Search
      Startseite | News | Ergebnisse | Fahrer | Teams | Kalender | Features | Archiv | Downloads | LIVE-Ticker

Letzte Meldungen:    

Copyright © 1996-2005 by Radsport-News.com.
Alle Rechte vorbehalten.

Druckversion    Artikel versenden    Feedback
Armstrong: "Skandal-Journalismus"
EPO-Spuren in Armstrongs Urinproben von 1999


Foto: Roth

PARIS, 23.08.05 (rsn) - Lance Armstrong, der nach seinem siebten Tour de France-Sieg im Juli seine Karriere beendet hat, ist von der Vergangenheit eingeholt worden. Die Pariser Sportzeitung L'Equipe fand heraus, dass in den Urinproben des Amerikaners von der Tour 1999 EPO gefunden wurde.

In sechs Urinproben, die während der Tour de France 1999 bei Armstrong genommen wurden, fanden Dopingforscher bei zu wissenschaftlichen Zwecken durchgeführten Tests fünf Jahre später EPO. Dr. Jacques de Ceaurriz, der Direktor des Labors, das diese Tests durchführte, bestätigte am Dienstag einen entsprechenden Bericht in der Dienstagsausgabe der Sportzeitung L'Equipe. An den Testergebnissen gäbe es keinen Zweifel, sagte Dr. de Ceaurriz.
"Das ist doch kein Scoop. 1999 haben alle EPO genommen."
Der französische Ex-Profi Philippe Gaumont
Das Alter der Urinprobe von fünf Jahren sei kein Problem. "Entweder ist das EPO ganz degradiert und nicht mehr nachweisbar oder die Proteine sind intakt", sagte der Mediziner.

"Wieder einmal berichtet eine europäische Zeitung, dass ich positiv war auf leistungssteigernde Medikamente. (...) Ich wiederhole einfach, was ich schon mehrfach erklärt habe: Ich habe nie leistungssteigernde Medikamente genommen", reagierte Lance Armstrong auf seiner Website (www.lancearmstrong.com). Der Amerikaner sprach von "Hexenjagd", L'Equipe betreibe "nichts anderes als Skandal-Journalismus". Die Pariser Sportzeitung überschrieb ihren Bericht am Dienstag mit der Schlagzeile: "Armstrongs Lüge".

Die Tests, mit denen EPO-Doping im Urin nachgewiesen werden kann, wurden erst bei den Olympischen Spielen 2000 in Sydney eingeführt. Mit Zugabe von künstlichem EPO kann eine große Leistungssteigerung um bis zu 30 Prozent erzielt werden durch eine Erhöhung der sauerstofftragenden roten Blutkörperchen. EPO war in den Neunzigern praktisch von allen im Profi-Peloton verwendet worden. Erst 1997 begann man mit den ominösen Hämatokritests den gefährlichen exzessiven EPO-Gebrauch zu begrenzen, doch damit war künstliches EPO noch nicht zweifelsfrei nachweisbar.

Bei der Weiterentwicklung und Verfeinerung des revolutionären Urin-EPO-Tests verwendeten die Wissenschaftler des nationalen französischen Dopinglabors von Châtenay-Malabry Urinproben aus den Jahren 1998 und 1999, als EPO noch immer weitverbreitet war. Die dabei durchgeführten Tests dienten zu rein wissenschaftlichen Zwecken, nicht zur Überführung von Dopingsündern. Doch wurden die Tests nicht anonym durchgeführt. Laut L'Equipe stammten sechs von zwölf Proben von Lance Armstrong.

"Das Labor hat zusätzliche Tests durchgeführt. Irgendjemand hat den Auftrag gegeben."
UCI-Präsident Hein Verbruggen
"Wir arbeiten mit anonymen Proben, auf denen nur Nummern stehen. Die Liste mit den Namen der getesteten Fahrern haben nur die Sportverbände", sagte dazu Dr. de Ceaurriz. "Ich kann aber bestätigen, dass wir letztes Jahr einige Proben aus der Tour de France 1999 getestet haben und in einigen EPO festgestellt haben. Wir haben gestern (Montag) unsere Resultate an die WADA weitergegeben, ohne zu wissen, dass einige Ergebnisse Lance Armstrong betrafen."

Lance Armstrong sieht sich seit Jahren Dopingvorwürfen und Gerüchten ausgesetzt. Positiv war er nur einmal 1999. Damals konnte er aber nachweisen, dass ihm das betreffende Produkt aus medizinischen Gründen verschrieben worden war und er es nehmen durfte. Der Amerikaner dementierte stets, gedopt zu haben. Bei seiner pathosgeladenen Abschiedsrede auf dem Podium im Paris vor vier Wochen sagte Armstrong: "Allen, die nicht an den Radsport glauben, allen Zynikern und Skeptikern sage ich: Schade, dass Ihr nicht an Wunder glaubt."

Die positiven EPO-Tests von 1999 bzw. 2004 stellen prinzipiell kein Dopingvergehen im eigentlichen Sinn dar, da es keine offiziellen Dopingtests waren. So ist etwa eine erforderliche Gegenanalyse ("B-Probe") nicht möglich. Es wäre zudem merkwürdig, würde man mit Methoden und Tests von heute jahrelang zurückliegende Leistungen von Fahrern nachträglich überprüfen. Kaum noch eine Siegerliste wäre da sicher. Dennoch könnten Untersuchungen der Welt-Antidopingagentur WADA folgen, schreibt L'Equipe. Die Zeitung weist daraufhin, dass die amerikanische Anti-Dopingagentur USADA im Falle des Steroid-Skandals um das Balco-Labor in San Francisco, in den mehrere große Baseball-Stars verwickelt sind und der sogar eine Kongress-Anhörung nach sich zog, auch ohne "offiziellen" positiven Dopingtests Sanktionen gegen Sportler verhängte.

Leblanc schließt Deklassierung nicht aus

Der Radsport-Weltverband UCI hat am Dienstag zunächst keine Stellungnahme zu den neuen Doping-Vorwürfen gegen den siebenmaligen Tour de France-Sieger Lance Armstrong abgegeben. "Zur Zeit gibt es noch keine offizielle Stellungnahme des Weltverbandes zu diesem Vorgang", sagte UCI-Sprecher Enrico Carpani der dpa, "deshalb kann ich auch nicht sagen, ob es überhaupt sportrechtliche Handhaben gegen Armstrong geben könnte." Hein Verbruggen, der Präsident des Internationalen Radsport- Verbandes UCI, forderte die vollständige Aufklärung. Erst dann könne man entscheiden, "ob es rechtliche Schritte geben sollte und ob dies ein weiterer Schlag für den Radsport" sei.

Tour de France-Direktor Jean-Marie Leblanc sagte im französischen Fernsehen, er sei "schockiert" von den Enthüllungen. Er sei von Armstrong "entäuscht". Leblanc schloss nachträgliche Sanktionen nicht aus. "Wenn es sportliche Sanktionen (durch die UCI) geben sollte, dann könnten die Organisatoren diesem Schritt folgen. Ich weiß noch nicht in welcher Form, durch eine Deklassierung, eine Sanktion", sagte Leblanc. 1999 war der Schweizer Alex Zülle Tourzweiter hinter Armstrong. Der in die Festina-Affäre von 1998 verwickelte Zülle war damals ironischerweise gerade von einer EPO-Dopingsperre zurückgekehrt.

Jan Ullrich, der bei der Tour de France 1999 wegen noch nicht auskurierter Sturzverletzungen auf einen Start verzichten musste, wollte sich nicht an den Spekulationen über seinen früheren Dauerrivalen Armstrong beteiligen. «Er ist der Größte seiner Zeit», sagte der T-Mobile-Kapitän nach Abschluss der Deutschland-Tour am Dienstag in Bonn, «vielleicht will man ihm jetzt wieder etwas anhängen.» Wenn es so wäre, «dann wäre ich natürlich enttäuscht», aber das Ganze sei sechs Jahre her und «sehr spekulativ». Über eine nachträgliche Untersuchung seiner Urinproben von der Tour de France 1997 wäre Ullrich wahrscheinlich auch nicht sehr glücklich.

In Frankreich, wo man auch zuletzt wieder eine "Tour de France der zwei Geschwindigkeiten" erkannt haben wollte, herrschte helle Aufregung, in die sich die übliche Heuchelei mischte. Richard Virenque, in dessen Karriere EPO auch eine gewisse Rolle gespielt hatte, sagte, es sei "bizarr", dass sieben Jahre später und just nach dem Karriereende Armstrongs diese Enthüllungen auftauchten. "Das ist ein Donnerschlag", meinte Cofidis-Manager und Armstrong-Kritiker Eric Boyer, der den Radsport-Weltverband UCI kritisierte. "Die Journalisten haben ihre Arbeit getan, doch finde ich es wirklich schade, dass der Internationale Radverband nicht nachträglich die Mittel einsetzt, die ihm zur Verfügung stehen." Der 69 Jahre alte frühere französische Rad-Champion Raymond Poulidor sprach von einer "betrüblichen Sache. Als einziges kann man dazu festhalten, dass er es wie die anderen gemacht hat".


Druckversion    Artikel versenden    Feedback



Startseite | News | Ergebnisse | Fahrer | Teams | Kalender | Features | Downloads | LIVE-Ticker

© 1996-2005 Radsport-News.com