MENDRISIO, 14.10.05 (rsn) -
Italiener sind eigentlich immer die großen Favoriten
bei der Lombardei- Rundfahrt. Dies
ist bei der 99. Auflage, die
am Samstag auf dem Programm steht, auch nicht anders.
Der große Herbstklassiker,
der neben Mailand-San Remo, Flandern-Rundfahrt, Paris-Roubaix und
Lüttich-Bastogne -Lüttich zu den fünf "Monumenten"
des Radsports zählt, beschließt die Saison.
Auf dem 246km langen Kurs mit einem
anspruchsvollen Profil rund um den Comer See
stehen zwei Fahrer im Vordergrund,
die so gute Form haben, dass sich wünschten,
die Saison gehe noch ein paar Wochen länger.
"Ich kam noch nie mit solchem
Körpergewicht, 57 Kilo, zur Lombardei-Rundfahrt",
sagt Paolo Bettini, der eine der beiden Topfavoriten am Samstag.
Die kleine "Grille" war vor zwei
Wochen bei der Meisterschaft von Zürich
eine Klasse für sich.
Lombardei-Rundfahrt
Kurs:
Start in Mendrisio (Tessin/Schweiz) um 10:25 Uhr,
Zielankunft in Como um 16:30 Uhr.
246 km auf anspruchsvollem Kurs
(Anstiege von San Fedele d'Intelvi, Balisio, Madonna del Ghisallo, Civiglio).
Letzter Anstieg San Fermo della Battaglia 5,7km vor
dem Ziel.
25 Teams am Start
Gerolsteiner, T-Mobile, Quick Step,
Davitamon, CSC, Euskaltel, Baléares, Liberty, Saunier Duval, Discovery
Channel, Bouygues Telecom, Cofidis, Crédit Agricole, Française des Jeux,
Domina Vacanze, Fassa Bortolo, Lampre, Liquigas, Rabobank, Phonak (ProTour),
Acqua e Sapone, Panaria, Naturino, LPR, Tenax (eingeladen).
Die Anstiege der Lombardei waren für
den Olympiasieger im vergangenen Jahr
einen Tick zu schwer.
Doch diesmal scheint er die Form zu haben,
um mit den Besten den Zielort Como
zu erreichen.
Der andere Sieganwärter
heißt Gilberto Simoni. Der kletterstarke zweifache
Girosieger muss die Anstiege
wie den an der berühmten Kapelle von Madonna del Ghisallo
nutzen, um eine frühe Entscheidung herbeizuführen,
da der Trentiner im Sprint kaum Chancen hat.
Bei der Emilien-Rundfahrt
zeigte Simoni am vergangenen Samstag,
dass seine Form zum Saisonende hin
prächtig ist.
Simoni wird am Samstag noch einmal
an der Seite des kommenden italienischen
Superstars Damiano Cunego fahren.
Der hatte vor zwölf Monaten in
Como brilliert und seine sensationelle
Saison (Giro-Sieg mit 22 Jahren) mit
einem großartigen Klassikersieg
gekrönt. Dieses Jahr musste Cunego
seine Saison früh abhaken aufgrund einer
Viruserkrankung. Zu den Favoriten
zählt er in der Lombardei nicht.
Simoni hatte wegen der
gesundheitlichen Schwächung seines
jungen Teamrivalen dieses Jahr
noch einmal die Kapitänsrolle
allein - und das soll
nach seinem Willen auch so bleiben.
Ein Angebot von Lampre
lehnte der Routinier ab,
Cunegos Edelhelfer mag er nicht
sein. "Jeder Mann für sich", sagte
Simoni und unterschrieb
beim neuen Team von Giancarlo Ferretti.
Am Donnerstag musste
er nun allerdings erfahren, dass
es damit nichts wird.
Simoni muss sich nun ein anderes Team suchen.
Ein großer Sieg in der Lombardei
würde bei Vertragsverhandlungen sicherlich
nicht schaden.
Bettini und Simoni sind nicht
die einzigen, auf die die Tifosi
hoffen.
Gerolsteiner-Kapitän Davide Rebellin,
der mit Fabian Wegmann und Heinrich Haussler
zwei große deutsche Talente als
Helfer hat, gehört zu den Favoriten,
ebenso Leonardo Bertagnolli.
Mirko Celestino (1999),
zuletzt Dritter bei der Coppa Sabatini,
und Danilo Di Luca
(2001) haben bereits in der Lombardei
gewonnen. Der bereits als ProTour-Sieger
feststehende Di Luca
geht allerdings durch eine Sehnenentzündung im Knie
gehandicapt ins Rennen.
Grundsätzlich sind
Puncheurs wie Di Luca jedoch
prädestiniert für das lombardische Monument,
das letztes Jahr einen neuen Kurs bekam.
Ab dem legendären Ghisallo
folgt auf den letzten 56km eine Serie
von Anstiegen.
Letztes Jahr hatte der
diesmal fehlende Ivan Basso
die Entscheidung am letzten Anstieg knapp 6km vor Schluss gesucht,
wurde dann aber in der Abfahrt
noch vom stürmischen Cunego
eingeholt.
Die vielleicht größte Gefahr für die mächtige Radsport-Nation
Italien kommt derweil aus dem kleinen
Luxemburg. Franck Schleck,
Zweiter der Meisterschaft von Zürich,
wäre durchaus kein Überraschungssieger in Como.
Während der holländische Vorjahreszweite
Michael Boogerd seine Saison beendet
hat, zählen auch der bei der Straßen-WM beeindruckende Spanier
Alejandro Valverde und der Australier Cadel Evans
zu den Mitfavoriten.
Oder sollte es vielleicht sogar einen brasilianischen
Triumph geben? Nicht ausgeschlossen,
denn Naturino-Profi Murilo Fischer
gehörte mit drei Siegen (GP Prato,
GP Beghelli, Piemont-Rundfahrt) zu den erfolgreichsten Fahrern
in diesem Herbst.