BERLIN, 24.11.05 (rsn) -
Der internationale Radsportverband UCI scheint sich endgültig
zu verabschieden von der Idee, dass die ProTour-Serie die besten Teams und
die wichtigsten Rennen vereint. Nachdem die
Organisatoren der drei großen Rundfahrten, allen voran die französische Amaury Sport Organisation (ASO), der u.a. Tour de France,
Paris- Nizza, Paris- Roubaix und Lüttich- Bastogne gehören,
die Reform des Profiradsports weiterhin kategorisch
ablehnen, will UCI-Präsident Pat McQuaid als Ausweg
aus der verfahrenen Situation ab der Saison 2007
notfalls einen doppelten Rennkalender einführen.
Dies erklärte der Ire jetzt in einem Interview
mit der französischen Regionalzeitung
La Provence (Donnerstagsausgabe).
"Wir integrieren die Tour de France und andere Rennen, wenn
diese es wollen, in einen anderen Rennkalender.
Die UCI würde dann aber ihrerseits an ihrem Projekt ProTour
weiterarbeiten", sagte McQuaid. Der UCI-Präsident betonte,
dass ein solcher doppelter Rennkalender nur
ein letzter Ausweg sein könne,
wenn es zu keiner Einigung mit den Organisatoren kommt.
"Wenn es dazu kommen sollte,
so wäre dies schädlich für den internationalen
Radsport", sagte er. Die
Doppellösung käme auf keinen Fall
bereits für 2006 in Betracht,
sagt McQuaid:
"Es wäre mit Sicherheit viel Arbeit,
ein solches Doppelsystem
einzuführen.
Man müsste sich auch überlegen, wie
sich das dann auf Dinge
wie die Auswahlen für Weltmeisterschaften und
Olympische Spiele usw.
auswirken würde. Es dauert sicherlich mindestens
ein Jahr, um einen anderen Modus
einzuführen."
"TV-Rechte gehören den Organisatoren"
McQuaid, der im September zum Nachfolger
des Niederländers Hein Verbruggen gewählt worden war,
gab derweil auch Friedenssignale Richtung
Tour de France-Organisatoren,
mit denen der UCI-Präsident nach
der Präsentation der nächsten
"Großen Schleife"
alle Gespräche abgebrochen hatte
aus Ärger über eine Rede von Amaury-Chef Patrice Clerc.
Die ASO behalte auch in der ProTour ihre besondere "Führungsrolle",
sagte McQuaid und adressierte gleich eine
der konkreten Sorgen der mächtigen Organisation:
"Bei der ASO denkt man, dass
die (ProTour-)Teams
künftig einen Anteil (am Verkauf der) TV-Rechte
beanspruchen könnten.
Das ist aber ein Irrtum,
denn ich denke, das ist
nicht notwendig für die Teams. Um
die Debatte zu beenden, würde ich sagen: Die
Position der ASO, der Eigentümerin
der Tour, dem Jahrhundertrennen,
ist einfach unzerstörbar ("indestructible").
Die kann man nicht in Frage stellen. In jedem Falle
müssen die TV-Rechte
den Organisatoren gehören."
"Persönlich" habe er "kein Problem"
mit Patrice Clerc (dem Präsident der ASO),
fügte McQuaid an.
"Wenn er mich anruft, werde ich ihm
antworten und wir
werden die Gespräche
fortsetzen, um eine gute Lösung
zu finden, um die Tour de France doch noch
in die ProTour zu integrieren.
Wenn aber alle auf ihren
Standpunkten beharren,
wird dies nicht möglich sein.
In jeder Verhandlung ist
es notwendig,
dass sich beide Parteien
bewegen."
Nach derzeitigem Stand wird die provisorische Lösung vom
Dezember 2004
auch im kommenden Jahr gültig sein.
Danach sind Tour de France sowie
auch Spanien-Rundfahrt und Giro d'Italia
zwar nicht Bestandteil
der ProTour, die ProTour-Teams
aber automatisch qualifiziert und
es werden auch ProTour-Punkte vergeben.
Die Tour de France-Organisatoren
weigern sich aber standhaft, diese Notlösung
auch nur als "Einigung" zu bezeichnen.
McQuaid für nachträgliche Dopingtests
In dem Interview mit La Provence erklärte McQuaid,
er sei grundsätzlich für die Zulassung von
nachträglichen Dopingtests, wenn
die nationalen Verbände dies
akzepierten. Im Fall Lance Armstrong
war eine Kontroverse um
nachträgliche Dopingtests entstanden,
nachdem die Sportzeitung L'Equipe
enthüllte, dass 1999 genommene
Dopingproben des Amerikaners letztes Jahr
nochmals analysiert wurden. Mit
einem seit 2001 zur Verfügung stehenden Verfahren war
künstliches EPO nachgewiesen worden
bei dem siebenfachen Toursieger.
Die jüngsten spektakulären Dopingfälle
Armstrong und Roberto Heras
kommentierte McQuaid, wenn
sie sich bestätigten, seien dies
ernste Fälle. Sie zeigten aber auch,
dass das Kontrollsystem effektiv funktioniere.
Druckversion
Artikel versenden
Feedback
28.10.05 ProTour: UCI bricht Gespräche mit der Tour ab
16.10.05 ProTour-Premiere: "Schwierigste Saison der Radsportgeschichte"
22.09.05 ProTour-Kalender bleibt unverändert
05.08.05 Streit um ProTour: Teams auf Konfrontationskurs zu Tour und Co.
02.08.05 Große Rundfahrten und die ProTour: Der Eiertanz geht weiter
07.03.05 Verbruggen: ProTour-Streit nur um Vermarktung
03.03.05 Tour de France schließt 22.Einladung nicht aus
03.03.05 ProTour: Neue Ära oder nur weiterer Versuch?
24.02.05 Kein Ende im Streit um die ProTour
15.02.05 Patrice Clerc: ProTour ein Phantom der UCI
31.01.05 Interview mit UCI-Präsident Verbruggen über die ProTour
31.01.05 Die Zukunft hat begonnen - Saison 2005 mit ProTour-Debüt
17.12.04 ProTour-Arbeitsgruppe: Fahrerverband will mitreden
13.12.04 ProTour-Teams akzeptieren strenge Doping-Regeln
01.12.04 ProTour: Die 27 Rennen
01.12.04 UCI-ProTour: "Einigung" mit großen Rundfahrten
30.11.04 Phonak bleibt von ProTour ausgeschlossen
30.11.04 ProTour: 19 Teams bekommen Lizenzen
14.10.04 "Konstruktives" Treffen von UCI und Organisatoren
10.10.04 ProTour-Ablehnung: Tour-Organisatoren wenden sich an Teams
07.10.04 Die letzten ProTour-Lizenzen vergeben
02.10.04 ProTour: Noch fast alle Fragen offen
01.10.04 ProTour schon 2005 mit 20 Teams
01.10.04 ProTour-Pressekonferenz verschoben
28.09.04 ProTour: Machtspiele zwischen "Diktator" und Monopolisten
27.09.04 Die großen Rundfahrten bilden Front gegen ProTour
25.09.04 Tour de France-Chef: "ProTour nicht akzeptabel"
25.09.04 Große Rundfahrten wollen nicht in die ProTour