Co. zwar nicht formell
zur ProTour zählen, diese aber allen 20 Teams
automatisches Startrecht garantieren,
auch 2006 gilt. Mit
dieser provisorischen Lösung war im Dezember vorigen Jahres der Start der ProTour
gerettet worden.
"Die Beibehaltung der Vereinbarung
von 2005, also die Beibehaltung des Status Quo
hat keinen Sinn, denn mit dieser
Übergangslösung war nur beabsichtigt,
zu einer endgültigen Lösung mit der ProTour
zu kommen. Die UCI sagt heute
dazu, dass sie die Verhandlungen aufgegeben hat",
erklärte Patrice Clerc, der Präsident
der Amaury Sport Organisation (ASO),
der u.a. die Tour de France gehört.
"Weder gerecht noch glaubwürdig"
Die drei großen Rundfahrten
werden 2006 nun
endgültig nicht zur ProTour zählen.
Das bedeutet dann auch, dass
die Topteams keine Startverpflichtung mehr haben.
Während sich die Rennställe weiterhin
um die Startplätze bei
der Frankreich-Rundfahrt, dem wichtigsten Rennen
der Welt, reißen werden, ist das bei Giro und
Vuelta nicht so sicher.
Dennoch blieben Italiener und Spanier
in den letzten Monaten strikt bei
ihrer Ablehnung der ProTour, obgleich
es einige Versuche der UCI und der
Teams gab, die Front der Organisatoren zu spalten.
"Wir wollen ein System, das atmet",
sagte Vuelta-Chef Victor Cordero.
Von einem möglichen Boykott
der Teams habe er "noch nichts gehört".
Die praktischen Auswirkungen
des nicht überraschenden,
aber dennoch spektakulären
Schritts der großen Drei
sind erst einmal gering.
Die großen Organisatoren werden
2006 praktisch alle 20 ProTour-Teams
zu ihren Rennen einladen.
Man wolle die Mannschaften, die
in Erwartung der Einladung
zu allen großen Rennen geplant hatten,
nicht gefährden, hieß es.
Berücksichtigt wird
einstweilen die ProTour-Teamwertung
von 2005. Die ersten 14 erhalten eine
Einladung, wenngleich ASO-Chef Patrice Clerc
dieses Klassement "sportlich
nicht gerecht und nicht glaubwürdig"
nannte. Clerc verwies auf
das spanische Comunidad Valenciana-Team,
das die Vuelta-Teamwertung gewann,
aber mangels ProTour-Lizenz in
der Wertung nicht auftaucht.
Um zusätzliche Anreize zu schaffen,
zahlen die Organisatoren jedem Team,
das 2006 alle drei Rundfahrten bestreitet,
eine Prämie von 100.000 Euro.
Außerdem kehrt im kommenden
Jahr die trophée Trois Grands Tours
zurück, mit der eine Art Gesamtsieger
von Tour, Giro und Vuelta geehrt wird.
Schon in den Achtziger Jahren gab es
diese Wertung einmal. Dotiert
ist die Große Rundfahrten-Wertung
mit zwei Millionen Euro.
Der Sieger bekommt davon 600.000 Euro.
Wie es 2007 weitergeht,
ob es dann eine ProTour überhaupt noch gibt, weiß derzeit
niemand.
"Unser Schritt ist nur eine Reaktion auf
die UCI", betonte Clerc. "Wir streben keine
Reform an, wir haben nur geantwortet
in der dringlichen Situation, die
wir nicht geschaffen haben", so
der ASO-Chef weiter. Tour und Co.
würden weiter "im Welt-Kalender"
der UCI stehen. Eine Loslösung vom Verband
sei nicht beabsichtigt.
Die Organisatoren erwarten nun die Reaktion des UCI-Präsidenten
Pat McQuaid.
"Ich kann mir schwer vorstellen,
dass die UCI eine Wertung ablehnt,
die den Mannschaften zusätzliches Geld
einbringt", sagte Clerc maliziös,
wohl ahnend, wie die erste Reaktion der UCI ausfallen würde.
"Ein neues Klassement
2007 kann ohne Autorisation der UCI nicht geschaffen werden. Wir
halten an den ProTour-Regelungen, die ab 2005 gelten, weiter fest",
hieß es am Freitagabend in der Pressemitteilung des Weltverbandes. Im
kommenden Jahr bestehe laut UCI im Hinblick auf die ProTour und die
drei Länder-Rundfahrten ohnehin "dieselbe Situation wie 2005".
Die Organisatoren sehen das freilich anders.
Für die ProTour, die
die UCI mit großen Ambitionen als geschlossene "Profi-Liga"
geplant hatte, ist der Schritt der
großen Organisatoren ein Schlag,
der das Aus für die Serie bedeuten könnte.
Betroffen sind neben Tour, Giro und
Vuelta nicht weniger als elf der
27 Rennen, denn den Organisatoren
gehören praktisch alle wichtigen
Rennen: der ASO gehören u.a. auch
Paris-Nizza, Paris-Roubaix, Wallonischer
Pfeil, Lüttich- Bastogne- Lüttich
und
Paris-Tours, der Giro-Organisation RCS
gehören Tirreno-Adriatico, Mailand-San Remo
und Lombardei-Rundfahrt.
Eine Rennserie ohne diese elf Rennen
ist sportlich zweitklassig.
"Wenn sich die Veranstalter durchsetzen,
glaube ich nicht, dass es noch eine ProTour-Serie mit
entsprechender Wertung geben wird", reagierte
Hans-Michael Holczer, Teamchef des deutschen
ProTour-Rennstalls Gerolsteiner auf
die Entscheidung der drei großen Rundfahrten.
"Diese Nachricht überrascht mich. Ich war immer ein Befürworter
der ProTour. Die Idee, die dahinter steckt, ist gut. Die neue
Situation hat sicher keinen Einfluss auf unsere Saisonplanung", sagte
T-Mobile-Manager Olaf Ludwig,
dessen Star Jan Ullrich einen Start beim Giro angekündigt hat.
Am Montag
findet eine Sitzung der Teamleiter der 20 ProTour-Teams
in Brüssel statt.
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