Bonjour,
zum dritten Mal habe ich jetzt den Zielstrich auf den Champs Elysees passiert. Und dieser Moment ist jedes mal wieder ein beeindruckendes Erlebnis. Es ist Gänsehautfeeling pur, vor dieser gigantischen Zuscherkulisse acht Runden zu fahren. Nach dem Bummeltempo im Regen zu Beginn der Etappe war es hier zum Ende noch mal extrem schnell. Das Rennen zum Schluss tat richtig weh, denn ich bin körperlich ziemlich platt nach den 3600 Kilometern mit neuem Rekordtempo. Mein Fazit: Diese Tour war super aber gut, dass sie jetzt vorbei ist.
Mit meinem Abschneiden bin ich zufrieden. Ich habe viel probiert, viel attackiert und einmal ein Ausrufeszeichen setzen können. Feststellen muss ich, dass hier im Feld mit den besten Radrennfahrern der Welt die Leistungsdichte unheimlich hoch ist. Aber ich habe bewiesen, dass ich mich behaupten kann. Der 38. Platz geht in Ordnung. Meine Mannschaft ist mit sieben Fahrern im Ziel angekommen. Wir sind gut gefahren und haben uns auch heute wieder mit vielen Angriffen präsentiert. Ich glaube, das haben nur wenige dem jungen Team Domina Vacanze zugetraut.
Im Feld herrschte heute ein wenig sentimentale Stimmung. Auch mir war klar, mit dieser Schlussetappe der Tour 2005 ein Stück Sporthistorie live mitzuerleben. Mit seinem siebten Toursieg steigt Lance Armstrong vom Rad. Mit ihm hat ein Wasserträger wie ich ziemlich wenig zu tun gehabt. Man trifft sich mal am Start, sieht sich im Fahrerlager oder radelt ein paar Sekunden nebeneinander her. Das wars dann auch. Und Lance ist oft gut abgeschirmt. So bilden sich Vorurteile. Ich muss zugeben, auch zu denen gehört zu haben, die den Perfektionisten Lance Armstrong für unnahbar oder aus der Ferne - wenig sympathisch hielten. Doch in den letzten Tagen hat sich dieses Bild gewandelt. Im Feld war er schon lockerer drauf als früher. Und dann kamen diese fünf Minuten, die mir eine andere, neue Sicht auf Lance gestatteten. Für einen guten Zweck wollte ich ein Trikot mit dem Autogramm von Lance Armstong. Ich also rüber zum Discovery-Channel-Tross. Lance saß da im Kreis der Familie und mit Teamkollegen zusammen. Ich frage freundlich, erwarte eine nette kurze Antwort und ein paar Sekunden, um das Trikot zu signieren. Und was passiert? Lance lädt mich ein: Setzt dich doch ein paar Minuten zu uns! Wir haben uns unterhalten. Völlig natürlich der Typ, ganz cool drauf. Wenn man ihn in dieser halbwegs privaten Atmosphäre erlebt, kommt der Familienmensch richtig heraus. Ich war baff.
Was der Sportler Lance Armstrong drauf hat, hat er bei dieser Tour überdeutlich gezeigt. Ich erlebe ja direkt live mit, wie der Rad fährt. Und ich kanns offen gesagt gar nicht richtig beschreiben. Alles ist optimiert, er kontrolliert das Feld mit seinem Team. Aber wenn es drauf ankommt, dann tritt er selbst so drauf, dass du nur Staunen kannst. Dieser Mann ist in einer eigenen Liga gefahren. Und dann hört er auf dem Höhepunkt seiner Karriere auf - Respekt. Ich habe ihm heute auf dem Weg nach Paris gratuliert. Und auch wenn das so viele gemacht haben aus seinem Gesicht sprach echte Freude.
Am Ende dieser Tour möchte ich mich bedanken: Bei meinen Eltern, die mich zu meiner großen Freude hier heute in Paris besucht haben und ohne die ich nie ein so guter Radfahrer geworden wäre, bei meiner Freundin Melanie, die mit viel Kraft gibt, bei meinen Freunden und Fans, die immer an mich glauben, und bei meinen Sponsoren, ohne deren Unterstützung ich meinen Sport nicht ausüben könnte. Ein spezielles Dankeschön gilt zum Schluss meines Tourtagebuchs 2005 meinem Freund Alfred Harke von der medienfabrik Gütersloh, der wieder einmal drei Wochen lang meine Gedanken und Gefühle in Texte übersetzt hat.
Hoffentlich bis nächstes Jahr zur Tour de France 2006
Euer
Jörg Ludewig
20.Etappe
Batterie ist leer
Bonjour,
sollte mich dieses Ergebnis ärgern? 7:52 Minuten habe ich mir heute hier beim Einzelzeitfahren eingefangen. Ich entscheide mich: nicht ärgern. Ich muss nur anerkennen, dass die Cracks da vorne in einer ganz anderen Welt fahren. Die hauen auch am Ende einer Tour de France auf diesem bergigen Kurs noch einen 46er Schnitt im Kampf gegen die Uhr raus. Bei mir dagegen ist die Batterie inzwischen ziemlich leer. Immerhin habe ich heute mein Tempo gefunden und bin ohne Sturz durchgekommen. Im Gesamtklassement hat mich mein Teamkollege Maxim Iglinsky doch noch überholt. So bin ich 38. wie schon bei meiner Tourpremiere vor zwei Jahren. Immerhin bleibt auch der 37. Rang im Team.
Hier im gesamten Feld gibt es wohl niemanden, dem der arme Mickael Rasmussen heute nicht leid tut. Aber solche Tage gibt es, da hast du die Seuche an den Füßen: Stürze, Defekte und im Ziel deklassiert. Immerhin, Michael wird als Sieger des Bergtrikots in die Tourgeschichte eingehen. Für Ulle freut es mich, dass er den Podiumsplatz erreicht hat und dies eindrucksvoll auf sportlichem Wege. Auch bei einer sturzfreien Fahrt von Rasmussen hätte Jan mit diesem Auftritt den dritten Platz erobert.
Ich bin zwar müde, doch auf die morgige Ehrenfahrt nach Paris freue ich mich jetzt riesig. Sie wird einmal mehr das I-Tüpfelchen. Trotz aller Quälerei macht diese Tour Spaß aber es ist gut, dass jetzt Schluss ist.
Bis morgen
Euer
Jörg Ludewig
19.Etappe
Ein Bett im Bus

Foto: Roth
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Bonjour,
also heute wars noch mal richtig Männerradrennen. Und ich bin sooo platt. Die Sitzprobleme fangen an, ich habe Zahnschmerzen, mich plagt eine Zerrung im Gesäßmuskel, und heiser bin ich auch. So langsam die Substanz restlos aufgezehrt. Ich wiege jetzt nur noch 69 Kilo, meine Pulswerte sind im Eimer. Ich will nur noch nach Paris und dann nach Hause!
Heute steht nach dem Ziel wieder ein langer Transfer zum morgigen Startort Saint-Etienne auf dem Programm. Ich habe mir im Bus einer Reihe gesichert, hab mir Essen und Trinken besorgt und hier mein Bett eingerichtet. Im Moment geht es gar nicht vorwärts, weil im Megastau des Tourtross stehen. Aber das ist mir im Moment ziemlich egal. Der Bus ist klasse, und ob ich mich hier ausruhe oder in einem drittklassigen Hotel liege, Hauptsache ich kann mich erholen. Ich habs nötig! Aber wenn ich mich im Feld umschaue, dann hat jeder sein Päckchen zu tragen. Ich will mich ja nicht beklagen
Auf den ersten 20, 30 Kilometern habe ich heute wieder alles probiert und viele Attacken mitgefahren. Es hat nicht geklappt. Dabei habe ich wohl zu viele Körner rausgehauen. Jedenfalls war es anschließend eine totale Quälerei, im Peloton zu bleiben. Es war ein ständiges Bergauf und Bergab, kleine Straßen, mal rechts, mal links. Nachdem die Ausreißer weg waren, hat der Armstrong-Express wieder alles kontrolliert, aber heute gab es keinen Schongang. Die treten auch mit Tempo 35 nen Achtprozenter hoch, ohne mit der Wimper zu zucken. Meine Moral war dahin. Und ihr wisst ja: Wenn du Moral hast, tut dir nichts weh. Da rollst du die Hügel locker rauf. Ist die Stimmung im Keller, dann nervt alles und jede Kleinigkeit wird zum Problem. Es waren nur 150 Kilometer, aber die taten richtig weh. Der Zielstrich war eine echte Erlösung
Für den Sieger Beppe Guerini freut es mich. Wie er auf der Zielgeraden aus der Vierergruppe raus ist, war eine taktische Meisterleistung. Beppe ist der Typ loyaler Helfer und einer der Nettesten im Feld. Wenn du Durst hat und nichts mehr zu trinken, gibt der dir auch bei 40 Grad noch die Hälfte seiner Flasche ab. Die T-Mobiles sind ganz gut unterwegs. Jetzt müsste Ulle nur noch morgen den Sprung aufs Podium schaffen. Ich wünsche ihm, dass er ein super Einzelzeitfahren raushauen kann. Ich selbst will nur kontrolliert durchkommen, damit ich keine Zeit im Klassement verliere und genug Körner aufspare. Sonntag will ich die Schlussetappe genießen können und nicht leiden.
Die Tour ist bekanntlich ja ein Platz des Fahrerkarussells, das sich jetzt schon für die neue Saison dreht. Ich habe hier zwar Kontakte gepflegt, mich aber aufs Radrennen konzentriert und mit anderen Teams keine Verhandlungen angestoßen. Domina Vacanze hat Alessandro Petacchi verpflichtet, der mit mehreren anderen von Fassa Bortolo kommt. Das wird dem Team sicher gut tun und für eine weitere Professionalisierung sorgen. Auch ich spreche mit dem Team über meine Zukunft. So wie ich die Tour gefahren bin, ist sie ein gutes Argument. Mal sehen
Bis morgen
Euer
Jörg Ludewig
18.Etappe
Beine wie ausgewechselt
Bonjour,

Fotos: Roth
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meine Beine waren heute wie ausgewechselt, das Brennen in den Muskeln nicht mehr zu spüren. Die große erste Ausreißergruppe, in die ich mitgesprintet war, war leider die falsche. Ein Versuch zu früh. Es gibt immer so Mannschaften, die bei Attacken den Anschluss verschlafen und dann das Loch zufahren. Bei der dann erfolgreichen Attacke konnte ich leider nicht so richtig antreten. Die sind frisch von hinten richtig mit Druck an einer Welle aus dem Feld herausgestürmt. In dem Moment ging bei mir nichts. So war heute ein Tag bei guten Straßen und einer auszuhaltenden Durchschnittsgeschwindigkeit, den ich im Kalender nicht sonderlich markieren muss. Nur ganz zu Schluss, da gibt es wieder richtiges Radrennen. Na ja, kein Tourtag, ohne dass es mindestens einmal richtig weh tut. Oh Mann, wer hat diese Strecke ausgesucht? Wir sind seit 20 Tagen unterwegs, ich hab knapp 79 Stunden im Sattel verbracht und 3250 Kilometer in den Beinen. Und ganz zum Schluss mussten wir zum Ziel rauf wir einen knackigen Anstieg hochknechten, drei Kilometer bei zehn Prozent. Das nenn ich sehr selektiv. Jedenfalls hat es hier das Feld noch mal ordentlich auseinandergehauen, nachdem wir den größten Teil der Etappe friedlich gerollt waren.
Die morgige Etappe mit ihrem welligen, nicht so steilen Profil, schreit wieder nach Attacke bis zum Umfallen. Ich tippe mal, dass Lotto aber alles daran setzen wird, das Feld im Ziel zusammen zu halten. Robbie McEwen ist wohl der beste Sprinter. Und wenn er Thor Hushovd noch das grüne Trikot abjagen will, muss Lotto aktiv werden. Nur auf die letzte Etappe auf den Champs dElysees zu warten und dort alles auf eine Karte zu setzen, wäre ein sehr großes Risiko.
Bis morgen
Euer
Jörg Ludewig
17.Etappe
"Keine Reue"
Bonjour,
warum hat mir das gestern keiner gesagt? Heute lässt das Feld die Ausreißergruppe mit 22 Minuten Vorsprung ins Ziel ziehen. Uns saß dagegen gestern die ganze Zeit die Angst direkt im Nacken. Da hätte ich lieber auf heute gewartet ... Schluss mit den Gedankenspielchen. Ich hatte meinen großen Tag und bereue nichts!
In den Beinen hab ich schon deutlich gespürt, dass wir gestern mit den langen, schweren Anstiegen ein sehr hartes Profil bewältigen mussten und ich im Ziel richtig platt war. Die Nacht war auch nicht sehr erholsam, weil mein Zimmerkollege mit seiner Erkältung schnarcht, als wolle er hier alle Wälder absägen. Ich hab mir das Ohropax sogar noch mit zusätzlichem Klebeband über den Ohren festgeklebt. Hat trotzdem kaum geholfen.
Das Rennen war für mich heute absolut krass. Erst dachte ich, es geht noch. Mit der ersten Gruppe bin ich raus, mal antesten. Dann kam der Hügel. Ich war wie angeknockt! Leute, ich habe so den Anker geworfen und darum gebettelt, dass das Feld von hinten kommt und das Loch zufährt. Danke Rabobank, dass ich mein Flehen erhört habt. Im Feld konnte ich mich etwas verstecken und mitrollen. So schön der Ritt in der Spitzengruppe gestern auch war, mir hat es richtig die Schuhe ausgezogen. Ein Fahrer wie ich braucht wohl einen Tag länger, um das zu verarbeiten. Erst recht dankbar war ich, als dann schon bei 35 Kilometern die erfolgreiche Ausreißergruppe ging. Da hat das Feld hinten auf Schongang umgestellt. Wie ich sonst die längste Touretappe beendet hätte, möchte ich nicht wissen. Immerhin 240 Kilometer sind wir heute geradelt. Und dazwischen als Maßeinheit für meine Freunde in Ostwestfalen 40 mal so kleine Hügel wie der Peter aufm Berge zwischen Steinhagen und Bielefeld. Das tut schon ordentlich weh.
Alle wichtigen Teams hatten Fahrer in der Ausreißgruppe. Und keiner von denen stellte für die Klassementfahrer eine Gefahr da. Die hat man einfach fahren lassen. Mann, das ist wie ein Sechser im Lotto. Da kann man mal sehen, wie das Ausreißer-Geschäft von Zufällen abhängt. Hätte uns das nicht gestern auch so passieren können ohne einen Top-Ten-Mann als Störfaktor? Allerdings: Drauftreten mussten die Ausreißer heute auch ganz ordentlich. Wir hatten zum Glück Andriy GRIVKO dabei, der mit seiner Attacke sogar dann die finale Spitzengruppe formierte. Er wurde Fünfter im Ziel, ein klasse Ergebnis für einen Neoprofi. Toll für uns Domina Vacanzes: Jetzt haben wir viermal hintereinander unser Trikot in Spitzengruppen gezeigt.
Morgen folgt eine ähnliche Etappe mit lauter kleinen Hügel drin. Das schreit förmlich nach Attacken ohne Ende und einer Ausreißergruppe. Ich hoffe, dass meine Beine sich noch mal deutlich besser erholen. Denn wenn da jemand zum richtigen Radrennen bläst, will ich mich nicht abhängen lassen. Immerhin konnte ich mich auch heute mit schweren Beinen achtbar schlagen. Selbst nach der Tempoverschärfung des Pelotons vor dem Ziel war ich nur eine Minute hinter dem Gelben Trikot.
Richtig leid tut es mir für Andreas Klöden. Nachdem seine Kritiker ihn vor der Tour schon abgeschrieben hatten, hat er hier eine saubere Leistung gezeigt. Dann der Sturz. Da sieht man: Du fährst hier im Feld immer Risiko. Ein solcher Bruch in der Hand ist für einen Radfahrer ziemlich ekelig. Denn wir treten nicht nur mit den Beinen und Füßen, wenns richtig hart wird, arbeiten wird auch stark mit Oberkörper und Armen. Wenn du da nicht am Lenker voll zupacken und ziehen kannst, hast du keine Chance. Gute Besserung Andreas!
Ich richte meinen Blick langsam nach vorne. Hier bei der Tour werde ich Paris wohl erreichen, wenn ich gesund und vom Sturzpech verschont bleibe. Nach diesen drei Wochen Schinderei ist der Körper leistungsfähiger denn je so absurd das klingt. Ich habe hier am Ruhetag einen 35er Schnitt mit 110-er Pulsfrequenz gefahren. Du kämpfst dich hier auf ein ganz anderes Niveau hoch, das du mit Training allein nie erreichen würdest. Der Körper ist richtig mager. Du hast die Schmerzgrenze total nach oben verschoben. Nach der Tour werde ich etliche Rundstreckenrennen bestreiten. Das macht mir Spaß, weil ich da mit ganz vielen Radsportfans in Kontakt komme. Ich werde es aber nicht übertreiben. Denn zweieinhalb Wochen nach unserer Ankunft in Paris steht die Deutschlandtour auf dem Programm. Wer gut aus der Tour de France geht und die Zwischenzeit für aktive Erholung nutzt, sollte optimal vorbereitet sein für die Deutschlandtour. Wegen der harten Bergetappen werde ich im Gesamtklassement nichts reißen können, aber nen Knaller sollte ich eigentlich mal raushauen können. Auch wenn es am nächsten Tag etwas weher tut. So und jetzt freue ich mich auf meine Massage, eine Stunde durchkneten lassen, dann gut essen und ab ins Bett ...
Bis morgen
Euer
Jörg Ludewig
16.Etappe
Ein unvergesslicher Ritt
Bonjour,

Fotos: Roth
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diese Etappe werde ich in meinem ganzen Leben nie vergessen. Jeden Tag bei dieser Tour habe ich es probiert, gehofft und gefleht, die richtige Ausreißergruppe zu erwischen. Und heute hat es funktioniert! Dritte Tourteilnahme und erstmals unter den ersten Zehn einer Etappe. Das ist der Hammer.
Es war Zufall, dass ich ausgerechnet an dieser Gruppe dran war. Vorher hatte Iglinski aus unserer Mannschaft eine Attacke mitgefahren, erfolglos. Dann ging bei Kilometer 26 wieder die Post ab. Eine große Gruppe springt aus dem Feld, ich gehe mit, halte den Abschluss. In diesem Moment denkst du nicht viel. Du kannst nur so viel Druck aufs Pedal bringen wie du kannst. Sind die Beine gut? Ja! Du schöpfst Hoffnung. 30 Sekunden Vorsprung vor dem Feld. Ein schneller Blick zurück. Wir setzen uns ab. Ein Blick in die Runde. Wer ist noch dabei. Du sortierst, taxierst die eigenen Chancen. Weil ich heute den Transponder für die Übertragung meiner Pulswerte und Geschwindigkeit im ZDF dabei habe, musste ich aufs Teamradio verzichten. Ich bekomme also keine direkten Ansagen über unseren Vorsprung. Aber in der Gruppe ist es wie ein Teamzeitfahren. Da wird geteilt: Die Information über Zeitvorsprung und das Verhalten des Feldes ebenso wie Essen und Getränke.
Eine solche Ausreißergruppe ist eine Allianz auf Zeit. Sie muss harmonieren, sonst hat sie keine Chance vor dem Feld. Doch das Bündnis hält nur so lange, wie du keine Schwäche zeigst. Wer dem Tempo nicht folgen kann, ist raus. Ich fühle mich gut. Meine Moral ist toll. Der Ruhetag hat mir richtig Kraft gegeben. Cadel Evans ist eine echte Gefahr für unsere Gruppe, so blöd das klingt. Er ist zu gut im Gesamtklassement, die anderen Teams würden ihn als Konkurrenzen für die Top-Ten-Fahrer nie in Ruhe lassen. Also wird im Renntempo verhandelt. Ohne uns andere Fahrer ist Evans aufgeschmissen. Ich würde zwar heulen, jetzt die Beine hoch zu nehmen, aber das Drohpotenzial wirkt. Es kommt der Nicht-Angriffs-Pakt zustande. Wir alle fahren für und mit Evans, bringen ihn nach vorne. Dafür hält er die Gruppe zusammen und lässt uns um den Sieg sprinten wenn wir es denn ins Ziel schaffen.
Der Pakt funktioniert. Der Vorsprung steigt. Nie so komfortabel, dass die Gefahr gebannt wäre, vom Feld noch eingeholt zu werden. Du zählst also Kilometer um Kilometer zurück. An den ersten beiden Bergen nehme ich nebenher 28 Punkte fürs Bergtrikot mit. Vor dem Anstieg zum Col dAubisque sind wir sieben Minuten vor dem Feld. Dieser Anstieg mit 16 Kilometer und sieben Prozent Steigung rauf zur höchsten Wertung ist heute unser Schicksalsberg. Evans attackiert plötzlich von hinten. Klar er ist der Stärkste unserer Gruppe und kann das. Aber bricht man so Zusagen? Es sprengt unsere Gruppe auseinander. Ich kann nicht mitgehen, oben liege ich eineinhalb Minuten zurück, andere noch mehr. Auf der Abfahrt noch herankommen? Leute: Ich möchte zwar gerne eine Etappe gewinnen, aber ich werde dafür nicht mein Leben riskieren. Die Abfahrt ist extrem gefährlich, weil in vielen Kurven Schotter liegt. Allein oder dann mit Serrano ist kein Herankommen nach vorne. Bevor du dann unnötig Körner verbrennst, lässt du dich lieber in die größere Verfolgergruppe zurückfallen. Hier kannst du ein bisschen mit der Kraft haushalten.
Die Angst, sprich das Feld um die Top Ten, sitzt uns im Nacken. Für Cadel Evans, der zwei Minuten vor uns das Tempo mit den drei anderen hoch hält, finden wir hier hinten gerade keine netten Worte. Immer neue Nachrichten aus dem Feld: Die T-Mobiles und Gerolsteiner in der Nachführarbeit, um Evans Vorsprung zu minimieren und die Plätze der eigenen Fahrer zu sichern. Die Kilometer ticken runter. Der Vorsprung schmilzt langsamer als befürchtet. Der letzte kleine Hügel schmerzt ohne Ende, weil Philippe GILBERT antritt. Was machen die anderen? Bevor die dich jetzt hier stehen lassen, gehst du lieber selbst raus aus dem Sattel, hinterher, es tut weh. Hat nichts gebracht, unser Oktett ist wieder zusammen. Ich sehne den roten Teufelslappen herbei wie noch nie. Den letzten Kilometer wird uns das Feld auch nicht mehr fangen. Und dann wird angetreten. Hallo!? Wir sind heute schon 154 Kilometer vor dem Feld gefahren und haben 2826 Kilometer Tour 2005 in den Beinen. Und hier wird jetzt gesprintet. Der Puls springt in den roten Bereich, der Zielstrich ist die Erlösung. Emotion pur. Ich bin fix und fertig. Ich bin böse auf Evans. Ich bin glücklich.
Vor allem freue ich mich, dass ich mal meinen Eltern, meiner Freundin, meinen Fans und vor allem auch meinen Sponsoren einen solchen Erfolg widmen und damit etwas für ihre lange Unterstützung zurückgeben kann. Am Montag nächster Woche bin ich abends beispielsweise bei der Sparkasse in Gütersloh zu Gast. Ich nenn das wie es meine flapsige Art ist gern Jörgs Märchenstunde, aber ich freue mich auf den Event, bei dem Tourfeeling live rüberkommen wird. Nicht nur mit dem heutigen Tag gibt es ja genug zu erzählen.
Bis morgen
Euer
Jörg Ludewig
Zweiter Ruhetag
Ruhe vor dem (letzten) Sturm
Bonjour,
so schmeckt Heimat! Wir sitzen gerade in der Bar unseres Hotels, trinken Café au lait und mampfen dazu Mutters Müsliriegel. Meine Mutter Erika hat ein Spezialrezept und weiß, wie gern ich die Dinger esse. Als sie vorgestern erfuhr, dass meine Freundin Melanie mich besuchen wird, hat sie schnell noch ein Blech gebacken. Noch wichtiger als die Power in diesen Riegeln ist in diesem Moment der moralische Effekt. Und der Ruhetag gibt mir Gelegenheit, diesen Besuch zu genießen.
Meine Tour 2005 läuft gut fehlt eigentlich nur das I-Tüpfelchen. Genau dafür habe ich mich auch heute ein bisschen geschunden. Und Glück habe ich gehabt. Ich bin früh raus und trocken geblieben, die Kollegen, die am Vormittag ein bisschen rumgetrödelt haben, haben ein Regenschauer erwischt. Zweieinhalb Stunden habe ich auf dem Rad trainiert zügig und hart. Denn ich weiß, dass die morgige Etappe mit der einen HC-Bergwertung und vor allem den anderen Hügeln besonders hart werden kann, wenn das Feld weiter seinen Geschwindigkeitsrekord ausbauen will. Noch mal ein echter Prüfstein auf dem Weg nach Paris. Schon krass, wie hier reingehalten wird. In diesem Sturm wird die Luft für jemanden wie mich schon dünn, Überschussgeschwindigkeit für einen Ausreißversuch aufzubauen.
Wenns nicht klappt, liegts am Kopf oder an den Beinen jedenfalls nicht am Material. Die Colnago-Rahmen sind leicht und stabil, das Shimano-Equipment gehört zum Standard im Feld. Vier Mechaniker betreuen unsere Räder. Diese Jungs leisten schon eine tolle Arbeit. Die Räder sehen jeden morgen am Start aus wie frisch aus dem Laden. Alles sauber, kontrolliert und eingestellt, bei Bedarf mit neuen Reifen und neuem Lenkerband. Man darf nicht vergessen, mit welchen Geschwindigkeiten wir hier teilweise die Berge runternageln. Da hängt auch unser Leben von der Arbeit unserer Mechaniker ab. Sie sind hinter den Kulissen der Tour unverzichtbar. An dieser Stelle ein dickes Dankeschön.
Die Dienstag-Etappe wird vom ZDF übertragen. Ich trage wieder einen Transponder, der die Werte meiner Polar-Pulsuhr überträgt, damit die Fernsehrzuschauer sehen können, wie ich mich quäle oder gerade mal nicht. Heute hat der Sender einen zehnminütigen Beitrag gedreht, in dem die Funktion erklärt wird. Für mich ist jedenfalls die Herzfrequenz ein Messpunkt meiner verbliebnen Fitness. Im Trainingsaufbau ist es unverzichtbar. Aber auch hier im Rennen hilft mir dieser Drehzahlmesser, meinen Körper nicht zu überfordern.
Sehr gut reagiert mein Körper auf die Massagen. Ich genieße das. Glück habe ich, dass die anderen Fahrer, mit denen ich meinen Masseur teilen muss, nicht mehr dabei sind. So hat er mehr Zeit für mich. Das war gestern und heute auch notwendig. Denn einmal im Jahr erwischt mich eine Blockade im Lendenwirbelbereich. Ausgerechnet gestern war es so weit. Ziemlich schmerzhafte Angelegenheit. Die passende Massage kann die Blockade beenden. Die Schmerzen sind zwar noch da, aber auf dem Rad habe ich heute keine Einschränkungen gespürt. Ich hoffe, dass ich auch morgen Gas geben kann. Nach der Etappe weiß ich mehr ...
Bis morgen
Euer
Jörg Ludewig
15.Etappe
Gut durch die Hölle gekommen

Foto: Roth
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Bonjour,
Glück gehabt! Um Haaresbreite wäre heute die Tour für mich beendet gewesen. Wir tragen ja Helme mit großen Luftöffnungen. Sonst würden wir auch nen Hitzeschlag bekommen. Schlecht ist es nur, wenn dir irgendein Insekt da hinein fliegt. Heute habe ich so was unterm Helm gespürt. Also mal den Helm abnehmen, mit den Händen durch die Haare. Helm wieder auf. Hoffen, dass alles o.k. ist. Und weiterfahren. Erst beim Haare waschen unter der Dusche habe ich dann die Wespe entdeckt. Ein echter Schreck: Denn ich bin gegen Wespenstiche allergisch, bekomme dann einen Schock und hohes Fieber. Gut, dass ausgerechnet dieses Insekt nicht zugestochen hat.
Mann, heute war echt die Hölle. 202 Kilometer mit den Anstiegen. Das war echt voll am Anschlag bei mir. Meine Beine waren gut. Ich habe am Anfang mit attackiert. Aber die richtige Gruppe habe ich wieder nicht erwischt. Da sprintest du mit raus und schaust, wer mit dir unterwegs ist. Dann sieht du: Jörg Jaksche und Santiago Botero dabei. Die lassen sie nie fahren. Wieder nichts! Die nächste Attacke ist dann mein Teamkollege Alessandro BERTOLINI mitgegangen. Und diese Gruppe hat es geschafft. Für unsere Mannschaft und unseren Sponsor Domina Vacanze war es wieder toll, unser Trikot vorne dabei zu haben. Dass Alessandro am letzten Anstieg nicht mehr mithalten konnte, muss man akzeptieren. Aber er hat toll gekämpft.
Ich selbst bin heute mein Tempo gefahren und gut durchgekommen. Vor dem letzten Anstieg war ich sogar noch mal dran an der Gruppe um Armstrong, Basso, Ulle und den anderen. Da war ich richtig weit vorne, aber dann treten die an. Mein Problem ist, dass die Berge hier gleich ganz steil beginnen. Acht oder neun Prozent, ohne dass du einen etwas flacheren Anfang hast. Ich kann mich da nicht gut auf die Steigung einstellen. Ich kann nicht so explosiv in einen Berg rein, sondern muss bei meinem Rhythmus bleiben schon um nicht die Muskeln zu übersäuern. Mit meinem Takt bin ich aber sauber ins Ziel gekommen. Der 35. Platz mit nur 15 Minuten zum Sieger ist echt ordentlich.
Morgen am Ruhetag werde ich mindestens drei Stunden trainieren. Beine und Kopf müssen im Tourtrott bleiben. Dienstag dann haben wir nämlich wieder ein ganz ekeliges Streckenprofil. Das sind mit Ausnahme der HC-Wertung keine richtigen Berge mehr, aber wie ich das Feld hier kenne, werden die in diesem Jahr mit Vollgas über die Hügel drüber gehen. Wer da zu viel Ruhe am Ruhetag nimmt, wir böse erwachen.
Moralisch baut mich auch der Besuch aus der Heimat wieder auf. Mein Freund Andreas Stahlberg vom Schlosshof macht ja nur drei Tag Urlaub im Jahr. Und die widmet er wieder mir. Ich habe gestern Abend mit ihm telefoniert. Er hat wohl gemerkt, dass ich Beistand brauchen kann. Also hat er sich spontan ins Auto gesetzt, meine Freundin Melanie eingepackt und ist hier nach Südfrankreich gekommen. Mann, das macht glücklich und gibt Kraft.
Bis morgen
Euer
Jörg Ludewig
14.Etappe
"Ich liebe die Fans"
Bonjour,
ich liebe die Radsportfans. Doch manchmal wird diese Liebe auch auf eine harte Probe gestellt. Heute am Port de Pailhères stand eine Kolonie von Euskaltel-Fans. Die erkennst du schnell am Orange. Ich jedenfalls kämpf mich den Berg hoch, pralle Sonne, gefühlte Temperatur bestimmt 40 Grad. Ich gucke gerade auf meine Polar Pulsuhr, 158 Schläge. Da trifft mich ein echter Schock! Kippt mir doch so ein gestörter Verrückter eine Mischung aus Wasser und Eiswürfeln über den Kopf. Könnt ihr euch das vorstellen? Im ersten Moment ringe ich nach Luft, der Herzschlag schnellt auf 170 hoch. Junge, ich weiß, du willst mir ja nur helfen und mich ein wenig abkühlen. Das nächste Mal aber bitte nicht ganz so eiskalt! Auch die Leute, die unbedingt neben einem herlaufen müssen, dich vielleicht sogar schieben wollen, sind ein bisschen neben der Spur. Das ist echt gefährlich. Ansonsten sind Fans eine tolle Sache. Sie feuern dich an, da weißt du, weshalb du dich quälst. Auch hier in den Pyrenäen sind wieder Leute aus der Heimat. Und die erkennen mich sogar im Feld, feuern mich ganz persönlich an. Irre! Danke!
Komisch. Wir haben jetzt die schwerste Phase der Tour. Und ausgerechnet hier macht es mir wieder richtig Spaß. Wir haben heute eine sehr gute Mannschaftsleistung gebracht. Andriy GRIVKO hat gezeigt, dass er nicht von ungefähr ukrainischer Zeitfahrmeister geworden ist. Der Junge hatte heute richtig Mumm. Wie der ein 200-Meter- Loch zur Spitzengruppe zugefahren hat, war echt wahnsinnig. Unser Mann hat das bunte Domina- Vacanze- Trikot in der Ausreißergruppe gezeigt, da freut sich auch der Sponsor. Ich selbst habe mich gut gefühlt meine Arbeit vorbildlich gemacht. Maxim IGLINSKIY liegt bei den jungen Fahrern auf Platz drei, ihn unterstütze ich nach Kräften, bin halt mal Wasserträger für den Neoprofi. Die Geschwindigkeiten sind hier nicht ganz so hoch, das liegt am rauen Asphalt. Der Belag ist echt eklig und zieht dir die Körner aus den Beinen. Tut richtig weh. Um hier Mitte 40 zu fahren, musst du reinhauen, damit fährst du zu Hause auf unseren schön glatten Straßen auch 50. Meine Ausreißversuche waren wieder nicht von Erfolg gekrönt. Wenn eine Gruppe geht und zusätzlich antritt, machen die Jungs einen solchen Druck auf dem Pedal, da sehe ich momentan kein Land. Hier sind so viele Top-Fahrer, die im Gesamtklassement nichts mehr reißen können und deshalb an einem Tag mit super Beinen ihr Ding raushauen.
So wie heute Georg Totschnig. Ein Riesenritt, den er da hingelegt hat. Da zeigt sich der echte Champion. Andere, die im Klassement abgehängt sind, steigen ab oder rollen hinterher. Und Georg fährt fast die gesamte Etappe vorne, hängte alle Mitausreißer ab. Das tut dem deutschen Radsport ganz gut. Georg ist ja fast eingebürgert bei uns. Und Gerolsteiner kann man nur zum ersten Tour-Etappensieg gratulieren. Allerdings muss Georg sicher ne Runde schmeißen wahrscheinlich wirds aber nur Gerolsteiner Wasser. Hat er doch glatt vergessen, vor dem Überfahren des Zielstrichs das Trikot zuzumachen, damit der Sponsorschriftzug voll zur Geltung kommt. Aber da kannst du mal sehen, wie ergriffen und fertig er in diesem Moment sicherlich war
Meinen Radhelm ziehe ich auch vor den T-Mobiles. Sie geben nicht auf und haben heute alles probiert. Die ein oder andere taktische Variante von denen habe ich nicht so ganz verstanden. Aber es war schon klasse, wie die als Mannschaft das Feld auseinander gefahren haben, alle Achtung. Auch wenn es heute für Ulle nicht ganz gereicht hat, er und seine Mannschaft zeigen tolle Moral. Ich schätze mal, es war nicht der letzte Angriff. Aber so wie es in Deutschland eine Regulierungsbehörde fürs Telefongeschäft gibt, gibts hier bei der Tour eine einzige Regulierungsinstanz für die Platzierung und die heißt Lance Armstrong. Wenn der nicht selbst Schwäche zeigt, kommt keiner an ihm vorbei.
Trotz der Berge und 220 Kilometer Länge war die heutige Etappe erfreulich. Dass ich mir als 37. nur zwölf Minuten eingefangen habe, war o.k. Aber morgen wird die Hölle: Wieder über 200 Kilometer, vier Berge der ersten Kategorie und zum Schluss ein Zehn-Kilometer-Anstieg der höchsten Kategorie rauf nach SAINT-LARY-SOULAN. Mal abwarten, wie meine Beine sind. Wenns geht, werde ich weiter Attacken probieren und hoffen, dass ich ordentlich im Ziel ankomme. Morgen ist ein wichtiger Tag: Wer den übersteht, sollte in Paris ankommen!
Bis morgen
Euer
Jörg Ludewig
13.Etappe
Berufsgruppe mit sitzender Tätigkeit
Bonjour,
Sprüche musst du dir im Fahrerfeld hier eigentlich immer anhören. Na ja, ich bin bekanntlich ja auch nicht auf den Mund gefallen. Und so kann ich das auch ganz gut vertragen, wenn Kollegen mal einen Kommentar raushauen. So wie heute Matthias Kessler: Hej Jörg, wofür wirst du eigentlich bezahlt? fragt der mich, als ich mal wieder fast verzweifelt eine meiner vielen Attacken erfolglos beenden musste.

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Besonderes Honorar krieg ich nicht, aber für meine Moral ist es wichtig, nicht aufzugeben. Aber auch heute war das Renntempo im Feld so hoch, dass die Gruppe letztlich nicht erfolgreich war. Da kann ich nur dankbar sein, es nicht geschafft zu haben. Denn diese Körner, die du brauchst, um vorne vor dem Feld zu fahren, setze ich lieber an den nächsten beiden Tagen ein, um gut über die Berge zu kommen. Meine Beine sind noch einigermaßen passabel. Aber jetzt kommen die Berge mit neun und zehn Prozent. Angst hab ich nicht, aber gehörigen Respekt. Einen Tag auf einer solchen Etappe ein bisschen überdrehen und schon kann der nächste Tag dein letzter im Feld sein. Übrigens: Mich freut es, dass sich Frösi Förster wieder gefangen hat. Vielleicht haben meine gestrigen guten Wünsche geholfen, jedenfalls hat er heute als Siebter beim Sprint wieder gut mitgehalten.
Die ersten Verschleißerscheinungen an meinem Körper sind immer weniger zu übersehen wie bei den meisten hier. Das zeigen auch meine aktuellen Gesundheitswerte: 33 Ruhepuls, ca. 176 als Maximalpuls. Das sind 20 Schläge weniger als vor der Tour. Ab Herzfrequenz 160 schmerzen schon die Beine, ist echt krass. Mit diesem Puls fährst du im Winter Trainingsrunden und unterhältst dich dabei noch locker. 2,3 Kilo habe ich hier in Frankreich schon auf der Strecke gelassen. Die Waage zeigte heute Morgen 72,2 Kilo, Und obwohl wir den Flüssigkeitsverlust schon während des Rennens mit Getränken weitgehend kompensieren, war es im Ziel nochmal ein knappes Kilo weniger. Bei meinen 1,84 Größe seh ich bald schon wieder aus wie ein Hungerleider.
Und dann sollst du auch noch eine gute Figur machen. Kaum im Ziel und unter der Minutendusche weg, ist jeden Tag Stress angesagt. Ich bin ein sehr kommunikativer Mensch und freue mich über das Interesse der Medien. Schließlich leben wir Radprofis auch ein Stück davon, dass unser Sport und wir so viel Popularität genießen. Jeden Tag gibt es irgendwo Interviews oder Pressetermine. Heute müssen wir als Team zu France 2, die jeden Tag eine Mannschaft der Tour vorstellen. Im Studio kommt mir zugute, dass ich im Radzirkus auch Französisch gelernt habe na ja, zumindest wichtige Grundlagen, um mich einfach zu verständigen. Mein Teamkollege Alessandro Bertolini spricht noch besser Französisch, richtig fließend. Muss der halt mehr erzählen
Dann geht es ins Hotel zur wohltuenden Massage, zum Essen und dann endlich zum Schlafen. Ich versuche hier, auf mindestens acht, neun Stunden Bettruhe zu kommen, sonst verlierst du zu viel Substanz. Bislang jedenfalls bin ich noch gar nicht dazu gekommen, abends im Bett zu lesen. Die mitgebrachten Bücher sind von Tag zu Tag weiter nach unten im Koffer gewandert. Einfach keine Zeit und keine Ruhe.
Bis morgen
Euer
Jörg Ludewig
12.Etappe
Der Teamchef ist weg
Bonjour,
so langsam beginnt das Rechnen : Die Hälfte der Renntage haben wir hinter uns. 2000 der 3600 Kilometer sind absolviert. Und im Restprogramm gibt es noch das Zeitfahren und die Finaletappe bis zu den Champs Elysées, wo du relativ leicht mitrollen kannst. In der Batterieanzeige meines Körpers wandert die Nadel aus dem grünen Bereich so langsam Richtung Orange. Das ist ganz normal und geht auch anderen so.
Meine Beine sind gut und im Kopf ist der Hebel noch immer auf Motivation umgelegt. Wenn ich mir keine Erkältung einfange oder böse stürze, werde ich in Paris ankommen. Aber das ist mir eigentlich zu wenig. Ich will mal auf einer Etappe richtig glänzen. Auch heute hab ich mir richtig Mühe gegeben. Ich war von Anfang an vorne und habe gelauert. Ich habe immer die Franzosen beschattet, denn die sind an ihrem Nationalfeiertag bekanntlich besonders unter Strom. Zehn oder zwölf Mal bin ich in Attacken mitgegangen. Und dann habe ich die richtige Gruppe wieder mal verpasst. Ich habe das Gefühl, es ist wie Lotto zwar nicht der Sechser, aber mindestens ein Fünfer, wenn du mit deinem Antritt richtig liegst. Mithalten könnte ich wohl. Stephan Schreck jedenfalls hat sich heute vorne gute verkaufen können. Anerkennung!
Im Moment zeigt sich, dass unser Team mit den vielen jungen Fahrern noch nicht so gute Substanz mitbringt. Andere haben vier oder fünf Mann, die sich bei Attacken abwechseln. Wir probieren das zu zweit. Klar, dass du da keine 60 Ausreißversuche in einer Rennstunde verfolgen kannst. Nach unserem Kapitän Honchar musste nun auch noch unser Sprinter Angelo Furlan die Tour vorzeitig beenden. Umso mehr müssen wir jetzt Einzelaktionen probieren. Hoffentlich kann sich unser Team dazu nochmal richtig motivieren. Wir werden das von uns aus schaffen müssen, denn Teamchef Gianluigi Stanga ist heute abgereist, was nicht gerade zur Moral beiträgt. Aber meine Kollegen hängen sich rein. Ich weiß noch, wie ich im ersten Jahr gelitten habe und mich quälen musste. Sie machen das Gleiche durch. Allerdings habe ich damals in meinem Team noch mehr Wasserträgeraufgaben leisten müssen.
Quälerei ist ein richtiges Stichwort. Viele Sprinter bringen bewundernswerte Energie auf, um nur nicht wegen Zeitüberschreitung aus dem Feld zu fliegen. Mein Kumpel Robert Förster ist so ein Fall. Der hat zwei echte Hausnummern schon hinter sich. Ich wünsche ihm, dass die guten Beine wiederkommen und er dann die deutsche Sprinterfahne nochmal hochhalten kann.
Aber das ist schon der Hammer, wie hier mit 2000 Kilometer in den Beinen jeden Tag wieder richtig Radrennen gefahren wird. Heute hatten wir in der ersten Rennstunde einen 50er Schnitt. Dann drücken die hier die Berge bei drei und mehr Prozent mit 40 km/h hoch. Und selbst wenn eine Gruppe weg ist, wird es hinten nicht ruhiger. Nach Boonens Verletzung wird es ums Grüne Trikot richtig spannend. Wir haben das heute gemerkt. HUSHOVD und OGRADY waren in der Ausreißergruppe, MC EWEN nicht. Da hat Lotto alles versucht, das Loch zuzufahren. Die waren mit Tempo 60 an der Spitze des Feldes bis sie eingesehen haben, dass der Zug abgefahren war. Immerhin : Es freut mich für David MONCOUTIE, das ist ein echt netter Kollege, und der ist heute mit seinem Sieg am Nationalfeiertag so was wie ein Nationalheld.
Für die ostwestfälische Heimat scheint auch ein Jörg Ludewig ein zumindest kleiner Held zu sein. Beim Fahren im Feld bis du oft so konzentriert, dass du die Straße oder die Zuschauer gar nicht bewusst wahrnimmst. Und doch gibt es immer wieder so Momente: Da steht mitten in Frankreich ein fettes »Go Jörg« auf der Straße. Oder am Rand entdeckst du ein Schild mit »Steinhagen grüßt Jörg«. Danke Leute. Das baut auf. Im Radzirkus gibt es viele dieser begeisterten Fans mit ihrer positiven Verrücktheit. Heute bekam ich Besuch aus Australien! Stellt euch das mal vor. Freunde, die ich vor zweieinhalb Jahren kennen lernte, als ich bei der »Tour Down Under« ganz gut unterwegs war. Sie sind jetzt in Frankreich. Könnt Ihr euch die Überraschung vorstellen. Leute, für solche Freunde lohnt es sich, hier voll zu powern und alles zu geben.
Bis morgen
Euer
Jörg Ludewig
11.Etappe
"Tag zum Vergessen"
Bonjour,
am liebsten würde ich das Tourtagebuch heute ausfallen lassen, denn diesen Tag will ich so schnell wie möglich vergessen. So ein blöder Stein auf der Straße! Vom Start aus ging es heute munter bergab. Da rollst du locker auch mal mit 70. Natürlich hast du keinen Blick nach vorn. Aber wozu auch. Einfach dem Feld folgen. Denkste! Da liegt nämlich dieser Stein. Und ausgerechnet ich muss ihn treffen. Das knallt zweimal ordentlich! Glück gehabt, dass ich nicht stürze. Aber Vorder- und Hinterreifen sind platt. Schlangenbiss nennt man die beiden kleinen Löcher, wenn der Schlauch auf die Felge durchschlägt. Dann stehts du da, und die Zeit bis der Materialwagen kommt, erscheint dir endlos. Die neuen Laufräder zu montieren dauert Sekunden. Insgesamt hast du aber zwei Minuten Rückstand zum Feld. Und ein Ludewig ist nicht der Star, der mit Teamunterstützung wieder ans Feld herangeführt wird.
Also muss ich das Loch allein zufahren. Selbst den Windschatten der Teamfahrzeuge, der mir bei Gegenwind so hätte helfen können, gönnt mir die Tour heute nicht. Also Anschlag, ran ans Feld. Erst einmal durchschnaufen. Genau in dieser Minute geht vorne die Post ab. Und meine Beine haben in dem Moment nicht die PS, um mitzugehen. Nachdem ich gestern sehr kontrolliert und gut in meinem Rhythmus über die Berge gekommen war, bin ich abgehängt. Einmal abgehängt, immer abgehängt. In der Gruppe fand sich niemand, der das Tempo höher halten wollte. Im Gegenteil. Vor dem Galibier wurden kollektiv die Beine hoch genommen. Der Rückstand auf die Spitze wuchs Minute um Minute, im Ziel 31. Minuten zurück. Ich schiebe Frust. Gestern gut platziert und im Gesamtklassement nach vorn gesprungen, heute wieder abgesackt. Aber wer weiß, wozu es gut ist. Wenigstens habe ich Körner gespart, die ich vielleicht an einem anderen Tag besser einsetzen kann.
Bis morgen
Euer
Jörg Ludewig
10.Etappe
"Sprudelbad und Kalorien bunkern"
Bonjour,
der pure Luxus: Heute haben wir ein Super-Hotel erwischt. Nach der Quälerei über die beiden Alpenbergwertungen tut das richtig gut. Oben im Ziel auf 2000 Meter wars lausig kalt. Die Stars fliegen mit dem Helikopter ins Hotel. Wir anderen rollen auf dem Rad den Berg runter. Das Hotel ist jeden Abend eine neue Überraschung. Wir haben die Bandbreite vom Typ Jugendherberge bis zum echten Luxus so wie heute. Vom Berg habe ich einen atemberaubenden Blick aufs Alpenpanorama. Im Badezimmer könntest Du problemlos Minigolf spielen. Ich liege in der riesigen Dreiecksbadewanne und lass mir vom Sprudelbad die müden Muskeln entspannen bevor es dann gleich zur Massage geht. So lässt es sich aushalten nach einem harten Arbeitstag.
Ich wäre mit Sicherheit nicht so gut im Ziel angekommen, wenn mich nicht so viele andere Teams heute unterstützt hätten. Wir hatten einen Unfall mit dem Teamfahrzeug. Und plötzlich war niemand mehr da, der mir vorne Flaschen oder was zu essen hätte geben können. Da musste ich mich bei den anderen Teams durchschnorren. Ich hab von Mario Kummer Flaschen der T-Mobiles bekommen, am Phonak-Wagen und bei Bouygues Telecom gabs auch Getränke. Ein ehemaliger Teamkollege von Lampre-Caffita und Illes Balears haben mich mit durchgefüttert. Du fragst, und keiner sagt Nein. Danke Kollegen. Aber ich teile ja auch mit anderen, wenn die es brauchen. So ist das bei der Tour. Aussortiert wird hier nach Leistung und nicht mit anderen Mätzchen.
Ich bin heute sehr zufrieden mit meiner Leistung. Mit meinem jungen Kollegen Iglinsky halte ich vorne das Fähnlein von Domina Vacanze hoch. Sehr kontrolliert bin ich immer meinen eigenen Rhythmus knapp unter der anaeroben Schwelle die Berge rauf gefahren. Das ist bei mir Puls 172 bis 174. Drüber fährst du dir die Muskeln sauer, dass es dir die Schuhe auszieht. Das spürst du noch Tage später. Wenn man heute gesehen hat, wie Jens Voigt selbst nach dem Ruhetag leiden musste, kann man sich das sicher auch als Zuschauer vorstellen. Gerade ein Jens Voigt, der sonst immer aussieht, als radelt er zum Einkaufen... Ich hätte ihm gegönnt, das Gelbe Trikot noch ein paar Tage zu tragen.
Ich wollte heute ja nicht powern. Geärgert hat es mich schon, dass ich mit Laurent Brochard nicht in die Ausreißergruppe gegangen bin. Ich war erst dran, habe abreißen lassen. Und dann ging dort die Post ab, ohne dass ich dabei war. Trotzdem wieder richtig gemacht. Auch diese Gruppe ist nicht durchgekommen. Brochard hat garantiert mehr Körner verbrannt als ich. Und im Ziel waren wieder zusammen. Mein 40. Platz heute und der Sprung auf den 47. Gesamtrang sind ohne Belang. Ich hoffe, dass meine Beine gut bleiben. Morgen die nächsten Alpenpässe wieder mit gebremster Leistung absolvieren, vielleicht geht dann Donnerstag was in einer Ausreißergruppe.
Ich habe heute bestimmt 6000 Kalorien verbrannt. Da musst du echt reinhauen, um das wieder auszugleichen. In der ersten Stunde nach dem Zieleinlauf ist der Körper gierig und nimmt die Nährstoffe besonders gut auf. Da gibt es schon mal einen Proteinshake vorab. Anschließend füllt Haferschleim die Speicher. Und zum Abendessen bekomme ich Nudeln, Reis und gegrillte Hühnchenbrust als mein Leibgericht. Und obwohl wir hier echte Mengen verdrücken und eh schon kein Gramm zuviel auf den Rippen haben, nehme ich noch ab. Auch nicht schlimm. Muss ich halt weniger Gewicht den nächsten Berg raufschleppen.
Bis morgen
Euer
Jörg Ludewig
Ruhetag
Vom Dopingkontrolleur geweckt
Bonjour,
endlich Ruhetag, lange ausschlafen! Von wegen. Um 7.30 Uhr wurden wir freundlich, aber bestimmt aus dem Schlaf geweckt: Dopingkontrolle. Mich als notorischen Frühaufsteher hat es weniger gestört. Schließlich klingelt jeden Morgen um 8 Uhr das Handy fürs tägliche Tour-Statement im Lokalradio. Aber meine Kollegen waren schon ziemlich angefressen, dass sie um diese Zeit zur Blutprobe gebeten wurden. Alle Teams in unserem Hotel wurden gecheckt. Ich habe bei dieser Tour bis jetzt drei Kontrollen hinter mir: Beim Gesundheitscheck vor dem Start, dann zufällig ausgelost nach einer Etappe und heute. Und das war bestimmt noch nicht alles. Da sieht man, wie dicht das Kontrollraster ist. Wer hier unerlaubte Mittel einsetzt, fährt echt Harakiri und hat es gar nicht anders verdient als erwischt zu werden.
Ansonsten war meine Nacht prima. Es ist nämlich nicht so einfach, sich an einen neuen Zimmerkollegen zu gewöhnen. Rafael Nuritdinov schnacht, na ja, dafür muss er halt mein morgendliches Telefoninterview ertragen. Das gleicht sich aus. Aber heute Nacht hatte ich das Zimmer für mich allein, weil Rafael krank ist, und ohne Schnarchen schläfts sich eindeutig besser.
Nach dem ausgiebigen Frühstück ging es dann aufs Rad. Die Ostblockfahrer aus unserem Team haben ihre eigene Gruppe aufgemacht und sich mit Landsleuten getroffen, um Heimatnews auszutauschen. Da hab ich mir ein paar andere Kumpels gesucht: Tom Boonen, Partik Sinkewitz und Kevin Hulsmans. Zwei Stunden haben wir trainiert. Eine Stunde habe ich hinterm Auto Tempo gebolzt immer 50 bis 60 km/h auf dem Tacho. Der auf Tour geprägte Körper braucht das. Besser es zwickt ein wenig in den Beinen als aus dem Tritt zu kommen.
Leider muss ich mir bei diesen Trainingseinheiten die angenehmen Seiten verkneifen. Gern würde ich mal mehr von Land und Leuten mitbekommen. Denn unser normaler Tour-Rhythmus heißt immer Hotel-Bus-Start-Etappe-Ziel-Bus-Hotel. Wir sind bislang mit Durchschnittstempo 46 durch die Lande geballert. Da hast du teilweise gar keinen Plan, wo du lang gekommen bist, wenn du abends nicht auf die Karte siehst. Im Training hätten wir zwar Zeit. Aber ich bin da vorsichtig. Nass geschwitzt vom Training ins Café setzen besser nicht, sonst bist du ganz schnell erkältet. Und davor habe ich echt Bammel.
Nach dem Training konnten wir mal wieder in Ruhe Mittagessen. Ansonsten kaust du während der Etappe auf dem Rad Brötchen oder Energieriegel. Die großen Teams auf der Tour haben ihre eigenen Köche. Wir sind auf die Hotels angewiesen. Das Essen ist wichtig, aber nicht alles: Es fahren auch Leute auf den ersten fünf Plätzen, die mit Einheitskost leben müssen. Die Leute geben sich echt Mühe, und hier im Süden sind die Hotels und das Ambiente auch deutlich besser. Aber wenn die Franzosen Nudeln kochen, dann haut das selten hin. Und dazu gibts Champignonsoße, die dir noch zwei Tage später schwer im Magen liegt. Da lobe ich mir die Tourköche. Wenn wir mit einem zweiten italienischen Team in einem Hotel untergebracht sind, stellt sich ein italienischer Koch des Veranstalters in die Küche. Dann sind die Pasta perfekt al dente und die Soße ist ein Genuss. Ich vertrage Reis aber besser als Nudeln und bekomme diesen Sonderwunsch eigentlich immer erfüllt. Ansonsten ist für mich mein Frühstück der Schlüssel für einen guten Tag: Haferflocken oder Müsli in lauwarmem Wasser eingeweicht und mit einem Löffel Honig gesüßt und davon eine Riesenportion. Schmeckt nicht wirklich köstlich, aber es hat ne Menge Power mit Langzeitwirkung, und ich vertrage es am besten.
Das schönste am heutigen Ruhetag war dann die Massage. Wir werden nach jeder Etappe durchgeknetet, aber da ist natürlich nicht so viel Zeit. Heute waren es 75 Minuten, die der Masseur in meine Muskeln investierte. Herrlich! Und dann bin ich Jens Voigt sehr dankbar. Denn alle Medien reißen sich um den Mann im Gelben Trikot, das heißt: Heute für mich keine Interviews und ein bisschen mehr abschalten. Und morgen werde ich es wieder genießen, bei den Medien gefragt zu sein. Nett ist auch, dass ich wieder Besuch aus Ostwestfalen habe.
Aus unserem Ruhetag müssen wir dann voll durchstarten. Dienstag geht es in die Alpen. Da kann ich nichts reißen. Ich will nur einigermaßen gut aussehen und dabei Kräfte sparen. Für mich ist erst wieder die Etappe von Briançon nach Digne-les-Bains am Donnerstag interessant: Mit 187 Kilometern lang genug und mit dem welligen Profil auch anspruchsvoll, dass da eine Ausreißergruppe erfolgreich gehen kann. Für die Sprinter ist die Etappe nichts, und wenn die Ausreißer für die Platzierten keine Gefahr darstellen, werden sich die Spitzenteams kein Bein ausreißen. Mal sehen, ob ich dann gut drauf bin.
Bis morgen
Euer
Jörg Ludewig
9.Etappe
"Ein Wechselbad"
Bonjour,
heute wars ziemlich stressig für mich. Erst Beine wie Blei, dann gut über die Berge gekämpft und mit dem Hauptfeld im Ziel. Nach dem Rennen gings im Eiltempo weiter: Im Ziel, ab unter die Dusche, noch schnell die üblichen Presseinterviews und Gespräche, dann rein in den Bus zum Flughafen und rüber nach Grenoble, wo Dienstag die erste Alpenetappe startet. Nach dieser ersten Tourwoche kommt der Ruhetag genau richtig. Wobei Ruhetag auch das falsche Wort ist. Absolute Ruhe können wir uns nicht gönnen. Wenn du dich einfach aufs Sofa haust, geht anschließend gar nichts mehr. Der Körper ist während der Tour so auf Leistung konditioniert, dass du keinen Tag aussetzen darfst. Also werden wir aktive Erholung betreiben: Mit dem Team rauf aufs Rad und mindestens zwei Stunden mit ordentlichem Tempo unterwegs sein.
Mein heutiges Rennen war ein echtes Wechselbad: Ich wäre gern ein Kandidat für einen Ausreißversuch gewesen. Ich wollte wieder als erster attackieren. Lief aber nicht. Stattdessen war ich der erste, der vom Feld abgehängt war. Als der heute entfesselt losstürmende Mickael Rasmussen und Jens Voigt zum ersten Mal antraten und das Feld beschleunigte, hatte ich keine Kraft zu folgen. Warum? Ich weiß es nicht. Ich bin halt kein Typ wie Jens Voigt. Der bringt einen Druck aufs Pedal, damit fährt er in einer anderen Liga. Ein Jörg Ludewig muss halt von Tag zu Tag zusehen, was die Beine hergeben.
Nach dem ersten Schreck habe ich mich aber rangekämpft. Das war ganz wichtig für mich und meine Moral. Wir hatten heute ja die erste Etappe, die man ernsthaft als Bergetappe bezeichnen konnte. Wenn du da erst einmal abgehängt bist und im Gruppetto landest, geht gar nichts mehr nach vorne. So habe ich es geschafft, mich und meinen jungen Teamkollegen Iglinsky wieder ans Hauptfeld ums Geld Trikot heranzufahren. Das war voller Anschlag, hat sich aber gelohnt. Ein bisschen Glück war dabei. Denn zu uns gesellte sich Stuart O'Grady, der von seinen Cofidis-Leuten unterstützt wurde. Da alle anderen Top-Sprinter weit abgehängt waren, witterte er seine Chance. Und die hat er als Vierter des Hauptfeld-Sprints ja auch genutzt. Wie das Feld zum Finale noch mal angezogen hat und die Sprinter Tempo machten, war schon gewaltig. Aus diesem Getümmel habe ich mich rausgehalten. Hauptsache heil im Ziel, und als 25. gar nicht so schlecht. Letztlich bin ich mit mir sehr, sehr zufrieden. Ich habe Alles gegeben.
Für unser Team lief es insgesamt nicht rund. Iglinsky und ich vorne, der Rest ganz hinten. Unser Sprinter Angelo Furlan hat heute schlimm gelitten. Er hat eigentlich ganz gute Beine, kam aber an den Bergen gar nicht in Tritt. Da hat das Team ihn eskortiert. Das war für seine Moral wichtig. Morgen werden wir Angelo wieder aufbauen und Motivation geben. Wir brauchen ihn als heißes Eisen im Feuer der Sprinter. An dieser Stelle muss ich meine Kritik am Kollegen Galvez revidieren. Der war ja gemeinsam mit Angelo Furlan gestürzt. Und direkt nach dem Rennen hatte es für uns so ausgesehen, als habe Galvez den Sturz verursacht. Doch auch er war nur angefahren worden und Opfer des Sprintgetümmels sorry Kollege.
Zum Schluss noch ein fettes Kompliment Richtung Jens Voigt. Ich habs ja schon gestern gesagt: Jens ist zu stark für diese Welt. Und heute hat er es bewiesen. Wie Jens ins Gelbe Trikot gefahren ist, war bewundernswert. Mich hat nur gewundert, wie Lance Armstrong Jens hat fahren lassen. Discovery Channel hat das Tempo im Feld kontrolliert. Und es war sicher kein Zufall, dass die Lücke nicht zugefahren wurde. Auch ein Spitzenteam muss eben seine Kräfte bis Paris einteilen. Da verzichtet Armstrong unterwegs lieber mal aufs Gelbe Trikot als sich von den Attacken der Konkurrenzteams aufreiben zu lassen. Letztlich wars aber auch für mich ganz gut, dass das Rennen so gelaufen ist. Ich weiß nämlich nicht, ob ich heute eine weitere Tempoverschärfung des Hauptfelds ausgehalten hätte.
Bis morgen
Euer
Jörg Ludewig
8.Etappe
"Leider nicht geklappt"
Bonjour,
heute vor dem Start habe ich mit Jan Ullrich länger zusammen gestanden und gequatscht. Er macht auf mich einen absolut lockeren Eindruck. Ich glaub, das erste Zeitfahren hat er wirklich abgehakt, um jetzt auf die richtigen Gelegenheiten zum Angriff zu setzen. Körperlich sieht er fit aus wie nie. Also ich bin überzeugt, dass für Ulle bei dieser Tour noch was geht. Wie die T-Mobiles mit Klöden, Vinu und Ulle am Col de la Schlucht heute ihre Stärke demonstriert haben, war schon klasse. Armstrong war in der entscheidenden Phase von seiner Mannschaft isoliert. Nach dem sehr guten Mannschaftszeitfahren hat T-Mobile zumindest einen weiteren moralischen Punktsieg gelandet.
Ich selbst habe es heute probiert. Es hat leider nicht geklappt. Schade, dass Jens Voigt immer sooooo viel Power und Moral hat. Nachdem er mich eingefangen hatte, wusste ich: Das wars. Natürlich bin ich enttäuscht, aber Stimmung und Power sind in Ordnung. Ich werde es wieder probieren in der Hoffnung, dann mehr Glück zu haben. Im Feld wurde auf den letzten 50 Kilometer wirklich Vollgas gegeben. Das konnte ich ganz gut mitgehen, selbst in den Col de la Schlucht hinein. Gemessen an den Alpen und Pyrenäen sind 16 Kilometer mit fünf Prozent Steigung nicht so wild. Aber hier gings heute munter im ganz schön großen Gang hoch. Mittlerweile kann ich lange auf diesem Level mithalten. Erst als dann jedoch vorne mit den verschiedenen Angriffen das Tempo immer wieder angezogen wurde, musste ich abreißen lassen. Solche Rhythmuswechsel liegen mir nicht. Ich habe noch meinen Teamkollegen Iglinsky einmal an die Spitze rangefahren, kam dann aber nicht mehr mit. In der dritten Gruppe habe ich schließlich nur knapp drei Minuten eingebüßt. Wenn ich sehe, dass mit Savoldelli und Rubiera auch Armstrongs Edelhelfer für die Berge in meiner Gruppe waren, dann gibt mir das schon zu denken.
Ich werde manchmal gefragt, ob ich einem Etappensieger seinen Erfolg gönne. Tja, am liebsten möchtest Du natürlich selbst da oben stehen. Und wenn das nicht klappt, dann gibt es Kollegen im Feld, denen man mit Freude gratuliert. So einer wäre heute Andreas Klöden gewesen. Den haben so viele Kritiker schon abgeschrieben, dass ein Sieg die richtige Antwort gewesen wäre. Es ist schon irre mit der modernen Technik. Da entscheiden nach 231,5 Kilometern ein paar Millimeter. Aber so ist das eben. Und ich hege ebenso viel Sympathie für Pieter Weening, auch wenn ich ihn kaum kenne. Wenn ein Neoprofi eine Touretappe gewinnt, muss man applaudieren. Mit diesem Tag verändert sich sein Leben.
Für unser Team war es kein guter Tag: Wir haben leider unseren Kapitän Serhiy Honchar verloren. Er hat aufgrund einer Magen- und Darmgrippe über Nacht 2,5 Kilo Gewicht eingebüßt. Mit einem solchen Substanzverlust musst du gar nicht mehr versuchen, aufs Rad zu steigen. Er reist heute ab. Das schwächt unser Team natürlich. Wir müssen das Beste daraus machen, dass wir jetzt andere taktische Freiheiten haben.
Zum Schluss noch ein Riesen-Dank an alle Radsportfans in Deutschland. Was gestern und heute an der Strecke los war, war absolut gigantisch. Das wird allenfalls noch vom Tourfinale in Paris getopt.
Bis morgen
Euer
Jörg Ludewig
7.Etappe
Freunde mussten warten
Bonjour,
Ausreißen oder nicht? Das ist jeden Tag die Frage. Ich hatte sie mir heute morgen gestellt und bin dann mal im Fahrerlager rumgegangen, um mit Kollegen zu sprechen. Die Leute aus den Sprinterteams haben nur gegrinst. Da war für mich klar. Eine Fluchtgruppe würde heute keine Chance haben. Deshalb zolle ich Fabian Wegmann Respekt. 160 Kilometer allein vor dem Feld, das ist auf dem Weg nach Deutschland ein klasse PR-Auftritt. Du musst bei solchen Aktionen nur aufpassen, nicht hat zu viele Körner zu verbrennen, die dir im weiteren Verlauf der Tour dann bitter fehlen. Aber es ist natürlich ein Traum für Fabian, heute hier als Träger des Bergtrikots auf dem Podium zu stehen. Da hat sich Aktion schon gelohnt.
Sprinter leben gefährlich, das hat sich heute vor dem Ziel wieder gezeigt. Wie der Galvez reinhält, ist schon extrem. Klar, als 180. im Gesamtklassement hat er nichts zu verlieren. Leider hat er heute meinen Teamkollegen Angelo Furlan böse vom Rad geholt. Der lag sehr aussichtsreich in Position. Der Sturz hat nicht nur alle Chancen zunichte gemacht. Angelo sieht auch ziemlich übel zugerichtet aus, Schürfwunden auf der ganzen rechten Körperseite. Allein schon wenn du das nur siehst, leidest du schon richtig mit.
Mein tägliches Gesundheitsbulletin schreibt sich heute leichter: Das Knie macht einen deutlich besseren Eindruck. Die Schmerzen sind zurückgegangen. Fluch der guten Tat des Doktors: Das Mittel gegen die Knieschmerzen reizt meine Magenschleimhaut. Heute konnte ich drei Viertel des Rennens nichts essen, weil es ohnehin sofort retour gekommen wäre. Aber ich weiß, dass mein Magen sich auch schnell wieder beruhigt.
Nach Deutschland zu fahren, war ein tolles Gefühl. Die Menschenmassen an der Strecke belegen, wie beliebt der Radsport bei uns ist. Ich finde das grandios. Heute konnte ich es nach dem Ziel gar nicht erwarten, zum Mannschaftsbus zu kommen, um meine Freundin Melanie in der Arm zu nehmen und die vielen Freunde zu begrüßen, die mich hier besuchen. Doch wie das an solchen Tagen ist: Erst kam noch der Tourdoktor und bat mich zur Dopingprobe.
Da mussten die Freunde noch warten. Anschließend war das Wiedersehen umso herzlicher.
Was ich von meiner Familie, Freunden, Fans, Sponsoren und Journalisten an positiven Feedback bekomme, ist echt stark. Dabei hab ich bei dieser Tour bislang doch wirklich noch nichts gerissen. Es baut aber auf, so viel Zuspruch zu bekommen. Da wird es langsam Zeit, mit Leistung was zurückzugeben. Von Pforzheim nach Gérardmer haben wir jedenfalls keine Sprinteretappe. Der Col de la Schlucht in den Vogesen 15 Kilometer vor dem Ziel ist schon ein richtiger Berg, an dem sich das Fahrerfeld sortieren wird. Mal sehen, wie ich mich morgen fühle, ob Moral, Knie, Magen und vor allem das Wetter mit Sonne mitspielt.
Bis morgen
Euer
Jörg Ludewig
6.Etappe
Ein schlimmer Tag
Hallo,
der Tag war ein echter Hammer in negativer Hinsicht. Bei dieser Tour der bislang schlimmste Tag für mich. Lieber bei 30 Grad im Schatten drei Alpenpässe rauf, als hier bei Dauerregen mit nem 48-er Schnitt im nervösen Feld unterwegs. Alles ist ätzend, gefährlich, es ist kalt und du musst aufpassen, dass du dir keine Erkältung einfängst. Bei so hoher Luftfeuchtigkeit kriege ich total schlecht Luft. Da verstärkt sich jede Anstrengung. Und bei nasser Straße habe ich richtig Angst, denn es ist echt kritisch mit der Sturzgefahr. Mein Knie wurde zwar behandelt, aber die Schmerzen haben sich weiter verstärkt. Dann sollst du unter diesen Bedingungen wieder 199 Kilometer am Anschlag fahren... Machen wir es eben, denn es ist schließlich die Tour.

Jörg am Start der 6.Etappe
Foto: Roth
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Wir haben jetzt 810 Kilometer zurückgelegt mit nem Schnitt von 48,4 km/h. Und ich merke langsam, dass die Tour doch mehr Körner kostet als andere Rennen. Heute habe ich wieder mit der Zielankunft im Hauptfeld keine Zeit eingebüßt. Viele andere verloren aufgrund der Stürze Zeit, dadurch habe ich im Gesamtklassement einen Sprung auf den 73. Platz gemacht. Aber freuen kann ich mich darüber nicht.
Unser Team hat mächtig Glück gehabt. 7000 Meter vor dem Ziel lag unser Sprinter Angelo Furlan zurück in der zweiten Gruppe. Wir haben uns als Mannschaft formiert und ihn nach vorne gefahren. Dann ein paar hundert Meter vor dem Ziel der Massensturz. Viele waren am Boden, aber Furlan ist durchgekommen und im Ziel sogar 4. geworden.
Meine Arbeit habe ich trotz aller Belastungen erledigt. Schön, dass ein Mann wie Serhiy Honchar das anerkennt. Er ist ja unser Fahrer fürs Gesamtklassement. Heute war er am Fuß des letzten Berges gestürzt. Da gings schon richtig ekelig hoch. Ich habe dann gewartet und Honchar wieder ans Feld rangeführt. Es tut gut, wenn dir nach einem solchen Kraftakt der Teamkollege dankbar auf die Schulter klopft.
Morgen geht es nach Deutschland, Etappenziel Karlsruhe. Eigentlich wär das für einen Fahrer wie mich eine tolle Sache. Ich weiß, dass die deutschen Radsportfans die Tour lieben und echt begeistert sind. Da könnte ich in meinem Heimatland mal zeigen was ich draufhabe. Aber ich lass es: Der Wetterbericht kündigt wieder Regen an. Da die Strecke flach ist, erwarte ich einen nervösen Rennverlauf. Also wird das erneut eine ekelige Etappe. Ich glaub, ich halte mich aus allem raus und versuche nur, gesund durchzukommen... Mein Terrain kommt erst noch. Ich freu mich auf Samstag, falls dann das Wetter besser wird. Von Pforzheim nach Gérardmer geht es über die ersten richtigen Hügel, da macht das Fahren mehr Spaß.
Bis morgen
Euer
Jörg Ludewig
5.Etappe
Dem Himmel sei Dank!
Bonjour,
Eine wahre Schrecksekunde habe ich heute erlebt. Fragt mich nicht, wie ich das angestellt habe: Alle um mich herum sind auf den Asphalt geknallt. Nur ich bin durchgekommen. Der Massensturz im Feld, bei dem es auch Ivan Basso erwischte, passierte bei rund 60 km/h. Einer stürzt und die vielen anderen dahinter haben keine Chance. Nur ich. Ich hab mich auch schon am Boden gesehen, Augen zu, Vollbremsung. Und dann war ich noch im Sattel. Ich würde hier jetzt gern von meiner perfekten Radbeherrschung schwärmen, will aber ehrlich sein: Wie ich das angestellt habe, weiß ich nicht. Ich habe kurz raufgeblickt zum Himmel und mich bei dem da ganz oben bedankt. Das war ganz knapp und das war reines Glück.
Mit unserer heutigen Mannschaftsleistung sind wir sehr zufrieden. Wir haben unseren Sprinter Angelo Furlan gut in Position gebracht. Und er hat es uns mit den 5. Platz gedankt. Das gibt unserem Team Moral.
Ich selbst habe anfangs ein paar Attacken mitgefahren. Das ist schon ein tolles Gefühl, wenn du vor dem Feld der Tour de France in einer Spitzengruppe fährst. Du hast ne ganz andere Motivation, als wenn du als 160. im Hinterfeld rollst. Auch hinten musst du dich anstrengen. Aber wenn du nach vorne blickst und siehst, dass die Spitze 500 Meter weit weg ist, glaubst du nicht wirklich dran, die alle überholen zu können. Ganz vorne ist es ein irres Gefühl auch wenn ich das heute erst drei oder vier Mal nur kurz genießen konnte. Letztlich habe ich aber die Chancen abgewogen. Ich fand es sinnvoller, nicht unnötig Körner zu verbrennen. Und richtig: Punktgenau vor dem Ziel hat das Feld die Ausreißer wieder eingefangen. Also habe ich dann doch alles richtig gemacht. Vielleicht gibt es morgen eine bessere Chance. Dazu muss aber mein Knie halten. Das Zwicken war ja schon weg. Möglicherweise hat die ungewohnte Sitzposition und damit andere Belastung auf dem Zeitfahrrad dazu geführt, dass mein Knie jetzt wieder rebelliert. Ich hoffe, eine Eispackung schafft Abhilfe und vertreibt die Schmerzen. Drückt mir die Daumen.
Bis morgen
Euer
Jörg Ludewig
4.Etappe
Im Ziel ziemlich enttäuscht
Hallo,
gut, dass meine Tagebuchleser mich und meine schlechte Laune heute nicht persönlich ertragen müssen. Ich bin ziemlich enttäuscht und auch genervt. Denn das heutige Zeitfahren ist völlig anders verlaufen, als wir Domina-Vacanze-Fahrer uns das vorgenommen hatten. Ich glaube wir sind 13. geworden und haben uns 2:10 Rückstand eingefangen. Dabei waren wir so gut unterwegs. Vor allem Honchar als Zeitfahrspezialist war klasse. Wenn der an die Spitze der Gruppe fährt, hat er nach ein paar Kurbelumdrehungen das Tempo gleich auf 60 hochgeschraubt und das hält er dann nen ganzen Kilometer. Ich glaube, wir waren im Bereich der Plätze 6 oder 7 unterwegs. Und dann kam von der Teamleitung die Ansage, auf zwei abgehängte Fahrer zu warten. Du nimmst das Tempo raus, verlierst 20 oder 30 Sekunden, brauchst dann wieder Zeit um in den Tritt zu kommen, das Tempo hoch zu fahren und erneut den Rhythmus zu finden.
Ich kapier das nicht. Wir waren schon an einem der kleinen Berge, bis zum Ziel wars nicht mehr weit. Und wir waren noch zu sechst, also genug Leute, dass ein Defekt unsere Wertung im Ziel nicht gefährdet hätte. Da arbeitest du das ganze Jahr auf die Tour hin, das Mannschaftszeitfahren ist ein absolutes Highlight. Da will jeder zeigen, was er kann. Die Mechaniker haben die Räder perfekt vorbereitet. Über Nacht sind noch neue Carbonlaufräder aus Italien angeliefert worden, die Reifen sind mit Helium aufgepumpt. Du bist die ganze Strecke nur am Anschlag, 67,5 Kilometer mit drei kleinen Wellen wie Peter aufm Berge das als Vergleich für die Ostwestfalen. Über eine Stunde nur am Anschlag, 180 Puls im Durchschnitt. Und dann sollst du unterwegs warten. Wir haben zwar einen 55-er Schnitt erreicht, aber damit bis du bei der Tour schon ziemlich abgehängt
Wenden wir uns Erfreulicherem zu. Hier bei der Tour treffe ich viele Freunde. Heute war es Lars Teutenberg, mit dem ich in meinem ersten Profijahr zusammen gefahren bin. Der ist heute für den Reifenhersteller Schwalbe unterwegs. Ein netter Kollege. Und es tut gut, hier auch mal wieder ein paar zusammenhängende Sätze Deutsche sprechen zu können. In unserem Team sprechen wir nur Italienisch. Wir haben halt sehr viele Italiener in der Mannschaft und dann die Kameraden aus dem Osten. Mein Zimmerkollege Nuritdinov stammt aus Usbekistan. Er spricht kein Deutsch und ich kein Usbekisch. Das ist eine Umstellung im Vergleich zu den ersten beiden Tour-Jahren, als ich bei Saeco mit Gerrit Glomser einen deutschsprachigen Zimmerkollegen hatte. Wenn wir mit den Gerolsteinern in einem Hotel sind, nutze ich gerne die Gelegenheit, mit Wrolich, den ich aus gemeinsamen Teamtagen kenne, und Wegmann mal zu quatschen. Aber auch mein Italienisch ist inzwischen so gut, dass ich auch bei uns im Team keinerlei Verständigungsprobleme habe. Mit Nuritdinov werde ich nach der Tour noch unterwegs sein, denn mit ihm zusammen bin ich für die Rennen in Deutschland eingeteilt.
Die heutigen Ergebnisse der Topteams waren für mich keine Überraschung nur T-Mobile, die richtig gut unterwegs waren und den Anschluss gehalten haben. Ich glaube nicht, dass Armstrong schon jetzt sein gelbes Trikot auf Biegen und Brechen halten will. Da ist morgen vielleicht eine Etappe, auf der eine Ausreißgruppe Chancen hat. Mal sehen, ob ich es nicht mal probiere. Wenn mindestens vier oder mehr Fahrer zusammen fahren, brauchst du auch vorne nicht viel mehr PS als hinten im Feld. Ich fühle mich jedenfalls körperlich sehr gut. Und heute werde ich zeitig ins Bett gehen, bloß nicht mehr über den Tag grübeln. Acht bis neun Stunden Schlaf sind das Minimum hier. Jede Stunde Schlaf ist wertvoll, damit der Körper regenerieren kann, und bringt dich wieder nach vorn. Ausgeschlafen kann ich dann auch wieder Moral sammeln, mich nach einem solchen wenig zufrieden stellenden Tag wie heute neu zu motivieren.
Bis morgen
Euer
Jörg Ludewig
3.Etappe
"Angenehmer Tag"
Bonjour,
heute sitze ich noch auf dem Rad, während ich mit meinen Freunden von der medienfabrik Gütersloh, die mich bei der Umsetzung meines Tourtagebuches toll unterstützen, telefoniere. Auf einer solchen Sprinteretappe musst du die letzten Kilometer voll reinhalten. Da sammelt sich die Milchsäure in den Muskeln. Also bleibe ich nach dem Ziel gerne auf dem Rad und fahre locker die zehn Kilometer bis ins Quartier. Bei Rückenwind ist das aktive Erholung für die Muskulatur und eine gute Vorbereitung auf die anschließende Massage. Aber ehrlich: Das machst du in der ersten Woche so, vielleicht noch am Anfang der zweiten. Danach hast du so viele Kilometer in den Beinen und bist nur noch froh, nach dem Zielstrich vom Rad zu kommen.
Das Rennen heute war trotz der Distanz von über 200 Kilometern sehr angenehm. Im Hauptfeld habe ich als 51. wieder keine Zeit verloren. Der 84. Platz im Gesamtklassement zu diesem Rennzeitpunkt ist eher unbedeutend. Es ist gut, dass Zabriskie von CSC in Gelb fährt. Da kann mein Freund Jens Voigt, der sonst ja immer für eine Attacke gut ist, nicht so angreifen. Entsprechend ruhiger ist die Situation im Feld. Der Wind war heute weniger schlimm als erwartet, weil die Strecke durch Tallagen, Häuser und Wälle gut geschützt war. Wieder mal klar: Die Ausreißer sind nicht durchgekommen. Das Feld beschleunigt zum Schluss enorm. Dafür sorgen schon die Kommandos der sportlichen Leiter. Wenn wir von hinten mit Tempo 60 heranrauschen, haben einzelne Ausreißer keine Chance. Unser Team konnte heute Furlan gut platzieren, leider musste er auf den letzten 75 Metern ein Ausweichmanöver fahren, und hat ein paar Plätze verloren.
Dass vorne mit Haken und Ösen gekämpft wird, zeigt die Strafe für Robbie McEwen. Sprinter müssen so Typen sein, die kein Pardon kennen. McEwen ist ein absoluter Können auf dem Rad. Ich hab ja schon gesehen, wie er ein paar 100 Meter im Wheelie-Stil nur auf dem Hinterrad fährt. Aber gestern hat der Australier mich mit seiner Radbeherrschung fast sprachlos gemacht. Stellt euch vor: Das Feld rauscht dahin, dann knallts plötzlich: Sturz. Rechts und links um McEwen herum klatschen die Leute auch auf der Straße, manche holen sich üble Verletzungen, da siehst du rohes Fleisch. Und was macht Robbie? Er springt mit dem Rad über die Gestürzten drüber oder kommt irgendwie anders am Crash vorbei. Absolut stark, wie der mit dem Rad umgeht. Der könnte glatt in ner Stuntgruppe mitmachen.
Unsere neue Teamausrüstung hat sich in den ersten Tagen schon bewährt. Die Klamotten sind spitze. Als Tourfahrer kommst du in den Genuss von Innovationen. Ihr wisst, ich bin Technikfreak und könnt euch vorstellen, wie viel Spaß ich daran habe. Heute hat Polar mich mit einer Special Edition seiner besten Pulsuhr überrascht. Carbon und Gelb, das sieht unheimlich stark aus. Jetzt warte ich nur noch auf meinen Transponder, damit das ZDF mich auch mit meinen Pulswerten einblenden kann.
Meine Beine waren heute um einiges besser als gestern. Ich selbst war ruhiger. Mein Teamdoktor und auch der Tourarzt haben sich mein Knie angesehen, nichts schlimmes. Da kann ich aufatmen. Das Zwicken ist weg, nur noch ein leichtes Druckgefühl ist geblieben. Das angenehme Fahren heute war eine perfekte Vorbereitung auf das Mannschaftszeitfahren. Uns hat keiner so richtig auf der Rechnung. Wir können unbeschwert auffahren und vielleicht ein kleines Ausrufezeichen setzen.
Bis morgen
Euer
Jörg Ludewig
2.Etappe
Hauptsache: Nix passiert
Bonjour,
Das ist typisch Tour de France: Hier gibts kein leichtes Rollen schon gar nicht in der ersten Woche. Am Fernsehschirm mag das ja eher harmlos aussehen, aber hier im Feld ist das ein ständiger Kampf. Der Wind bläst von der Seite, es ist unheimlich viel Hektik. Du rauschst mit über 50 durch die Landschaft und es wird um jeden Millimeter gerungen. Auch heute gab es etliche Stürze. Ich selbst musste drei Mal zu Boden. Hauptsache: nix passiert. Richtig weh tut es dann nur, anschließend das Loch zum Feld wieder zuzufahren. Aber es hätte auch noch schlimmer kommen können. Gut war, dass die Ausreißergruppe sich früh abgesetzt und CSC das Tempo im Feld gut kontrolliert hat. Da gab es keine weiteren Tempovorstöße, was immer noch mehr Nervosität ins Feld bringt. Klar war eigentlich, dass die Ausreißer nicht durchkommen würden, denn dies war eine der Sprinteretappen. Für unser Team haben Furlan und Iglinsky in der Spitzengruppe beim Zielsprint gut ausgesehen. Furlan scheint gute Beine zu haben. Vielleicht können wir in morgen ganz vorne reinfahren auf den letzten 1000 Metern. Petacci ist nicht dabei, da haben viele Sprinter Chancen.
Auch die Zuschauerbegeisterung war heute ganz toll. Unglaublich, was auf einer Flachetappe, wo das Feld in ein paar Sekunden vorbeizischt, für Menschenmassen stehen. An der Atlantikküste viele Urlauber, und in den Dörfern ist die ganze Bevölkerung auf den Beinen. Schließlich haben die Leute sonntags Zeit. Wir Radprofis leben von den Fan. Doch diese Begeisterung ist für uns Fahrer auch enorm gefährlich. Die Leute stehen so nah an der Strecke, schauen durch ihre Kameras und unterschätzen unsere Geschwindigkeit. Ausweichen ist nicht, denn du fährst schließlich im Pulk. Also gibt es nur eins: Lenker festhalten und hoffen, dass beim Bodycheck alles gut geht.
Mir der Ankunft im Hauptfeld habe ich heute keine Zeit eingebüßt und bin 85. geblieben. Das muss man sich mal vorstellen. Du fährt eine solche Etappe und bei einem Einzelzeitfahren wie am Samstag bei leichtem Gegenwind, der Tacho zeigt immer über 50 und damit wirst du dann nur 85. Das macht ganz deutlich: Wir sind bei der Tour de France im Feld der 189 besten Radprofis.
Ich fühle mich gut. Endlich kommt mein Wetter. Heute war es schon angenehm warm, aber es kann gerne noch ein paar Grad zulegen. Natürlich horchst du als Fahrer an diesen ersten Tagen auch genau in deinen Körper hinein. Mein Motor kommt ganz normal auf Touren. Nur das Knie zwickt ein bisschen. Aber das hats auch schon bei der Tour de Suisse getan, ohne dass es schlimmer geworden wäre. Also hoffe ich, dass es so bleibt.
Bis morgen
Euer
Jörg Ludewig
1.Etappe
Tourauftakt nach Maß
Hallo,
Wahnsinn, wie Lance Armstrong diese Tour beginnt. Heute Nachmittag vor dem Start gabs keinen Journalisten, der nicht die Frage gestellt hat: Armstrong oder Ullrich wer gewinnt die Tour. Und dann muss sich Ulle auf der Strecke überholen lassen. Sicher ein harter moralischer Schlag. Ich hoffe, Jan kann noch mal kontern. Aber die Tour ist ja noch lang.

Foto: Roth
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Für mich war es ein Tourauftakt nach Maß. Ich habe noch nie eine so schöne Teamvorstellung erlebt. Und heute war die Stimmung im Fahrerlager super. Ich hatte Zeit und hab meinen früheren Saeco-Teamkollegen, T-Mobile, Gerolsteiner und auch CSC einen Besuch abgestattet. Ihr wisst ja, ich bin eher ein geselliger Typ. Es ist schön zu spüren, dass ich in diesem ganzen Rennzirkus so viele gute Bekannte habe. Wir haben uns nett unterhalten. Vor allem mit Jens Voigt verstehe ich mich gut. Der ist wirklich ein klasse Kumpel!
Auf dem Rad lief es gut für einen Turbodiesel wie mich, der erst auf Touren kommen muss. Meine Zeitfahrmaschine ist ne Wucht. Die sieht schneller aus, als ich jemals fahren kann. Zum Glück war es trocken und ich hatte keine Probleme, nen Schnitt hoch in den 40-ern zu erreichen. Der 85. Platz mit nur 2:28 Minuten Rückstand ist o.k. Wenn ich sehe, dass ich im Bereich von Jaksche, Förster, Schreck und Steinhausen liege, bin ich sogar sehr zufrieden.
Die Stimmung im Team ist gut. Von uns erwartet niemand große Ergebnisse, also können wir unbeschwert auffahren. Überrascht hat mich Andriy GRIVKO, der sogar schneller als HONCHAR war und in der Wertung der jungen Fahrer ziemlich weit vorne ist. Vielleicht kann er mal ins weiße Trikot fahren.
Morgen erwartet uns eine böse Seitenwindetappe. Hoffentlich geht alles gut und es kommt nicht zu Stürzen. Wie mein Motor auf Touren ist, könnt ihr im ZDF sehen. Ich bin einer der vier Fahrer, dessen Werte im TV eingeblendet werden. Das geht mittlerweile äußerst komfortabel. Meine Polar-Pulsuhr trage ich sowieso, und zur Live-Datenübertragung reicht heute ein 65 Gramm leichter Transponder.
Vor dem Start
Rückenwind wäre nicht schlecht...
Bonjour liebe Radsportfreunde!
Heute melde ich aus dem Bus auf dem Weg zur Mannschaftspräsentation. Es sind diese Termine und Rituale, die uns Fahrer Stück für Stück auf den Start der Tour hinführen. Meinen Gesundheitscheck habe ich mit Bravour bestanden. Und gestern war für mich wieder Weihnachten im Sommer: Wir haben unser Tourequipment bekommen. Die Colnago-Räder mit Shimano-Komponenten haben neue Carbonlaufräder und Carbonlenkereinheiten. Neue Schuhe gabs auch und starke Trikots in unserem fröhlichen Domina-Vacanze-Design. Ganz dünnes Material für die heißen Tage, da kann man fast durchgucken. Ich hoffe ja drauf, dass wir richtiges Sommerwetter bekommen, da fühle ich mich am wohlsten.
Im Moment herrscht wettermäßig fast das Gegenteil. Regen und starker Wind. Gestern und heute haben wir mit der Mannschaft trainiert. Ganz lockere 120 Kilometer. Es läuft gut, obwohl wir nur noch mit einer Rumpftruppe hier antreten können, nachdem Belli mit Magenproblemen, Fertonani mit Pfeifferschem Drüsenfieber und Valotti wegen seines Beckenbruchs von der Tour de Suisse ausgefallen sind. Auch Serhiy Honchar, auf dem die größten Hoffnungen unseres Teams ruhen, ist nicht 100-prozentig fit und braucht noch Antibiotika. Selbst wenn meine Rolle im Team jetzt ein bisschen wichtiger wird mir wäre es lieber, wir könnten in Topbesetzung antreten, weil das für unser Team schon besser wäre.
Wenn das Wetter so mies bleibt, wird die Auftaktetappe morgen alles andere als leicht. Wir sind die Strecke heute abgefahren. Da blies der Wind mit 6 oder 7 Stärken von vorne, und im Rennen tritt jeder einzeln an, da gibts keinen Windschatten zum Verstecken. Selbst wenn du nur nen 40-er Schnitt fahren willst, ist das auf den 19 Kilometern schon am Anschlag. Powerst du dann zu sehr, spürst du die Folgen die ganze erste Woche in den Beinen. Für mich entscheidet sich die Tour nicht am ersten Tag. Ich weiß inzwischen, dass mein Körper wie ein Turbodiesel bei einer solchen Rundfahrt erst langsam auf Touren kommt. Morgen will ich nur einen guten Einstieg in die Tour, ohne Sturz durch kommen, mal testen wie gut die Beine sind und Moral tanken. Rückenwind wäre nicht schlecht, dann fallen die Differenzen zu den Spitzenfahrern nicht ganz so groß aus.
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