BERLIN, 23.12.05 (rsn) -
Als ein junger Tom Boonen
bei Paris- Roubaix 2002 sensationell Dritter wurde
feierte man in Belgien bereits den "neuen Museeuw".
Viele zerbrechen an dem mit solchen Verschusslorbeeren
verbundenen Druck - Boonen hat es geschafft,
dass er schon drei Jahre später keine Vergleiche mehr braucht,
er selbst bereits eine Klasse für sich ist.
Der 25-Jährige holte im Frühjahr das seltene
Double mit Siegen in Roubaix und bei der Flandern-Rundfahrt,
im Sommer war er bei der Tour de France erfolgreich
und im September war es längst keine Sensation mehr, als er
in Madrid den Weltmeistertitel gewann.
Keine Frage: Tom Boonen war der Rennfahrer
des Jahres.
Der neue Weltmeister ist in seinem radsportverrückten Heimatland
nach dieser Saison ein Superstar, der die
Titel aller möglichen Magazine ziert, der
nicht nur in der Sportpresse seinen selbstverständlichen Platz
hat, sondern auch in den einschlägigen Teenie-Magazinen
für junge Mädchen. Seine stets lockere,
offene Art, sein entspannter Umgang mit
dem Ruhm kombiniert mit gutem Aussehen
machen aus ihm einen natürlichen "Star".
Er ist ein Original - kleine Schrullen
werden gerne vergeben, wenn einer solchen Erfolg
hat: Boonen ist manchmal ein bisschen schlampig.
Den Pokal für seinen Sieg bei
der Schlussetappe der Tour de France
2004 in Paris verlor er, kaum
dass er ihn gewonnen hatte. Das Regenbogentrikot
hatte er nach der WM in Madrid
letzten September auch schnell verschusselt.
Fans fanden das begehrteste Trikot im Radsport
und brachten es ihrem Idol zurück.

Boonen mit dem belgischen König Albert
Foto: Roth
|
Boonen hat in Belgien den Status eines Nationalhelden
erreicht. Der geriet
auch nicht in Gefahr,
als er am Jahresende der besseren Trainings- und Steuerbedingungen wegen
nach Montecarlo
umzog. Die flämische Boulevard-Presse berichtete
ausführlich darüber, dass Boonen seiner
Mutter Agnes und seinem
Vater André, der selbst Radprofi war in
den Achtzigern, ein Haus schenkte.
Seine Heimatverbundenheit
betonte der aus der Gegend von Antwerpen stammende
Boonen vor seinem Umzug: "Ich bleibe Kempenländer."
Sportlich groß geworden ist Boonen
derweil weiter südlich, im flämischen Kortrijk
an der Grenze zu Frankreich, nicht
weit von Roubaix. Unter der Ägide
von Dirk Demol, dem Roubaix-Sieger
von 1988, machte Boonen seine ersten Schritte
als Radprofi. Der junge Belgier
unterschrieb seinen ersten Profivertrag bei
US Postal, dem heimlichen belgischen Rennstall,
wo Demol neben Johan Bruyneel zweiter
Sportlicher Leiter ist.
Schon im April seiner ersten Profisaison
deutete Boonen an, was in ihm steckt:
Sein dritter Platz in Roubaix 2002
machte aus ihm quasi über Nacht einen
Star. Parik Lefevere, der
Manager des belgischen Quick Step-Teams,
hatte Boonen als Nachwuchsfahrer übersehen,
nun aber setzte er alles daran, den
jungen Boonen aus einem laufenden Vertrag mit
US Postal herauszukaufen.

Boonen und Johan Museeuw
Fotos: Roth
|
Ein Jahr später fuhr Boonen bei Quick Step:
Der "neue Museeuw" an der Seite des originalen.
Museeuw beendete seine lange Karriere
genau in dem Moment, in dem Boonen
zu einer vielleicht noch erfolgreicheren
ansetzt. Während das Karriereende des großen Museeuw
durch Dopingvorwürfe getrübt wurde,
ist der junge Boonen diesbezüglich
noch jungfräulich und ohne Fehl und Tadel:
"Ich bin stolz, dass ich der beste
der Saison war - ohne Pillen", sagte Boonen,
der in Belgien die höchste Auszeichnung
für einen Sportler bekam, bei
der auch moralische Qualitäten berücksichtigt werden.
Nach seiner Saison 2005 wird man künftig
andere mit Boonen vergleichen.
Der junge Antwerpener
könnte locker
die nächsten zehn Jahre in seinem Sport prägen.
Wie einst sein Landsmann Rik van Looy
gilt Boonen als "der schnellste der Starken,
der stärkste der Schnellen".
Attacke, Finisseur, Sprinter - Boonen ist
schwer auszurechnen.
Im kommenden Jahr wird es
für ihn allerdings erst einmal sehr schwer
sich zu steigern. Eigentlich fast unmöglich.
"Das hat man letztes Jahr auch gesagt",
meint Boonen dazu. "Ich wollte (2005)
auch Mailand-San Remo gewinnen und
habe es nicht geschafft. Ich
wollte das Grüne Trikot (der Tour de France)
und musste aufgeben. Wenn ich 2006 anfange,
wo ich letztes Jahr gescheitert bin?
San Remo und das Grüne Trikot. Das wäre nicht so schlecht..."
Und was kommt als nächstes?
Quick Step-Teampräsentation am 10.Januar in Kortrijk
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